DISS-Journal #51 erschienen

DISS-Journal #51 – (2026) Datum: 09. Juli 2026

Vorwort


Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung veranstaltete ihre diesjährige Frühjahrstagung unter dem Titel „Freundschaft in Zeiten des Streits“. Das Treffen der Akademiemitglieder fand in Halberstadt statt, einer kleinen, aber altehrwürdigen Stadt in Sachsen-Anhalt. Dort steht das Gleimhaus, das älteste deutsche Literaturmuseum, benannt nach dem Aufklärer und Dichter Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803). Aus Halberstadt stammt aber auch das jüngst verstorbene Akademiemitglied Alexander Kluge. Über Gleim, der patriotischen Tönen keineswegs abhold war, schrieb er: „Die Menschheit, so Gleim, ist kein Schützenverein und kein Soldatenkorps, sondern ein Bund verträglicher, durch Empathie miteinander verbundener Landpfleger oder Baumpfropfer.“


Dass dieser „Leitsatz vom Zustand dieser Welt [weit] entfernt ist“, wird sicherlich nicht nur die Auffassung der FAZ-Berichterstatterin (FAZ 2.6.2026) sein. Der Blick braucht nicht in die Ferne zu schweifen, es reicht schon der Gang vor die Haustür, in diesem Fall in Sachsen-Anhalt, wo die AfD sich anheischig macht, im September die Regierungsgewalt zu übernehmen. Zu diesem Zweck hat sie ganz unbescheiden kein Wahl-, sondern ein „Regierungsprogramm“ entworfen, in dem es nur so von Feinderklärungen wimmelt, sei es, dass unerwünschte Personengruppen angegriffen werden, sei es, dass wie vormals 1933 der „undeutsche Geist“, in diesem Fall der „pervers-linke, radikal feministische und individualistische Ungeist“ oder die „antideutsche Kunst und Kultur“ gebrandmarkt werden (siehe Heftrücken). „Teutomanismus“ nannte das Heinrich Heine rückblickend auf die Bücherverbrennungen im Anschluss an das „Wartburgfest“ 1817. Heute will der Teutomanismus der sachsen-anhaltinischen AfD, von ihr als „Deutsch denken!“ propagiert, die Wissenschaft ‚säubern‘ von „Genderismus, Postkolonialismus und sonstiger poststrukturalistischer Phrasendrescherei“.


Jobst Paul, langjähriges Mitglied unserer Redaktion, hat aus Anlass des diesjährigen Welttags der Pressefreiheit einen Vortrag u.a. vor „Journalisten ohne Grenzen“ gehalten (in diesem Heft dokumentiert), in dem er die von verschiedenen Seiten vorgetragenen Angriffe auf das zentrale Rechtsgut der Pressefreiheit anspricht, darunter die bekannten Diffamierungen der Presse als „Lügen“- oder „Systempresse“. Die AfD in Sachsen-Anhalt erklärt die Umwandlung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu einem „Grundfunk“ zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Staatsumbau-Projekts. Auf vergleichbare Vorgänge in Großbritannien mit den Angriffen auf die BBC geht Rob Tonks in diesem Heft ein. Zu guter Letzt sei auf den Beitrag von Tino Heim verwiesen, der in einer das Bild des DISS in der Öffentlichkeit berührenden Angelegenheit die Einschränkung des Sagbarkeitshorizontes, in diesem Fall betrieben von Teilen der sog. „Qualitätspresse“ selbst, diskursanalytisch unter die Lupe nimmt: Substanzielle
Kapitalismus- und Technikkritik wird verschwörungstheoretisch als Zuarbeit zu den Anschlägen in Berlin („Vulkangruppe“) dargestellt.


Ich hoffe, das ist Anreiz genug, das neue, sehr umfangreich gewordene DISS-Journal mit Interesse zu lesen. Die Ausweitung der „Freundschaftskultur“ in Zeiten eines um sich greifenden Kulturkampfs, heute eher firmierend unter dem Label „gesellschaftlicher Zusammenhalt“, mag idealistisch klingen, aber über die materiellen gesellschaftlichen Bedingungen eines solchen Projekts nachzudenken, ist allemal wichtiger als den Obsessionen „innerstaatlicher Feinderklärung“ (Carl Schmitt) das Feld zu überlassen.

Helmut Kellershohn