Blog zum Migrationsdiskurs #8 vom 17.6.2026

Von der Diskurswerkstatt & Benno Nothardt

Die Diskurswerkstatt beobachtet seit langem kontinuierlich den deutschen Migrationsdiskurs. Dazu stellen Praktikant*innen jeweils alle aktuellen Kommentare aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Tageszeitung (taz) zusammen. Isolde Aigner wählt daraus drei bis fünf diskursanalytisch repräsentative und relevante Texte aus, die wir besprechen. Dabei achten wir besonders auf wichtige Aussagen (im Folgenden durch Kursivierung kenntlich gemacht), Verschiebungen im Sagbarkeitsfeld, ausgrenzende Effekte und Diskursstrategien, die diesen entgegenwirken.
Die Ergebnisse sind in etliche Studien des DISS eingeflossen. Seit August 2025 verschriftlichen wir zu jeder Sitzung ein bis zwei wichtige Beobachtungen in Form eines Blogs auf unserer Homepage. Wer noch mehr an unserer Arbeit teilhaben will, ist herzlich zur Diskurswerkstatt eingeladen. Auch ein Blick auf den AK Migration und dessen Texte lohnt sich.

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Blogeintrag #8 vom 17.6.2026: Migrationsdiskurs Mai bis 10. Juni 2026

Normalisierung der Flüchtlingszahlen und Denormalisierungen im Migrationsdiskurs

In dieser Diskurswerkstatt haben wir uns Kommentare angesehen, die eine allgemeine Einigkeit darüber zeigen, dass die repressive europäische Migrationspolitik insofern erfolgreich ist, als die Anzahl der Flüchtlinge rückläufig ist, die Europa oder Deutschland erreichen. Reinhard Müller lobt das in der FAZ vom 2.6.2026 ausdrücklich unter dem Titel „Es geht um Zusammenhalt und Kultur“. Timo Krügener verwendet in seinem Kommentar „Von Spanien lernen“ in der taz vom 29.5.2026 rückläufige „Zahlen gestellter Asylanträge in Deutschland“ als Argument gegen „Krisenrhetorik“ womit diese ebenfalls als Normalisierung erscheinen. Einigkeit herrscht auch darüber, dass diese als Normalisierung wahrgenommenen Situation mit neuen oder anderen Denormalisierungen verbunden ist. Von einer Beruhigung im Fluchtdiskurs kann also keine Rede sein. Was aber als Denormalisierung konstruiert wird, ist extrem unterschiedlich:
FAZ: Bedrohung der staatlichen Einheit als Denormalisierung

Müller sieht eine starke Bedrohung durch vermehrte Einbürgerungen und doppelte Staatsbürgerschaften, die er durch die Formulierung, es „geht ums Ganze“ als Gefahr existentieller Denormalisierung bewertet. Er beschreibt das Staatsangehörigkeitsmodernisierungsgesetz von 2024 als Bedrohung von „Freiheit und Sicherheit, Zusammenhalt und Kultur“. Das Gesetz sei eine „Verwässerung“ der deutschen Staatsangehörigkeit und vermag Deutschland mehr Neubürger „in die Arme treiben“. Diese Kollektivsymbole bedeuten eine Schwächung der Grenze zwischen ‚Außen‘ und ‚Innen‘ und ein Anlocken der ‚Anderen‘. In früheren Texten haben wird diese Aussage, dass liberale Migrationspolitik als Ursache von Migration wirke, schon häufig mit den Kollektivsymbolen ‚Sogwirkung‘ oder ‚Magnetwirkung‘ gefunden.

taz: Gefahr durch realitätsfernen Populismus als Denormalisierung
In der taz wird hingegen das Erstarken der extremen Rechten als Denormalisierung gesehen.
Christian Jakob kritisiert, dass die Migrationspolitik der CDU sich über Gesetze hinwegsetzt. Krügener kritisiert in seinem schon erwähnten Kommentar diese Politik als realitätsfremd, beispielsweise in Bezug auf „die Erzählung von sogenannten Pull-Faktoren“, womit er auch die Aussage, dass liberale Migrationspolitik als Ursache von Migration wirke, zurückweist. Außerdem schade die restriktive Migrationspolitik dem ökonomischen Interesse Deutschlands. Als nützlich bewertet er hingegen das spanische Dekret zur außerordentlichen Regulierung ausländischer Personen vom 15.4.2026 und das deutsche Chancenaufenthaltsrecht vom 31.12.2022 der Ampelregierung.

Beide taz-Kommentare beschreiben die restriktive Migrationspolitik der CDU als Annäherung an populistische Positionen. Jakob spricht von einer „populistische[n] Drift der Union“, die sich vom Regierungsstil der Trumps und Orbáns“ hat „anwehen lassen“ und Krügener fordert mutige Maßnahmen, anstatt „sich von populistischen Kräften wie der AfD treiben zu lassen“. Die Kollektivsymbole ‚Drift‘, ‚anwehen lassen‘ und ‚treiben lassen‘ wirken dabei überraschend zurückhaltend und lassen die Migrationspolitik der CDU als ungeplanten Effekt erscheinen und nicht als bewusste politische Entscheidung. Ähnliche Kollektivsymbole nutzte auch schon Reinhard Müller, der in der FAZ vom 27.3.2026 kritisierte, die CDU würde der AfD „hinterherlaufen“ (siehe Blogeintrag #6). Rassismus der Mitte als Ursache für die Politik der CDU wird damit tendenziell unsagbar und Rassismus ausschließlich der extremen Rechten zugewiesen. Gleichzeitig wird die extreme Rechte als populistisch verharmlost.

In Hinblick auf die Frage, wie eine mutige Politik des Nicht-Treibenlassens aussehen könnte, unterscheiden sich taz und FAZ gründlich: Jakob und Krügener fordern eine liberalere und rechtsstaatliche Migrationspolitik im Interesse des ökonomischen Nutzens und Müller eine restriktivere Politik. Hier zeichnet sich wieder einmal die Gefahr einer binären Reduktion ab auf die Aussagen Migration als ökonomischer Nutzen vs. repressive Fluchtabwehr ohne Einschränkungen (vgl. dazu Blogeintrag #1).

SZ: extreme Denormalisierung für Flüchtlinge

Die iranisch-deutsche Schriftstellerin Nava Ebrahimi beschreibt in dem Gastkommentar „Wegsehen“ am 16.5.2026 in der Süddeutschen Zeitung eine extreme Denormalisierung für Flüchtlinge. Zur EU-Grenzpolitik zitiert sie Augenzeug*innen aus Lesbos, die beschreiben, dass jede Nacht Menschen „zurückgeprügelt“ würden und die Küstenwache ein Schlauchboot gerammt habe, weshalb 15 Menschen gestorben seien. Außerdem zitiert sie den griechischen Migrationsminister Thanos Plevris, der 2011 sagte, Flüchtlingen müsse „die Hölle […] wie ein Paradies erscheinen im Vergleich zu dem, was sie hier erleben“.

Sie betont, dass die „Abschottungspolitik nicht mit dem Holocaust vergleichbar“ sei, aber „Niemals wieder“ an Glaubwürdigkeit verliere, wenn wir diese Zustände hinnähmen. Dadurch dramatisiert sie die Zustände maximal und verweist auf die Aussage, dass die Erinnerung an den Holocaust verlangt, gegen heutige Unmenschlichkeit zu kämpfen. Hoffnung setzte sie in private Hilfsinitiativen.

 

Literatur

Nothardt, Benno und Diskurswerkstatt (30.7.2025): Blog zum Migrationsdiskurs #1. Online: https://diss-duisburg.de/2025/07/blog-zum-migrationsdiskurs-1.
Nothardt, Benno und Diskurswerkstatt (21.4.2026): Blog zum Migrationsdiskurs #6. Online: https://diss-duisburg.de/2026/05/blog-zum-migrationsdiskurs-6-vom-21-4-2026