Blog zum Migrationsdiskurs #10 vom 16.9.2026

Von der Diskurswerkstatt & Benno Nothardt

Die Diskurswerkstatt beobachtet seit langem kontinuierlich den deutschen Migrationsdiskurs. Dazu stellen Praktikant*innen jeweils alle aktuellen Kommentare aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Tageszeitung (taz) zusammen. Isolde Aigner wählt daraus drei bis fünf diskursanalytisch repräsentative und relevante Texte aus, die wir besprechen. Dabei achten wir besonders auf wichtige Aussagen (im Folgenden durch Kursivierung kenntlich gemacht), Verschiebungen im Sagbarkeitsfeld, ausgrenzende Effekte und Diskursstrategien, die diesen entgegenwirken.
Die Ergebnisse sind in etliche Studien des DISS eingeflossen. Seit August 2025 verschriftlichen wir zu jeder Sitzung ein bis zwei wichtige Beobachtungen in Form eines Blogs auf unserer Homepage. Wer noch mehr an unserer Arbeit teilhaben will, ist herzlich zur Diskurswerkstatt eingeladen. Auch ein Blick auf den AK Migration und dessen Texte lohnt sich.

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Blogeintrag #10 vom 16.9.2026: Migrationsdiskurs 11. Juli – 31. August 2026

Reaktionen auf den Terroranschlag auf den Berliner CSD am 27. Juli
fehlende Analyse struktureller Ursachen für Gewalt

In der Septemberdiskurswerkstatt untersuchten wir fünf direkte Reaktionen auf den Terroranschlag auf den Berliner CSD am 27. Juli. Stephan Löwenstein fordert unter dem Titel „Angriff auf unsere offene Gesellschaft“ (FAZ, 27.7.2026, S. 1) ein wehrhaftes „Zusammenstehen“ der Gesellschaft und warnt vor „verführerischen Behauptungen […] der ganz rechten Seite“, gewaltorientierter Islamismus könne durch „Remigration“ gelöst werden. Dem schließt sich Nikolas Busse am folgenden Tag unter dem Titel „Gegen den freiheitlichen Staat“ (FAZ, 28.7.2026, S. 1) an und ergänzt, dass in einem Rechtsstaat nicht „Bevölkerungsgruppen im großen Stil des Landes“ verwiesen werden dürften. Zugleich vertritt der die Auffassung, dass eine „restriktive Asylpolitik […] den Zuzug von Extremisten verringern“ könne. In dem Leitartikel „In die Gräben“ (SZ 1.8.2026, S. 4) kritisiert Thomas Avenarius die Vereinnahmung des Anschlages durch verschiedene politische Strömungen anstelle „toleranter Geschlossenheit“ und behauptet, „Islamismus ist eine religiös-politische Ideologie, die nur unter Muslimen greift.“ Mohamed Amjahid (taz, 2.7.2026) hingegen sieht „die Dehumanisierung von Queers“ als den „gemeinsamen Nenner von Islamismus und Rechtsextremismus“. Die Forderung der CDU nach „härtere[n] Maßnahmen in der Migrationspolitik“ lehnt er ab. Auch mit Folgendem stellt er sich in Gegensatz zur FAZ: Entsprechend dem Titel seines Kommentars, „Mehr Polizei wird nicht mehr Schutz schaffen“, fordert er: „Gebt den Queers die Räume, die sie brauchen, damit sie […] sich gegenseitig Schutz bieten können“, denn sonst „tut es niemand“. Jan Feddersen dreht das geflügelte Wort, die Justiz sei „auf dem rechten Auge blind“, in seiner Überschrift um: „Auf einem Auge blind“ (taz, 28.7.2026). Damit meint er, dass die Queerszene zurecht darauf verwiesen habe, dass gewaltsame Attacken häufig von rechts kommen, aber „die Gefahren von islamistischer Seite bagatellisiert“ hätte.

Allen Kommentaren gemeinsam ist, dass sie muslimischen Fundamentalismus und rechten Extremismus vollständig ins kollektivsymbolische ‚Außen‘ verweisen. Diesem wird eine „freie“ (FAZ) und „offene“ (SZ) Gesellschaft als ‚Innen‘ entgegensetzt, die kollektiv das Gute will, auch wenn sie über den Weg dorthin zerstritten ist. Am kämpferischsten passiert das in Löwensteins Kommentar, der mit dem pathetischen Appell endet, die „offene Gesellschaft“ müsse zusammenstehen: „im Zorn, in der Trauer, im Trotz“.

In der taz hingegen wird die Homogenität des ‚Innen‘ ausdrücklich in Frage gestellt. Feddersen betont, dass der Anschlag „eben kein Anschlag auf alle, sondern einer auf eine queere öffentliche Manifestation“ gewesen sei, und Amjahid endet damit, im „Spektrum von LGBTQ+“ sei bekannt, dass niemand auf sie aufpasse, wenn sie es nicht selbst täten. Muslimischer Fundamentalismus und rechter Extremismus wird aber auch hier im ‚Außen‘ verortet, was deutlich wird, wenn man die Beschreibungen der Ursachen für die Gewalt betrachtet:
In allen Kommentaren wird als Ursache für den Terror ausschließlich Hass und ideologische Verführung angeführt. Der Kommentar von Feddersen ist der Einzige, der nicht wörtlich von „Hass“ spricht, aber ähnlich argumentiert, wenn er schreibt, dass für islamistische Gewalttäter „Schwule, Lesben und trans Menschen […] alles verkörpern, was die Welt verderbt macht“. Diese Motive werden teilweise auch der extremen Rechten zugeschrieben. Amjahid schreibt, islamistische Attentäter und Rechtsextremisten „vereint der Hass auf LGBTQ+“ und Löwenstein spricht von „verführerischen Behauptungen […] auf der ganz rechten Seite“.

Gewalt wird in das kollektivsymbolische ‚Außen‘ verschoben und pathologisiert. Damit wird die Gewalt entpolitisiert, anstatt die komplexen Fragen nach den gesellschaftlichen, politischen und strukturellen Ursachen zu stellen. Entsprechend werden in den Kommentaren keine Stimmen aus den Sozialwissenschaften rezipiert, lediglich polizeiliche Statistiken werden in der Argumentation aufgegriffen.

In Bezug auf die gewaltsamen Ausschreitungen im Kontext der sozialen Proteste in Frankreich beschreibt der französische Schriftsteller und Eribon-Schüler Édouard Louis dieselbe Form des Verzichtes auf eine politische und soziologische Sichtweise. Die Randalierer, meist rassifizierte Männer aus den Armutsvierteln, seien „dann nicht mehr das Produkt einer Geschichte, einer sozialen Klasse, einer Gegend, einer Erziehung, eines Verhältnisses zur Polizei, zum Geld und zum Konsum. Sie werden zu Personen ohne Motive, ohne Vergangenheit, ohne gesellschaftliche Prägungen. Man schreibt ihnen einen puren Willen, eine fast natürliche Bösartigkeit zu.“

Literatur:
Louis, Édouard: Proteste in Frankreich Wem gehört die Wut? taz, 25.10.2026, Gastkommentar. https://taz.de/Proteste-in-Frankreich/!6219005/