Blog zum Migrationsdiskurs #7 vom 21.5.2026

Von der Diskurswerkstatt & Benno Nothardt

 

Die Diskurswerkstatt beobachtet seit langem kontinuierlich den deutschen Migrationsdiskurs. Dazu stellen Praktikant*innen jeweils alle aktuellen Kommentare aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Tageszeitung (taz) zusammen. Isolde Aigner wählt daraus drei bis fünf diskursanalytisch repräsentative und relevante Texte aus, die wir diskursanalytisch besprechen. Dabei achten wir besonders auf wichtige Aussagen (im Folgenden durch Kursivierung kenntlich gemacht), Verschiebungen im Sagbarkeitsfeld, ausgrenzende Effekte und Diskursstrategien, die diesen entgegenwirken.

Die Ergebnisse sind in etliche Studien des DISS eingeflossen. Seit August 2025 verschriftlichen wir zu jeder Sitzung ein bis zwei wichtige Beobachtungen in Form eines Blogs auf unserer Homepage. Wer noch mehr an unserer Arbeit teilhaben will, ist herzlich zur Diskurswerkstatt eingeladen. Auch ein Blick auf weitere Texte des AK Migration auf unserer Homepage lohnt sich.

-> alle Beiträge des Blogs zum Migrationsdiskurs

 

Blogeintrag #7 vom 21.5.2026: Migrationsdiskurs April 2026

Migrant*innen als Antidot gegen die extreme Rechte?

Im Mai haben wir drei Kommentare angeschaut, die das Zusammenwirken von Politik der Mitte, der extremem Rechten und Migrant*innen behandeln.

„Ist die liberale Demokratie noch zu retten?“, fragt die taz am 11.4.2026 zehn Denker*innen. Die erste Antwort gibt Naika Foroutan, die das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) leitet. Sie konstatiert eine „Krise der liberalen Demokratien“, die die Versprechen „auf Würde, Gleichheit und Freiheit“ nur unzureichend einlösen würden. Dies sei Ursache für das Erstarken der AfD. Ähnlich argumentiert Heribert Prantl unter der Überschrift „Böse Narrative“ in der SZ vom 10.4.2026, der rekonstruiert, wie vor allem die CDU/CSU seit der „Änderung des Asylgrundrechts 1993“ eine Migrationspolitik macht, die „die Kernmoral und das Fundament des demokratischen Rechtsstaats infrage“ stelle. Beide sehen also die Politik der Mitte als Ursache für das Erstarken der extremen Rechten.

Foroutan hofft, dass Migrant*innen vielleicht „die liberale Demokratie in Deutschland retten“ könnten, weil viele vor Diktaturen fliehen und „liberale Demokratie“ und „Menschenrechte“ als „heiliges Gut“ betrachten würden – anders als viele Deutsche. Sie rekurriert damit auf die eher seltene Aussage, Migrant*innen stärken Demokratie. Auch Prantl betont, dass Migrant*innen nützlich seien, meint damit jedoch den ökonomischen Nutzen. Beiden gemeinsam ist, dass sie deutlich den Subjektstatus[1] von Migrant*innen betonen, indem sie ihre beruflichen Tätigkeiten und Ängste vor der deutschen Migrationspolitik benennen oder politische Kämpfe in Herkunftsländern und den Wunsch nach Demokratie.

Die Politik der Mitte als Ursache für das Erstarken der extremen Rechten sieht Reinhard Müller unter dem Titel „innerer Friede“ in der FAZ vom 14.4.2026 nicht. Im Gegenteil beschreibt er Migration als Ursache von Kriminalität und gesellschaftlichem Unfrieden. Kritik an dieser Ethnisierung von Kriminalität weist er durch wütende Abwertungen zurück: Es gehöre „viel böser Wille oder Dummheit dazu, hier von Rassismus zu sprechen“.

Er unterscheidet zwischen kriminellen und rechtschaffenen Migrant*innen. Letztere spricht er mit Subjektstatus an, indem er sie zu einem kollektivsymbolischen ‚Wir‘ jener zählt, die „friedlich in Deutschland leben und leben“ wollen. Des Weiteren betont er, Deutschland müsse „humanitär“ handeln bei Grenzkontrollen, Abschiebungen, Asylverfahren und der Bekämpfung von Fluchtursachen und dürfe rechtschaffene Migrant*innen nicht stigmatisieren. Wir haben schon in unserem Blogeintrag #5 gezeigt, wie Müller den Begriff „humanitär“ umdeutet, um restriktive Migrationspolitik der Mitte von extrem rechten Remigrationsplänen abzugrenzen.

Bei allen Unterschieden fällt auf, dass alle drei Kommentare die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Migrant*innen als Bereicherung bewerten und sie als aktiv handelnde und fühlende Menschen ansprechen. Diese Betonung des Subjektstatus steht bei allen im Kontext des Wunsches, sich von der extremen Rechten abzugrenzen. Zugespitzt ausgedrückt werden Migrant*innen so zum Antidot gegen die extreme Rechte.

 

Literatur

Link, Jürgen 2022: Konturen des Kollektivsymbolsystems der ZeitenWende, in: kultuRRevolution Nr. 83, S. 11–16.

Nothardt, Benno und Diskurswerkstatt (17.12.2025): Blog zum Migrationsdiskurs #5. Online: https://diss-duisburg.de/2025/12/blog-zum-migrationsdiskurs-der-diskurswerkstatt-im-diss-5-vom-17-12-2025.

 

Fußnote

[1] Zum Begriff des Subjektstatus siehe Link 2022 oder unseren Blogeintrag #5.