Von der Diskurswerkstatt & Benno Nothardt
Die Diskurswerkstatt beobachtet seit langem kontinuierlich den deutschen Migrationsdiskurs. Dazu stellen Praktikant*innen jeweils alle aktuellen Kommentare aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Tageszeitung (taz) zusammen. Isolde Aigner wählt daraus drei bis fünf diskursanalytisch repräsentative und relevante Texte aus, die wir diskursanalytisch besprechen. Dabei achten wir besonders auf wichtige Aussagen (im Folgenden durch Kursivierung kenntlich gemacht), Verschiebungen im Sagbarkeitsfeld, ausgrenzende Effekte und Diskursstrategien, die diesen entgegenwirken.
Die Ergebnisse sind in etliche Studien des DISS eingeflossen. Seit August 2025 verschriftlichen wir zu jeder Sitzung ein bis zwei wichtige Beobachtungen in Form eines Blogs auf unserer Homepage. Wer noch mehr an unserer Arbeit teilhaben will, ist herzlich zur Diskurswerkstatt eingeladen. Auch ein Blick auf weitere Texte des AK Migration auf unserer Homepage lohnt.
-> alle Beiträge des Blogs zum Migrationsdiskurs
Blogeintrag #6 vom 21.4.2026: Migrationsdiskurs März 2026
Kämpfe um Kollektivsymbolik.
Mit Abschiebungen in eine rechte Zukunft. Rückzugsgefechte der Linken.
In Bezug auf den März 2026 schauten wir uns vier Kommentare genauer an, bei denen der Migrationsdiskurs nicht dominant war, sondern zusammen mit anderen Diskurssträngen verhandelt wurde.
Die größte Überraschung war die recht komplexe Kollektivsymbolik, die sich im Kommentar „Politik mit Kompass“ von Reinhard Müller in der FAZ vom 27.3.2026 zeigt.
Im Folgenden sind alle im Kommentar verwendeten Kollektivsymbole durch einfache Anführungszeichen markiert.
Der gemeinsame ‚Raum‘ der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ‚bröckelt‘, so lesen wir. Bedroht wird dieser Raum im Innen durch Migration, weshalb die ‚Rückführung‘ derjenigen nötig sei, „die kein Recht haben, hierzubleiben“. Dadurch würde das Asylrecht auf „seine eigentliche Bedeutung“ ‚zurückgeführt‘.[1] Hier interessiert uns, dass die ‚Rückführung‘ von Migrant*innen in das Außen über die Dopplung des Symbols „rückführen“ gekoppelt wird mit einer fortschrittlichen Bewegung der politischen Lage zurück in einen ursprünglichen Zustand in der Mitte.
Die Grafik zeigt eine Rekonstruktion aller im FAZ-Kommentar vorkommenden Kollektivsymbole und deren Position in der grundlegenden Topik der Kollektivsymbolik (innen–außen, links–rechts, unten–oben, Rückschritt–Fortschritt). (Zur Topik z. B. Link 1984, Jäger u.a. 2024, Kap. 4.12.1.1 oder dewiki.de/Lexikon/Sysykoll).
Weiter verschränkt sich der Migrationsdiskurs mit dem Diskurs über die extreme Rechte: Die ‚Brandmauer‘ wird kollektivsymbolisch als ‚Handschellen‘, ‚Fesseln‘ und ‚Sperre‘ beschrieben und damit als Hindernis für einen weiteren Fortschritt, das überwunden werden soll, allzumal sie sowieso ‚nie ganz dicht‘ gewesen sei. Für diesen Weg sieht der Text zwei Möglichkeiten: Man kann der AfD auf manchen Feldern ‚hinterherlaufen‘ und auf anderen eine ‚Kontaktsperre‘ behaupten oder besser dem eigenen ‚Kompass‘ folgen und pragmatisch mit der AfD umgehen. Kollektivsymbolisch bedeutet das: Restriktive Migrationspolitik wird als Fortschritt positioniert. Die AfD hat dem Kommentar zufolge in diesem Bereich recht und man soll bei Bedarf mit ihr zusammenarbeiten. In anderen Bereichen soll man sich aber abgrenzen von „menschenfeindlicher, unpatriotischer und antieuropäischer“ Politik. Dass der rechte Wert Patriotismus hier der AfD abgesprochen und von der FAZ in Anspruch genommen wird, sei hier nur am Rande bemerkt.
Insgesamt ergibt sich einerseits eine Abgrenzung gegen das Gesamtprogramm der extremen Rechten, andererseits aber die Bewertung einer restriktiven Migrationspolitik als fortschrittlich und damit auch eine Bewegung in diesem Bereich nach rechts in Richtung AfD. Das Überwinden von kollektivsymbolischen ‚Sperren‘, ‚Fesseln‘ und ‚Handschellen‘ lässt Abschiebungen und Rechtsruck als fortschrittliche Akte der Befreiung erscheinen.
In der SZ hingegen fanden wir linke Rückzugsgefechte. Joachim Kämpfer warnt unter dem Titel „Das kann sich noch rächen“ am 27.3.2026 vor einem weiteren Absenken der Entwicklungszusammenarbeit als Mittel, Fluchtursachen zu bekämpfen, und erinnert an die Erfolge des Marshallplans nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier verschränkt sich der Migrationsdiskurs mit dem ökonomischen Diskurs. In der Topik der Kollektivsymbolik nimmt der Text eine Position der Verteidigung des Status quo oder gar des Rückschritts zu Althergebrachtem ein.
Kritisch zeigt sich die taz: Der Kommentar „Die Union ist unbelehrbar“ von Gareth Joswig vom 26.3.2026 untersucht ähnlich wie Müller in der FAZ die Diskursstrangverschränkung des Migrationsdiskurses mit dem Diskursstrang über die extreme Rechte. Er nimmt aber die Gegenposition ein und entfaltet ausführlich die Aussage, dass Rassismus der Mitte als Ursache für das Erstarken der extremen Rechten wirke. Seine Forderung nach einer ‘Rückkehr‘ „der liberalen Christdemokraten in die […] wertebasierte Mitte der Gesellschaft“ ist kollektivsymbolisch ein Rückzugsgefecht. Das gilt auch für den nur negativ formulierten Wunsch, „keine angstgetriebene und auch keine faktenwidrige Migrationspolitik“ mehr zu haben.
Der Gastkommentar „Die EU neu gründen“ von Armin Osmanovic vom 16.3.2026 ebenfalls in der taz versucht hingegen, linke Positionen explizit kollektivsymbolisch als fortschrittlich zu bewerten, und schreibt, es seien nicht die Menschen, die ‚reformmüde‘ seien, sondern die Demokratie selbst sei zur ‚Bremse‘ geworden. Damit meint er nicht, dass Demokratie schlecht ist, sondern dass es falsch sei, dass sich Sozialdemokratie und Grüne auf die Verteidigung der Demokratie in Europa gegen den rechten und rechtsradikalen ‚Vormarsch‘ ‚zurückgezogen‘ hätten, statt für eine ‚demokratische Neugründung der EU‘ zu kämpfen. Der Appell ist hier, die Zukunft und den Fortschritt nicht den Rechten zu überlassen, sondern von links zu erkämpfen. Der Kommentar legt eine umfangreiche Analyse vieler Diskursstränge vor, wie dem ökonomischen, ökologischen und militärischen sowie zu internationaler Politik und der extremen Rechten. Und er macht dort auch viele offensive Vorschläge. Den Migrationsdiskurs streift er aber nur am Rande und schlägt dazu nichts vor.
Vielleicht verweist das darauf, dass Linke sich in den letzten Jahrzehnten zwar sehr viel und kritisch mit dem Migrationsdiskurs beschäftigen, aber gerade hier oft nur Rückzugsgefechte führen, anstatt mit offensiven Forderungen auch kollektivsymbolisch wieder die Position des Fortschritts einzunehmen.
Literatur:
Jäger, Siegfried (†) / Jäger, Margarete / Wamper, Regina / Nothardt, Benno (2024): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. 8. Aufl.
Link, Jürgen 1984: Diskursive Rutschgefahren ins vierte Reich? Rationales Rhizom, in: kultuRRevolution 5, S. 12-20.
Link, Jürgen 2022: Konturen des Kollektivsymbolsystems der ZeitenWende, in: kultuRRevolution Nr. 83, S. 11–16.
Nothardt, Benno und Diskurswerkstatt (17.12.2025): Blog zum Migrationsdiskurs #5. Online: https://diss-duisburg.de/2025/12/blog-zum-migrationsdiskurs-der-diskurswerkstatt-im-diss-5-vom-17-12-2025.
Fußnote
[1] Dass Kollektivsymbole wie ‚Rückführung‘ Menschen zu Objekten ohne Subjektstatus entmenschlichen, soll hier nicht Thema sein. Siehe dazu beispielsweise Link 2022 sowie unseren Blogbeitrag #5.


