[#5]
I. Einleitung
In der
Bundesrepublik leben etwa zwei Millionen Musliminnen und Muslime,
viele von ihnen seit Jahrzehnten. Trotzdem wissen Deutsche im
allgemeinen kaum etwas von ihnen. Islamische Lebensweise und Kultur
gelten als fremd und für viele auch als bedrohlich, was sich
beispielsweise in der oft polemischen und aggressiven Abwehrhaltung
gegen Moscheeneubauten äußert. Von den Medien, die wohl
als wichtigste Informationsquelle anzusehen sind, werden muslimische
MigrantInnen nur unter ganz bestimmten Aspekten wahrgenommen: als
Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt in Zeiten schlechter Konjunktur, als
problematische, besonders schwer integrierbare Gruppe unter den
Ausländern oder, in letzter Zeit zunehmend, als (potentielle)
»fundamentalistische« Unterwanderer unserer
freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung. Nach wie vor ist
das Image muslimischer Frauen wesentlich davon bestimmt,
unterdrückte, abhängige »Anhängsel« ihrer
»Gastarbeiter«-Männer zu sein. Noch fremder sind
uns die Frauen in den islamischen Ländern
selbst.
Ungeachtet räumlicher Distanzen, die größer sein
können als zwischen Schweden und Portugal, und trotz der kaum
miteinander vergleichbaren Lebensverhältnisse in reichen
Staaten wie Saudi-Arabien und anderen, die wie Algerien, Jemen oder
Afghanistan in einer tiefen Wirtschaftskrise stecken, ist unser
Vorstellungsbild von der Lebenssituation für Frauen
bemerkenswert undifferenziert: Insbesondere [#6] wenn sie durch ihre
Kleidung eine religiöse Bindung signalisieren, reicht das im
allgemeinen, um sie als unselbständig, familienfixiert,
ungebildet und rückständig zu klassifizieren. So niedrig
das Informationsniveau der meisten Deutschen/Europäer über
den Islam und das Leben in islamischen Ländern auch ist,
»wissen« sie doch, wie es den armen Geschöpfen
unter dem Tschador geht. Und entsprechend fallen ihre Reaktionen
aus: teils verständnislos bis ablehnend, teils mitleidig.
Für
Entstehen und Fortbestehen der Misere wird der Religion eine
zentrale Bedeutung zugeschrieben, weshalb denn auch die fast überall
in der islamischen Welt zu beobachtende Rückbesinnung
auf den Islam als Ausgangsbasis für die Gestaltung von
Gesellschaft und Politik bei uns überwiegend negative
Resonanz findet. Durch diese Entwicklung, lautet die gängige
Auffassung, werde Musliminnen der Weg in die Emanzipation
abgeschnitten. Was sie in Ländern wie Ägypten oder
Algerien mühsam und meistens ohnehin erst ansatzweise erreicht
hätten, sei in höchstem Maße gefährdet.
Es liegt
uns fern, die vielfältigen Formen von Unterdrückung und
Mißachtung von Frauen in islamischen Gesellschaften
bzw. von Versuchen, den Islam für reaktionäre Ziele zu
instrumentalisieren, schönreden zu wollen. Dennoch
widersprechen wir der üblichen pauschalen Etikettierung des
Islam als frauenfeindlich. Auf diese Weise werden nämlich
erstens die großen Unterschiede von Land zu Land, die
Kluft zwischen armen und wohlhabenden Bevölkerungsschichten
sowie die sozialen Verhältnisse und kulturellen Gegebenheiten
islamischer Länder vorschnell eingeebnet.
Schuldzuweisungen an »den Islam« blenden zweitens
nicht durch die Religion geprägte oder ihr sogar
zuwiderlaufende historische Entwicklungsprozesse in der islamischen
Welt aus, z.B. während der Epoche des Kolonialismus.
Vieles,
was an Rückständigkeit, Dogmatismus, Autoritätshörigkeit
usw. typisch islamisch zu sein scheint, erweist sich bei
näherer Analyse drittens als durch soziale und/oder
kulturelle Einflußfaktoren ganz anderen Ursprungs bedingt,
etwa als charakteristisch für patriarchalisch strukturierte
Agrargesellschaften. So betrachtet, ergeben sich zuweilen
frappierende Übereinstimmungen mit Denk- und Verhaltensweisen,
wie sie ebenso in nicht-islamischen Regionen des Mittelmeerraumes,
in Osteuropa oder Lateinamerika in bestimmten Schichten/Milieus
anzutreffen sind. Auch gibt es fast überall in der islamischen
Welt einen mit Traditionen und sonstigen Einflüssen
vermischten »Volksglauben«, der sich, gerade was die
Stellung der Frau betrifft, mehr oder weniger weit von Koran und
Sunna entfernt hat.
[#7]Viertens
verkennen die gängigen Betrachtungsweisen leicht die Folgen des
gerade durch die »Modernisierung« (Urbanisierung,
Migration etc.) erzwungenen gesellschaftlichen Wandels. Die
Auflösung großfamilialer Strukturen und die Schaffung
industrieller Arbeitsplätze wirken sich keineswegs nur
segensreich aus, und besonders für Frauen gilt die alte
Redensart »Stadtluft macht frei« offensichtlich nur sehr
bedingt. Sie verlieren oft zunächst einmal ihnen
herkömmlicherweise zustehende Rechte und den Schutz durch die
eigene Verwandtschaft. Männer dagegen werden aus der
Verantwortung entlassen, vor allem wenn sie, getrennt von ihren
Familien, in reicheren islamischen Ländern oder
in Europa arbeiten. Die so entstehenden, besonders für Frauen
oft desolaten Lebensbedingungen werden dann von außen leicht
auf den verhängnisvollen Einfluß islamischer Werte und
Normen zurückgeführt.
Zu
Unrecht als islamisch angesehen werden fünftens oft
Ansichten und Lebensformen, die überall, auch in der BRD,
typisch sind für geringer qualifizierte Bevölkerungsschichten
mit niedrigem Sozialprestige, z.B. was die Einstellung zu
Bildungsangeboten, zur politischen Partizipation oder zur
Rollenverteilung in der Familie betrifft. Schließlich ist uns
sechstens aufgefallen, daß all das, was von Musliminnen
(und Muslimen), die sich im Privatleben und in ihrer Einstellung zu
Gesellschaft und Politik am Islam orientieren, selbst positiv
bewertet wird, kaum Beachtung findet. Daraus ergibt sich eine
erhebliche Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der
Sichtweise von außen.
Damit
soll das Negativbild nicht einfach umgekehrt werden. Wie generell im
menschlichen Leben, mischen sich die Elemente, spielen soziale
Umwelt, Erwartungen usw. eine Rolle. Wir weisen nur darauf hin, daß
all das, was für viele Musliminnen eine islamisch orientierte
Lebensweise bedeutet – die Gemeinschaft unter Schwestern
(einschließlich Cousinen, Freundinnen usw.), Bestätigung
und Befriedigung durch die Anerkennung als gute Mutter, Ratgeberin
und Gastgeberin, Alltagsfreuden und Feste, Kraft und Zuversicht aus
der Einbindung in eine soziale und spirituelle Gemeinschaft –
in der von uns ausgewerteten Literatur kaum vorkommt.
Für
die öffentliche Meinung über »den Islam« sowie
über »Gastarbeiter« aus muslimischen Ländern
im besonderen sind die Medien von kaum zu überschätzender
Relevanz, und zwar sowohl als Orte, wo einerseits die »Stimme
des Volkes« und andererseits politische Macht und kommerzielle
Interessen sich artikulieren, wie andererseits auch als
Produktionsstätten öffentlicher Meinung.
In Anbetracht dieser Bedeutung der Medien als [#8]
Informationsquelle, als erheblich zur Genese von Sympathien und
Ablehnung beitragend und als Austragungsfeld sozialer/kultureller
Konflikte ist die Zahl empirischer Untersuchungen über den
Einfluß von Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen auf das
Islambild erstaunlich gering. Johannes Esser lieferte 1985 mit zwei
von CIBEDO herausgegebenen Heften einen informativen Überblick
darüber, »wie deutsche Pressestimmen sich mit der Welt
des Islam auseinandersetzen«.
Leider beschränkte er sich im wesentlichen auf eine
Zusammenstellung von Zitaten nach Themenbereichen, z.B. »Islamisches
Selbstverständnis« oder »Islam und Moderne« .
Zu Frauenbelangen oder der Mitwirkung von Frauen an politischen
Veränderungsprozessen (z.B. der Revolution im Iran) findet sich
hier nichts. 1990 veranstaltete die Deutsche Welle in Zusammenarbeit
mit der Islamischen Wissenschaftlichen Akademie in Köln ein
Symposium zum Thema »Der Islam in den europäischen und
deutschen Massenmedien«, dessen Referate und
Diskussionsbeiträge nicht zuletzt als Einblick in die
Vorstellungswelt deutscher JournalistInnen vom Islam und ihre
Herangehensweise an dieses Thema von Interesse sind. Einen
bedeutenden Erkenntnisfortschritt zeigt die 1994 vom Medienprojekt
Tübinger Religionswissenschaft herausgegebene Aufsatzsammlung
»Der Islam in den Medien« an. Die AutorInnen gehen
unterschiedlichen Fragen nach, analysieren z.B. Zusammenhänge
in der medienvermittelten »gesellschaftlichen Bildproduktion
und Religion« oder die Suggestivkraft von Peter Scholl-Latours
Fernsehdokumentationen. Mehrere Artikel beschäftigen sich mit
den Konstitutionsprinzipien des »Feindbildes Islam«.
Trotzdem ist der Bedarf an vertiefenden Analysen einzelner Aspekte
weiterhin ebenso groß wie der an Langzeitstudien und
übergreifenden Darstellungen, besonders an solchen, denen nicht
nur eine westliche Sichtweise zugrundeliegt.
Nicht
viel besser sieht es mit der wissenschaftlichen Literatur über
die Mediendarstellung muslimischer Migranten und Migrantinnen aus.
In J. Manuel Delgados Studie »Die ›Gastarbeiter‹
in der Presse« (1972), mit der er Ergebnisse seiner
Zeitungsanalyse von Mitte bis Ende der 60er Jahre vorstellt,
wird bereits das im Vergleich zu anderen Einwanderern niedrige [#9]
Sozialprestige von Türken/Muslimen deutlich. Frauen kommen hier
als eigenständige Wesen nicht vor. Das ist gewiß weniger
mit dem größeren Männeranteil unter den Angeworbenen
zu erklären als mit der androzentrischen Sprache
und der arbeitsmarktfixierten Sicht auf die Zuwanderung.
Migrantinnen waren entweder selbst »Gastarbeiter« oder
fielen in die Kategorie »Familie«.
Auch in einer neueren Publikation, dem Sammelband »Ausländer
und Massenmedien« (1987), geht es um Darstellungen »der
Ausländer« in deutschen Zeitungen, Zeitschriften und
Fernsehsendungen. Klaus Mertens weist auf die Diskrepanz hin, die in
der Berichterstattung über »Ausländer« aus
bestimmten Ländern, vor allem aus Mitteleuropa, USA, Kanada
oder Australien, bzw. über akzeptierte Ausländer, z.B.
Künstler und und Sportler, einerseits und »Gastarbeiter«
und Asylbewerber andererseits zu beobachten ist. Während
Spanier, Griechen oder Italiener sich nach den Ergebnissen seiner
Analyse eines eher positiv besetzten Images erfreuen dürfen,
rangieren Türken ganz unten auf der »Skala der
Verachtung«, wobei dem Islam als kulturelle Distanz schaffend
aus deutscher Sicht offenbar eine besondere Bedeutung zukommt (ebd.,
S. 72 f.).
Wir gehen
im folgenden zunächst den verschiedenen Facetten des westlichen
Bildes der Muslimin nach.
Während früher die verführerische Orientalin hinter
Haremsmauern die Phantasie von Malern, Reisenden und Schriftstellern
beflügelte, dominiert heute einerseits das teils
schicksalsergebene, teils aufbegehrende »Opfer des islamischen
Patriarchats« und ande- [#9] rerseits die schwarz
verschleierte »Fanatikerin«, Inbegriff »der
Fremden« überhaupt. Besonders interessierte uns, wie
muslimische Migrantinnen (die zunehmend deutsche Staatsbürgerinnen
sind) gesehen werden. Dabei zeigte sich, daß ungeachtet aller
Unterschiede zwischen einer Marokkanerin der ersten
»Gastarbeitergeneration«, einer in Köln geborenen
türkischen Pädagogin der zweiten Generation und einer
iranischen Studentin, die seit vier, fünf Jahren in der BRD
lebt, eine das Verhältnis zur deutschen Umgebung prägende
Gemeinsamkeit besteht: Wenn sie ihre Bindung an den Islam nach außen
zu erkennen geben, stoßen sie rasch an die Toleranzgrenzen.
Nur wenigen bleiben Erfahrungen von sozialer Marginalisierung und
Diskriminierung erspart.
Das
spiegelt sich auch in der sozialwissenschaftlichen Forschung wider.
Trotz des offensichtlich großen Interesses an Büchern und
Veranstaltungen zum Themenbereich »Frau und Islam« gibt
es kaum ernsthafte Bemühungen, sich auf Werte und Ansichten,
auf die so fremdartig anmutende Lebensweise und die
gesellschaftlichen Orientierungsmuster von islamischen Frauen
zunächst einmal ohne vorgefertigte Schablonen einzulassen,
nicht immer nur nach Abweichungen und Defiziten zu fragen, nicht von
vornherein eine Überlegenheit der abendländischen
»Moderne« zu unterstellen.
Ursprünglich
hatten wir vermutet, ein breiteres Spektrum von Einstellungen, je
nach Art der Literatur zum Thema »Frau und Islam« sowie
nach der politischen Orientierung ihrer VerfasserInnen bzw. der
Verlage oder Zeitschriften vorzufinden, doch die Auswertung ergab zu
unserer Überraschung kaum Unterschiede zwischen in der
Boulevardpresse erschienenen Artikeln oder Trivialromanen à
la »Nicht ohne meine Tochter« (Betty Mahmoody 1990) und
seriösen Publikationen (einschließlich solchen mit linkem
oder feministischem Anspruch). Das Verhältnis der westlichen
Frauenbewegung zur Muslimin scheint uns besonders prekär,
weshalb wir uns damit speziell auseinandersetzen.
Genese
und soziale Funktion westlicher Vorstellungsbilder vom Islam sind im
Kontext der Re-Islamisierung
und der Auseinandersetzung um die [#11] weltweite politische,
ökonomische und kulturelle Hegemonie des Westens zu sehen. Die
in fast allen islamischen Ländern seit einiger Zeit zu
beobachtende Renaissance der Religion im gesellschaftlichen und
politischen Leben trifft im Westen überwiegend auf
Verständnislosigkeit und Abwehr, wird gleichgesetzt mit
»Fundamentalismus«, wenn nicht gar mit »Fanatismus«.
Wir fühlen uns irritiert und bedroht und prognostizieren
darüber hinaus den MuslimInnen, sich auf diese Weise selbst den
Weg in die Moderne zu versperren. Die solchen Überzeugungen
zugrundeliegende Polarisierung von orientalischer Rückständigkeit
und abendländischer Moderne, das neue »Feindbild Islam«
und das Modell einer »universalen Zivilgesellschaft«,
nach dessen Kriterien die politische Entwicklung islamischer
Länder aus linker und feministischer Sicht bewertet wird,
erörtern wir im mittleren Teil dieser Arbeit. Einen weiteren
Schwerpunkt bildet sodann das westliche Bild der Muslimin im Kontext
rassistischer Strategien und Praktiken. Dazu gehören z.B.
typische, die Kleidung, das Geschlechterverhältnis oder das
Alkohol- und Schweinefleischverbot betreffende Wahrnehmungsmuster
und Projektionen. Vielfach wird behauptet, Musliminnen würden
durch Aussehen und Verhaltensweisen bei »eingeborenen
Deutschen« Ängste und Bedrohungsgefühle provozieren,
sie machten sich durch unattraktive Kleidung und Isolation selbst zu
Außenseiterinnen, und das islamische
Geschlechtsrollenverständnis verhindere ein »normales«
Miteinanderumgehen von Frauen und Männern, von Deutschen und
Muslimen. Solche Auffassungen stehen, wie wir zeigen werden, in der
Traditionslinie »klassischer« rassistischer Welt- und
Menschenbilder.
Das
westliche Bild der Muslimin basiert wesentlich auf Projektionen
»abendländischer« Werte und Gefühle. Es ist
Bestandteil eines Gegenentwurfes zur »europäischen
Zivilisation« und dient in erster Linie der Konstitution und
Stabilisierung einer deutschen bzw. »abendländischen«
Identität. Uns geht es im folgenden weniger darum – und
das sei vorab besonders betont –, wie es in islamischen
Ländern nun wirklich zugeht oder was wirklich im Koran über
die Frau gesagt wird.
Unser Anliegen ist es vielmehr, Klischeebilder und deren
Konstruktions- und Reproduktionsprinzipien aufzuzeigen sowie die
Diskussion darüber anzuregen, wie Mechanismen der Ausgrenzung
auch in progressiven, linken, feministischen, internationalistischen
[#13] Kreisen wirken, welche Funktion sie haben und wie derartige
Denk- und Handlungsblockaden überwunden werden könnten.
[#13]
II. Der westliche Blick auf »die
Muslima«
1.
Haremsdame und moderne Orientalin
Als
exotische Wesen des »geheimnisvollen Orients«
spielen Frauen in der romantischen Verklärung Arabiens durch
Reiseberichte und Romane des 18./19. Jahrhunderts eine zentrale
Rolle: Berühmte Gemälde zeigen juwelenbehangene
Luxusgeschöpfe im Harem. Verführerisch-erotische Gestalten
aus 1001 Nacht vermischen sich mit den Figuren aus
Abenteuergeschichten von Karl May und aus Opern, etwa aus der
»Entführung aus dem Serail«. In der Literatur wie
in der damals außerordentlich beliebten Orient-Malerei
wiederholen sich geradezu stereotyp einige wenige Themen, vor allem
Sklavenmarkt, türkisches Bad und Haremsszenen.
Frauenkörper bieten sich hier dem Betrachter in kontemplativer,
lasziver und passiver Pose an. Kaum bekleidete Schönheiten
vergnügen sich mit Nichtstun; ihre einzige Aufgabe ist es, zu
gefallen. Solche Imaginationen sind bis in die Gegenwart wirksam,
beispielsweise in einem »Report über die erotischen
Fantasien der Wüstensöhne«, mit dem in der BUNTEN
Anfang 1994 das Sexualleben arabischer Muslime ausgemalt wird. »Wenn
es Nacht wird im Morgenland«,
machen sich, will man diesem Artikel glauben, wie seit Jahrhunderten
die Haremsdamen für ihre Gebieter schön. Die Pracht
märchenhafter Paläste, die Hochzeiten von Königen und
Prinzessinnen, der verschwenderische Luxus und die Intrigen, vor
allem natürlich die dramatischen Liebesgeschichten – all
das sind unerschöpfliche Themen der Yellow Press. Mit Jubel und
Bangen verfolgten HEIM UND WELT, FRAU IM SPIEGEL oder DAS GOLDENE
BLATT jahrelang Sorayas Schicksalsalsweg von der »Märchenprinzessin
unserer Zeit« bis zur Vertreibung aus dem Kaiserpalast, und
auch ihre Nachfolgerin, [#14] »Mutter und Märchenfee in
einem«, erfreute sich bis zum Sturz ihres Gemahls vom
Pfauenthron in Freud und Leid der innigen Anteilnahme deutscher
IllustriertenleserInnen (vgl. Blank 1979).
Heute ist
es, wie die Illustrierten berichten, selbst für orientalische
Prinzessinnen schwierig, den herkömmlichen Lebensstil aufrecht
zu erhalten. Nach dem »Abschied vom Harem«
sind manche soweit verbürgerlicht, daß sie sogar einen
Beruf ausüben. Doch selbst als in Paris lebende Dolmetscherin
umgibt Prinzessin Melekper, Tochter des letzten ägyptischen
Königs, noch eine Aura der vergangenen feudalen Pracht und
Macht. Zur Nachfolgerin von Soraya und Farah Diba scheint sich
gegenwärtig keine der Gattinnen orientalischer Herrscher so
recht zu eignen. Alle Versuche, eine neue »Märchenkönigin«
zu kreieren, fallen unbefriedigend aus. Während des Golfkriegs
versuchte sich die Boulevardpresse sogar an Saijda Hussein, Saddam
Husseins Frau. Während ein luxuriöses Ambiente und eine
höfische Selbststilisierung diesem Bemühen entgegenkamen,
bildete das Negativimage ihres Gatten doch eine unüberwindliche
Barriere. Zu unwahrscheinlich schien es, daß Saijda seine
Brutalität und Greueltaten verborgen geblieben sein könnten.
Daß sie ihn trotzdem nicht verließ, wurde nach
herkömmlichen Vorstellungen mit Wesenseigenschaften der
»echten« Orientalin erklärt: einerseits passiv und
dem Ehemann bedingungslos ergeben, andererseits verführbar
durch einen exklusiven Lebensstil. Solange er ihr Paläste,
kostbare Kleider, Juwelen und Reisen bietet, hieß es in der
Reportage, lassen die Untaten des Despoten sie ebenso unberührt
wie dessen Affären mit anderen Frauen (BILD DER FRAU v.
4.2.1991). Sind Artikel wie der über Saijda Hussein
modernisierte Versionen der Märchen von orientalischer Pracht
und Grausamkeit, wird im Porträt einer in Hamburg lebenden
irakischen Geschichtenerzählerin unter der klischeebefrachteten
Überschrift »So raffiniert erobern wir einen Mann«
unsere Phantasie in Richtung exotischer Erotik angeregt (BILD
DER FRAU v. 3.6.1991). Eine weitere Variante solcher Imaginationen
der Orientalin, die teilweise auch in feministischen Kreisen
durchaus Anklang findet, bildet schließlich Vittoria Alliatas
Idealisierung des Lebens im Harem.
Kontrastierend
zum Bild des orientalischen Luxusgeschöpfes stellen die Medien
ihren LeserInnen und ZuschauerInnen ab und zu moderne
Orientalinnen zum Bestaunen vor. Exemplarisch ist ein Beitrag
des ZEITmagazins [#15] über »Moderne Frauen in Marokko«:
Neben Prinzessin Lalla Fatima Zohra, der Vorsitzenden der
marokkanischen Frauenliga, werden eine Filmregisseurin, eine
Unternehmerin, eine Archäologin und eine Schauspielerin
porträtiert, d.h. sämtlich Frauen aus einer privilegierten
Schicht, denen Auslandsstudium oder die Möglichkeit, vom
Chauffeur zur Universität gefahren zu werden, ebenso
selbstverständlich sind wie Personal für Haushalt und
Kinderbetreuung. Sie sind weder Haremsschönheiten noch
bemitleidenswerte Opfer »mittelalterlicher Traditionen«,
sondern moderne, selbstbewußte, ökonomisch unabhängige
Frauen, die bis auf einige eher folkloristische Elemente, etwa bei
Kleidung, Schmuck und Wohnungseinrichtung, westlichen Erfolgsfrauen
gleichen.
Auch das
MERIAN-Heft »Türkei« präsentiert unter dem
Titel »Zwischen Koran und Karriere« berufsorientierte
und emanzipierte Türkinnen. Die patriarchalen (gleichgesetzt
mit islamischen) Traditionen, heißt es in dem Artikel, hätten
sich zwar trotz Übernahme des Schweizer Zivilrechts und
sonstiger kemalistischer Reformen als zählebig erwiesen, doch
sei es vielen Frauen gegen alle Widerstände gelungen, sich
daraus zu befreien. Mit dem Islam haben die interviewte Studentin,
die Geschäftsfrau, die Wissenschaftlerin und die Künstlerin
»natürlich« nichts im Sinn. Ja, so modern sind sie,
daß die Autorin des Berichtes sie den in Deutschland lebenden
Türkinnen als Vorbild empfiehlt (Schlötzer-Scotland 1993).
Zu Beginn ihrer Amtszeit wurde auch die türkische
Regierungschefin Tansu Çiller von deutschen Medien als
Prototyp der »modernen Orientalin« gefeiert.
Hinsichtlich ihres Charakters und ihrer politischen Einstellung fand
man sie zwar eher Großbritanniens »eiserner Lady«
Margret Thatcher ähnlich, doch Çillers attraktives
Aussehen (Garderobe von französischen und italienischen
Couturiers, gefärbtes Blondhaar) wurde ebenso bewundert wie ihr
amerikanischer Doktortitel, ihr emanzipiertes Auftreten und ihre
politische Orientierung nach Westen. »Mit Eleganz und
Ellenbogen« verkörpere sie, wie Fredy Gsteiger in der
ZEIT (24.9.1993) schrieb, »den (längst nicht gewonnenen!)
Siegeszug der städtischen, fortschrittlichen,
internationalistischen über die ländliche, rückständige
und religiöse Türkei«. Unbeabsichtigt dürfte
Gsteiger damit genau die Gründe genannt haben, aus denen sich
viele auf dem Lande oder in den Vorstädten Ankaras und
Istanbuls lebende, nicht zur eleganten, wohlhabenden Oberschicht
zählende, nach wie vor religiös orientierte Türken
und Türkinnen durch die politische Klasse, der Çiller
angehört, nicht repräsentiert sehen und im Islam eine
Alternative suchen.
[#16]
2. »Fanatisierte Frauenmassen«
und »Unterjochte des Patriarchats«
Seit uns
der »geheimnisvolle Orient« einerseits als politischer
Faktor und ökonomische Konkurrenzmacht nahegerückt ist und
sich andererseits Millionen ArbeitsmigrantInnen aus den ärmeren
islamischen Ländern in Westeuropa niedergelassen haben,
bestimmt nicht mehr die verführerische Haremsdame unser
Vorstellungsbild von den Frauen islamischer Länder. An
ihre Stelle sind die zu Irrationalität und Gewaltausbrüchen
tendierenden Fanatikerinnen und die unterdrückten
»Kopftuchtürkinnen« getreten. Mit der Revolution im
Iran hat sich das Bild von der Orientalin gewandelt. Galt sie bis
dahin als passiv, duldsam und weitab vom politischen Geschehen,
versetzten Fernsehbilder von schwarz verhüllten »Frauenmassen«
bei Demonstrationen in Teheran die westlichen Zuschauer in Angst und
Schrecken. Durch äußere Umstände aus ihrer Apathie
und ihrem Fatalismus gerissen, versuchte man dieses Geschehen zu
erklären, steigert sich die Muslima direkt in fanatische
Ausbrüche. Wenn es um »den Islam« als finstere
Gegenwelt zum »freien Westen« geht, eignen sich seitdem
Aufmärsche verschleierter, Khomeini-Bilder schwenkender
Gestalten, möglichst mit Maschinengewehren und Transparenten,
offenbar ganz besonders gut, um bestimmte Emotionen auszulösen.
So illustriert die Zeitschrift TANGO ihre Titelstory »ISLAM –
Fundamentalisten – GEFAHR für uns alle?« auf dem
Heftumschlag u.a. mit dem Foto von schreienden, erregt
gestikulierenden Iranerinnen im Tschador.
Sie symbolisieren den Vormarsch einer düsteren, militanten
Religion bis in unsere Städte.
Im
Kielwasser des Bestsellererfolges von Mahmoodys »Nicht ohne
meine Tochter« (1990) sind auf dem deutschen Markt zahlreiche
Veröffentlichungen über das Los von Frauen in islamischen
Ländern und von muslimischen Migrantinnen in Europa
erschienen. Die Betrachtungsperspektive dieser Publikationen wird
bereits aus der Verlagswerbung deutlich, etwa wenn es in
Klappentexten zu Erzählungen und Romanen moderner arabischer
Schriftstellerinnen der Edition Orient von Klischees über das
Frausein in der arabisch/muslimischen Welt nur so wimmelt: »ein
Frauenschicksal im Islam«, »der bekannte minderwertige
Status eines Mädchens«, »die in der muslimischen
Kultur üblichen Einschränkungen und Verbote«, »eine
Frau, die sich [#17] gegen die unterdrückerischen kulturellen
Zwänge des Islams erhebt« usf. Bei den Büchern
handelt es sich teils um Selbstdarstellungen (z.B. »Araberinnen
über sich selbst«, herausgegeben von Margot Badran u.
Miriam Cooke 1992, »Im Bann der High-Tech-Harems« von
Hanan al-Shayk 1991 oder »Zerrissener Schleier« von Many
Shirazy 1992), teils um Berichte westlicher Expertinnen mit
wissenschaftlichem Anspruch (z.B. »Verschleiert« von
Juliette Minces 1992, Cheryl Benards u. Edit Schlaffers 1992
publizierter Bericht über »Das Gewissen der Männer«
oder ein von Alice Schwarzer 1992 herausgegebener Sammelband zum
Thema »Krieg« gegen die Frauen), teils um
Tatsachenberichte (z.B. »Die gesteinigte Frau« von
Freidoune Sahebjam 1992) oder um Romane («Die Nacht der
Unschuld« (1991) und »Mit gesenktem Blick« (1992)
von Tahar Ben Jelloun). Dabei schrecken selbst renommierte Verlage
nicht vor Veröffentlichungen auf billigstem
Heftchenroman-Niveau zurück, wofür die bei Fischer
erschienenen Phantasien eines deutschen Nachwuchs-Poeten über
die »leidenschaftliche Rebellion« einer jungen an den
Rollstuhl gefesselten Türkin gegen »das Joch
patriarchalisch geprägten Familienlebens«
erwähnt seien: Die »hübsche Fatima« ist
gelähmt, seit sie auf der Flucht vor ihrem Vater, der sie nach
einem heimlichen Abend in der Diskothek verprügeln wollte, von
einem Auto angefahren wurde. Doch ein junger deutscher Nachbar, in
den sie sich verliebt, wird zu ihrem Retter aus dem
traditionell-brutalen Elternhaus (einschließlich
Vergewaltigung durch einen Freund ihres Macho-Bruders). Und
natürlich ist es ein deutscher Arzt, der sie schließlich
durch eine Operation wieder gesund macht. Das von einer
US-Amerikanerin verfaßte Opus »Ich, Prinzessin aus dem
Hause Al-Saud – Ein Leben hinter tausend Schleiern«
(Sasson 1992) wurde binnen zehn Tagen nach Erscheinen
fünfzigtausendmal verkauft. Dazu die Leiterin der
Bertelsmann-Presseabteilung: »Ein aufregendes Schleier-Buch
ist wie sechs Richtige mit Superzahl.«
Auch
Mädchenbücher wollen über das beklagenswerte Los
muslimischer »Gastarbeiter«-Töchter aufklären,
z.B. durch die Geschichte der jungen Algerierin Aischa, die mit
ihrem frommen, von den Anforderungen einer modernen Gesellschaft
überforderten Vater, der dicken, verschlampten, kaum je die
Wohnung verlassenden Mutter und zwei Brüdern, von denen der
eine ein fanatischer Khomeiny-Anhänger, der andere ein
charmanter Tunichtgut ist, in Paris aufwächst. Im Gymnasium,
das sie nach Fürsprache ihrer französischen Lehrerin
besuchen darf, lernt Aischa eine andere, »zivilisierte«
Lebensart und aufgeklärte, schöne, heitere Menschen
kennen. Als sie nach Entdeckung ihrer Freundschaft mit einem
Vietnamesen in [#18] Algerien zwangsverheiratet werden soll, »sieht
sie ein, daß ihr einziger Ausweg im völligen Bruch mit
ihrer bisherigen Kultur und Gesellschaft besteht«.
In Romanen und Tatsachenberichten, in Mädchenbüchern und
sozialwissenschaftlichen Analysen wird uns das elende
Schicksal von Frauen in der »orientalischen Despotie« –
so der Untertitel der Reportagen von Benard/Schlaffer (1992) –
vor Augen geführt.
In islamischen Ländern, läßt sich ihr Inhalt
zusammenfassen, ist das Leben für Frauen entsetzlich. Sie
werden eingesperrt, verachtet, mißhandelt; jeder Versuch, sich
gegen die paranoide Willkür und Gewalttätigkeit der Männer
aufzulehnen, wird mit brutalen Repressionen erstickt. Wie ist es
möglich, fragt sich die deutsche Leserin solcher Bücher,
daß Frauen das mit sich geschehen lassen (müssen). Sie
tun uns leid, und wir überlegen, wie ihnen
geholfen werden kann. Aber gleichzeitig erscheinen sie uns
auch sehr fremd und unheimlich, wenn sie Kopftuch oder Schleier
tragen oder gar öffentlich für islamische Werte und
Verhaltensformen eintreten.
Das durch
Romane, Sachbücher und Medien verbreitete Bild der
unterdrückten Muslimin beeinflußt unsere
Vorstellung vom Leben »der Iranerin«, »der
Saudi-Araberin« oder »der Algerierin«, vor allem
aber auch das Verhältnis zu Migrantinnen aus der Türkei
und anderen islamischen Ländern. Diesen fehlt das Flair
der geheimnisumwitterten Exotin; und schon gar nicht vermögen
sie uns als emanzipierte Erfolgsfrauen zu imponieren. Statt
dessen sehen wir in ihnen fast asexuelle Arbeitskräfte,
die sich willig zu den niedrigsten, am schlechtesten bezahlten
Arbeiten (Putzfrau, Fließbandarbeiterin in der
Leichtlohngruppe) heranziehen lassen, unermüdlich für die
Familie und den Traum von der Rückkehr in die Heimat schuftend,
immer mit dem obligatorischen Kopftuch und in phantasievoll
zusammengestellter Kleidung. »Kopftuchtürkinnen«
rangieren auf der Skala sozialer Anerkennung irgendwo ganz unten und
gelten zugleich als bedauernswerte Wesen, die in der Fremde, in die
sie ihr Mann meistens mitzukommen gezwungen hat, leiden und die zu
ihrer neuen Umgebung keinen Zugang finden. In »Die verkauften
Bräute«, einer der frühesten und bis heute immer
wieder [#19] als wegweisend gewürdigten deutschsprachigen
Studien über türkische »Gastarbeiterinnen«
(Baumgartner-Karabak/Landesberger 1978) häufen sich die
Klischeebilder bereits in Susanne von Paczenskys Vorwort: Betont
wird das Auffällige dieser Frauen »in Kleidung, Sprache
und Gebaren«. In der Öffentlichkeit nicht mehr als
»sprachlose Kulisse«, charakterisiert Paczensky sie »als
unverdauliche Fremdkörper … in unseren Städten«,
wobei Kopftuch und geblümte Hosen maßgeblich zur
»Aussonderung« beitragen. Es sei »kein Wunder, daß
sie Vorurteile auslösen«, stehen sie doch »vermummt
beieinander, sprechen eine unverständliche Sprache, kochen
unbekannte Speisen« und verhalten sich überhaupt in einer
unsere Toleranz arg strapazierenden Weise (ebd., S. 7 f.).
Mittlerweile
sind die Veröffentlichungen über Probleme bei der
Integration von Türkinnen (und anderen Migrantinnen) kaum noch
zu überschauen. Darstellungen, in denen ihnen selbst so
offenherzig wie von Paczensky die Ursachen von Distanz und Ablehnung
seitens der deutschen Bevölkerung zugeschrieben werden, sind
eher selten geworden. Doch in der Grundtendenz, besonders was das
Leben muslimischer Mädchen und Frauen betrifft, hat sich wenig
geändert (vgl. Lutz 1991b, S. 15 ff.), etwa wenn 1990 ein
SPIEGEL-Bericht über die Lage von Türkinnen in der
Bundesrepublik unter dem Titel »Knüppel im Kreuz, Kind im
Bauch« ein finsteres Szenario vom »Mittelalter mitten in
Deutschland« ausmalt: Faustrecht, Mord und Totschlag »wie
im hintersten Anatolien oder im wilden Kurdistan«.
Doch selbst wo AutorInnen sich bemühen, die Situation in der
BRD lebender muslimischer MigrantInnen aus einer Lebensrealität
am unteren Rand der deutschen Gesellschaft zu erklären und mit
mehr Verständnis auf die türkisch-islamische Kultur
eingehen,
dürften ihre Berichte und Geschichten bei deutschen LeserInnen
selten einen anderen Eindruck hinterlassen als den, daß eine
[#20] Überwindung der Misere nur durch Übernahme
westlicher Werte und Lebensorientierungen möglich ist.
3. Frauen als Opfer der
Re-Islamisierung?
Politische
Bewegungen, die sich auf den Islam beziehen, werden aus westlicher
Sicht meistens als Protest von Armen und Ungebildeten wahrgenommen.
Deren Aufbegehren findet angesichts der sozialen Entwicklung in
vielen islamischen Ländern zwar ein gewisses
Verständnis, doch daß aus dem Islam eine ernst zu
nehmende Alternative entwickelt werden könnte, wird für
unmöglich gehalten. Der »Fundamentalismus«
führe zurück ins Mittelalter, heißt es. Mühsam
erreichte Fortschritte in Richtung Demokratie, Menschenrechte und
nicht zuletzt zur Emanzipation der Frau seien in vielen Regionen in
höchster Gefahr oder bereits wieder rückgängig
gemacht worden. Was also motiviert Frauen dazu, sich dieser Bewegung
anzuschließen und z.B. in Algerien für die FIS zu
stimmen? Oft wird behauptet, die weibliche Anhängerschaft der
»Fundamentalisten« rekrutiere sich aus den unteren, kaum
des Lesens und Schreibens kundigen Schichten. Sie seien durch die
Anforderungen der Moderne verunsichert, wüßten mit
Gleichberechtigung und Berufstätigkeit ohnehin nichts
anzufangen und klammerten sich statt dessen zunehmend wieder an
Religion und Traditionen. Aus westlicher Sicht reaktionär
anmutende Werte und Verhaltensnormen hätten für diese
Frauen nichts Abschreckendes, denn der Islam verspreche ihnen
Sicherheit und belaste sie mit weniger Verantwortung als die
Männer.
Zu diesem Erklärungsmodell paßt allerdings schlecht die
steigende Zahl »fundamentalistischer« Studentinnen und
Akademikerinnen in Algerien, Ägypten, der Türkei und in
vielen anderen islamischen Ländern. Viele von ihnen sind
politisch und gesellschaftlich aktiv und riskieren für ihre
Überzeugungen sogar massive Konflikte mit dem Staat, mit der
Universitätsleitung und [#21] mit KommilitonInnen.
Auf die Frage nach den Motiven dieser jungen, gebildeten Frauen aus
zum Teil relativ wohlhabenden Elternhäusern, sich den
»Fundamentalisten« anzuschließen, haben wir in der
Literatur im wesentlichen zwei Antworten gefunden: Entweder gelten
sie als naive, auf raffinierte Propagandastrategien hereingefallene
Dummchen, die nicht in der Lage sind, momentane Vergünstigungen
gegen die langfristigen Folgen ihres Tuns abzuwägen. Oder es
wird vermutet, sie würden sich nur aus pragmatischen Gründen
den islamischen Normen fügen, z.B. vor die Alternative
gestellt, entweder verschleiert oder gar nicht studieren zu dürfen.
Auch wenn
es durchaus diese Frauen geben mag, die ihre Situation nicht
überblicken oder sich mit Werten und Regeln, die sie eigentlich
ablehnen, zu arrangieren versuchen, scheint uns die Popularität
und Plausibilität beider Erklärungsmuster doch vor allem
darin begründet zu sein, daß sie die Überzeugung
nicht antasten, für intelligente, geistig unabhängige und
aufgeschlossene Frauen könne es im Islam unmöglich eine
Lebensperspektive geben. Dieses Bestreben, das eigene Weltbild gegen
noch so massive Irritationen im Gleichgewicht zu halten, finden wir
z.B. bei Sabine Kebir, die viele ihrer verschleierten Studentinnen
in Algerien als durchaus offen und wißbegierig erlebte und
deshalb davor warnt, Verschleierung grundsätzlich mit geistiger
Beschränktheit zu verwechseln. Doch statt daraufhin ihr eigenes
Vorstellungsbild vom Islam bzw. vom »Fundamentalismus«
zu überprüfen, beruhigt sie sich und ihre LeserInnen mit
der Feststellung, daß es zwar Frauen gebe, die sich aus
Überzeugung am Islam orientieren, bei den meisten »der
neue Hijab« jedoch nur »Tarnung für das wirkliche
Leben sei: man hat die Eltern beruhigt, läuft unbescholtener
auf der Straße herum« (1992c, S. 176 f.), d.h.
Verschleierung ist eine Art Maskerade, um sich gegenüber der
Familie und in der Öffentlichkeit zu behaupten. Kein Grund also
zur Beunruhigung: Sie machen dasselbe wie deutsche Mädchen, die
im Gesichtsfeld ihrer biederen Eltern oder konservativen Arbeitgeber
nicht gerade ihre fetzigsten Klamotten anziehen.
Unübersehbar
ist die Re-Islamisierung keine reine Männersache. Was diese
Entwicklung für Frauen bedeutet, wird im Westen jedoch fast nur
aus der Perspektive ihrer GegnerInnen zur Kenntnis genommen.
Frauen aus [#22] islamischen Ländern, die in offener
Konfrontation zur Islamisierung von Politik und Gesellschaft stehen,
teilweise auch jene, die in einer Art Unterwanderungsstrategie eine
»Befreiungstheorie« auf religiöser Grundlage
anstreben, finden in deutschen/europäischen Medien und durch
Übersetzung ihrer Bücher eine gewisse Resonanz. Sehr
selten kommen dagegen Frauen zu Wort, die ihre Hoffnungen auf eine
islamische Gesellschaftsordnung setzen. Khalil Abied zitiert in
einem Artikel, in dem es um die Frage »Weshalb greifen Frauen
zum Schleier?« geht, eine junge ägyptische
Sozialwissenschaftlerin. Daß es ihr als Schülerin der
katholischen deutschen Schule in Kairo verboten war, ein Kopftuch zu
tragen, während sie von Nonnen unterrichtet wurde, hat ihr sehr
zu denken gegeben. Dagegen wisse sie die ihr vermittelte Bildung und
die Erweiterung ihres Horizontes durchaus zu schätzen. In einer
Imitation des Westens sieht sie keinen Weg, um die Rückständigkeit
und die Strukturkrisen islamischer Länder zu überwinden.
Die Gesellschaftsordnung, die sie sich wünscht, soll islamisch
sein, aber Frauen nicht aus der Öffentlichkeit und dem
Arbeitsleben ausschließen (taz v. 26.11.1991). In einer
WDR-Sendung werden ähnliche Vorstellungen einer algerischen
Mathematiklehrerin referiert. Doch statt sich, wie es zu erwarten
wäre, mit ihren zum Teil auch in westlichen feministischen
Kreisen vertretenen Ansichten und Forderungen auseinanderzusetzen,
weist die Autorin der Sendung diese als fundamentalistisch
manipuliert und damit als indiskutabel zurück (Heenen-Wolff
1992, S. 9). Dazu paßt, daß im Westen, worauf Elizabeth
Warnock Fernea aufmerksam macht, fast nichts über die
Geschichte der islamischen Frauenbewegung bekannt ist. Während
z.B. die ägyptische Frauenrechtlerin Huda al-Sharawi und ihre
Mitstreiterin Seza Nabarawi international als Kämpferinnen
gegen den Schleier prominent geworden sind, finden Zaynab al-Ghazali
und die von ihr begründete islamische Frauenvereinigung kaum
Beachtung, von einer fundierten Auseinandersetzung mit ihren Ideen
und Zielen ganz zu schweigen.
Eine
offene Herangehensweise würde zeigen, daß es »den
Fundamentalismus« als Gegenpol zu einer Weltanschauung, in der
Frauen das Recht auf Bildung, Berufstätigkeit und politische
Partizipation haben, gar nicht gibt. Vielmehr fächert sich die
vermeintlich homogene, ja angeblich seit Jahrhunderten
orthodox-starr festgelegte Einstellung von als »fundamentalistisch«
etikettierten Strömungen, Gruppen und Personen zur
gesellschaftlichen Rolle von Frauen und Männern bei näherer
Betrachtung in eine von den KritikerInnen weitgehend ignorierte
Heterogenität auf. Jene dem Klischee- [#23] bild entsprechenden
Männer, die Frauen vom öffentlichen Leben und aus der
Arbeitswelt ausschließen möchten, gibt es zweifellos nach
wie vor. Najib Ghadbian bezeichnet diese für die frühen
Islamisten charakteristische Haltung in einem Essay als konservativ
(1995, S. 25 f.). Frauen waren (und sind) aus dieser Sichtweise
ausschließlich oder zumindest in erster Linie Ehefrauen und
Mütter, und deren bester, ihrem Wesen und ihren Bedürfnissen
angemessener Platz, heißt es, sei zuhause; Erfüllung
fänden sie in der Sorge um das Wohl der Familie, insbesondere
in der Kindererziehung. Die Berufstätigkeit von Frauen wird in
einer strikt nach Geschlechtern getrennten Gesellschaft allenfalls
in einigen medizinischen und pädagogischen Bereichen
akzeptiert, politische Aktivitäten dagegen als unweiblich und
Unruhe stiftend abgelehnt. Frauen, die diese Einstellung teilen,
treten öffentlich nicht in Erscheinung. Menschen, nicht nur
Männer, die in der »Frauenfrage« konservative
Positionen vertreten, finden sich, wenn auch mit unterschiedlicher
politischer Macht und öffentlicher Resonanz, bis heute in allen
islamischen Ländern. Allerdings dürften nur noch
wenige Muslimbrüder Frauen das Wahlrecht bestreiten.
Ironischerweise, meint Ghadbian, sei unter
konservativ-islamistischen Männern und Frauen gerade wegen des
normativen Respekts vor Frauen die Sensibilität für
geschlechtsbedingte Unterdrückung in der Gesellschaft
zurückgeblieben. Als typisch bezeichnet er die Neigung,
derartige Fragen zu individualisieren, d.h. mit »Meine Frau
ist glücklich« oder: »Ich schlage meine Tochter
nicht« zu beantworten, vor der Tatsache, daß es unter
Muslimen durchaus Gewalt in der Familie gibt, jedoch die Augen zu
verschließen.
In einer
Gegenüberstellung zu dem von Cheryl Benard und Edit Schlaffer
ausgemalten Schauergemälde vom Leben der »muslimischen
Frau«
analysiert Mona Naggar das Bild der »westlichen Frau« in
Mustafa as-Siba’is »Die Frau zwischen islamischer
Gesetzgebung und Gesetz«.
Siba’i, den auch Ghadbian als einen führenden Vertreter
der konservativen Richtung erwähnt, war Begründer der
syrischen Muslimbruderschaft und Professor für
Rechtswissenschaft. Das Buch ging aus einer Vorlesungsreihe im
Studienjahr 1961/62 an der Universität Damaskus hervor; es
wurde mehrfach wieder aufgelegt. Siba’i, der, wie Nagar
schreibt, Frauen von der Politik ausschließen möchte,
Berufstätigkeit nur in Ausnahmefällen für akzeptabel
hält und Bildung zwar befürwortet, für Frauen jedoch
andere, ihre Aufgaben im Haus und als Mutter berücksichtigende
Inhalte vorsieht, sieht in der Gleichberechtigung einen »Irrweg«.
Sie schade sowohl der Frau als auch der Gesellschaft [#24] (1994, S.
215 ff.). Trotz unterschiedlicher Prämissen und Zielsetzungen
findet Nagar verblüffende Parallelen zwischen Siba’i und
Benard/Schlaffer: Während die eigene Kultur mit Stolz und
Selbstzufriedenheit betrachtet werde, gelte die jeweils andere als
»krank«. Und in beiden Fällen entsprächen die
Selbstbilder in keiner Weise dem Fremdbild. Hier wie dort finde sich
nicht das geringste Bemühen um Objektivität bei der
Darstellung der anderen Kultur. Vielmehr scheine es beiden nur darum
zu gehen, die eigene durch Abwertung der fremden Kultur zu
profilieren (ebd., S. 219 f.). So plausibel solche
Parallelisierungen auf den ersten Blick auch anmuten, erweisen sie
sich bei näherem Hinsehen doch als fragwürdig. Siba’is
Buch ist vor über dreißig Jahren erschienen, also zu
einer Zeit, als auch im Westen noch anders als heute über die
Stellung der Frau gedacht wurde, zumal z.B. in
konservativ-katholischen Kreisen. Zudem bleibt der soziale und
weltanschauliche Kontext beider Publikationen unberücksichtigt.
Ist es wirklich so, daß sich die beiden »Feindbilder«
spiegelbildlich entsprechen? Während westliche LeserInnen die
Position von Benard/Schlaffer wohl einordnen können, dürften
die meisten dazu hinsichtlich der Position von Siba’i nicht in
der Lage sein.
Wichtiger
ist aber Nagars Einschätzung der Position Siba’is als bis
in die Gegenwart repräsentativ für die Haltung der
Islamisten zur Frauenfrage.
Ihre Ausführungen erwecken den Eindruck, es gebe nur diese eine
Denkrichtung. Dagegen behauptet Ghadbian, es habe schon früh
auch andere Meinungen gegeben. Als Beispiel nennt er Hasan al Banna,
den Begründer der Muslimbruderschaft, der eng mit Zaynab
al-Ghazali zusammenarbeitete.
Seit den siebziger Jahren sieht er eine »reformerische«
Strömung zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Vertreter dieser Richtung seien zu der Ansicht gelangt, daß
die Beteiligung der Frauen an allen politischen Angelegenheiten mit
dem Islam vereinbar sei, daß der Islam keine strikte
Geschlechtertrennung vorschreibe und daß vieles in der
konservativen Position mehr auf Traditionen basiere als auf
religiösen Prinzipien. Die sudanesischen und tunesischen
Islamisten wären daraufhin als erste bereit gewesen, ihre
Organisationen für Frauen zu öffnen. Wachsende politische
[#25] Bedeutung der islamistischen Gruppen und Parteien hätten
in den 80er Jahren dann auch grundlegende konzeptionelle Reflexionen
ausgelöst, in denen es u.a. um die Stellung der Frau gegangen
sei. Der berühmte Gelehrte Muhammad al-Ghazali beispielsweise
habe mit seiner Neuinterpretation von Koransuren und Hadithen, auf
die sich die Konservativen beziehen, wenn sie die Frauen von
Machtpositionen auszuschließen versuchen, heftige Debatten
ausgelöst.
Gegenwärtig, betont Ghadbian, seien alle drei Positionen zur
Geschlechterfrage unter den Islamisten, z.B. unter den
FIS-Mitgliedern und -Anhängern, vertreten, was auf
Außenstehende meistens verwirrend wirke. Die aktive
Beteiligung von Frauen in den höchsten Gremien sei nach wie vor
gering, doch entwickele eine Frauenbewegung zunehmend Schwung und
Durchsetzungskraft. Von den aktiven, organisierten Frauen werde die
konservative Einstellung vieler Männer durchaus kritisiert
(ebd., S. 30 f.). Darin sieht Ghadbian wichtige Schritte in eine
zukunftsweisende Entwicklung für Frauen und Männer in der
islamischen Welt. Sein keineswegs apologetischer
Artikel zeigt, wie wichtig es ist, die verschiedenen Strömungen
und ihre RepräsentantInnen, die unterschiedlichen Entwicklungen
in islamischen Ländern und die dort geführten
Debatten zur Kenntnis zu nehmen, statt alles mit dem Etikett
»Fundamentalismus« zu versehen.
Wir
werden im folgenden noch näher darauf eingehen, daß die
Rückbesinnung auf islamische Werte und Lebensvorstellungen
keineswegs automatisch mit einer Verbannung der Frauen aus der
Berufswelt und dem öffentlichen Leben gleichzusetzen ist. Die
aus der Geschichte der westlichen Industriestaaten abgeleitete
Vorstellung, jede Verbindung von Religion und gesellschaftlichen
Normen sei gleichbedeutend mit einer reaktionären, Frauen auf
ihre Funktionen in Küche, Kinderstube und Kirche reduzierenden
Einstellung, stimmt mit der Realität in anderen
historisch-kulturellen Zusammenhängen offensichtlich nicht ohne
weiteres überein. Gerade weil aus dem Koran Geringschätzung
und Unterdrückung der Frau keineswegs in der vielfach
behaupteten (und in zahlreichen islamischen Ländern bzw.
in muslimischen »Gastarbeiter«-Milieus tatsächlich
praktizierten) Weise zu begründen sind, fragen MuslimInnen,
auch »FundamentalistInnen«, zunehmend, weshalb Frauen de
facto so oft ihre persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten
und Rechte vorenthalten bleiben. Warum werden Mädchen am Besuch
von Schulen und Hochschulen gehindert, obwohl Erziehung und Bildung
im Koran für Frau und Mann eine gleichermaßen zentrale
Rolle [#26] spielen? Die Suche nach Antworten auf solche Fragen
führt rasch zu traditionsbedingten Vorbehalten gegenüber
gebildeten und dann womöglich aufmüpfigen Frauen, vor
allem jedoch zu sozioökonomischen Ursachen.
Wie ausschlaggebend nicht in der Religion begründete Faktoren
sind, zeigt sich im rapiden Anstieg des Bildungsniveaus von Frauen
in den wohlhabenderen Staaten des Nahen Ostens. Fast überall
gibt es, wie selbst Mernissi und andere Islam-KritikerInnen immer
wieder betonen, in zunehmender Zahl Lehrerinnen, Ärztinnen,
Anwältinnen, Ingenieurinnen usw. Und das nicht etwa trotz
kultureller Prägung durch den Islam, sondern, sichtbar an der
Attraktivität religiöser Gruppierungen für
Akademikerinnen und Studentinnen, durchaus auf der Grundlage eines
(wenn auch nicht nach westlichem Vorbild) modernen, »aufgeklärten«
Islam.
Wie wenig
das Stereotyp in der Realität zutrifft, »der Islam«
lege Frauen auf eine abhängige, dienende Rolle fest, wird
schließlich aus Analysen türkisch-islamischer
Frauenzeitschriften deutlich. Offenbar zu ihrer eigenen Überraschung
stellt Yesim Arat fest, daß hier »trotz konservativer
Ideologie« sowohl den Angestellten wie auch den Leserinnen
gewisse Möglichkeiten eröffnet werden, »aus dem
Familienleben herauszukommen« und eine eigene Identität
zu finden. Die von ihr ausgewertete Zeitschrift ermuntere dazu, neue
Kontakte zu knüpfen, neue Fähigkeiten zu entwickeln sowie
sich für die eigenen Rechte einzusetzen (1991, S. 100). Ähnlich
konstatiert Feride Acar, die der Frage nachgeht, »Was die
islamische Bewegung für Frauen so anziehend macht«, für
eine andere Frauenzeitschrift, daß diese einerseits die
radikalste islamische Linie vertrete, andererseits aber zu
außerhäuslichen Aktivitäten einen »höchst
fortschrittlichen islamischen Standpunkt« einnehme (1991, S.
78 f.). Wenn solche Zeitschriften den Horizont und die
Freiheitsspielräume ihrer Leserinnen erweitern, geschieht dies
nach Auffassung von Acar und Arat jedoch unbeabsichtigt, eher hinter
dem Rücken der HerausgeberInnen. Deshalb sehen sie keinen
Anlaß, ihre negative Einstellung zur islamischen Bewegung zu
überdenken und bleiben bei ihrer Überzeugung, Frauen
hätten von einer islamisch orientierten Gesellschaftsordnung
nichts Gutes zu erwarten. Beide Autorinnen hoffen vielmehr, daß
die von den Herausgeberinnen nicht intendierten Aufklärungseffekte
isla- [#27] mischer Frauenzeitschriften dazu beitragen, ihren
Leserinnen die »Grenzen der islamischen Ideologie«
klarzumachen, worauf diese dann »die Werte, die sie bei ihrem
Engagement für die islamischen Werte entwickelt haben, für
befreiende Ziele einsetzen« könnten (Arat 1991, S. 105).
Selbstverständlich
gehen wir nicht davon aus, daß es unter den Schleier- und
Kopftuchträgerinnen nur intellektuelle und beruflich
ambitionierte, politisch engagierte und mit feministischen Ideen
sympathisierende Frauen gibt. Die sozialen Verhältnisse
erlauben es den meisten Frauen in islamischen Ländern
gar nicht, ein dafür grundlegendes Bildungsniveau und Freiräume
für individuelle Wahlmöglichkeiten zu erreichen. Mehr oder
weniger zufrieden folgen sie statt dessen der herkömmlichen
Lebensweise und versuchen, sich mit den Traditionen ebenso wie mit
den »Segnungen der Moderne« zu arrangieren. Es gibt
unter ihnen durchaus auch jene das westliche Vorstellungsbild
prägenden Verfechterinnen weiblicher Unwissenheit und
Unterordnung, die auf diese Weise ihre eigene Misere zum Inbegriff
eines gottgefälligen Lebens uminterpretieren. Doch läßt
sich allein aus der Bekleidung – und darauf kommt es uns hier
an – nicht auf die Einstellung zu Bildung und Berufstätigkeit,
auf die Beziehung zum Vater oder zum Ehemann, auf die politische
Orientierung usw. schließen.
4. »Fundamentalismus« –
eine Interpretationsschablone
»Fundamentalisten« nutzen Armut und
Unwissenheit aus
Den
politischen und religiösen Anführern der
»Fundamentalisten« wird vorgeworfen, die Verelendung und
Unwissenheit großer Bevölkerungsteile raffiniert zur
Durchsetzung eigener finsterer Absichten auszunutzen. Nahezu
unbegrenzte finanzielle Mittel zweifelhafter Herkunft, heißt
es immer wieder, hätten es ihnen ermöglicht, die von
Wohlstand und Fortschritt ausgeschlossenen Bevölkerungsschichten
zu bestechen und zu manipulieren. In der Türkei soll es sich um
eine »straff organisierte, aus Saudi-Arabien finanzierte
Kampagne zur Einschüchterung der Frauen« handeln.
Auch die Wahlerfolge der Islamischen Heilsfront (FIS) in Algerien
Anfang der 90er Jahre wurden mit den internationalen Verflechtungen
islamischer Fanatiker und enormen Geldsummen aus dubiosen Quellen zu
erklären versucht. Finanzielle Zuwendungen von außen
hätten es ihr erlaubt, im ganzen Land ein auch Frauen zugute
kommendes soziales Netz aufzubauen. Die FIS war in der Lage, Frauen
»islamische« Kleidung zu schenken, ihnen eine
Schulausbildung zu ermöglichen oder Arbeit zu verschaffen, sie
durch Kredite zu unterstützen etc. Den traditionellen (meist
arabisch sprechenden) Frauen, [#28] die bisher fast rechtlos gewesen
seien und kaum das Haus verlassen durften, eröffneten sich
durch die FIS-Aktivitäten neue Bewegungsfreiheiten sowie das
Recht, zu studieren und zu arbeiten. Plötzlich werde ihrer
Bildung und Arbeit sogar eine hohe Bedeutung für die
Gemeinschaft beigemessen. Und das, müssen westliche
Feministinnen konzedieren, sei mehr, als der Staat oder die Linke
ihnen je bieten konnten.
Doch auch
Darstellungen, in denen positive Elemente der Re-Islamisierung für
Frauen bisher benachteiligter Schichten erwähnt werden, enden
in der Regel mit scharfen Attacken gegen die Frauenfeindlichkeit der
»Fundamentalisten«. Von ihnen erreichte oder angestrebte
Verbesserungen im Sozial-, Schul- und Arbeitsbereich gelten nämlich
als Teil einer üblen Manipulationsstrategie. Kämen die
»Fundamentalisten« an die Macht, prognostiziert z.B.
Bettina Flitner in ihrem Bericht über die Situation algerischer
Frauen, würde man(n) die neuen Rechte und Freiheiten sofort
wieder einkassieren. Den Optimismus der FIS-Anhängerinnen, in
einer islamisch orientierten Gesellschaft eigene Bedürfnisse
und Interessen durchsetzen und konstruktiv an gesellschaftlichen
Reformen mitwirken zu können, hält sie daher für
einfältig.
Manche AutorInnen gehen so weit, von einer alle sonstigen
Unterschiede nach sozialer Lage, politischer Orientierung etc.
übergreifenden Verschwörung des Patriarchats zu sprechen,
bis hin zur Behauptung eines (international vernetzten)
chauvinistischen Komplotts von »Fundamentalisten« und
Linken.
Andere weigern sich strikt, etwas anderes als Machenschaften einer
reaktionären Kommandozentrale (ansässig im Iran, in
Saudi-Arabien oder dem Sudan), die ihre Agenten und Söldner mit
Geld und Waffen in alle Regionen der islamischen Welt
schickt, auch nur als Denkmöglichkeit in Betracht zu ziehen.
Doch wenn Intellektuelle wie die algerische Feministin Khalida
Messaoudi »die Fundamentalisten« als »Fremde in
diesem Land« auffordert, nach Saudi-Arabien, wo sie
hergekommen seien, zurückzukehren,
so spricht das für eine bemerkenswerte Blindheit [#29]
angesichts der realen politischen Situation und zeigt vor allem, wie
weit sich westlich orientierte Linke und Feministinnen in
islamischen Ländern oft von der Lebenswirklichkeit und
den politischen Zielvorstellungen der Bevölkerungsmehrheit
entfernt haben.
»Fundamentalisten« verdrängen
Frauen aus der Arbeitswelt sowie aus dem öffentlichen Leben
Machtinteressen
und Ressentiments der Männer, behaupten die
»Fundamentalismus«-KritikerInnen, würden durch den
Islam bestätigt und legitimiert; er liefere das ideologische
Rüstzeug, um Frauen aus der Arbeitswelt auszuschließen,
d.h. sich unliebsame Konkurrenz vom Hals zu halten – und das
alles mit dem Gütesiegel göttlicher Gebote. Diese
verhängnisvolle Allianz von Religion und Männermacht
hätten viele Frauen immer noch nicht durchschaut. Wo sich
dennoch Widerstand rege, ließe sich dieser leicht als Verstoß
gegen die gottgewollte Ordnung diskreditieren. Manche AutorInnen
betonen zusätzlich eine »tiefenpsychologische«
Komponente, wonach eine »sexuelle Deformation«
islamische Männer dazu treiben soll, Frauen unter den Schleier
zu zwingen und aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Die
marokkanische Soziologin Fatema Mernissi sieht die
»Fundamentalisten« von Haß auf »die
Algerierinnen« besessen, einem Haß, der daraus
resultiere, daß es Frauen »trotz der großen
Arbeitslosigkeit gelungen sei, jeden dritten Platz in den Schulen
und Universitäten als Lehrerinnen oder Professorinnen zu
besetzen«.
Doch ihre von vielen Feministinnen geteilte Feststellung: »Das
weibliche Individuum und sein Recht auf freie Meinungsäußerung,
auf Bildung und auf Selbstbestimmung bringt die Herrschaftsordnung
der Chefs im muselmanischen Mittelmeerraum durcheinander«
(EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 12), greift nach unserer Ansicht zu
kurz.
Unbestreitbar
gibt es in Algerien und anderen islamischen Ländern
viele Frauen, die vergeblich eine Arbeit suchen, und das nicht nur
wegen der allgemeinen Beschäftigungslage, sondern auch, weil
Männer auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt werden. Ebenso trifft es
zu, daß immer wieder versucht wird, Frauen mit einer religiös
verbrämten Phraseologie aus der Arbeitswelt und dem
öffentlichen Leben zu verdrängen. Trotzdem, meinen wir,
muß die Bewertung von Berufschancen für Frauen stets die
reale Arbeitsmarktsituation und die – selbstverständlich
keinesfalls als »natürlich« hinzunehmende –
Tatsache berücksichtigen, daß Frauen bei hoher Arbeits-
[#30] losigkeit auch in nicht-islamischen Ländern zuerst
entlassen und zuletzt eingestellt werden. Was in der
Berichterstattung als frauenfeindliche Strategie »islamischer
Fundamentalisten« angeprangert wird, erscheint bereits in
einem anderen Licht, wenn wir uns die Situation deutscher Frauen
nach 1945 vor Augen halten. Auch sie wurden damals wieder aus dem
Arbeitsleben und aus der Politik verdrängt (vgl. Lutz 1989, S.
62). Bei jedem Konjunktureinbruch, der die Arbeitslosenzahlen
emporschnellen läßt, wird prompt laut über die Moral
von »Doppelverdienerinnen« nachgedacht, und es gelingt
jedesmal binnen kurzem, überproportional viele Frauen aus dem
Arbeitsprozeß herauszudrängen. Nach wie vor sind sie in
der BRD wie in anderen westlichen Industrieländern von
Arbeitslosigkeit stets stärker betroffen als Männer. Oder
handelt es sich etwa um ein Komplott islamischer Fundamentalisten,
wenn gegenwärtig in der Ex-DDR die Arbeitswelt so »umgestaltet«
wird, daß Millionen Frauen ihren Job verlieren? Schließlich
werden Frauen, die in westlichen Ländern den Aufstieg in
gehobene Positionen geschafft haben, immer wieder zur Zielscheibe
chauvinistischer Attacken und selbst in liberal-fortschrittlichen
Kreisen oft als mehr oder weniger geduldete Eindringlinge behandelt.
Wir sehen in der Benachteiligung von Frauen im Bildungswesen und
Berufsleben deshalb weniger eine islamische Besonderheit als ein
weltweit verbreitetes, typisch männliches Verhaltensmuster in
patriarchalisch strukturierten Gesellschaften. Allein den
»islamischen Fundamentalisten« die Schuld dafür
zuzuschieben, daß Frauen gar nicht oder nur einige Jahre zur
Schule gehen und keine Arbeit finden, trübt vielmehr den Blick
für sozialstrukturelle Zusammenhänge und die eigentlichen
Ursachen.
Hinzu
kommt, daß Mernissi und andere vor allem die Verdrängung
aus hochqualifizierten Berufen (Lehrerinnen, Anwältinnen,
Dozentinnen usw.) sehen, dabei aber nicht hinreichend
berücksichtigen, daß Attacken der »Fundamentalisten«
sich auch, oft sogar primär, gegen den westlich orientierten
Lebensstil dieser Frauen und die von ihnen repräsentierten
Werte richten. Weniger weil sie Frauen sind, sondern als Angehörige
der »verwestlichten Elite« haben nach unserem Eindruck
beispielsweise zwei Journalistinnen, über die Bettina Flitner
in ihrer Algerien-Reportage berichtet, berufliche Schwierigkeiten.
Mernissi und andere KritikerInnen bringen zudem ständig das,
was »Fundamentalisten« planen, fordern oder tun, mit
staatlichen Maßnahmen durcheinander – gerade als seien
überall die »Fundamentalisten« und nicht mehr oder
weniger säkular orientierte, dem Islam überwiegend nur
noch durch Einhaltung bestimmter Konventionen und Rituale verbundene
Regierungen an der Macht, Regierungen, die mehrheitlich nicht
demokratisch legitimiert sind, wohl aber mit dem von [#31] Memissi
so verehrten »freien Westen« alliiert, wenn nicht sogar
von US-amerikanischer oder europäischer Duldung und
finanzieller Unterstützung abhängig. Maßnahmen zur
Verbesserung der rechtlichen Situation der einfachen Frauen und zu
deren Befreiung aus Armut und Unwissenheit waren bisher
offensichtlich nicht gerade Hauptanliegen dieser einheimischen
»Eliten« und ihrer Verbündeten. Politische und
soziale Strömungen, die aus dem Islam heraus eine Alternative
zu entwickeln versuchen, sind schließlich entgegen dem
Eindruck, den Mernissi und andere KritikerInnen erwecken, in ihren
gesellschaftlichen Zielvorstellungen, also auch hinsichtlich der
»Frauenfrage«, durchaus nicht alle einer Meinung. Eine
kritische Auseinandersetzung mit Positionen der FIS oder anderer
islamischer Gruppierungen und Parteien zur Berufstätigkeit von
Frauen müßte diese Heterogenität berücksichtigen.
Die Behauptung psychosexueller Deformationen oder pauschale
Unterstellungen von Haßgefühlen gegenüber allen
Frauen, die es beruflich zu etwas gebracht haben, führt da mit
Sicherheit nicht weiter.
5. Wie sie sind – wie wir sie
sehen
Das
islamische Verständnis der Geschlechterbeziehungen stellt sich
aus westlicher Sicht als Ausdruck einer Männer extrem
begünstigenden Doppelmoral dar (vgl. Bliss 1986, S. 18).
Segregation, Schleier und Kopftuch gelten nach unseren
Maßstäben als Mittel, Frauen aus dem öffentlichen
Leben zu verbannen und an einer freien Entfaltung ihrer
Persönlichkeit zu hindern. Und die »Fundamentalisten«,
heißt es, seien erschreckend erfolgreich in ihren
Bestrebungen, während der letzten Jahrzehnte erreichte
Emanzipationsschritte wieder rückgängig zu machen.
Geschlechtertrennung als Strukturmerkmal
islamischer Gesellschaften
Die
räumliche Trennung der Geschlechter ist eines der prägendsten
Strukturmerkmale islamisch geprägter Gesellschaften. Im
traditionellen Baustil errichtete Häuser weisen stets
gesonderte Bereiche für Frauen und Männer auf, seien es
eigene Gebäude, Gebäudeteile, Zimmer oder, bei armen
Familien, auch nur Zonen innerhalb eines Raumes.
Der Innenbereich des Hauses (mit Ausnahme der Räume , in denen
der Mann Besucher empfängt) ist Domäne der Frauen; er ist
haram, d.h. geschützt, heilig, verboten. Einem Mann kann es
passieren, daß ihm der Zutritt zu seiner eigenen Wohnung
verwehrt bleibt, wenn seine Frau gerade Gäste hat. Halten sich
Männer (als Besucher, als Handwerker, Lieferanten usw.) in
einer fremden häuslichen [#32] Sphäre auf, haben sie sich
unauffällig und möglichst »unsichtbar« zu
verhalten. Nicht nur Frauen machen also die Erfahrung, an bestimmten
Orten unerwünscht zu sein. Dem Mann »gehört«
dagegen die Öffentlichkeit. Der Frau ist sie nur bei Einhaltung
bestimmter Spielregeln, z.B. Verschleierung, zugänglich.
Zu dieser
Skizze muß allerdings betont werden, daß es sich erstens
um ein Prinzip handelt und daß zweitens die mit Innen-Außen
oder Privat-Öffentlich verbundenen Konnotationen in islamischen
Gesellschaften andere sind als in westlichen. Umgesetzt wurde
und wird dieses Prinzip höchst unterschiedlich – je nach
Region, nach Stadt oder Land, nach Schichtzugehörigkeit usw.
Anders als die Vorstellungsbilder vom geschichtslosen Orient
suggerieren, variieren und verändern sich nämlich die
Lebensformen und -normen durchaus. Heute gibt es in vielen Ländern,
z.B. im Iran, kaum noch Häuser mit einem »Harem«
für die Frauen und abgetrennten Räumen für die Männer
im traditionellen Stil. Das entspricht Veränderungen in der
Familienstruktur, in der Haushaltsführung, im Verständnis
von Privat und Öffentlich etc. Auf dem Land lebende
Iranerinnen, um bei diesem Beispiel zu bleiben, waren schon wegen
der Notwendigkeit, die Felder zu bearbeiten oder das Vieh zu hüten,
Wasser zu holen oder Besorgungen zu erledigen, nie völlig vom
öffentlichen Leben ausgeschlossen, ebenso die ärmeren
Städterinnen. Heute sind Frauen aller Schichten überall
anzutreffen. Sie sind unterwegs, um einzukaufen oder Besuche zu
machen, arbeiten als Angestellte in Behörden, Büros,
Kaufhäusern usw., sind im Fernsehen als Journalistinnen und
Künstlerinnen präsent und haben Zugang zu den Bildungs-,
Kultur und Freizeiteinrichtungen.
Kontakte mit Männern werden bei alledem als normal betrachtet.
Das Prinzip der Geschlechtertrennung ist deshalb aber nicht
abgeschafft, es wird nur so gehandhabt, daß es sich nicht
gegen Frauen richtet, die arbeiten möchten oder müssen,
die auf einen Einkaufsbummel oder einen Kinobesuch Lust haben etc.
(wobei Konflikte mit ihre Bastionen und Privilegien verteidigenden
Männern selbstverständlich immer wieder vorkommen). Was
allerdings im Westen oft als besonders schikanös angeprangert
wird, nämlich die für Frauen reservierten letzten Reihen
in den meistens überfüllten Bussen, dürften sehr
viele Iranerinnen als höchst angenehm empfinden.
[#33]
Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen, z.B. die
Eroberung öffentlicher Räume (Arbeitswelt, Politik,
Kultur) durch die Frauen, wird aus westlicher Sicht nicht als
Transformationsprozeß innerhalb islamischer Gesellschaften
verstanden, sondern allzu rasch als Abkehr von einer islamisch
geprägten Lebensweise gedeutet. Frauen, heißt es, zeigten
so, daß sie nicht länger unter dem »Joch des Islam«
leben wollen. Entsprechend groß sind Befremden und Entrüstung,
wenn im Zuge der Re-Islamisierung Maßnahmen zur
Wiedereinführung der Geschlechtertrennung gefordert und z.T.
auch durchgesetzt werden. Zum Teil handelt es sich dabei nach
unserer Einschätzung durchaus um Ausdrucksformen simpler bis
reaktionärer Weltbilder. Mit dem Programm »Zurück
zur guten alten Zeit!« sollen alle nur denkbaren Übel,
von der Erosion familiärer Bindungen über
Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogensucht bis hin zur
wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit vom Westen
überwunden werden. Die Rückkehr zur Geschlechtertrennung
soll die alte Harmonie wieder herstellen und eine moralische Ordnung
garantieren. Daß gerade die Geschlechtertrennung und die
Verschleierung im Zentrum »fundamentalistischer« Politik
stehen, hat gewiß auch etwas mit den Männerängsten
vor selbständigen, selbstbewußten Frauen zu tun, ebenso
mit Konkurrenzstrategien auf dem Arbeitsmarkt – wo auf der
Welt ist es nicht so? -, doch werden diese Aspekte nach unserem
Eindruck von den KritikerInnen überschätzt. Die Forderung
nach Geschlechtertrennung steht vielmehr primär für
Bestrebungen, der weltweit als Modell dominierenden westlichen
Lebensweise etwas entgegenzusetzen. Während unter
BefürworterInnen einer »islamischen Gesellschaft«
weitgehend Einigkeit darüber besteht, daß der
Schulunterricht getrennt erteilt werden soll, gibt es aber z.B. über
die Regelungen an der Unversität, im Arbeitsbereich oder in der
Freizeit durchaus unterschiedliche Auffassungen. Unter akademisch
gebildeten jüngeren Frauen dürfte die Einstellung von
Hiba, Assistentin an der Kairoer Universität, typisch sein:
»Ich bin nicht dagegen, daß Frauen und Männer in
der Öffentlichkeit zusammenkommen«, wird sie in einem
taz-Artikel zitiert, »aber unter der Bedingung, daß das
in einer Atmosphäre des Respekts der Frau gegenüber
geschieht.«
Besonders
wenn sich in »anmodernisierten« islamischen Ländern
lebende Frauen selbst für das Prinzip der
Geschlechtertrennung einsetzen, stößt das im Westen auf
Befremden und Ungläubigkeit. Daß dies aus Überzeugung
geschieht, erscheint kaum vorstellbar. Statt dessen wird nach den
»wirklichen Gründen« gesucht. Hier macht sich
zweifellos die »Sprachlosigkeit« zwischen westlichen
Frauen und Musliminnen, die für eine ihren Überzeugungen
entsprechende soziale und politische Ordnung eintreten, bemerkbar.
Selbst wo Ägypterinnen, Iranerinnen oder Türkinnen –
selten genug – [#34] Gelegenheit bekommen, ihre Vorstellungen
zu erläutern, kommt kaum je ein Dialog zustande. So wird in
einer Radiosendung über »Das Selbstverständnis der
Frauen im Islam« eine algerische Lehrerin zitiiert, die für
Geschlechtertrennung plädiert, weil auf diese Weise das
Verhältnis von Männern und Frauen in der Öffentlichkeit
entsexualisiert und die Karrierechancen für Frauen verbessert
würden. Nur »eine nicht-gemischte Gesellschaft«,
meint sie, könne der Frau »garantieren, daß sie als
Individuum behandelt wird und ein Recht auf Respekt hat«. Ein
Rückzug der Frauen aus der Öffentlichkeit und der Verzicht
auf alle Vergnügen müsse damit aber nicht verbunden sein,
deshalb fordert sie z.B. das Recht, »an einem Strand ohne
Männer zu baden«. Susann Heenen-Wolff, die Autorin der
Sendung, kommentiert das als Beweis dafür, wie es den
»Fundamentalisten« gelingt, Frauen den Verstand zu
vernebeln.
Was von
außen als Absage an freie, gleichberechtigte Beziehungen
zwischen Männern und Frauen wahrgenommen wird, bedeutet intern,
zumindest für die Bevölkerungsteile, die einer
Islamisierung des sozialen und politischen Lebens zustimmen, die
Möglichkeit, sich von einem scheinbar unausweichlichen, durch
die Industriestaaten vorgegebenen »Modernisierungsprozeß«
zu distanzieren, einfach einmal »Nein« zu sagen,
innezuhalten, um nach Alternativen zu suchen und um den »anderen«
zu zeigen, daß ihre »Gesetze« von begrenzter
Geltungskraft sind. Auch von Befreiungsbewegungen in anderen Teilen
der »Dritten Welt« wurden und werden in solchen
Situationen nicht selten zunächst Werte und Normen aus einer
realen oder fiktiven Vergangenheit reaktiviert. Die
Geschlechtertrennung ist – wie die Verschleierung –
erstens von starker symbolischer Wirkung und Integrationskraft sowie
zweitens, im Gegensatz etwa zu Bildungsmaßnahmen und
Sozialreformen, in kurzer Zeit zu verwirklichen. Schließlich
erfordert sie, was für oppositionelle Bewegungen besonders
wichtig ist, keine Regierungsmacht, keine Institutionen und keine
finanziellen Mittel. Doch was daraus dann wird, ergibt sich, wie die
Veränderungen im Iran in den Jahren seit der Revolution zeigen,
in einem komplexen Auseinandersetzungsprozeß. Befürworter
der Rückkehr zu einer traditionellen Lebensweise, für die
berufstätige, politisch aktive Frauen ein Greuel sind, konnten
sich offenbar nicht durchsetzen. Damit ist der Iran noch längst
kein Paradies für Frauen, aber sie haben mit ihrem Kampf um
Zugang zum Bildungswesen, zur Arbeitswelt, zu allen kulturellen
Einrichtungen usw. einiges erreicht. Wer von vornherein der festen
Überzeugung ist, Orientierung am islamischen Verständnis
der Geschlechtsrollen sei gleichbedeutend mit Verbannung der Frau
aus der Öffentlichkeit und Unterdrückung, wird jedoch kaum
etwas von den im Iran wie in anderen islamischen Ländern
z.T. sehr heftig geführten internen Debatten über die
Berufstätigkeit von Frauen, über die Rechte und Pflichten
in der Ehe usw. in einer islamische fundierten Gesellschaft
mitbekommen.
[#35]
Unter dem Schleier
In der
Verschleierung wird allgemein ein besonders eindrucksvolles Symbol
für die Stellung der Frau im Islam bzw. in islamischen
Gesellschaften gesehen. Doch was genau symbolisiert er? Die
Antworten auf diese Frage fallen höchst unterschiedlich aus.
Für Cheryl Benard bringt der Tschador zum Ausdruck, »daß
Frauen nicht in die Öffentlichkeit gehören, daß sie
die Ursache des sexuellen Fehlverhaltens von Männern sind und
daß ihr Erscheinen in der Öffentlichkeit eine
Ausnahmesituation sein soll« (1987 II, S. 46). Bei der heute
üblichen Gleichsetzung von Schleier und Unterdrückung wird
häufig vergessen, daß Verschleierung früher im
gesamten jüdischen, christlichen und islamischen Kulturkreis
verbreitet war – und zwar mit durchaus unterschiedlichem
Symbolgehalt.
Manche Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, der Schleier sei
persischen oder türkischen Ursprungs und damit eigentlich gar
nicht genuin »islamisch« (vgl. Enderwitz 1983, S. 147).
Andere betonen die Funktionen des Schleiers in der
Verstädterungsepoche der islamischen Frühzeit; damals
symbolisierte er Vornehmheit, Ehre und das Privileg, nicht arbeiten
zu müssen (vgl. Weyland 1987, S. 221 ff.). Sozioökonomische
Wandlungsprozesse hätten ihn jedoch im Laufe der Jahrhunderte
zu einem Instrument des Ausschlusses von Frauen aus dem öffentlichen
Leben gemacht. Den jeweiligen zeit-, regional- und
schichtspezifischen Bedeutungsgehalt der Verschleierung zu
berücksichtigen, ist also in jedem Fall unerläßlich.
Die westliche Einstellung zur Verschleierung ist darüber hinaus
als Produkt jener Epoche zu sehen, während der das im Westen
bis in die Gegenwart vorherrschende Bild vom Orient geprägt
wurde, und zwar von männlichen Forschern und Reisenden. [#36]
Ihre Berichte durchzieht eine mehr oder weniger lüsterne
Neugier auf das Geschehen hinter den Haremsmauern. Für viele
war die Frau geradezu Schlüssel zur imaginären Welt des
geheimnisvollen, »exotischen« Orients (vgl. Kohl 1989,
S. 364). Der Schleier signalisierte in diesem Kontext einen
besonderen erotischen Reiz. Erst erhebliche Zeit später tauchte
er als Metapher weiblicher Unterdrückung auf (vgl. Lutz 1989,
S. 55). Im Laufe der Zeit trat dann die in frühen Schilderungen
des Orients dominierende Sichtweise des Schleiers als Mittel der
Selbstdarstellung und des weiblichen Raffinements hinter
Gleichsetzungen des Schleiers mit totaler Kontrolle, Rechtlosigkeit
und Unterdrückung zurück.
In der
aktuellen Literatur über die Frau in islamischen Ländern
werden historische, regional- und schichtspezifische Aspekte der
Verschleierung zwar durchaus erörtert, doch selbst Arbeiten,
die mit Akribie und Einfühlungsvermögen auf
unterschiedliche Motive und Auswirkungen eingehen, münden
letztendlich fast ausnahmslos in düstere Klischeebilder von
unterdrückten, eingesperrten, zum Schweigen verurteilten
Frauen. So schildert Nawal el Saadawi, wie der Schleier, geschmückt
mit Juwelen und in Kombination mit hellen, glänzenden
Seidenkleidern, bei reichen Ägypterinnen in den letzten Jahren
geradezu Mode geworden sei. Andere Frauen dagegen »gehen
verschleiert, um auf der Straße nicht belästigt zu
werden, denn der Schleier verleiht der Frau ein gewisses Prestige,
macht sie – in der Öffentlichkeit – unantastbar.
Und, vor allem, der Schleier verdeckt die Armut, macht das äußere
Erscheinungsbild der Frauen gleich. Immer mehr Frauen glauben aber
auch, der Schleier sei ein Ausdruck kultureller Authentizität,
ein Bekenntnis zum Islam und zur eigenen Tradition. Diese Frauen
wollen mit dem Schleier gegen die Verwestlichung protestieren«
(EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 36). Ungeachtet dieser differenzierten
Darstellung holt el Saadawi dann abschließend zu einem Schlag
gegen die »islamischen Fundamentalisten« aus und wirft
diesen vor, »die Frauen wieder hinter den Schleier, zurück
in ihre Häuser und unter die alleinige Herrschaft ihrer
Ehemänner« zwingen zu wollen. Verschleierung ist für
sie jetzt nur noch eins, nämlich »eine der sichtbarsten
Auswirkungen fanatischer islamischer fundamentalistischer
Bewegungen«. Und diesen tritt sie kampfbereit mit der
Aufforderung »Den Verstand entschleiern!« entgegen.
Ähnlich projiziert Mernissi hinter ihre Kritik am Schleier das
Bild einer sprachlosen, total vermummten Person: »Eine
verschleierte Frau kann sich nicht mehr ausdrücken«,
schreibt sie. Denn »um die Freiheit zum Sprechen zu haben, muß
der Mund enthüllt sein.«
Auf typische Weise werden hier voll verschleierte [#37]
Saudi-Araberinnen und Afghaninnen, Iranerinnen im Gesicht und Hände
freilassenden Tschador oder langen Mantel mit Tuch sowie
»Kopftuchtürkinnen« zu einem Phantombild der bis
zur Unkenntlichkeit verhüllten, zur Sprachlosigkeit und damit
zur Ohnmacht verurteilten Muslima homogenisiert. Selbst wo solche
Formulierungen metaphorisch gemeint sein sollten – Mernissi
sieht es in ihren Publikationen offenbar einmal so, einmal anders
-, reproduzieren sie letztlich doch die sich hartnäckig
haltende Vorstellung, Frauen seien allein durch das Tragen eines
Kopftuches daran gehindert, sich zu artikulieren und am öffentlichen
Leben teilzunehmen. Um die Überzeugung zu erschüttern,
Frauen mit bedecktem Haar seien prinzipiell nicht in der Lage,
eigenständig zu denken und zu handeln, reicht es zuweilen nicht
einmal aus, wenn diese studieren, berufstätig sind und sich
politisch engagieren. »Die Frauen sind so unfrei«,
schreibt z.B. Kate Millett in ihrem Bericht über eine Iranreise
1979, kurz nach der Revolution, »selbst wenn sie hier [bei
einer politischen Veranstaltung in der Universität] sitzen und
zuhören, immer an der Seite ihrer Männer, die sich ab und
zu herunterbeugen, um ihnen etwas zu erklären. Alles an ihnen
drückt Unterwerfung aus« (1982, S. 126).
Die
Auslegungen der koranischen Aufforderung an die Frauen, sich zu
bedecken, gehen, wie schon bei oberflächlicher Betrachtung
unübersehbar ist, erheblich auseinander.
In manchen Regionen der islamischen Welt wird diese
Vorschrift so interpretiert, daß Frauen sich von Kopf bis Fuß
zu verhüllen haben, in anderen bleiben Gesicht und Hände
frei. Während in einigen Ländern große schwarze oder
weiße Tücher als angemessene Bedeckung gelten, sind
anderenorts farbige Kopftücher und verschiedenartige Gewänder
üblich. Entsprechend unterschiedlich fallen Einschränkungen
des Gesichtsfeldes und der Bewegungsfreiheit aus. Manche
MuslimInnen, vor allem jene, die für eine
Modernisierung/Säkularisierung des Islam eintreten, bestreiten
schließlich, daß der Koran überhaupt vorschreibt,
sich in bestimmter Weise zu kleiden und die Haare zu verbergen (vgl.
Balic 1984, S. 96 u. 204). Solche »liberalen«
Islam-Auslegungen werden gern gegen die »Orthodoxen«
oder »Fundamentalisten« ins Feld geführt, wobei es
oft in erster Linie darum zu gehen scheint, die unbegreiflicherweise
an bestimmten [#38] Bekleidungsvorschriften festhaltenden
Musliminnen als so dumm und verblendet vorzuführen, daß
sie noch nicht einmal in der Lage seien, den Koran richtig zu lesen.
Dessen ungeachtet hält die große Mehrheit an den jeweils
herkömmlichen Bekleidungsformen fest. In etlichen Ländern
hat die Zahl verschleierter Frauen in den letzten Jahren sogar
wieder erheblich zugenommen – aus westlicher Perspektive ein
Indiz für fortschreitende Entmündigung, Unterdrückung
und Verdrängung der Frau aus der Öffentlichkeit.
Statt
MuslimInnen mit ein paar angelesenen Koran-Zitaten und
Experten-Statements den wahren Islam beibringen zu wollen, wäre
es nach unserer Auffassung jedoch wichtiger, in der
Auseinandersetzung auch hier zwischen religiösen Vorschriften
einerseits und Traditionen andererseits zu unterscheiden sowie die
Frage nach den jeweiligen Auswirkungen auf die Bildungs-, Berufs-
und politischen Partizipationsmöglichkeiten zu stellen. Dabei
würde sich dann wiederum zeigen, wie wenig das scheinbar
»Islamische« oft mit der Religion zu tun hat, wie stark
das Leben von Musliminnen in islamischen Ländern durch
die sozialen Verhältnisse beeinflußt wird oder auch, wie
weitgehend sich die meisten der in Westeuropa lebenden Musliminnen
längst der hiesigen Lebensweise angepaßt haben. Selbst
die Susanne von Paczensky so fremd und sonderbar anmutenden
»Kopftuchtürkinnen« (in
Baumgartner-Karabak/Landesberger 1978) gleichen uns im
Aussehen sehr viel mehr als den Durchschnittsfrauen in der Türkei,
in Bangladesh oder Afghanistan. Und das gilt ebenso für ihren
Lebensstil, ihre Berufswünsche, ihre Freizeitinteressen etc.,
die sich bei näherer Betrachtung meistens als weitaus stärker
durch die Schichtzugehörigkeit als durch die »Herkunftskultur«
geprägt erweisen.
In all diesen Bereichen haben z.B. an Hochschulen oder in der
Industrie tätige deutsche und türkische Akademikerinnen
(bzw. Akademikerinnen mit »deutschem« und »türkischem«
kulturellen Hintergrund) gewiß mehr gemeinsam als mit ihren
»Landsfrauen«, die nach einer minimalen Schulbildung in
der Fabrik arbeiten oder sich Haushalt und Kindererziehung widmen
(vgl. Minai 1989, S. 9 f.).
Das Kopftuch als Symbol für die
Unterwanderung Westeuropas durch islamische »Fundamentalisten«
Ähnliche
Vorstellungsbilder werden immer wieder auf muslimische Migrantinnen
projiziert. Anfangs war es ohnehin klar, daß die
»Kopftuchtürkinnen« schon wegen mangelnder
Schulbildung und Deutschkenntnisse, wegen ihrer Eingebundenheit in
die Familie und vieler aus Tradition und Religion stammender
Hemmnisse nicht am normalen deutschen Leben teilnehmen
konnten. Der Platz, den man ihnen in unserer Gesellschaft
zuwies, war am [#39] Fließband und in der Putzkolonne. Das
Kopftuch wurde zum Symbol der Unfreiheit und Unterdrückung. Als
Symbol verlor es seine Anbindung an bestimmte Lebensverhältnisse,
hier also an das »Gastarbeitermilieu« (und, im
Hintergrund, an die Agrargesellschaft Anatoliens oder die Siedlungen
am Rande großer türkischer Städte); es wurde zum
»Wesensmerkmal« der muslimischen Frau.
Deren konkrete Situation als gering qualifizierte und niedrig
entlohnte Arbeiterin, als abgehetzte Hausfrau und Mutter in einer
meistens viel zu kleinen Wohnung, weitgehend ausgeschlossen von
Kultur- und Freizeitangeboten usw. schien wesentlich Folge
religiöser Vorschriften zu ein. Der Islam, hieß es,
zwinge Frauen in die Abhängigkeit vom Vater, von den Brüdern
und später dann vom Ehemann. Der Islam verhindere es, daß
Mädchen eine vernünftige Schulbildung erhalten, daß
sie ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse entdecken. Der
Islam mache sie unselbständig und isoliere sie von der
»deutschen Gesellschaft«, allein schon durch ihre
unattraktive Aufmachung seien sie zu einer Randexistenz verurteilt.
In
Frankreich flackert seit 1989 immer wieder eine heftige Debatte um
das Kopftuchtragen in der Schule auf. An der Weigerung von drei
Mädchen, während des Unterrichts die Tücher
abzulegen, entzündete sich eine erregte innenpolitische
Kontroverse (vgl. FR v. 7. u. 29.11.1989). Der Konflikt endete mit
einer Entscheidung des Conseil d’Etat, wonach das Tragen
religiöser Zeichen als solches nicht für mit der
Neutralität öffentlicher Schulen unvereinbar erklärt
wurde. Es blieb jeder Schule selbst überlassen, Kriterien der
(Un-)Vereinbarkeit festzulegen. In der Praxis führte das dazu,
daß das Kopftuchtragen an manchen Schulen erlaubt war,
anderswo wurden Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen, ein
Zustand, der von allen als höchst unbefriedigend empfunden
wurde. 1994 erlebte der »Kulturkampf« dann eine
Neuauflage: Im September – noch während der Ferien –
gab Kultusminister Bayrou einen Erlaß heraus, mit dem »das
Tragen prahlerisch-angeberischer (ostentatoire) religiöser
Zeichen« in den Schulen verboten wurde. Tatsächlich
richtete er sich jedoch ausschließlich gegen Kopftuch tragende
Mädchen, denn »unauffällige Zeichen« (signes
discrets, z.B. christliche Kreuze oder jüdische
Kopfbedeckungen) blieben erlaubt. Vielerorts wurden daraufhin nach
Unterrichtsbeginn Schülerinnen von der Schule verwiesen oder in
abgetrennten Räumen unterrichtet. Wieder kam es wochenlang zu
heftigen Debatten; wieder widmeten die meisten Zeitungen und
Zeitschrif- [#40] ten diesem Thema ihre Titelstorys. So formulierte
LE POINT auf dem Umschlag der Ausgabe vom 10.9.1994 die Schlagzeile
»FRANCE – L’INTEGRISME A L’ASSAUT DE
L’ECOLE« (Frankreich – Der Integrismus im
Sturmangriff auf die Schule). Und L’EXPRESS INTERNATIONAL warb
für seine Ausgabe vom 24.11.1994 mit einer dezent geschminkten
Schönheit im schwarzen Tschador, darauf in großen Lettern
»FOULARD – LE COMPLOT – COMMENT LES ISLAMISTES
INFILTRENT LA FRANCE« (Kopftuch – Das Komplott –
Wie die Islamisten Frankreich infiltrieren). Laut SPIEGEL (44/1994)
bezeichnete der FIGARO das Kopftuch als »›Symbol einer
politischen Aktion‹, die darauf ziele, die ›Fundamente
der republikanischen französischen Gesellschaft zu zersetzen«.
Obwohl es sich, oberflächlich betrachtet, nur um eine
Neuauflage der Konflikte von 1989 zu handeln schien, war in den
Auseinandersetzungen von 1994 doch eine erhebliche Verschärfung
in der Haltung jener spürbar, die sich als laizistische
»Abwehrfront« gegen den »Fundamentalismus«
verstehen. Wer mit den politischen Machtverhältnissen in
Frankreich nicht vertraut war, konnte leicht den Eindruck gewinnen,
das Land stünde kurz vor der Umwandlung in eine islamische
Theokratie. Im Unterschied zu 1989 gab es diesmal kaum Solidarität
aus der nichtmuslimischen Bevölkerung. Selbst SOS-Racisme ging
auf Distanz, und auch von Intellektuellen war kaum etwas zu hören.
Nach einer von LE MONDE veranstalteten Umfrage setzten fast
dreiviertel der befragten Franzosen Islam mit Fanatismus,
Unterwerfung der Frau und Ablehnung westlicher Werte gleich (vgl.
SPIEGEL 44/1994). Kein Wunder also, daß das rigide Vorgehen
der Erziehungsbürokratie ihre Zustimmung fand.
DER
SPIEGEL (ebd.) zitiert den Rektor eines Gymnasiums mit hohem
Migrantenanteil nahe Paris, der nach fünf Jahren, in denen er
vergeblich versucht habe, seinen Schülern Demokratie und
Toleranz nahezubringen, feststellt: »Faschismus im religiösen
Gewand breitet sich in den Schulen wie ein Buschfeuer aus.«
Das Schicksal der Schülerin Aicha, eines fröhlichen
achtzehnjährigen Mädchens, »das mit Jeans und
Popmusik seiner streng islamischen Familie trotzte« und nun
vom eigenen Clan nach Marokko verschleppt wurde, sei Monsieur
Maignien so nahegegangen, daß er seine Bemühungen als
gescheitert betrachtete. Bestürzt hätten er und andere
Lehrer nach den Sommerferien unter den »Vermummten«
Schülerinnen erkannt, die noch vor wenigen Monaten Lederjacken
trugen. Daß dies freiwillig geschehe, könne er nicht
glauben. Er weiß: »Dahinter stecken immer die Väter
und Brüder.« Anders als in Frankreich ist Schülerinnen
in der BRD das Kopftuch gestattet. Doch heißt das keineswegs,
es gebe nicht auch hier viele, die mit den französischen
Repressalien sympathisieren und durchaus dafür wären, auch
an den deutschen Schulen durchzugreifen. In dem SPIEGEL-Artikel ist
die Zustimmung zu der Maßnahme von Erziehungs- [#41] minister
Bayrou unübersehbar. Noch deutlicher wird sie in einem Artikel
der STUTTGARTER ZEITUNG von Adrian Zielcke (v. 31.10.1994). Er
bringt die Debatte auf den Punkt, wenn er feststellt: »Der
Streit um die Kopftücher ist ein Machtkampf« – ein
Machtkampf zwischen der toleranten, freiheitsliebenden »westlichen
Zivilisation« und dem aggressiven, intoleranten Islam. Zwar
gehöre »die Freiheit der Religionsausübung zu den
grundlegenden europäischen Werten«. Doch das dürfe
nicht dazu führen, daß wir den Islam nicht in die
Schranken verweisen. Wenn »Europa nicht mehr an sich selbst
glaubt«, schreibt Zielcke, »seine eigenen Werte nicht
mehr verteidigt, wenn es sich nicht gegen Intoleranz wehrt, geht
unser Kontinent an seiner Schwäche zugrunde.« Und das,
weil Mädchen mit Kopftuch zur Schule gehen …
Auf die
Situation kopftuchtragender Schülerinnen kommen wir im Kapitel
»Alltagsrassismus« noch einmal zurück. Denn wenn
etwas rechtlich gestattet ist, heißt das noch längst
nicht, daß es nicht immer wieder zu Konflikten mit LehrerInnen
und MitschülerInnen kommt. Überhaupt ist das Tuch nach wie
vor auch in der BRD ein ständiger Anlaß für hitzige
Diskussionen. In einer hessischen Kleinstadt kam es z.B. wenige Tage
nach dem Solinger Brandanschlag bei einem »politischen
Frühstück« zu heftigen Kontroversen. Während
beim »Multi-Kulti-Fest« am Abend zuvor eine
faschingähnliche Atmosphäre herrschte (Überschrift
des Zeitungsberichts: »Baströcke wirbelten auf den
Hüften«), besonders die trommelnden Afrikaner gut ankamen
und alle sich in der Verurteilung rassistischer Diskriminierung
einig waren,
zeigten sich bei der Diskussion um die Forderung nach Solidarität
auch mit den von rassistischen Angriffen bedrohten muslimischen
Frauen, wo unsere Toleranz ihre Grenzen hat.
Neben dem
Kopftuch sind vor allem die Teilnahme am koedukativen Sport- und
Schwimmunterricht sowie an Klassenfahrten Anlaß für
Konflikte, wobei das Menschenrecht auf Völkerball und Gymnastik
oft in einer Weise durchzusetzen versucht wird, als handele es sich
dabei um Grundvoraussetzungen eines menschenwürdigen Lebens. Zu
dieser Frage gibt es eine umfangreiche Rechtsprechung; meistens
gehen die Gerichtsurteile zugunsten der Klägerinnen aus. Doch
die solchen Prozessen vorhergehenden und sie begleitenden
Sticheleien, Feindseligkeiten und Drohungen lassen sich auf diese
Weise nicht verhindern, so daß viele Mädchen auch
weiterhin ihre Schulzeit als Alptraum erleben.
Und damit ist er keineswegs zuende. [#42] Erbitterung und Härte,
mit der Grundsatzpositionen ausgefochten werden, muten zuweilen
grotesk an. Das Oberverwaltungsgericht Münster beispielsweise
begründete 1991 auf elf Seiten mit juristischer Akribie, warum
muslimischen Mädchen die Teilnahme am koedukativen
Sportunterricht zumutbar sei,
während das Bundesverwaltungsgericht 1993 als letzte Instanz
entschied, diese dürften nicht zum gemeinsamen Sport mit Jungen
gezwungen werden – eine Entscheidung, die Christian Semmler in
der sonst so »multikulturellen« taz als Kapitulation vor
religiösen Eiferern und mit der Aufforderung kommentierte, der
Anerkennung von Minderheiten-Kulturen Grenzen zu setzen (27.8.1993).
In ihrem
taz-Bericht vom 26.8.1993 über den Prozeß vor dem
Bundesverwaltungsgericht beschreibt Vera Gaserow die Klägerin
als eine Fünfzehnjährige, die ihr Anliegen durchaus
selbstbewußt vor Gericht zu vertreten in der Lage war. Nach
der Urteilsverkündung ist davon in ihrem WDR-Kommentar nicht
mehr die Rede: Nun wendet Gaserow gegen die der Klägerin Recht
gebende Gerichtsentscheidung ein, daß sie gegen die Interessen
muslimischer Schülerinnen verstoße. Diese hätten
selbst gar nichts gegen einen koedukativen Sportunterricht, sondern
dahinter steckten traditionsfixierte Eltern, speziell Väter,
die ihren Töchtern ohnehin schon durch vielerlei Schikanen das
Leben schwer machten und sie weiter unter den Schleier zu zwingen
versuchten. Das Urteil bedeute somit einen Sieg der
emanzipationsfeindlichen »Fundamentalisten« (Gaserow im
WDR am 27.8.1993).
Das Kopftuch als Barriere auf dem Weg zu Bildung
und sozialem Aufstieg
Die
Überzeugung, der Islam sei – besonders für Frauen –
ein Handikap auf dem Weg zu Bildung und sozialem Aufstieg, liegt
beispielsweise einem Artikel in der WELT über islamischen
Religionsunterricht zugrunde. Durch den Text wie auch durch ein
Bild, das »Kopftuchtürkinnen« in einem von [#43]
modisch gekleideten Frauen (Türkinnen?) geleiteten
Alphabetisierungskurs zeigt, wird der Eindruck erweckt, das
Festhalten an islamischen Werten und Regeln – Kopftuch! –
lasse sich mit moderner Bildung kaum vereinbaren.
Umgekehrt wird das Ablegen des Tuches in der Regel als Akt der
Befreiung verstanden. Maßnahmen, die Musliminnen dazu bringen
sollen, sich westlich zu kleiden und zu verhalten, werden als Hilfe
zur Emanzipation ausgegeben und selbst dann gerechtfertigt, wenn sie
massiv in (religiöse) Selbstbestimmungsrechte eingreifen. In
einem Bericht über MigrantInnen in der BRD wird die Abkehr von
der Religion gewissermaßen als Ausweis der Berufsqualifikation
einer türkischen Sozialberaterin bewertet: Sie sei »alles
andere als eine verschüchterte Kopftuchträgerin«,
heißt es, und habe als Angehörige der integrierten,
gebildeten Schicht »mit dem Islam ›nicht viel am
Hut‹«.
Wie sehr
sich das Bild der türkisch-islamischen Kultur in den
Jahrzehnten, seit die ersten »Gastarbeiter« nach
Deutschland kamen, verändert hat, wird von den meisten
KritikerInnen einer »islamischen« Lebensweise als
integrations- und aufstiegshemmend viel zu wenig beachtet: Die
anfangs typische Kleidung türkischer Frauen –
Pluderhosen, lange bunte Röcke usw. – sieht man kaum
noch; die Tücher und Mäntel sind heute oft aus edlen
Materialien. Junge Mädchen tragen modische lange Röcke und
Jeans. Ebenso hat sich in der Familienstruktur und in den
Geschlechterbeziehungen ein Wandel vollzogen. Die meisten Väter
sind längst nicht mehr die Autoritätspersonen, denen Frau
und Kinder brav gehorchen, und zwischen Ehepaaren der jüngeren
Generation setzt sich zunehmend eine partnerschaftliche Umgangsform
durch. Mit steigendem Einkommen, höherem Bildungsniveau, mehr
Freizeit usw. hat sich vieles geändert. TürkInnen mit
Abitur und Universitätsdiplom setzen sich kritisch sowohl mit
den »türkisch/islamischen« als auch mit den
»deutschen/abendländischen« Werten und Lebensformen
auseinander. Wenn diese Veränderungen thematisiert werden, dann
allerdings meistens nur als Anpassungsleistung. Doch was von außen
als Distanzierung von der Religion gedeutet und begrüßt
wird, findet in Wirklichkeit für viele innerhalb des
islamischen Bezugskontextes statt. Es geht ihnen nicht darum, sich
vom Islam zu »emanzipieren«, sondern er bildet die
Ausgangsbasis und Orientierungslinie solcher Wandlungs- und
Reflexionsprozesse.
Es ist
also der Schleier vor unseren Augen, der die Vielfalt von
Lebensumständen, Wünschen, Problemen und Freuden
»islamischer Frauen« verdeckt. Weil wir Tschador
und Kopftuch zum Indikator für Selbstbestimmungsrecht,
Bewegungsfreiheit in der Öffentlichkeit etc. machen, verkennen
wir oft, daß verschleierte Frauen keineswegs die
uniforme Masse sind, als die wir sie [#44] wahrnehmen. Sie
sind Analphabetinnen oder Wissenschaftlerinnen, politisch ahnungslos
oder interessiert, auf die Familie konzentriert oder beruflich
engagiert, schicksalsergeben oder fordernd und gegen Unrecht
aufbegehrend, fröhlich oder traurig – wie andere Frauen
auch. Die meisten Frauen, die in der Schleier-Tradition aufgewachsen
sind, empfinden das als ungefähr so repressiv wie wir
den Zwang, Rock und Bluse oder ein Kleid anzuziehen. Und jene, die
sich bewußt – und zum Teil sogar gegen den Willen und
die Gewohnheiten ihrer Familie und ihres sozialen Umfeldes –
für die islamische Bekleidung entscheiden, fühlen sich
durch derartige Klischees entmündigt und unter Druck gesetzt.
Nicht der Schleier ist ihr Problem, sondern – über die
Sicherung existentieller Bedürfnisse hinaus – einen
Studienplatz oder eine interessante, gut bezahlte Arbeit zu finden
sowie Möglichkeiten, Beruf und Familie miteinander zu verbinden
etc. – Wünsche und Schwierigkeiten, die uns so fremd
nicht sein sollten.
6. Integrationshemmnis Islam?
Da
religiös fundierte Gesellschaftsmodelle und Politikkonzepte als
der Modernisierung islamischer Gesellschaften zuwiderlaufend gelten,
wird der Islam, sofern er für die öffentliche Sphäre
Geltung beansprucht, auch als Barriere für die
Integrationsbereitschaft und -fähigkeit muslimischer
MigrantInnen an die Lebensbedingungen in westlichen
Industriegesellschaften angesehen. Einiges, etwa Familiensinn,
Gastfreundschaft und kulinarische und folkloristische Elemente,
finden zwar durchaus auch Wertschätzung, doch generell treffen
aus den Herkunftsländern mitgebrachte Normen und
Verhaltensformen auf Skepsis und Ablehnung seitens der Deutschen.
Hier bei uns haben individuelle Leistungs- und
Aufstiegsorientierung, Mobilität, Abgrenzung von der Familie,
Selbstverwirklichung usw. Vorrang. Islamische Erziehungsnormen und
geschlechtsspezifische Rollenmuster stehen daher seit Jahrzehnten im
Mittelpunkt der Debatten um die »Gastarbeiter«-Integration.
»Deutsche« versus
»türkische/islamische« Erziehungsnormen
Vielfach
wird eingeräumt, die Religion könne für gläubige
MuslimInnen ein »stabilisierendes Element in den durch die
Migration ausgelösten Identitätskrisen« sein. Doch
letztlich erweise sich diese Sicherheit als fragwürdig, weil
sie der Offenheit für die neue Umgebung und einer
selbstbewußt-offensiven Bewältigung von Problemen
entgegenstehe.
Alltagsverständnis und Wis- [#45] senschaft stimmen weitgehend
darin überein, daß das Erziehungsverhalten türkischer
»Gastarbeiter« den Anforderungen moderner
Industriegesellschaften zuwiderläuft. In einer Studie über
den Islam als Sozialisationsfaktor werden türkische
MigrantInnen als beinahe unfähig beschrieben, den Wechsel von
der agrarischen in eine industrialisierte, urbane Gesellschaft zu
verarbeiten. Das zeige sich in der Borniertheit, mit der sie ihre
Kinder nach traditionellen Regeln erziehen, d.h. vor allem zum
Gehorchen, zu Disziplin und zur Anerkennung der elterlichen
Autorität.
Eine fatale Kombination von Zwängen und affektiven Bindungen
verursacht nach Ansicht des Verfassers dieser vielbeachteten
Untersuchung eine lebenslange Abhängigkeit von den Eltern und
hemmt nachhaltig Kritikfähigkeit und Handlungskompetenz. Die in
einer Wechselwirkung von Entmündigung und Geborgenheit erzeugte
»autoritäre Unterwürfigkeit« sieht er als
Ursache eines zum Faschismus disponierenden Persönlichkeitsprofils
(vgl. Thomä-Venkse 1981, S. 118 ff.). Zu der besonders von den
Mädchen erwarteten Fügsamkeit und Demut komme eine rigide
Kontrolle der Sexualität. Ihnen – wie in etwas
abgemilderter Form auch den Jungen – bleibe so die Möglichkeit
verschlossen, sich von herkömmlichen Rollen- und Kulturmustern
zu distanzieren und Konflikte produktiv zu bewältigen.
Thomä-Venske kritisiert das enge Spektrum der religiösen
Erziehung in türkischen Familien. Oft würden
Alltagstheorien mit religiösen Elementen »zu einem
unreflektierten religiös-kulturellen Deutungsmusterbestand«
vermengt, der kritischen Auseinandersetzungen kaum zugänglich
sei und vor allem Legitimationsfunktionen erfülle. Er hat wohl
recht damit, daß viele Eltern zu mehr auch gar nicht in der
Lage sind (ebd., S. 132), doch vermischt er selbst, der es
eigentlich besser wissen und können sollte, in dieser
Untersuchung ständig die religiösen Gehalte des Islam mit
regionalen Traditionen und schichtspezifischen Denk- und
Verhaltensweisen. Daß religiöse Aufklärung und
Erziehung aus diesem Dilemma herausführen könnte, liegt
jenseits seines Denkhorizontes.
[#46]
Solange muslimische Denk- und Verhaltensweisen ganz
selbstverständlich nach westlichen Standards interpretiert und
bewertet werden, sind Mißverständnisse und projizierende
Zuschreibungen geradezu unvermeidlich. Daß diese als besonders
»fremd« wahrgenommenen Menschen tatsächlich eigene
Vorstellungen von der menschlichen »Natur«, von
Gesellschaft, Familie, Erziehung usw. haben, die in ihre
Lebenspraxis bestimmen, scheint selbst den meisten
SozialwissenschaftlerInnen eine abwegige Vorstellung zu sein.
Jedenfalls bemühen sich sehr wenige darum, diese anderen
Vorstellungen kennenzulernen und in ihren Untersuchungen zu
berücksichtigen. Um die Sozialisation in islamischen
Gesellschaften oder das Erziehungsverhalten muslimischer
»Gastarbeiter«-Eltern angemessen zu erfassen, ist es
beispielsweise wichtig, die prinzipielle Verschiedenheit von
»externalisierenden« Kulturen wie den islamischen und
den »internalisierenden« okzidentalen zu verstehen.
Während es in den letzteren bei der Sozialisation sehr stark um
die Verinnerlichung von Werten und Verhaltensrichtlinien geht,
wird in den »externalisierenden« Kulturen durch
Kontrolle situativer Faktoren dafür gesorgt, daß Verstöße
gegen Normen und Regeln nicht – oder nicht so leicht –
möglich sind. Statt auf Charakterbildung und die Vermittlung
von Einsichten ist Erziehung dort primär auf das Hineinwachsen
in ein gesellschaftliches Gefüge ausgerichtet, wobei Grenzen –
im Interesse des Kindes – klar und eindeutig formuliert
werden, nach westlichem Verständnis also eher autoritär.
Auch werden Vater und Mutter im Sozialisationsprozeß
verschiedene, vom westlichen Modell »abweichende«
Aufgaben zugewiesen (vgl. Özelsel 1990, S. 29). All das führt
in der Migrationssituation oft zu Mißverständnissen und
Konflikten. Weil türkische Kinder im westlichen
Erziehungssystem keine klaren Konturen zu erkennen vermögen,
geraten sie leicht außer Rand und Band und werden dann von
PädagogInnen als schwierig und verhaltensgestört
eingestuft.
Allen »multikulturellen« Beteuerungen zum Trotz haben
wir kaum Ansätze für eine Reflexion unterschiedlicher
anthropologischer Prämissen, Werte und sozialer Zielsetzungen
gefunden, um daraus für muslimische Migrantenkinder eine
angemessene, d.h. beide Kulturmuster berücksichtigende
Pädagogik zu entwickeln.
[#47]
Koranschulen – unvereinbar mit dem
Grundgesetz und »deutscher « Lebensweise?
Als der
Integration besonders abträglich gilt im allgemeinen der Besuch
einer Koranschule. Immer wieder wird die Beeinträchtigung des
Lernerfolges im normalen deutschen Unterricht durch die dort
übliche »autoritäre« Unterrichtsweise und
durch den rezeptiven Stil der Wissensvermittlung betont. Hinzu komme
die Verunsicherung von Grundschulkindern durch die arabische
Schrift. Die empirische Basis solcher Überzeugungen ist eher
dürftig; oft handelt es sich bei näherer Betrachtung um
kaum mehr als um zu wissenschaftlichen Statements aufgeblasene
Meinungsäußerungen. So wird in einer
sozialwissenschaftlichen Publikation über die Situation junger
in Deutschland lebender Türkinnen ein nachteiliger Effekt des
Koranschulbesuchs behauptet, ohne dafür mehr als die
Stellungnahme eines laizistischen türkischen Lehrers als Beleg
anzuführen. Muslimische Mädchen und womöglich
islamische Geistliche zu befragen, hielt die Autorin für
überflüssig (Lorch-Göllner 1989, S. 206 ff.). Doch
auch solide Forschungsarbeiten wie Saliha Scheinhardts Studie über
»Perspektiven des islamischen Religionsunterrichts für
türkische Kinder in der Diaspora« (1986) geben dazu wenig
her. Ohne aus ihrer negativen Gesamteinschätzung einen Hehl zu
machen, bemüht sie sich zumindest um eine faire Darstellung
unterschiedlicher Positionen, während es für Hanns
Thomä-Venske keiner Analysen und Debatten bedarf, um den
Koranunterricht als Kinder zum Heucheln und Lügen nötigend
anzuprangern. Von islamischen Geistlichen würden ihnen nicht
einhaltbare Regeln sowie Gebote vermittelt, die unter den hiesigen
Lebensumständen überhaupt nicht erfüllbar seien (vgl.
1981, S. 152 ff.). Darüber hinaus blockiere das Festhalten an
Traditionen und die den Schülern und Schülerinnen
oktroyierte negative Einstellung zur deutschen Gesellschaft die
Entwicklung zu einer toleranten Persönlichkeit und führe
unweigerlich zu Außenseitertum. Besonders die Mädchen
würden von den religiösen Autoritäten an sozialen
Kontakten wie der Teilnahme am Sportunterricht und Klassenfahrten
gehindert. Wenn also »der Islam (unter der Voraussetzung der
Integration der Türken!) … zu einem identitätsbildenden
Faktor für die zweite und dritte Generation« werden
solle, müsse er »situationsadäquate Formen«
entwickeln, »die es den Türken erlauben, Moslems zu sein,
ohne zum gesellschaftlichen Außenseiter zu werden«.
Soweit
uns bekannt, gibt es bisher keine Forschungen über die
Wechselwirkungen zwischen Koranschulbesuch und Lernerfolg in
deutschen Schulen oder zwischen Koranschulbesuch und bestimmten
Persönlichkeitsmerkma[#48] len. »Man« scheint eben
zu wissen, was dabei herauskommt. 1993 richteten SPD-Abgeordnete
gleich zwei Anfragen zum »Wachsenden Einfluß
fundamentalistischer Moslems auf muslimische Schülerinnen«
an die Landesregierung Nordrhein-Westfalens. Jarka Pazdziora-Merk
stützt ihre Darstellung im wesentlichen auf die höchst
fragwürdigen Behauptungen eines EMMA-Dossiers zum Thema
»Fundamentalismus«. Und Horst Radtke, der Koranschulen
als Stätten körperlicher Züchtigung und psychischer
Zwangsmittel bezeichnet, bezieht sich offenbar einzig auf einen ihm
zufällig zu Ohren gekommenen Vorfall: In der Grundschule einer
Ruhrgebietsstadt, schreibt er, hätten drei Schülerinnen
bei [vermutlich deutschen] Lehrern Zuflucht gesucht, weil ihnen in
der Koranschule für den Fall, daß sie kein Kopftuch
tragen würden, mit dem Teufel gedroht worden sei. Wir
bestreiten nicht, daß so etwas vorkommt, und finden es
wichtig, derartigen Vorfällen nachzugehen. Für
unangebracht halten wir es allerdings, daraus direkt derart
weitreichende Schlußfolgerungen zu ziehen. (Kommt es etwa in
den normalen deutschen Schulen nicht immer wieder vor, daß
Kinder eingeschüchtert und unter Druck gesetzt werden?) Im
Sinne eines besseren Zusammenlebens von Einheimischen und
muslimischen MigrantInnen wäre es nach unserer Meinung
sinnvoller gewesen, zunächst auf lokaler Ebene etwas zu
unternehmen, z.B. eine Aussprache mit den Eltern und Vertretern der
Moschee zu arrangieren, eventuell auch andere islamische
Institutionen einzuschalten, als das direkt zum Anlaß einer
parlamentarischen Anfrage zu nehmen.
Kaum
jemand von den Koranschul-KritikerInnen hat mehr als höchst
vage Vorstellungen davon, wie es dort zugeht, welche Glaubensinhalte
und Werte dort vermittelt werden und wie die Kinder selbst dazu
stehen. Die oft geäußerte Auffassung, durch das Anhören
und Auswendiglernen von Koranversen in arabischer Sprache würden
Kinder unnötigerweise malträtiert und zum
stumpfsinnig-gehorsamen Nachplappern eines vorgegebenen Lehrstoffes
erzogen, erscheint beispielsweise in einem anderen Licht, wenn man
die hohe spirituelle und die Gemeinschaft der Gläubigen
verbindende Bedeutung des Koran-Rezitierens kennt. Das, meinen wir,
sollte im Zusammenleben mit MuslimInnen zumindest respektiert
werden. Dem Gebrauch des Verstandes wird im Islam eine hohe
Bedeutung beigemessen. Eine nur auf Auswendiglernen und
Regelgehorsam basierende religiöse Erziehung erfüllt also
nicht den eigentlichen Sinn der Glaubensvermittlung. Wie fast
überall in der »Dritten Welt«, befindet sich aber
auch in den meisten islamischen Ländern das
Bildungswesen auf einem niedrigen Niveau. In manchen Regionen sind
einfachst ausgestattete Koranschulen überhaupt die einzigen
Institutionen, wo der armen Bevölkerungsmehrheit
Grundkenntnisse in Lesen und Schreiben beigebracht werden. Das ist
aber ebensowenig »dem Islam« anzulasten wie der im
»Gastarbeiter«-Milieu immer noch häufig
anzutreffende Koranunterricht, wo Kinder kaum mehr lernen als einige
[#49] Suren, elementare Regeln der Glaubenspraxis und vielleicht
etwas islamische Geschichte.
Seit
Jahren wird von Musliminnen und Muslimen, auch von vielen
üblicherweise als »fundamentalistisch«
etikettierten Vereinigungen, gefordert, an den Schulen islamischen
Religionsunterricht zu erteilen, und zwar analog zum katholischen
und evangelischen Religionsunterricht in deutscher Sprache von in
Deutschland ausgebildeten Lehrkräften. Das wird von den
Länderregierungen abgelehnt, weil es angeblich keine islamische
Religionsgemeinschaft im Sinne von Art. 7 Grundgesetz und damit für
den Staat keinen Partner gibt. Statt dessen optieren sie für
eine in den muttersprachlichen Unterricht integrierte »islamische
Unterweisung«, d.h. einen Religionsunterricht zweiter Klasse
in türkischer Sprache. Das entspricht dem Klischeebild vom
Islam als »Gastarbeiterreligion«. Tausende arabische,
iranische, deutsche und auch Kinder türkischer Herkunft, die
nicht am muttersprachlichen Unterricht teilnehmen, bleiben damit von
vornherein unberücksichtigt. Curricula werden teils aus der
Türkei übernommen, teils von nichtmuslimischen deutschen
Experten entwickelt. Die islamischen Vereinigungen in der BRD sind
daran bisher nicht beteiligt. Und damit nicht genug: PolitikerInnen
aller Parteien und selbst ansonsten für gründliche
Recherche bekannte Blätter wie DER SPIEGEL suggerieren den
Eindruck, es seien die »Fundamentalisten«, die den
türkischsprachigen Islamunterricht wollen, um ihn so besser
unterwandern zu können.
Das
Abwiegeln der muslimischen Forderungen – es geht hier nicht um
Gnadenerweise und Wohltaten, sondern um grundgesetzlich verbriefte
Rechte – hat offenbar mehrere Ursachen. Teils ist es wohl
einfach die Abneigung gegen eine als fremd und unheimlich angesehene
Religion – »Wer weiß, was da auf uns zukommt?«
-, teils aber auch die Abwehr potentieller weiterer Konflikte in
einer Zeit, wo Auseinandersetzungen um die Präsenz der
christlichen Religionen in der Schule zunehmen. Besonders in der
ehemaligen DDR, wo der Anteil keiner Konfession zugehöriger
SchülerInnen weithaus höher ist als in der alten BRD,
wachsen Bestrebungen, den evangelischen und katholischen
Religionsunterricht durch Ethikunterricht zu ersetzen. Auf absehbare
Zeit dürfte das kaum durchsetzbar sein, doch Befürworter
dieser Reform wollen wenigstens verhindern, daß auch noch der
Islam – ausgerechnet der Islam! – sich mit einem eigenen
Fach an den Schulen etabliert. »Wem sollen Kinder in
öffentlichen Pflichtschulen noch ausgeliefert werden?«,
fragt in diesem Sinne Bernhard Textor in der taz v. 20.3.1995. Auch
die zu erwartenden Kosten dürften eine nicht geringe Rolle
spielen. Wo, wie in Nordrhein-Westfalen, »islamische
Unterweisung« [#50] angeboten wird, steht schließlich
unübersehbar ein Motiv im Zentrum: Das »Monopol der
Koran-Schulen soll gebrochen werden«, wie DIE WELT einen
Beitrag zu diesem Thema überschrieb (17.1.1995). Es geht nicht
um grundgesetzlich verbriefte Rechte der MuslimInnen, um
Gleichstellung mit den christlichen Konfessionen, um demokratische
Spielregeln usw., sondern in erster Linie darum, dem für
deutsche Behörden angeblich schwer kontrollierbaren
»Fundamentalismus« den Nährboden zu entziehen. Wie
diese Haltung auf Muslime und Musliminnen wirkt, die ja ständig
aufgefordert werden, Bekenntnisse zum Grundgesetz und zur Demokratie
abzulegen, scheint sich keiner der politisch Verantwortlichen zu
fragen.
KritikerInnen
»wissen«, daß Kinder nur höchst ungern und
gezwungenermaßen die Koranschule besuchen. Die einzigen uns
bekannten empirischen Untersuchungen zum Koranschulbesuch kommen
allerdings zu ganz anderen Ergebnissen als nach all den negativen
Äußerungen in der sozialwissenschaftlichen Literatur, in
Politik und Medien zu erwarten wäre: Von der Psychologin
Michaela Özelsel befragte Kinder besuchten den Koranunterricht
ausnahmslos freiwillig und gern (1986). Die Moschee, schreibt
Özelsel, scheint für sie eine Art Refugium zu sein, in dem
sie sich wohlfühlen und nicht diskriminiert werden. Inge Arifa
Caspary hörte zwar von einigen Kindern, die den Korankurs in
der Münchner Moschee besuchten, daß sie von den Eltern
geschickt würden und daß der zusätzliche Unterricht
am Wochenende sie durchaus belaste. Doch besonders die älteren
SchülerInnen bzw. RealschülerInnen und GymnasiastInnen
äußerten sich insgesamt eher positiv. Weder konnte
Caspary eine Behinderung der schulischen Entwicklung feststellen
noch eine Isolierung von der deutschen Gesellschaft. »Wenn
über Korankurse Integration verhindert wird«, meint sie,
»dann vorwiegend durch eine Umwelt, die ihre Verhaltensweise
absolut setzt und ein Anderssein nicht akzeptieren kann«
(1985, S. 10).
Daß
das Erlernen einer zweiten Sprache und Schrift selbst für
sechs- bis zehnjährige Kinder keineswegs schädlich sein
muß, sondern sogar als Bereicherung gesehen werden kann,
zeigen Artikel über jüdischen Religionsunterricht in der
BRD. Wie schon die Überschrift »Eifrig entziffert Michael
die hebräischen Schriftzeichen« ankündigt, wird hier
die Vermittlung von Glaubensüberzeugungen und für
christliche oder atheistische Deutsche fremdartigen Normen durchaus
positiv bewertet.
Auch die Einweihung des Jüdischen Gymnasiums in Berlin wurde
von den Medien sehr wohlwollend kommentiert.
Hebräischlektionen und wöchentlich fünf Stunden
biblische Geschichte zusätzlich zum regulären Unterricht
scheinen hier Kinder ebensowenig zu überlasten und ihre
Integration zu behindern wie das Feiern [#51] jüdischer Feste
und koscheres Mittagessen. Damit keine Mißverständnisse
entstehen: Wir betrachten es als Skandal, daß es fünfzig
Jahre dauerte, bis wieder ein – ein einziges! –
jüdisches Gymnasium in Deutschland den Unterricht aufnehmen
konnte, meinen jedoch, daß erstens islamische Geschichte,
Arabischlektionen usw. für Kinder nicht schädlicher sein
dürften als jüdische Geschichte und Hebräischstunden,
daß zweitens MuslimInnen dasselbe Recht zusteht wie anderen
Religionsgemeinschaften und daß sie drittens für ihre
Überzeugungen und Lebensformen denselben Respekt erwarten
können. Doch wie lange wird es noch dauern, bis in den
Zeitungen vergleichbare Berichte über den Koranunterricht mit
der Überschrift »Eifrig entziffern Mona und Mohammad die
arabischen Schriftzeichen« erscheinen und bis man die
Einweihung eines islamischen Gymnasiums als Bereicherung der
deutschen Kultur feiert?
[#52]
III. Die Frauenbewegung und die
»islamische Frau«
Unter
westlichen Feministinnen schwankt die Einstellung zu Frauen in und
aus der »Dritten Welt« zwischen Faszination und
Ablehnung: Während einerseits die Tendenz besteht, sich
gegenüber Rückständigkeit, Unterdrückung und
Gewalt abzugrenzen, neigen wir andererseits dazu, Bruchstücke
fremder Lebensart als willkommene Erweiterung unserer
Erlebnisfähigkeit oder zur Auflockerung unseres
durchrationalisierten Alltags zu vereinnahmen, z.B. Bauchtanz,
exotische Kochkünste oder auch zu mancherlei Träumerei
anregende »feministische« Idealisierungen des Lebens im
Harem (vgl. Akashe-Böhme 1991, S. 17). Emotionalität und
Sinnlichkeit der »fremden« Lebensweise üben eine
starke Anziehungskraft aus, weshalb wir ja auch gar nicht
verlangen, daß Frauen aus islamischen Kulturen völlig
ihre Identität aufgeben. Nach der Tanzdarbietung, der
köstlichen Mahlzeit oder dem Bühnenauftritt sehen wir
es dann allerdings doch lieber, wenn sie ihre orientalische
»Verkleidung« und ihre fremdartigen Verhaltensweisen
ablegen und sich »normal« benehmen. Frauen wie die
eingangs erwähnte irakische Geschichtenerzählerin Huda,
die scheinbar mühelos zwischen beiden Welten pendeln, werden
ihren weniger flexiblen, »zurückgebliebenen«
Schwestern gern als Vorbild empfohlen (BILD DER FRAU 3.6.1991). Das
Problematische dieser für die Begegnung mit nicht-westlichen
Kulturen durchaus typischen Herangehensweise liegt darin, daß
sie sowohl zur Idealisierung einzelner Kulturelemente wie auch zu
Reduzierungen führt, eine symmetrische, gleichrangige Begegnung
und Auseinandersetzung dagegen verhindert.
Was die Kultur islamischer Länder betrifft, ist die
Gefahr der Idealisierung allerdings relativ gering: Sie scheint
westlichen Frauen – sofern diese sich nicht zufällig für
das einfache Nomadenleben, für die ländliche Großfamilie
oder für die traditionelle Frauengemeinschaft hinter
Haremsmauern begeistern – kaum etwas zu bieten zu haben. Fast
abwegig mutet die Frage an, was wir außer Bauchtanz und
der Zubereitung orientalischer Leckereien vielleicht von Musliminnen
lernen könnten.
[#52]
1. Das »Wesen« der
Muslimin
Medien
und Wissenschaften tendieren gleichermaßen dazu, Musliminnen
von Afghanistan bis Marokko so stark zu homogenisieren, daß
von ihrer sehr unterschiedlichen Lebensrealität kaum etwas
wahrnehmbar bleibt. »Islamische Frauen« gelten
durchgängig als passiv und machtlos und werden stets »in
den Kontext der Familie, des Arbeitsplatzes oder religiöser
Zusammenhänge gestellt, fast als existierten diese Systeme
unabhängig von den Beziehungen von Frauen zu anderen Frauen und
Männern« (Mohanty 1988, S. 154). Die meisten
Forschungsberichte vermitteln den Eindruck, als fände
historischer Wandel in dieser Region (beinahe) nicht statt: »Araber
und Moslems, so scheint es, ändern sich nie. Ihre patriarchalen
Familien stammen noch aus der Zeit des Propheten Mohammed. Sie
existieren, als ob sie sich ›außerhalb der Geschichte‹
befänden.« (ebd.) Unser Bild vom zeitgenössischen
Orient ist durch solche Vereinheitlichungen geprägt. »Der
Europäer mag hundert verschiedene islamische Völker
besuchen«, meint z.B. der französische Theologieprofessor
und Regierungsberater für Migrationsangelegenheiten Jean-Claude
Barreau, »überall stößt er auf die gleichen
Sitten [und] die gleichen Landschaften«.
Was also liegt näher, als auch den Musliminnen eine Kontinente
übergreifende islamische Identität zuzuschreiben,
wie Hélie-Lucas es in einer Sammelband-Rezension tut: »Die
gleichen Aussagen« wie in dem besprochenen Beitrag, schreibt
sie, »könnten auch von moslemischen Frauen aus Nigeria,
dem Sudan, Bangladesh, Pakistan, Indien oder Indonesien gemacht
werden« (1989, S. 241).
Marion
Baumgart hat die Forschungsberichte westlicher Ethnologinnen
ausgewertet («Wie Frauen Frauen sehen« 1989) und dabei
festgestellt, daß nach wie vor das Bild der eingesperrten,
passiven, abhängigen Muslima dominiert. Araberinnen seien in
diesen Arbeiten gefühlsbetont und stark interessiert an
Schönheitspflege und Verführungskünsten, dagegen
spielten Verstand und Intellekt kaum eine Rolle. Durchgängig
werde in den ethnologischen Publikationen die Durchsetzung
westlicher Verhaltensnormen und Werte auf einer imaginären
Entwicklungsskala abgehakt, als deren Kriterien Baumgart vor allem
»Wandel der Ideale von Ehe und Familienleben, Mehrehe und
Scheidung, soziale Verhältnisse« und – stets im
Mittelpunkt des Interesses – den Schleier nennt.
Die Frage nach der gesellschaftlichen [#54] Stellung von
Frauen konzentriere sich auf Harem, Schleier, Polygamie, Verstoßung,
Ausschluß vom öffentlichen Leben, Seklusionsvorschriften;
gelegentlich würden zusätzlich Erbrecht und Brautpreis
erwähnt (Baumgart 1989, S. 86). Ausgeklammert blieben dagegen
Aspekte der internationalen Arbeitsteilung und des Welthandels,
Kriege, weibliche Ökonomie und Freiräume. Und auch Haus-,
Feld- und Handarbeit kämen erstaunlich selten zur Sprache.
Daß die auf dieser Grundlage ermittelten »Meilensteine
des Fortschritts« zugleich Indikatoren eines
gesamtgesellschaftlichen Entwicklungsprozesses seien, stehe für
die Autorinnen außer Frage (vgl. ebd., S. 28). Auch Eva
Künzler (1993) und Saddeka Arebi (1991) kommen nach Durchsicht
der einschlägigen Literatur zu ähnlichen Ergebnissen.
Künzler weist besonders darauf hin, wie sehr die Bedeutung der
Religion für das Leben muslimischer Frauen von der Forschung
vernachlässigt wird.
Das geballte Zusammentreffen von Funktionalismus, Orientalismus und
Sexismus, schreibt Arebi, führe zu dem seltsamen Ergebnis, daß
muslimische Frauen einerseits als isolierte und von ihrer
Gesellschaft entfremdete Wesen dargestellt, andererseits aber als
Vehikel benutzt würden, um das Image der gesamten Kultur zu
konstruieren (1991, S. 100). Was Baumgart, Künzler und Arebi
für die Forschungsberichte westlicher Anthropologinnen und
Sozialwissenschaftlerinnen feststellen, läßt sich nach
unseren Auswertungsergebnissen auf Publikationen jeden Genres und
Niveaus übertragen. Ob BILD DER FRAU, BUNTE und ähnliche
Blätter oder SPIEGEL, EMMA und feministische Veröffentlichungen
wie die von Benard/Schlaffer, Minces usw. – allen liegt
dieselbe Sichtweise und »Interessen-Schablone« zugrunde.
[#55]
2. Solidarität im Kampf gegen
das Patriarchat
Daß
Frauen als Opfer des Patriarchats weltweit in essentieller Weise
verbunden sind, gehört zu den Grundüberzeugungen weiter
Kreise der Frauenbewegung.
Zwar wird von Vertreterinnen dieser Auffassung nicht bestritten, daß
es in Form und Ausmaß der Repressionen Unterschiede gibt
(wobei »der Islam« im Ruf steht, so ziemlich die übelste
Bastion patriarchaler Ideologie zu sein),
doch seien solche Differenzen eben nur graduell und würden
durch dieselben Grunderfahrungen überlagert, aus denen sich die
(Verpflichtung zur) Frauensolidarität begründe. Diese sei
z.B. im Kampf gegen den »Fundamentalismus« von Nöten,
der sich, wie es in einem Heft der »beiträge zur
feministischen theorie und praxis« heißt, »in
letzter Instanz gegen alle Frauen« richte, »die
versuchen, die Autonomie über ihren Körper und ihre
Lebensverhältnisse (zurück)zugewinnen«.
Bereits in dieser Formulierung deutet sich die Problematik an, die
mit allen Versuchen verbunden ist, Werte und Konzepte des westlichen
Feminismus zu universalisieren. Das hier postulierte
Autonomie-Konzept ist mit einem islamischen Menschenbild und
Gesellschaftsverständnis unvereinbar. Selbst unter »modernen«,
nicht praktizierenden Musliminnen dürften es kaum Zustimmung
finden. Doch was taugt es dann als Basis internationaler
Frauensolidarität? Statt die eigenen Vorstellungen einer
kritischen Reflexion zu unterziehen, polemisieren Repräsentantinnen
dieser Richtung, z.B. Cheryl Benard, gegen Kolleginnen, die der
islamischen Kultur keine eindeutig feministisch-parteiliche
Position entgegensetzen: Vor lauter Angst, in den Ruf von
Besserwisserei und neokolonialistischen Dominanzverhaltens zu
geraten, seien diese bereit, ihre eigenen Wertvorstellungen zu
verleugnen und die patriarchalische Sozial-ordnung, sogar
Gewalttätigkeiten der Männer gegen Frauen, zu
verharmlosen. Das gehe zuweilen so weit, daß sie sich als
Sittenwächterin islamischer Frauen aufspielen (1987 II, S. 48
f.). Nun wäre es zweifellos eine falsch verstandene Offenheit
für das Fremde und eine schwachsinnige Form von [#56]
»Toleranz«, würden westliche Forscherinnen
unreflektiert alles, was in islamischen Ländern
geschieht, als authentische Erscheinungsform islamischer Kultur
glorifizieren und die Unterdrückung von Frauen als
folkloristische Riten abtun. Doch wen meint Benard überhaupt?
Wer hat sich je in der von ihr angeprangerten Weise geäußert?
Wir jedenfalls kennen niemand, auf die ihre Kritik zuträfe.
Wissenschaftlerinnen,
die sich nicht an das von Benard u.a. postulierte Prinzip normativer
Parteilichkeit halten, tun dies meistens aus der Erkenntnis, daß
von außen an sie herangetragene emanzipatorische Ideale in der
Regel wenig mit der Lebensrealität und den Vorstellungen von
»Dritte-Welt«-Frauen zu tun haben. Nicht selten wehren
die »Objekte« feministischer Solidarität
gutgemeinte Hilfsangebote als bedrängend und bevormundend ab
oder entziehen sich gutgemeinten Ratschlägen und Projekten.
Derartige Erfahrungen haben dazu beigetragen, den Glauben an eine
»natürliche« Verbundenheit aller Frauen und die
Avantgarderolle der westlichen Frauenbewegung in Frage zu stellen.
Cheryl Benard und Edit Schlaffer sind solche Überlegungen
jedoch fremd. Die Frage nach universalen Maßstäben zur
Beurteilung der Situation von Frauen in nichtwestlichen Kulturen
beantwortet sich für sie ganz schlicht aus der Tatsache, daß
Frauen überall Opfer von Unterdrückung und Gewalt sind:
»Gewalt gegen Frauen ist weder schicht- noch kulturspezifisch,
sondern geschlechtsspezifisch«.
Trotz »des unterschiedlichen Terrains und der oft
unvergleichbaren taktischen Bedingungen« müsse die
Frauenbewegung deshalb an ihren universalen Ansprüchen
festhalten (Benard 1987 I, S. 49). Von den in islamischen Ländern
lebenden Frauen, schreibt Benard, werde diese Sichtweise durchaus
geteilt, wie sie selbst auf ihren Reisen immer wieder erfahren habe.
Mehr noch: Musliminnen hoffen, wie sie betont, im Kampf gegen
Benachteiligungen und Männergewalt auf unsere
Unterstützung. Statt auf Frauen zu hören, die bei
internationalen Frauenkongressen im Tschador auftreten, sollte frau
besser dem eigenen (westlichen) Verstand folgen. »Wer sein
Gehirn in einen Tschador gewickelt« habe, sei nicht in der
Lage die strukturellen Gemeinsamkeiten unter den verschiedenartigen
Erscheinungsformen des Patriarchates zu erkennen (1987 II, S. 51).
Auf dem
Hintergrund solcher Überzeugungen ist beispielsweise auch das
zunächst irritierende Engagement der EMMA-Redaktion gegen »Die
Hatz auf Betty Mahmoody«
zu sehen. EMMA präsentiert ihren Leserinnen die [#57]
US-amerikanische Hausfrau und Erfolgsautorin als vorbildlich
Widerstand leistendes Opfer des Patriarchats. Zwar kann EMMA deren
rassistische Ausfälle bei der Charakterisierung von IranerInnen
nicht leugnen, entschuldigt sie jedoch durch den Vergleich mit den
emotionsgeladenen Äußerungen schwarzer Folteropfer in
Südafrika. In beiden Fällen handele es sich um eine die
Bewertung nach »normalen« Maßstäben
verbietende Zwangslage. Dagegen wirft EMMA den deutschen Linken und
den mit Ausländern (hier bes. den mit Iranern) verheirateten
Frauen in der IAF (Verband binationaler Familien und
Partnerschaften) mangelnde Solidarität vor. Mit ihrer Kritik an
Mahmoody seien sie nicht nur einer von ihrem Ehemann hintergangenen
und mißhandelten Geschlechtsgenossin, sondern dem Feminismus
generell in den Rücken gefallen. In dieser
Verteidigungsposititon wird eine für bestimmte feministische
Kreise typische reduzierte Wahrnehmung von Herrschaftsstrukturen
deutlich: Nur das Beharren auf einer Hierarchie von
Unterdrückungsstrukturen, in der Sexismus fraglos an erster
Stelle steht, kann das Verhalten Mahmoodys als »emanzipatorische«
Widerstandsstrategie legitimieren, in welcher der Zweck («Kampf
gegen das Welt-Patriarchat«) die Mittel (Rassismen, Abwertung
einer gesamten Kultur) heiligt.
In den
letzten Jahren hat EMMA sich immer wieder in die vordersten Reihen
des Abwehrkampfes gegen den »islamischen Fundamentalismus«
gestellt. Einen – vorläufigen – Höhepunkt
erreichte dieser »feministische Kreuzzug« in einem
speziellen Dossier zu diesem Thema (4/1993). Eingestimmt durch ein
großformatiges Bild, welches »muslimische Männer in
Deutschland« in einer riesigen Blutlache hockend beim
Schafeschlachten zeigt (Wie würde frau im Westen wohl
reagieren, eröffnete eine islamische Frauenzeitschrift Berichte
über das Christentum bzw. das Leben christlicher Frauen mit
Fotos von Männern zwischen bluttriefenden frisch geschlachteten
Schweinen?), durch ein kleines Gruppenbild von »muslimischen
Mädchen heute in Deutschland« mit ihrem Hoca in der
Koranschule sowie durch reißerische Schlagzeilen (Kostprobe:
»Eine deutsche Frau wäre beinahe an den islamischen
Sitten verblutet«), sollen den LeserInnen in sieben Beiträgen
die Gefährlichkeit der »Fundamentalisten« und das
Elend islamischer Frauen nahegebracht werden, einschließlich
eines Berichtes und einer Reportage über den
»fundamentalistischen Kreuzzug in Ägypten« und
einer Repaortage über die »Verbrechen im Namen Allahs
mitten in Deutschland«.
Ursula [#58] Klaes und Salima Mellah haben die rassistische
Fundierung dieser den Islam verunglimpfenden und die
Lebensbedingungen für Frauen in islamischen Gesellschaften
bzw. Milieus in wahren Horrorszenarien ausmalenden Berichte
eingehend analysiert und kritisiert.
Ganz offensichtlich wird hier eine seit dem Kolonialzeitalter
populäre Vorstellung aktualisiert, nämlich die, über
eine »Befreiung« muslimischer Frauen vom »Joch des
Islam« die islamische Religion/Kultur selbst in die Knie
zwingen zu können. Nichts anderes hatten z.B. die französischen
Kolonialherren (und -frauen) im Sinn, wenn sie unter dem Vorwand
humaner und emanzipatorischer Ideale Algerierinnen aus der
Eingebundenheit in die islamische Kultur herauszubrechen
versuchten.
Sowohl
westliche WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, die sich mit dem
Thema »Frau und Islam« beschäftigen, als auch die
meisten im Westen rezipierten AutorInnen aus islamischen Ländern
neigen, wie gesagt, dazu, die regional- und schichtspezifischen
Unterschiede, die »guten Seiten« des Lebens in einem
islamisch geprägten Milieu wie auch die schwierigen Balancen
zwischen sozialen Normierungen und individuellen Lebensentwürfen
auszublenden und statt dessen alles nach einem aus der okzidentalen
Frauenbewegung stammenden Modell der »universalen Frau«
zu beurteilen. Und was dieser Norm nicht entspricht, wird rasch als
rückständig, als nicht »normal«, als
deformiert und pathologisch etikettiert. Dazu gehören
Türkinnen/Musliminnen, die sichtbar, z.B. durch ihre Kleidung,
einem religiös geprägten Lebensentwurf folgen oder sich
gar dem Verdacht aussetzen, mit dem »Fundamentalismus«
zu sympathisieren. Sie werden als (potentielle) Verräterinnen
mit Mißtrauen betrachtet. Ihre Neigung, sich nicht nur wohl
oder übel, sondern sogar als »Traditionswahrerin«
in das sie aus westlicher Perspektive doch so benachteiligende
System zu integrieren, gilt als rätselhaft, »befremdlich«,
Ansätze zu internationaler Frauensolidarität
hintertreibend und gibt immer wieder Anlaß zu Mißbilligung
und Tadel: »Durch ihr eigenes Verhalten«, kritisiert
z.B. Juliette Minces die Araberinnen, »durch Verzärtelung
und Nachsichtigkeit, züchten die Mütter die künftigen
Despoten ihrer Töchter und Schwiegertöchter heran.«
Unterdrückte Frauen, stellt sie fest, seien – entgegen
unseren Erwartungen – keineswegs automatisch geneigt, sich für
ein besseres Los ihrer Töchter einzusetzen. Vielmehr würden
sie sich oft sogar auf die Seite von deren »Kerkermeistern«
schlagen, [#59] um so »ihre absolute Unterwerfung unter Beweis
zu stellen«.
Das zeige, wie sehr in muslimischen Gesellschaften nicht nur der
Charakter der Männer deformiert werde. Ebenso negativ wirke
sich die islamische Moral auf die Frauen aus; sie erzeuge »eine
Mentalität (…), wie man sie bei allen Unterdrückten
findet. Heuchelei, Lüge, Doppelzüngigkeit sind die
einzigen Waffen, über die sie letztendlich verfügen«
(1992, S. 61). Sogar die Europäer oft beeindruckende
Herzlichkeit in orientalischen Familien erweise sich, wie eine
ehemals mit einem Iraner verheiratete Deutsche in den von
Benard/Schlaffer veröffentlichten »Reportagen aus der
orientalischen Despotie« berichtet, nach einiger Zeit des
Zusammenlebens als weitgehend fiktiv, als Theater und mit
Bösartigkeit durchsetzt (1992, S. 182). Mitleid mit den armen
unterdrückten »Schwestern« einerseits und
Ablehnung, ja Verachtung gegenüber den passiven,
charakterschwachen, sich komplicenhaft ihren Unterdrückern
anbiedernden »Fremden« anderseits vermischen sich auf
diese Weise häufig zu einem kaum wieder entwirrbaren
Konglomerat.
Solidarität mit wem?
Werden
einerseits Bewegungen, Organisationen und Individuen, die sich in
ihrer sozialen und politischen Orientierung auf den Islam beziehen,
rasch als »Fundamentalisten« homogenisiert, ist auf der
anderen Seite eine bemerkenswerte Tendenz zur Entwicklung eines
Wir-Gefühls aus der Identifikation mit deren GegnerInnen zu
beobachten, besonders mit den westlichen JournalistInnen oder
WissenschaftlerInnen nahestehenden Oberschichtfrauen islamischer
Länder. Susann Heenen-Wolff empört sich darüber,
wie sehr diese »städtischen, gut ausgebildeten und
finanziell besser gestellten Frauen« in Algerien unter den
politischen und sozialen Verhältnissen zu leiden hätten.
»Beeinflußt durch europäisches Denken«
bildeten sie »noch bis vor kurzem die Avantgarde der
Frauenemanzipation« und seien nun »fast aller
Möglichkeiten« beraubt, »ihr Leben so zu führen,
wie sie es wünschen« (1992, S. 7). Ihr Lebensstil, ihre
Ansichten, ihre Sprachkenntnisse und ihre Kompetenzen, z.B. bei
internationalen Konferenzen und Organisationen mitzumachen,
prädestinieren sie dazu, als unseresgleichen wahrgenommen und
akzeptiert zu werden. Und insofern ist es durchaus naheliegend, ihre
Situation und ihre Interessen wie durch ein Vergrößerungsglas
zu sehen. Sofern Diskrepanzen und Gegensätze zu den »einfachen
Frauen« überhaupt wahrgenommen werden, neigen manche,
beispielsweise Mernissi, dazu, auf altbekannte Avantgarde-Konzepte
zurückzugreifen, um eine schichtenübergreifende
Gemeinsamkeit zu konstruieren: Zwar liege in den arabischen
Frauenbewegungen die Initiative unübersehbar bei den (westlich
orientierten) Frauen [#60] der Ober- und Mittelschichten, schreibt
sie, doch seien auch »Frauen aus dem Volk«, die es
schwerer haben, beteiligt. »Sie machen mit, wenn sie können,
aber natürlich stehen sie nicht in der ersten Reihe«
(1992, S. 222). Selbst in Publikationen mit einem allgemeinen
Informations- und Aufklärungsanspruch unterbleibt dagegen
meistens die eigentlich erforderliche kontextuelle Einordnung
bestimmter Lebenslagen und Interessen in die gesamte
sozialstrukturelle, kulturelle und politische Entwicklung. Das
sollte selbstverständlich nicht im Sinne einer Aufrechnung
geschehen, also nach der Maxime, gebildetere, materiell
bessergestellte und politisch aktive Frauen müßten
klaglos den Verlust von Beruf, Bildungschancen und
Partizipationsmöglichkeiten am öffentlichen Geschehen
hinnehmen, weil damit ihre Situation ja nur der der Frauenmehrheit
angeglichen würde. Das Ziel sollte vielmehr sein,
unterschiedliche Lebensrealitäten, unterschiedliche Interessen
und Werte und unterschiedliche Vorstellungen von der künftigen
politischen und gesellschaftlichen Ordnung transparent zu machen –
und nicht zuletzt auch die eigenen Bewertungsmaßstäbe
derer, die darüber schreiben, Fernsehfilme drehen oder
Kongresse veranstalten.
Zu einer
fruchtbaren Auseinandersetzung oder gar zu Versuchen, sich über
gemeinsame Ansätze zu einer Kritik an Bastionen der Männermacht
oder z.B. an der Kommerzialisierung der Sexualität zu
verständigen, kommt es fast nie.
Die Theologin Donate Pahnke deutet am Ende ihres zunächst
leider alle Klischees über den frauenverachtenden Islam
bestätigenden Artikels zumindest an, daß hier etwas sein
könnte, was westliche Frauen mit den Musliminnen verbindet.
Oder, fragt sie, sind Europäerinnen »patriarchale Normen
in einer so anderen Weise und vielleicht auch in einem so anderen
Ausmaß eingebrannt worden, daß uns tatsächlich
etwas von unserer Würde und unserem Stolz verloren gegangen
ist, von dem sich muslimische Frauen trotz aller Unterdrückung
noch etwas haben bewahren können? Hätten wir andernfalls
nicht vielleicht sogar die Chance gehabt, die Entstehung der
gegenwärtigen Porno- und Bordellkultur zu verhindern?«
(1992, S. 16). Um eine Antwort auf solche Fragen, meinen wir, sollte
die westliche Frauenbewegung sich nicht drücken.
[#61]
3. Wege zur Emanzipation im
Spannungsfeld von Familie und Beruf
Angesichts
der unterstellten Frauenfeindlichkeit »des Islam« und
der Überzeugung, die Lebensbedingungen für Frauen seien in
einem islamisch geprägten Umfeld (ob nun in einem islamischen
Land oder im westeuropäisch-islamischen
MigrantInnen-Milieu) zwangsläufig miserabel, ist es geradezu
»logisch«, Musliminnen die Emanzipation westlicher
Frauen als Modell vorzuhalten. Oft beginnt die Lektion mit der
Erinnerung daran, wie ähnlich früher einmal die Situation
europäischer Frauen der von Musliminnen heute war. Doch während
sich die Frauen anderswo »Schritt für Schritt aus der
totalen männlichen Vorherrschaft mehr oder minder befreiten«,
schreibt Juliette Minces, hätten Musliminnen dies nicht
geschafft. Die Ursachen sieht sie in einer außergewöhnlichen
Resistenz des Patriarchats in islamischen Ländern als
Teil eines auf dem Koran basierenden Gesamtsystems von Regeln,
Codes, Traditionen und Gesetzen (1992, S. 13). Trotzdem hält
sie die Lage nicht für hoffnungslos – würden
Musliminnen sich nur endlich dazu aufraffen, dem Vorbild der
Europäerinnen zu folgen. Potentielle Kritik an ihren
Empfehlungen als kolonialistisch-überhebliche Nötigung
wehrt Minces ab, wünschen sich doch nach ihrer Überzeugung
Frauen in der »Dritten Welt« selbst nichts sehnlicher,
als so zu werden wie wir.
Unser Leben weckt in ihnen, wie, mit Minces übereinstimmend,
Benard/Schlaffer meinen, »eine Sehnsucht nach den Dingen, für
die der Westen steht, auch wenn er sie selbst nicht vollständig
erreicht hat: Bewegungs- und Ausdrucksfreiheit. Eine normale [!],
einigermaßen entspannte Interaktion zwischen Männern und
Frauen. Die Chance zu persönlicher Entfaltung« –
lauter Dinge, die die »sexuelle Paranoia« islamischer
Gesellschaften unmöglich mache (1992, S. 111 u. 103).
Selbstverwirklichungsideal und Familienbindung
Familie
und Kinder gelten in einem nach westlichen Vorstellungen ablaufenden
Emanzipationsprozeß als Hemmfaktoren, weshalb wir eine
Abkehr von der in der »Dritten Welt« allgemein
verbreiteten Großfamilie mit vielen Kindern und
Verpflichtungen sogar gegenüber Onkeln, Tanten, Nichten und
Neffen als erstrebenswert, ja unumgänglich ansehen. Das
islamische Menschenbild, vor allem die Bestimmung der Rolle des
Individuums aus seiner Einbindung in die Gemeinschaft und die damit
zusammenhängende Bedeutung der Familie, ist aus einer
»modernen« Sichtweise dysfunktional, wenn nicht
reaktionär und repressiv. Doch wie z.B. Interviews zeigen, die
[#62] Bouthaina Shaaban (1988) durchführte, entspricht es nach
wie vor dem Selbstverständnis vieler Araberinnen und dürfte
darüber hinaus für die Mehrheit der Musliminnen
verbindlich sein. Für sie stehen Familienorientierung und die
Wertschätzung von Bildung und Berufstätigkeit, der Wunsch,
die Welt kennenzulernen usw. nicht zueinander im Widerspruch,
sondern sie suchen unter veränderten gesellschaftlichen
Bedingungen nach neuen Wegen, beides zu realisieren.
Und dieses Bestreben ist Ausgangsbasis ihrer Kritik am westlichen
Feminismus, wo die meisten Frauen zwar auch versuchen, Familie und
Berufstätigkeit miteinander zu vereinbaren und wo es aus der
Frauenbewegung immer wieder Ansätze gibt, beides in politische
Konzepte zu integrieren, Bildungssystem und Arbeitswelt jedoch nach
wie vor androzentrisch ausgerichtet sind.
Die oberen Etagen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft usw. werden
von Männern dominiert, d.h. die Norm bilden männliche
Lebensentwürfe (frei von Belastungen durch Kinderversorgung
oder die Pflege hilfsbedürftiger Eltern), männliche
Verhaltensweisen und männliche Wertmaßstäbe. Durch
Kinder eingeschränkte Flexibilität und Mobilität oder
gar mehrjährige »Kinderpausen« erweisen sich in den
meisten Berufsfeldern als Karrierekiller für Frauen. Wollen sie
eine anspruchsvolle Tätigkeit ausüben, sind sie wohl oder
übel genötigt, auf vieles zu verzichten, was nach
muslimischer Auffassung »Familie« ausmacht, z.B. auf
Gastlichkeit und gegenseitige Hilfeleistungen innerhalb der
Verwandtschaft.
Irmhild
Richter-Dridi geht in ihrer Forschungsarbeit über
»Möglichkeiten der Frauenbefreiung in einem islamischen
Land« von der These aus, »das Verlassen der
großfamilialen Zwangsgemeinschaft mit ihren strengen
Verhaltensanforderungen« (und nicht etwa Erwerbstätigkeit)
müsse am Anfang der Emanzipation stehen (1981, S. 237). Mit
ihrer Bemerkung, Frauen – und Männer – würden
erst einmal tief durchatmen, »wenn sie in den eigenen vier
Wänden sind«, scheint sie auf Selbsterlebtes
zurückzugreifen, doch finden ähnliche Bemerkungen sich in
zahlreichen Publikationen, oft ergänzt durch Hinweise auf die
trügerische Fassade der Großfamilien-Idylle. Es liegt uns
fern, die Großfamilie romantisch zu verklären. Wir
möchten aber daran erinnern, daß die Kleinfamilie, wie
zahlreiche Studien aus der Familien- und Frauenforschung belegen,
keineswegs nur positive Seiten hat und für Frauen nicht
unbedingt (nur) Freiheit und Glück bedeutet. Sie ist eine
spezifische Erscheinung der bürgerlichen Gesellschaft und
engstens mit den kapitalisti-[#63] schen Produktionsbedingungen
verbunden. Deshalb ist auch die Propagierung und Durchsetzung der
Kleinfamilie in Ländern der »Dritten Welt« in ganz
bestimmten historisch-sozialen Kontexten und
Interessenzusammenhängen zu sehen. Unsere Bewertung des
Übergangs zur Kleinfamilie (oder zum Single-Dasein) als
»Befreiung vom Druck der alles kontrollierenden Großfamilie«
dürfte bei Musliminnen weitgehend auf Unverständnis
treffen.
Der
soziale Zusammenhang des Hauses, der Familie steht, wie bereits im
Zusammenhang mit der Geschlechtertrennung dargestellt, im Gegensatz
zum sozialen Raum der Gesellschaft, der Öffentlichkeit. Beide
Sphären sind jeweils mit bestimmten Konnotationen von Macht,
Einfluß, Rechten, Prestige, Freiheiten usw. versehen. Doch wie
wir dieses Strukturprinzip interpretieren und
universalisieren, ist aus der Geschichte der westlichen
Industriegesellschaften abgeleitet. Das führt oft zu
gravierenden Mißverständnissen und Abwertungen anderer
Kulturen. »Hausfrau« sein ist beispielsweise aus der
europäischen Tradition gleichbedeutend mit Abhängigkeit
vom Ehemann. Noch vor wenigen Jahrzehnten standen deutsche Frauen in
finanziellen Angelegenheiten gewissermaßen unter
Vormundschaft; Berufstätigkeit bedeutete daher für viele
in erster Linie eigenes Geld, für das sie sich bei niemand
bedanken brauchten. Dagegen hat »finanzielle Unabhängigkeit«
für Musliminnen herkömmlicherweise einen anderen
Stellenwert. Nach islamischen Prinzipien ist Gütertrennung der
Normalfall. Die Frau verfügt nach eigenem Ermessen über
ihr Vermögen und Einkommen. Allein der Mann ist verpflichtet,
für den Familienunterhalt aufzukommen. Entsprechend erwartet
die Muslimin den ihr zustehenden Anteil am Familieneinkommen als
Ausgleich für die von ihr erbrachten Leistungen
(Kindererziehung, Hausarbeit etc.).
Zwar sind viele Musliminnen durch die Verhältnisse dazu
gezwungen, stupide, schlecht bezahlte und gesundheitsschädigende
Arbeiten anzunehmen und mit ihrem Verdienst zum Familienunterhalt
beizutragen. Doch in der Regel empfinden sie nicht die Befriedigung,
die solche Belastungen für westlichen Frauen in ähnlicher
Situation zumindest etwas kompensiert, nämlich auf eigenen
Füßen zu stehen und dem monotonen, isolierten
Hausfrauendasein entkommen zu sein.
Eine für
die westliche Sicht charakteristische Wahrnehmungsverzerrung
entsteht außerdem durch die Gleichsetzung von Arbeit außer
Haus mit Bewegungsfreiheit und Sozialprestige. Doch während
Berufstätigkeit in Europa und den USA größere
Mobilität und Anerkennung bedeutet, ist dieser [#64]
Zusammenhang in islamischen Gesellschaften von der Tradition
her asymmetrisch: »Wer außer Hauses zu arbeiten
gezwungen ist«, erläutert Eva Künzler, »verletzt
das Konzept von innen und außen, welches die Würde und
die Ehrbarkeit der Frau gewährleistet.« Und das zieht
einen Statusverlust nach sich. Auch ist das Konzept der bürgerlichen
»guten Hausfrau« Frauen aus wohlhabenden Kreisen
islamischer Länder eher fremd. Tätigkeiten wie
Putzen und Waschen lassen Familien, die es sich leisten können,
von Personal verrichten. Durch eigenhändig gewischte Böden
und geschrubbte Töpfe ist kein Prestige zu gewinnen, und
Ehemänner, die das von ihren Frauen erwarten, obwohl sie
Haushilfen bezahlen könnten, verlieren ebenfalls an Ansehen.
Erst recht gilt das für Tätigkeiten wie Fabrikarbeit oder
eine Arbeit als Verkäuferin. »Eine Ehefrau, die im Haus
schuftet, ist eine Schande; eine, die, wenn sie nicht
wirtschaftliche Gründe dazu zwingen, sich außerhalb des
Hauses abrackert, ist verrückt!« beschreibt Vittoria
Alliata die Einstellung ihrer arabischen Gastgeberinnen (1981, S.
71). Selbst wenn man berücksichtigt, daß es sich dabei um
reiche, privilegierte Frauen handelt, scheint uns deren
Grundeinstellung doch durchaus für sehr viele, wenn nicht für
die meisten Musliminnen typisch.
Für Bäuerinnen oder Arbeiterinnen ist ein Lebensstandard,
der es ihnen erlaubt, sich auf Haushalt und Kindererziehung zu
konzentrieren, durchaus erstrebenswert und bedeutet eine Steigerung
ihres Ansehens. Das heißt nicht, daß Frauen keine
Bewegungsfreiheit haben (möchten), z.B. um Freundinnen zu
besuchen, Einkäufe zu erledigen, Ausflüge zu unternehmen
usw. Aber Arbeit außer Haus, Bewegungsfreiheit und
Emanzipation sind anders miteinander verknüpft als in Europa.
Erst seit relativ kurzer Zeit machen sich in wohlhabenderen, besser
gebildeten Schichten gegenläufige Tendenzen in der Bewertung
von Berufstätigkeit bemerkbar. Hier gilt eine qualifizierte
Arbeit als für Frauen erstrebenswert und findet in ihrer
sozialen Umwelt durchaus positive Resonanz (Künzler 1993, S. 73
ff.). Nicht zum Arbeiten gezwungene MuslimInnen streben jedoch
direkt in höhere Positionen. Sie möchten nicht als
Verkäuferin arbeiten, sondern als Managerin, werden lieber
Ärztinnen als Krankenschwestern, was dann im Westen oft großes
Erstaunen auslöst.
Durch Lohnarbeit zur Freiheit?
Mit der
Einstellung zu Geldangelegenheiten und zur Hausarbeit ist auch eine
andere Haltung zur Lohnarbeit verbunden. Weil die Emanzipation
westlicher Frauen eng mit der Befreiung aus familiären
Bindungen, aus der engen häuslichen Sphäre und mit der
Eroberung der Arbeitswelt verbunden ist [#65],
gilt Berufstätigkeit als Kriterium für ihre Befreiung.
Entsprechend tendieren wir dazu, jede andere Lebensweise und
jede andere Form weiblicher Persönlichkeitsentfaltung für
rückständig zu halten. Gesellschaftliche Veränderungen
in der »Dritten Welt«, die in Richtung des westlichen
Vorbildes gehen, finden deshalb oft allzu vorbehaltlos Zustimmung
als befreiend und fortschrittlich. Lohnarbeit zum Beispiel gilt als
wichtige Etappe zur Freiheit, auch wenn (oder weil?) dadurch die
Familienstrukturen erodieren (vgl. Baumgart 1989, S. 87 ff.). Aus
dieser Einstellung geht Richter-Dridi der Frage nach, weshalb trotz
eines sehr ähnlichen Geschlechtsrollenmodells die
Frauenerwerbsquote in Lateinamerika doppelt so hoch ist wie in
islamischen Ländern. Eine Antwort findet sie in der
Geschichte: Weil der Kolonialismus in Lateinamerika – anders
als in den islamischen Ländern – mit der
Zerstörung traditioneller Sozialstrukturen das Patriarchat
entmachtet (z.B. den Männern ihre Rolle als Familienernährer
genommen) habe, hätten Frauen von da an für sich selbst
und dazu auch für ihre Kinder sorgen müssen, was letztlich
ihre – zwangsweise – Emanzipation vorangetrieben habe.
Einen weiteren Beitrag leistete, wenn auch ungewollt, die
katholische Kirche, indem sie Frauen außerhäusliche
Betätigungsmöglichkeiten anbot. Das hätte es Frauen
erstmals erlaubt, die traditionelle Mutterrolle abzulehnen oder zu
erweitern, und einigen sei es im Laufe der Zeit sogar gelungen, sich
ganz der Kontrolle durch Familie und Kirche zu entziehen. Im Islam
habe es keine vergleichbare Konkurrenz um die Macht über Frauen
gegeben. Mit der – bedingt durch die ökonomische
Situation – zunehmenden weiblichen »Zwangserwerbstätigkeit«,
hofft Richter-Dridi, werden nun allerdings auch in Tunesien die
Männer ihre Kontrollmacht verlieren (1981, S. 229 ff.). Doch
die Vorstellung, die Lage von Frauen dadurch entscheidend zu
verbessern, daß man sie auf den Arbeitsmarkt drängt, ist
in islamischen Ländern ebenso wie in anderen Teilen der
»Dritten Welt« längst widerlegt. Im Irak
beispielsweise hat die durch den Krieg gegen den Iran forcierte
Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt wohl allenfalls einer
privilegierten Minderheit Vorteile gebracht. Für die weitaus
meisten Frauen ergaben sich daraus statt dessen Doppelbelastungen
(bis hin zur Rolle der Alleinernährerin ihrer Familie) und
finanzielle wie rechtliche Statusverschlechterungen.
Nach der Begegnung mit unverschleierten hart schuftenden –
deshalb also nach westlichem Verständnis gegenüber ihren
verschleierten, nicht berufstätigen Geschlechtsgenossinnen
bevorzugten – Jemenitinnen kritisiert Vittoria Alliata die
Reali- [#66] tätsferne einer Theorie, die Lohnarbeit zur Basis
von Emanzipation macht: »Die Soziologen des Westens verkünden:
›Es wird die Arbeit sein, die den Frauen in der Dritten Welt
Würde, Gleichheit und Freiheit verleiht.‹ Wer auf der
ganzen Welt arbeitet mehr als die Jemenitinnen? Oder als die
Ägypterinnen, die ebenfalls vom Schleier befreit wurden und
seither im Haus ausgenutzt und draußen unterbezahlt, auf der
Straße gekniffen und von den Ehemännern geprügelt
werden?« (1981, S. 180) Auch wenn uns die von Alliata
favorisierte beduinische Lebensweise nicht unbedingt eine
verallgemeinerungsfähige Alternative zu sein scheint, sollten
derartige, auch in vielen anderen Bereichen feststellbare
Diskrepanzen zwischen Theorie und Lebensrealität Anlaß
genug sein, die westlichen Modellvorgaben kritisch zu reflektieren.
Schließlich
wird in diesem Zusammenhang stets davon ausgegangen, daß
Frauen überall auf der Welt ihren Status und ihr
Selbstwertgefühl ebenso stark über »männliche«
Normen definieren wie wir Europäerinnen und
US-Amerikanerinnen. Eva Künzler weist darauf hin, daß
noch nicht »modernisierte« Musliminnen zwar
vordergründig die Dominanz des männlichen Bereiches
anerkennen, für ihr eigenes Leben spiele das jedoch eine
geringe Rolle. Für sie sei das Beziehungsgeflecht unter Frauen
(Verwandten, Freundinnen, Nachbarinnen) und das Werte- und
Normensystem dieser Sphäre weitaus wichtiger als Ansehen und
Durchsetzung in der »Männerwelt« (1993, S. 93 f.).
Auch seien muslimische Frauen keineswegs so isoliert, wie dies eine
Gleichsetzung mit in der bürgerlichen Kleinfamilie lebenden
Hausfrauen nahelegt. Daß die Lebensumstände von
muslimischen Migrantinnen in Europa solche Vorstellungen zu
bestätigen scheinen – man denke nur an den Film »Vierzig
Quadratmeter Deutschland« -, führt Künzler darauf
zurück, daß hier die Verwandtschaft (weitgehend) fehlt
und die Kontaktmöglichkeiten zu Nachbarinnen und Freundinnen
weitaus eingeschränkter sind als im Herkunftsmilieu (ebd., S.
33 ff.). Weiter waren (und sind) die informellen Möglichkeiten
zur politischen Einflußnahme in islamischen Gesellschaften für
Frauen durchaus beachtlich. Im traditionellen System sitzen sie an
»Schaltstellen wichtiger Informationsleitungen« (vgl.
ebd., S. 20 ff. u. 65 ff.). In Saudi-Arabien gehört Frauen
vierzig Prozent des Privatbesitzes. Sie sind auch nicht etwa nur
»stille Teilhaberinnen«, sondern verwalten ihre
Geschäfte und Vermögen selbst. Obwohl sie in der
Öffentlichkeit kaum in Erscheinung treten und die ihnen in den
Weg gelegten Hindernisse beträchtlich sind, nimmt ihr Einfluß
ständig zu. »Mit den Mitteln, die uns der Islam gegeben
hat«, wird eine Geschäftsfrau zitiert, »sind wir im
Moment erfolgreicher als auf westliche Art«.
Von Benard/Schlaffer interviewte saudi-arabische Karrierefrauen
widersprechen derart fundamental gängigen Kli [#67] schees, daß
die beiden Autorinnen sich mit ihrem unbeirrbaren Festhalten am
Stereotyp der unterdrückten, unglücklichen, eingesperrten
Orientalin um eine Eintragung ins Guiness Buch der Rekorde bewerben
sollten. Zwar geben sie sogar freimütig zu, das Argument,
Geschlechtertrennung biete Frauen Vorteile in Form einer Vielzahl
ihnen offenstehender Führungspositionen, nicht widerlegen zu
können (1992, S. 104 f.), doch für ihre negative
Gesamtbilanz islamischer Gesellschaften bleibt diese
Begegnung folgenlos. Ohne die Verhältnisse in Saudi-Arabien zu
idealisieren und ohne vor den Benachteiligungen von Frauen weniger
privilegierter Schichten oder ärmerer islamischer Länder
die Augen zu verschließen oder Debatten um solche Mißstände
abwiegeln zu wollen, zeigt uns doch gerade die Vorgehensweise von
Bernard/Schlaffer, wie wenig es bringt, die Lebenssituation von
Musliminnen ethnozentrisch-stur nach westlichen Freiheits- und
Emanzipationsstandards zu analysieren und zu bewerten.
4. Feminismus und/oder Islam?
Die oft
gestellte Frage, ob Feminismus und Islam miteinander vereinbar sind,
verweist zunächst einmal auf unser Verhältnis zur
Religion: Auch wenn das moderne Christentum eine feministische
Theologie hervorgebracht hat, stehen die meisten Feministinnen doch
in klarer Distanz zur Religion, vor allem wenn es sich nicht nur um
eine »private« Spiritualität (in Form von Yoga- und
Meditationskursen oder ein bißchen Schamanenkult) handelt.
Für einen erheblichen Teil der deutschen/westlichen und der
westlich orientierten Frauenbewegung in der »Dritten Welt«
dürfte die Feststellung der ägyptischen Publizistin
Chérifa Magdi repräsentativ sein, daß der
Feminismus »natürlich … genausowenig mit dem Islam
vereinbar [ist] wie mit den anderen monotheistischen Religionen«(in
der FR v. 1.8.1992). Entsprechend überrascht und ungläubig
reagieren Europäerinnen oft, wenn Frauen mit Kopftuch oder
Schleier Gedanken äußern, die ähnlich in der
feministischen Theologie und Wissenschaft erörtert werden. Die
islamische Theologin Halima Krausen sieht zumindest darin
Gemeinsamkeiten, daß auch die islamische Geschichte fast
ausschließlich von Männern aus einer Männerperspektive
geschrieben wurde. Frauen kommen bestenfalls als Mütter,
Schwestern oder Töchter größer Männer vor.
Dennoch gab es stets bedeutende Frauen, und wer sucht, findet
durchaus etwas über sie in den Enzyklopädien oder
Sammlungen von Frauenbiographien. Diese Literatur, die früher
jedem gebildeten Muslim zugänglich war, ist größtenteils
in Vergessenheit geraten, und Krausen fordert die Frauen auf, sich
ihre [#68] Geschichte wieder anzueignen. Krausen kritisiert die
Kluft zwischen islamischer Theorie und Alltagspraxis und gibt
Anregungen zu deren Überwindung (o.J., S. 8 ff.), doch ist es
offensichtlich sehr schwer, mit solchen Überlegungen
öffentliche Resonanz zu finden.
Unter
westlichen und westlich orientierten Feministinnen geht die
Diskussion eher darum, ob und wann es angebracht ist, sich
anzupassen oder die offene Konfrontation mit den »Traditionalisten«
zu riskieren. Nicht alle gehen so weit wie Susanne Gläß
mit ihrem Appell: »Hört auf, den Religions-Wahn zu
unterstützen! Laßt ab vom Besuch der Sufi-Sommercamps und
der zenbuddhistischen Schweigewochen! Tretet aus der christlichen
Kirche aus! … Reinigt Euch! Klärt Euren Verstand!«
(1992, S. 104). Doch teilweise gilt bereits das Bemühen um eine
progressive Koran-Auslegung als Zeichen von Einverständnis mit
dem »Fundamentalismus« und der Unterwerfung, etwa wenn
Cheryl Benard sich indigniert über Frauen äußert,
die den Koran mit der Detailbesessenheit mittelalterlicher Theologen
studieren (1987 I, S. 51). Auch Renate Kreile geht davon aus, daß
Frauen, »die mittels verzweifelter exegetischer Bemühungen
ihre Situation unter Berufung auf den ihrer Ansicht nach ›wahren‹
Islam verbessern wollen, auf verlorenem Posten« stehen. Eine
»echte Lösung« der Konflikte und ein »dauerhafter
Zuwachs an Autonomie und Selbstbestimmung« sind nach ihrer
Auffassung im Rahmen des islamischen Geschlechterdiskurses kaum zu
erwarten.
Sogar wenn Frauen, die sich um emanzipatorische Fortschritte auf
islamischer Grundlage bemühen, Pionierarbeit leisten sollten,
meint Marie-Aimée Hélie-Lucas, werden sie vermutlich
doch nur toleriert, solange der Kreis ihrer Wirksamkeit eng begrenzt
bleibt. »Wenn sie wirklich Einfluß auf die Bevölkerung
gewinnen, wird man sie verschwinden lassen, und sie sähen sich
dann mit den im Namen des Islams handelnden gesellschaftlichen
Kräften konfrontiert.« (1990, S. 33) Entsprechend rasch
geraten Frauen in den Verdacht einer Komplicenschaft mit dem
»Fundamentalismus«, sofern sie keine klare Position
gegen den Islam beziehen. Werden sie gar einer »progressiven«
feministischen oder linken Haltung abtrünnig, kann das nur ein
Erfolg ständiger Angriffe und Zermürbungstaktiken sein.
Die ägyptische Feministin Mai Ghoussoub nennt für solche
Fälle exemplarisch die Washingtoner Philosophieprofessorin
Aziza al-Hibri, die neuerdings versuche, den Islam »reinzuwaschen«,
außerdem Leila Ahmad, die Anfang der 80er Jahre noch von der
Unvereinbarkeit von Islam und Feminismus überzeugt gewesen sei,
nun aber den Harem und die islamische Gesellschaft verherrliche. Wie
schnell frau zur Renegatin wird, zeigt sich, wenn selbst el Saadawi
der Vorwurf trifft, (unbewußt) den arabisch-islamischen
Machismo zu bestäti- [#69] gen, weil sie
gesellschaftsverändernde politische Ziele höher bewerte
als die der Frauenbewegung.
Andererseits
wird gerade muslimischen Vertreterinnen einer
»Unterwanderungs«-Strategie oft durchaus Verständnis
entgegengebracht, weil es ihnen so erspart bleibe, ihre Kultur und
Gesellschaft verraten zu müssen. Auch wird immer wieder zu
bedenken gegeben, daß radikale feministische Forderungen, vor
allem im Bereich der Sexualität, womöglich breite
Bevölkerungsschichten, die noch nicht soweit seien,
entsprechende Veränderungen zu akzeptieren und mitzutragen,
verschrecken könnten. Generell stehen bei Vertreterinnen
solcher Positionen strategische Erwägungen im Vordergrund, z.B.
wenn Gabriele Dietrich dafür plädiert, sich im Kontakt mit
islamischen Frauen in der »Dritten Welt« auf Religion
oder Beziehungen zu religiösen Gruppierungen einzulassen. In
einem Aufsatz über die Frauenbewegung in Indien widerspricht
sie der verbreiteten Auffassung, die Beschäftigung mit der
Religion erübrige sich, weil das ohnehin »ein über
Bord zu werfendes finsteres Überbleibsel vergangener Zeiten«
sei (1989, S. 94). Diese Vorstellung verkenne die realen
Machtverhältnisse ebenso wie die Bewußtseinslage der
Bevölkerungsmehrheit in Ländern der »Dritten Welt«.
Doch geht es ihr dabei weniger um eine inhaltliche
Auseinandersetzung mit religiös begründeten Normen und
Lebensweisen als darum, Säkularisierungsprozesse einzuleiten
und voranzutreiben. Dabei, meint sie, sei die Frauenbewegung nun
einmal auf Verbündete angewiesen, auch auf Bündnispartner
aus Kreisen religiöser Reformer. Deshalb müsse die
Frauenbewegung mit allen an einer »wirklichen religiösen
Reform« Interessierten zusammengehen.
Immer
wieder wird in der von uns ausgewerteten Literatur nach den Ursachen
für die Schwäche linker und feministischer Positionen
angesichts der Re-Islamisierung gefragt. Nicht wenige AutorInnen
sehen dafür Unentschlossenheit und Kompromißbereitschaft
zu einer Zeit verantwortlich, als die Weichen noch hätten
anders gestellt werden können. So zitiert Susann Heenen-Wolff
in ihrem Essay zum »Selbstverständnis der Frauen im
Islam« zustimmend die Auffassung einer französischen
Autorin, wonach die Modernisten ihre Forderungen nach einer Trennung
zwischen politischem und religiösem Diskurs nicht nachdrücklich
genug vertreten und damit selbst [#70] »das Terrain für
einen religiösen Staat vorbereitet« hätten.
Ebenso kreidet Magdi den arabischen Feministinnen ein Mitverschulden
an ihrer desolaten Lage an, weil sie nicht radikal genug aufgetreten
seien, besonders in der Frage der Säkularisierung.
Und auch Ghoussoub meint, daß die arabischen Frauenbewegungen,
solange sie »danach streben – sei es aus taktischen
Gründen, um sich Toleranz zu sichern, oder aufgrund von
glühender Identifizierung mit der bestehenden Gesellschaft -,
islamische Tradition mit Frauenemanzipation unter einen Hut zu
bringen«, am Ende zwangsläufig immer dahin kommen werden,
»daß sie sich mit der Unterdrückung, oder doch
vielen Aspekten davon, arrangieren«.
Ein gewichtiges Argument bildet in diesem Zusammenhang die
Verständigung und Kooperation mit der westlichen
Frauenbewegung. Beides scheint mit islamisch orientierten Frauen,
gar mit »Fundamentalistinnen«, nahezu unmöglich
(vgl. Benard 1987 I, S. 49). Und so gilt unsere Sympathie
eindeutig jenen Frauen, die sich auch von der
Unterwanderungsstrategie klar distanzieren, sich von religiösen
Bindungen emanzipieren und statt dessen internationale Kommunikation
anstreben, z.B. in dem 1986 gegründeten Netzwerk »Femmes
Sous Lois Musulmanes« mitarbeiten (vgl. Hélie-Lucas
1990, S. 35 f.).
5. Gleichheit und Differenz
Wie in
den anderen westlichen Industriestaaten, bildeten auch in der
Bundesrepublik intellektuelle mittelständische Frauen, die sich
aufgrund sexistischer Erfahrungen aus den Zusammenhängen linker
Organisationen [#71] und der Studentenbewegung gelöst hatten,
das Zentrum der neuen Frauenbewegung (vgl. Schultz 1990, S. 48). Die
ersten feministischen Theoriekonzepte entstanden aus der Kritik an
den angeblich objektiven, tatsächlich aber androzentrischen
etablierten Wissenschaften. Ausgehend von der Idee einer allen
Frauen gemeinsamen Erfahrungswelt, machten Wissenschaftlerinnen sich
auf die Suche nach dem »Kollektivsubjekt Frau«. Das
Ergebnis bestand darin, daß an die Stelle des universalen
»Mannmenschen« eine am Modell der weißen
Mittelschichtfrau konstruierte »universale Frau« trat
(vgl. Ilse Lenz 1991 u. Dagmar Schultz 1990). Aus der Vorstellung,
alle Frauen seien in Prinzip in gleicher Weise Opfer des globalen
Patriarchats, folgte die Tendenz, Differenzen zwischen Frauen (bes.
ihre schichtspezifischen, geographischen, kulturellen, religiösen
und ethnischen Lebensweltkontexte) – ähnlich wie die
geschlechtsspezifischen Erfahrungsunterschiede in den kritisierten
etablierten Wissenschaften – einzuebnen, ja zu negieren.
In der
sich um 1970 formierenden neuen feministischen Bewegung gab es von
Anfang an ein starkes Interesse an Frauen in der »Dritten
Welt«. Bei ihnen hofften viele zu finden, was wir
längst verloren haben: eine eigenständige Frauenkultur,
alltägliche Solidarität, Nähe zur Natur,
Ganzheitlichkeit, aber auch Spiritualität, Magie etc. Durch
Reisen, Forschungsaufenthalte und die theoretische Beschäftigung
mit dem Leben von Frauen in Lateinamerika, Asien und Afrika wurden
sowohl auf politisch-sozialer als auch auf wissenschaftlicher Ebene
wichtige neue Erkenntnisse gewonnen. Doch gerade im Bereich der
»Solidarität« ergaben sich auch viele
Mißverständnisse und Enttäuschungen, denn in der
»Dritten Welt« ist Feminismus meistens weitaus stärker
auf einen »materiellen Kern« bezogen als in Europa oder
in den USA, was sich z.B. darin zeigt, daß
Frauenorganisationen überwiegend aus »dem doppelten
Brennpunkt von Armut der breiten Masse und Schlüsselfragen der
sozialen, kulturellen und politischen Modernisierung«
entstanden sind (vgl. Lenz 1990, S. 164 ff.). Entsprechend
verschieden fallen Gesellschaftskritik, Veränderungsforderungen
und -strategien aus. Themen, die für westliche Frauen von
zentraler Bedeutung sind, können für Afrikanerinnen oder
Asiatinnen völlig nebensächlich oder sogar ihren
Interessen zuwiderlaufend sein, so daß interkulturelle
Begegnungen und Kampagnen, die »Gleichheit« und
»Solidarität« schlicht voraussetzen, in der Regel
von vornherein zum Scheitern verurteilt sind. Und für so manche
westliche Frau, die mit den besten solidarischen Absichten, etwa als
»Entwicklungshelferin«, in die »Dritte Welt«
reiste, war es eine bittere Erfahrung, wenn sie selbst in
schlichtester Kleidung und Ausstattung sowie trotz weitgehender
Anpassung an die lokalen Lebensverhältnisse als Repräsentantin
des reichen Nordens angesehen wurde, gewisse Distanzen nicht zu
überwinden vermochte und »fremd« blieb (vgl.
Wichterich 1990, S. 13). Dieses Dilemma spiegelt sich schließlich
auch in den feministischen Theorieansätzen: Die mittlerweile
[#72] Bibliotheken füllende Literatur zum Thema »Frauen
in der ›Dritten Welt‹« zeigt, daß es zwar
ohne weiteres möglich ist, mittels eines von der westlichen
Frauenforschung entwickelten Instrumentariums die Lebenssituation
von Frauen in allen Regionen der Welt zu analysieren, zu
klassifizieren und zu bewerten. Doch bis auf wenige Ausnahmen
bleiben die Untersuchten nicht weniger als in den
»Männerwissenschaften« Forschungsobjekte, d.h.
passiv und – bis auf ausgewählte Zitate – stumm. Wo
dann doch einmal einzelne an der Produktion von Theorien und
Methoden beteiligt sind, dürfen sie nach unseren
Standards und Regeln »mitmachen«.
Weil
unter dem Gleichheitpostulat ethnische Zugehörigkeiten in
feministischen Konzepten lange ausgeblendet oder als von
nachrangiger Bedeutung zurückgestellt wurden, blieben die
realen Differenzen und Interessengegensätze unsichtbar.
Migration oder Rassismus waren in der deutschen Frauenbewegung lange
Zeit kaum ein Thema (vgl. Kalpaka 1991, S. 38 f.). Und bis heute
werden die komplexen Zusammenhänge von Rassismus, Sexismus und
Nationalismus, die für eine realistische Einschätzung
jeweiliger Herrschaftsstrukturen sowie für Ansatzpunkte
antirassistischer und antisexistischer Arbeit notwendig sind, nur
unzureichend erkannt und reflektiert
Erst seit wenigen Jahren zeichnen sich – vorangetrieben
insbesondere durch die Kritik Schwarzer Frauen an »weißen«
feministischen Projekten und Theorien – in der Praxis und in
der Frauenforschung Ansätze zu einem Umdenkungsprozeß
ab.
Dabei stoßen Konzepte, die dem Gleichheitspostulat die
Forderung entgegenstellen, Differenzen zu erkennen und anzuerkennen,
oft auf Mißtrauen, denn traditionell verweist die Betonung von
Ungleichheit auf ein durch Ausgrenzung, Klassifizierung in Höher-
und Minderwertige sowie durch Unterdrückung geprägtes
Menschen- und Weltbild. Gleichheits- und Differenzmodelle werden
daher in der Regel als Gegensätze angesehen und sind immer
wieder Anlaß heftiger Kontroversen. Menschen als verschieden
anzuerkennen, muß aber nicht bedeuten, für eine
biologisch begründete »natürliche« und/oder
ständisch ausgeformte Ungleichwertigkeit einzutreten, wie dies
in rassistischen und in den meisten sozialbiologischen Konzepten der
Fall ist. Hier wird nämlich Differenz mit einer Klassifizierung
und Hierarchisierung der Menschheit nach Wertigkeiten verbunden.
Solchen [#73] Ansätzen geht es darum, soziale Ungleichheiten
und Konflikte aus der Gesellschaft in die Sphäre der
menschlichen »Natur« zu verlagern und damit der
politischen und sozialen Auseinandersetzung zu entziehen. Die
Benachteiligung von Menschen mit angeblich geringerer »Intelligenz«
und »Kulturfähigkeit« oder mit »minderwertigem
Erbgut« läßt sich so als »natürlich«
legitimieren.
Dagegen
ein alle Differenzen negierendes Gleichheitspostulat zu setzen und
auf eine homogene Frauensolidarität zu insistieren, kann jedoch
nach unserer Auffassung nicht die Alternative sein. So begründet
das Mißtrauen gegenüber anthropologischen und sozialen
Konzepten, die Unterschiede betonen, also auch ist, hat doch das
Gleichheitsprinzip ebenfalls eine nicht nur rühmliche
Vergangenheit. Anders als von seinen VerfechterInnen gern
dargestellt, erweist es sich in der europäischen
(Geistes-)Geschichte keineswegs als ein transzendentes, allein hohen
ethischen Maßstäben verpflichtetes Ideal. Wie bereits ein
kurzer historischer Rückblick deutlich macht, war »Gleichheit«
vielmehr stets auch mit der Durchsetzung bürgerlich-männlicher
Interessen verwoben. Und gerade die aktuellen Kontroversen innerhalb
der Frauenbewegung zeigen wiederum, daß Kritik an als
ungerecht empfundenen Machtstrukturen und Ressourcenverteilungen
sehr wohl im Namen der Gleichheit («wir Frauen …«)
heruntergespielt und unterdrückt werden kann. Bekenntnisse zu
Gemeinsamkeit und Gleichheit schlagen unversehens immer wieder in
Repressionen gegen jene um, die sich in einer strukturell
»untergeordneten« Position befinden. Worauf es nach
unserer Auffassung ankommt, ist die Bereitschaft, zunächst
einmal die real sehr verschiedene Situation von Frauen wahrzunehmen,
damit aber auch die Existenz unterschiedlicher Werte,
(Glaubens-)Überzeugungen und individueller wie sozialer
Lebensentwürfe anzuerkennen.
In der
Auseinandersetzung mit dem Islam bzw. der Situation muslimischer
Frauen wird »dem Islam« oft vorgeworfen, Frauen die
Gleichberechtigung zu verweigern. Deutlich wird in solchen Debatten
immer wieder, daß den KritikerInnen nicht einmal klar ist, daß
die islamischen Vorstellungen von Gleichheit und Differenz andere
sind als die aus der abendländischen Geschichte und
Anthropologie entwickelten – und nicht nur »zurückgebliebene«.
Nach islamischem Verständnis bedeutet »Gleichheit«
aller Menschen dasselbe wie »Gleichwertigkeit«,
ungeachtet ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts usw.
vor Gott. Als einziges eine Differenzierung rechtfertigendes
Kriterium gilt die Stärke und Festigkeit im Glauben.
Der Koran [#74] wendet sich an Frauen und Männer; beide werden
gleichermaßen zum Erfüllen ihrer religiösen und
sozialen Pflichten aufgefordert und für das, was sie (nicht)
tun, zur Rechenschaft gezogen. Trotzdem gelten sie nicht als
»gleich«, sondern sollen sich als Verschiedene ergänzen
und für einander Verantwortung tragen. Was das bedeutet, ist
wiederum nur zu verstehen, wenn man die für den Islam
grundlegende Vorstellung von Ungleichheit als Schöpfungsprinzip
berücksichtigt. Alles auf der Welt, heißt es, ist
ungleich verteilt: Klima, Vegetation, Bodenschätze usw. Und
ungleich sind auch die Menschen hinsichtlich ihrer »Ausstattung«
nach Geschlecht, Hautfarbe, Körperkraft, Intelligenz usw.
geschaffen. Das wird jedoch keineswegs als Handikap oder als
Rechtfertigung dafür gesehen, daß tatsächlich oder
vermeintlich Bevorzugte die anderen beherrschen, ausbeuten und
unterdrücken.
Vielmehr liegt darin nach islamischem Verständnis durchaus ein
positiver Sinn, denn nur wegen dieser Unterschiede seien die
Menschen zum Austausch, zum sozialen Handeln genötigt. Der
Mensch gilt als Statthalter Gottes auf Erden. Ihm ist die Aufgabe
übertragen, das Ungleiche in ein harmonisches Verhältnis
zu bringen. Soziale Harmonie ist gleichbedeutend mit Gerechtigkeit.
Sie ist also eher als das Prinzip »Gleichheit« Leitidee
der sozialen Beziehungen. Dabei kann die inhaltliche Bestimmung von
Gerechtigkeit je nach historischer Epoche, Weltregion oder Milieu
sehr unterschiedlich ausfallen. Heute von Musliminnen geforderte
gerechte Möglichkeiten zur Entfaltung ihrer intellektuellen
Fähigkeiten und zur politischen Partizipation lagen für
ihre Großmütter und selbst für ihre Mütter noch
jenseits des Denkhorizontes. Auch wer dieser Sichtweise nicht folgen
will, sollte einsehen, daß es wenig Sinn macht, in der
Auseinandersetzung mit dem Islam und mit der Situation von
muslimischen Frauen bzw. bei der Analyse islamischer
Gesellschaften unreflektiert von
abendländisch-christlichen/sozialistischen Wert- und
Normvorstellungen auszugehen – es sei denn, um wieder und
wieder Defizite und Rückständigkeiten festzustellen.
6. Das Machtgefälle im
Verhältnis westlicher zu muslimischen Frauen
Im
Spannungsverhältnis von Gleichheit und Differenz ist die
Machtfrage von zentraler Bedeutung.
Die Vorstellung, als Opfer des Patriarchats seien alle Frauen
gleich, negiert die auch unter Frauen real existierenden
Machtgefälle. So erweist sich das Verhältnis zu Frauen in
der »Dritten Welt« als zwar [#75] einerseits geprägt
durch die Faszination von deren vermeintlich größerer
Naturnähe, Ausgeglichenheit, Solidarität und
Emotionalität. Andererseits werden aber stets auch die
Kontraste zu einem (tatsächlich oder aus westlicher Perspektive
so anmutenden) armseligen, durch viele Kinder, religiöse und
traditionelle Fesseln etc. beeinträchtigten Leben betont. Das
verschafft uns ein Gefühl der Überlegenheit und des
Stolzes auf unsere emanzipatorischen Errungenschaften (vgl. Schultz
1990) und dürfte erklären, warum das extreme
Ungleichgewicht von Wohlstand, Bildung, Entfaltung eigener
Handlungsmöglichkeiten etc. zwar ständig als ungerecht und
zu bekämpfen thematisiert wird, westliche Frauen zugleich
jedoch kaum je realisieren, wie sie durch ihren Lebensstil, durch
ihre Werte – z.B. Vorstellungen von Emanzipation und
gesellschaftlichem Fortschritt -, schließlich auch durch die
Betrachtung und Bewertung der gesamten Welt nach
westlich-wissenschaftlichen Konzepten das internationale
Machtungleichgewicht zugunsten der Industrieländer mittragen
und stabilisieren.
Diese
Feststellung ist nicht »moralisierend« gemeint.
Europäerinnen haben sich ihren Geburtsort und die vorgefundenen
Lebensbedingungen, die ihnen vermittelten Werte und Ideologien
ebensowenig aussuchen können wie Afrikanerinnen oder
Asiatinnen. Rassistisch gefärbte Klischeebilder gehören
zum abendländischen Kulturgut, das Menschen – also auch
Frauen -, die in Westeuropa aufwachsen, nahezu unvermeidlich durch
Elternhaus, Schule, Medien usw. mitgegeben wird.
Allerdings handelt es sich dabei nicht um Relikte des
Kolonialzeitalters oder der NS-Ideologie, also um einen
unerklärlicherweise immer noch mitgeschleppten ideologischen
Ballast, sondern diese Klischees haben durchaus innerhalb unserer
Gesellschaftsordnung ihre Rationalität und daraus ableitbare
soziale Funktionen. Vor allem dienen sie dazu, die den Norden –
und damit uns – begünstigende Weltordnung als
gerechtfertigt, ja natürlich erscheinen zu lassen. Kritik an
ethnozentrischen und rassistischen Einstellungen gegenüber
Menschen in der »Dritten Welt« bzw. MigrantInnen hat
diese Voraussetzungen zu berücksichtigen,
[#76] d.h. vor allem zu realisieren, daß
Ethnozentrismus/Rassismus nicht auf eine besonders dumme und/oder
aufgrund eigener sozialer Probleme (Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot
usw.) zur »Ausländerfeindlichkeit« tendierende
Bevölkerungsminderheit begrenzt ist. Das heißt aber auch,
daß Ethnozentrismus und Rassismus nicht als schicksalhaft
hingenommen werden müssen («Menschen haben nun ‘mal
Ängste und/oder Aversionen gegenüber Fremden« oder:
»Als EuropäerIn kann man andere Gesellschaften/Kulturen
nun ‘mal nicht anders analysieren und bewerten als nach den
eigenen Theorien und Maßstäben«), sondern durch
Offenlegung ihrer Geschichte, ihrer Verankerung in
gesellschaftlichen Strukturen und der zugrundeliegenden Interessen
durchaus veränderbar sind. Wer sich als EuropäerIn von
dieser »Mitgift« befreien, die Machtverhältnisse
transparent machen und egalitäre Prinzipien – gleicher
Zugang zu den Ressourcen für alle Menschen, gleiche
Bildungsmöglichkeiten, Wertediskurse auf ebenbürtiger
Basis usw. – mit der Anerkennung von Differenz in ein
Gleichgewicht bringen möchte, kann dies allerdings nicht durch
einen einmaligen voluntaristischen Akt erreichen, sondern muß
sich auf einen langen, mühsamen und oft schmerzhaften Prozeß
einlassen.
Bezogen
auf das Verhältnis westlicher Frauen zu Musliminnen, bedeutet
das konkret, zunächst einmal die Distanz und das fast immer
unterschätzte Machtgefälle zu realisieren und sodann nach
möglichen und nötigen Schritten zu dessen Abbau zu fragen,
bevor an eine offene, von gegenseitigem Respekt getragene und auch
Kritik einschließende Kommunikation überhaupt zu denken
ist. In der Literatur und bei Veranstaltungen spielt dieser Gedanke
bisher jedoch kaum eine Rolle – schon gar nicht, wenn es nicht
nur um sozioökonomische, sondern auch um kulturelle Macht geht.
So wird bei Kursen für muslimische Migrantinnen oder bei
Seminaren und Tagungen zum Themenbereich »Frau und Islam«
seitens deutscher Veranstalterinnen und Teilnehmerinnen zwar
einerseits stets bekundet, an Kontakten und Informationen über
die Lebenssituation und Werte muslimischer MigrantInnen sowie über
den Islam interessiert zu sein. Sie wollen muslimischen
Teilnehmerinnen nicht eigene Vorstellungen aufdrängen, sondern
gegenseitig voneinander lernen. Doch in der Praxis sind sie es dann
doch – mit wenigen Ausnahmen -, die Gesprächsinhalte und
Kommunikationsformen bestimmen. Das liegt nicht nur an
Deutschkenntnissen oder an der Kompetenz, Kurse und Seminare zu
organisieren, sondern auch an nicht mehr hinterfragten Vorstellungen
(oder Sachzwängen), wie derartige Veranstaltungen abzulaufen
haben, was interessant und wichtig ist etc.
[#77]
Seit Jahrzehnten gibt es für Türkinnen/Musliminnen
spezielle Integrationsmaßnahmen, teils von deutschen Frauen
(mit mehr oder weniger Beteiligung von Migrantinnen) organisiert,
teils als Ergänzung herkömmlicher Sozial- und
Bildungsangebote. Dabei gelten »traditionell und streng
religiös orientierte Frauen« als besonders schwierige
Gruppe. Die älteren unter ihnen sprechen meistens nur wenig
Deutsch und führen ein Leben, das sie nur in bestimmten
Zusammenhängen (Arbeit, Einkaufen) und dann auch nur
oberflächlich mit Deutschen in Berührung bringt. Auf
diesen Personenkreis zugeschnittene Projekte werden oft nicht
angenommen, was, wie es im Bericht über eine gescheiterte
Maßnahme heißt, teils mit geringer Motivation der
Frauen, vor allem jedoch mit deren Abhängigkeit von ihren
Kontroll- und Machtverlust befürchtenden Ehemännern und
emanzipationsfeindlichen religiösen Vorschriften erklärbar
sei. Daß das Mißlingen (auch) an den deutschen
Vorgaben des Projektes (Inhalt, Zusammensetzung der Gruppe, Ort und
Zeit der Treffen, Auftreten der Sozialpädagoginnen etc.)
gelegen haben könnte, wird von der Autorin nicht in Betracht
gezogen (Meske 1983, S. 9). Derartig interpretierte Erfahrungen
legen die Schlußfolgerung nahe, alles, was mit dem Islam zu
tun hat, möglichst zurückzudrängen und Frauen zu
einer Abkehr von religiös geprägten Denk- und
Verhaltensweisen zu ermutigen.
Das um so
mehr, wenn es sich um Töchter der ersten
»Gastarbeiter«-Generation oder um im Zuge der
Familienzusammenführung neu eingewanderte junge Frauen handelt.
Bei einem Fortbildungsseminar zum Thema »Musliminnen in der
deutschen Gesellschaft« lehnten deutsche (und einige westlich
orientierte türkische und iranische) Sozialarbeiterinnen es
strikt ab, über die von einigen »Kopftuchtürkinnen«
vorgeschlagenen Anliegen, z.B. Diskriminierung in Schule, Ausbildung
und Berufsleben, zu diskutieren. Statt dessen nötigten sie
diesen eine Auseinandersetzung über Gewalt in der Familie auf
und waren beleidigt, als mehrere sich daraufhin zurückzogen.
Daß sie mit ihrer Begründung, das von ihnen gewünschte
Thema sei so interessant und außerordentlich wichtig und sie
hätten dazu so viele Fragen an die Musliminnen, Macht ausübten,
war ihnen ebensowenig zu vermitteln wie die Einsicht, daß für
ein Gespräch über gewalttätige muslimische Väter,
Brüder oder Ehemänner in diesem Kreis die Voraussetzungen
fehlten.
Abgesehen von der Frage, ob Frauen mit anderem kulturellen
Hintergrund die »deutsche« Art, mit diesem Problem
umzugehen, überhaupt angemessen finden, gehört dazu eine
Vertrauensbasis, die nicht einfach postuliert werden [#78] kann,
sondern erst einmal hergestellt werden müßte, und zwar
mit einigen Vorleistungen unsererseits. Die in diesem Seminar
vorherrschende Einstellung, auf islamischer Grundlage entwickelte
Ansätze zur Sozialarbeit seien ohnehin indiskutabel, trug
jedenfalls nicht zur Förderung eines offenen Austausches und zu
einer Verringerung des Machtungleichgewichtes zwischen deutschen
und muslimischen Frauen bei.
Anerkennung
des Machtgefälles hieße schließlich auch,
Forschungsparadigmen erneut zu überdenken: Daß wir
es sind, die weltweit Modetrends ebenso wie die
Emanzipationskriterien bestimmen, daß wir es sind, die
festlegen, was »normale« Beziehungen der Geschlechter
und Grundbedingungen einer »gesunden«
Persönlichkeitsentwicklung sind, daß wir es sind,
die mit unseren Theorien und Methoden weltweit die
Wissenschaften dominieren und dabei festlegen, was z.B.
»Fortschritt«, »Modernisierung« oder
»Fundamentalismus« heißt – das alles wird
trotz vielfachen Bedauerns über den Verlust eigener Werte und
Bindungen in der »Dritten Welt«, über deren
weitgehend zerstörte Kultur und geringe Beteiligung an
wissenschaftlichen Entwicklungsprozessen von kaum einer Europäerin
und US-Amerikanerin ernsthaft zur Disposition gestellt. Mögen
sie noch so solidarisch gemeint sein, werden wissenschaftliche
Arbeiten, die von einem unaufhaltsamen weltweiten
Modernisierungsprozeß nach westlichem Vorbild, von der nicht
hinterfragbaren Modellfunktion unserer Freiheits- und
Emanzipationsnormen oder von der Überzeugung ausgehen, daß
religiöse Orientierungen per se für ein reaktionäres
Weltbild und/oder erzwungene ideologische Verblendung stehen, gewiß
nicht zur Aufhebung des Machtungleichgewichtes beitragen. Insofern
müßte auch die westliche Frauenforschung bestimmte
soziologische Grundannahmen sowie einige ihrer eigenen Paradigmen
neu zur Diskussion stellen, z.B. die aus der europäischen
Geschichte abgeleitete Gleichsetzung von Innenraum/Haus mit
Ohnmacht, materieller Abhängigkeit, Ausschluß von
politischem Einfluß etc. und von öffentlicher Sphäre
mit Besitz, mit gesellschaftlichem Prestige und politischer Macht.
Ebenso wäre die Übertragbarkeit des für viele
feministische Theorien zentralen Natur-Kultur-Paradigmas auf die
Auseinandersetzung mit dem Islam bzw. mit der Situation von Frauen
in islamischen Ländern in Frage zu stellen. Eva Künzler
weist darauf hin, daß die im westlich-kapitalistischen Kontext
mit der Aussage, die Frau sei gegenüber dem Mann »naturnäher«,
verbundene Abwertung keineswegs für alle Kulturen gelten
müsse.
Diese spezifisch abendländische Prägung grundlegender
soziologischer Kategorien hat bisher auch die Frauenforschung
weitgehend übersehen.
[#79]
IV. Okzidentale Moderne versus
orientalische Rückständigkeit
Das
westliche Bild »der Muslimin« steht, wie bereits gezeigt
wurde, im Kontext des historischen Verhältnisses zum Islam und
einer spezifischen Wahrnehmung der politischen und sozialen
Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten. Diese
ist geprägt durch Polarisierungen zwischen dem rückständigen,
irrationalen, repressiven und militanten Orient bzw. Islam
einerseits und dem freien, zivilisierten, rationalen, säkularen
Okzident andererseits. Barreau beispielsweise beschreibt die
islamischen Länder als eine für Europäer
»völlig fremde Welt«. Während es in
kommunistischen Ländern ungeachtet aller ideologischen
Differenzen stets möglich gewesen sei, »den Westen«
wiederzuerkennen, »einen verarmten und altmodischen Westen
zwar, doch immerhin – den Westen«, müsse sich der
europäische Besucher islamischer Länder nach wie
vor auf einem »anderen Planeten« zurechtfinden (1992, S.
14). Diese fremde Kultur könne zwar, wie die mit Barreau in der
Sichtweise »des Orients« weitgehend übereinstimmenden
Autorinnen Benard und Schlaffer mit Blick auf den Iran formulieren,
für Europäer durchaus faszinierende Aspekte aufweisen,
doch bleibe sie ein »Anti-Pol zu unserer Welt«. Indem
sie das uns vielleicht Anziehende – Sicherheit der
sozialen Beziehungen, Geborgenheit in der Großfamilie, Respekt
vor dem Alter etc. – in den Bezugsrahmen eines totalen
Zwangssystems stellen, wo man »nach Anweisung« geht,
spricht, sich kleidet und sich verheiratet (1992, S. 167), lassen
sie es jedoch absurd und kaum vorstellbar erscheinen, daß bei
klarem Verstand irgendjemand (zumindest keine Frau) auch nur
ernsthaft erwägen könnte, in einer solchen Gesellschaft
leben zu wollen.
1. Fundamentalismus – ein
populäres Etikett
Mit dem
zur Erklärung sozialer und politischer Entwicklungen in
islamischen Ländern so beliebten Begriff
»Fundamentalismus« wird auf ein zunächst in den USA
beobachtetes Phänomen zurückgegriffen, was verzerrte und
falsche Schlußfolgerungen nahezu unvermeidlich macht.
Tatsächlich werden auf diese Weise nicht nur Erscheinungen in
der christlichen und der islamischen [#80] Welt
vorschnell gleichgesetzt, sondern oft auch höchst
unterschiedliche Gruppen und Strömungen in einen Topf geworfen:
solche, die ihre armen, politisch ohnmächtigen Anhänger
durch Verheißungen von Gerechtigkeit und einem besseren Leben
im Jenseits entpolitisieren, ebenso wie andere, die durchaus
diesseitsorientiert sind, d.h. für soziale Gerechtigkeit und
die Entmachtung korrupter politischer »Eliten« kämpfen.
Das westliche Bild vom »islamischen Fundamentalismus«
wird durch winzige Minderheiten unter den MuslimInnen geprägt,
die es ablehnen, sich in irgendeiner Weise auf »moderne«
politische Strukturen und soziale Institutionen (einschließlich
Schulbildung, medizinischer Versorgung usw.) einzulassen und zum
Teil Gewalt anwenden, um ihre Utopie von der Wiederherstellung
gesellschaftlicher Verhältnisse wie zu Lebzeiten des Propheten
zu realisieren. Die Mehrheit der »Fundamentalisten«
erweist sich dagegen bei unvoreingenommener Betrachtung als
gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert. Sie setzen sich mit den
heutigen politischen und ökonomischen Machtstrukturen
auseinander, und wenn sie von der Rückbesinnung auf den Islam
und die islamische Frühzeit sprechen, dann nicht, um zu einer
mittelalterlichen Lebensweise zurückzukehren – »Zurück
aufs Kamel!« -, sondern um daraus Erkenntnisse für eine
zeitgemäße Lösung der Gegenwartsprobleme zu
gewinnen. Die Zahl der MuslimInnen, die historischen Wandel leugnen
oder verhindern wollen, ist gering. Wie der Münsteraner
Islamwissenschaftler Peter Heine ausführt, wäre vieles,
was im allgemeinen als »fundamentalistischer Islam«
gilt, zutreffender sogar als »modernistisch« zu sehen
(vgl. 1992, bes. S. 25 ff.). Und auch als vor den Toren des
Abendlandes zum Angriff rüstende Massenbewegung gibt es »den
Fundamentalismus« nicht, wie der in Tübingen islamische
Geschichte lehrende Heinz Halm schreibt (1993, S. 211 ff.). An
solchen Einwänden scheinen die meisten Wissenschaftler,
Politikerinnen und Journalisten sich jedoch nicht zu stören,
wenn sie an diesem Konzept festhalten, um Veränderungsprozesse
in der islamischen Welt zu deuten.
Manche
ExpertInnen betrachten das »Islamische« allerdings nur
als eine »Begleitmusik« zu nationalen Befreiungs-
und/oder sozialen Protestbewegungen. Was von den »Fundamentalisten«
als religiös motivierter Aufbruch ausgegeben und von außen
auch oft so wahrgenommen werde, sagen sie, [#81] sei in Wirklichkeit
eine von machtlüsternen, demagogisch begabten »Mullahs«
hochgepuschte und ausgenutzte ideologische Maskerade. Selbst
AnhängerInnen »fundamentalistischer« Gruppen seien
in der Regel durch die Propaganda und/oder Geld, Jobs, soziale
Hilfsleistungen etc. verführt, nicht aber aus religiöser
Überzeugung dabei. Und WählerInnen islamistischer Parteien
hätten, wie vor einigen Jahren in Algerien, weniger eine
Islamisierung von Staat und Gesellschaft im Sinn als die Absicht,
den Herrschenden einen Denkzettel zu verpassen. Diese Überzeugung,
in Wirklichkeit handele es sich bei den »fundamentalistischen«
Bewegungen und Parteien (im wesentlichen) um ein Aufbegehren gegen
soziale Mißstände bzw. die Politik herrschender »Eliten«,
führt seit der islamischen Revolution im Iran zu immer wieder
den gleichen Irritationen und Fehleinschätzungen.
Schon als 1979, wenige Monate nach Vertreibung des Schahs, die
ersten Bilanzen gezogen wurden, hieß es, »die Mullahs«
seien am Ende, denn sie hätten es nicht geschafft, die
ökonomische Situation der Bevölkerungsmehrheit grundlegend
zu verbessern. Mit dem »islamischen Spuk« werde es daher
bald wieder vorbei sein. Ebenso war Saliha Scheinhardt vor fast zehn
Jahren sicher, daß die Religion in der Türkei durch
Urbanisierung, steigende Bildung und vor allem durch Einsicht in
Gesellschaftsstrukturen und Klassenverhältnisse an Bedeutung
verlieren und »der Islam als politische Ideologie keinen
Nährboden mehr finden« würde. Vielmehr sei er
bereits auf dem besten Wege, »sich mit dem Säkularismus
zu arrangieren« (1986, S. 87). Ganz ähnlich sieht es in
der Algerien-Berichterstattung aus: Weil »die
Fundamentalisten« nach ihren Wahlerfolgen auf kommunaler Ebene
die Misere des Landes nicht zu bewältigen vermocht hätten
und darüber hinaus keine Antwort wüßten »auf
die Herausforderungen der Modernisierung in einer sich verändernden
Welt«, stellte Dominic Johnson Mitte 1991 erleichtert
aufatmend fest: »Algeriens Bevölkerung verabschiedet sich
von den Islamisten« (taz v. 3.7.1991).
In den
wissenschaftlichen Erklärungsversuchen fallen die Thesen zur
historischen Genese des »Fundamentalismus« und seines
Verhältnisses zur »Moderne« sehr unterschiedlich
aus – manche sehen ihn als Gegenpol, andere als »Ausgeburt
der Moderne«, nämlich als »neue Variante des
Totalitarismus«. Trotzdem ähneln sich die meisten
Erklärungskonzepte stark in der Betonung von Gewalt,
Expansionsdrang, Repressivität, besonders [#82] gegenüber
den Frauen, Intoleranz, Vernunftfeindlichkeit und Freudlosigkeit.
Düstere Prognosen eines Schweizer Rechtsextremisten unter dem
Titel »Der Islam wird uns fressen«
differieren inhaltlich und im Argumentationsstil kaum von den
Warnungen Barreaus vor dem »Kampf des Islam gegen die moderne
Welt« (1992) oder einem SPIEGEL-Bericht (5/1993) über den
Marsch des islamischen Fundamentalismus gegen den Westen und seine
Weltordnung. Auf einige der populärsten Thesen werden wir im
folgenden näher eingehen.
2. Re-Islamisierung als Aufstand
gegen die Moderne?
»Modernisierungsverlierer« und
»Modernisierungsverweigerer«
Vergleichende
Darstellungen der sozialen und politischen Strukturen islamischer
Länder und ihrer Geschichte zu der westlicher
Industriestaaten laufen in der Regel auf die Diagnose eines
Entwicklungsrückstandes hinaus, eines Entwicklungsrückstandes,
der nicht unbedingt in Wirtschaftsdaten meßbar sein muß
(z.B. in Relation zu den reichen Ölstaaten), sondern sich vor
allem in Form »zivilisatorischer Defizite« bemerkbar
machen soll: Die Masse der Muslime, heißt es in vielen
Publikationen, wisse mit den modernen westlichen Werten, mit
westlicher Kultur und westlicher Demokratie nichts anzufangen; ihr
Denken und Fühlen, ihr Rechtsempfinden und [#83] ihre Normen
seien im Mittelalter steckengeblieben. Sämtliche Versuche,
islamische Länder ökonomisch und politisch zu
modernisieren, seien gescheitert. Die von manchen Experten als
enttäuschte Reaktion auf mißlungene
Modernisierungsansätze und Aufbegehren gegen soziale Mißstände,
von anderen als Abwehr der Moderne interpretierte zunehmende
Rückbesinnung auf religiöse Werte und Lebensformen,
insbesondere auf gesellschaftliche Normen und Strukturen der
islamischen Frühzeit, gilt als Ausdruck von Unfähigkeit
und der Weigerung, konstruktiv statt defensiv auf die Anforderungen
des 20. Jahrhunderts zu reagieren.
Nimmt man
die Kriterien westlich-kapitalistischer Leistungs- und
Konkurrenzgesellschaften zum Maßstab, gehört die
islamische Welt (einschließlich der in Europa lebenden
MigrantInnen) zu den »Modernisierungsverlierern«.
Nach einer wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Blütezeit
im Mittelalter, heißt es übereinstimmend in vielen
Publikationen, sei sie gegenüber dem Abendland mehr und mehr
ins Hintertreffen geraten. Die Moderne habe in den islamischen
Ländern allenfalls in bescheidenen Ansätzen und in
wenigen gesellschaftlichen Sektoren Fuß fassen können.
Die Ursachen dafür werden teils in externen (z.B.
Kolonialismus), teils in internen Faktoren gesehen. Insbesondere das
Versagen sowohl des Kapitalismus als auch des Sozialismus mit ihren
jeweiligen Versprechungen von Fortschritt wird als Grund dafür
angesehen, daß große Teile der Bevölkerung sich
enttäuscht der Religion und den daraus abgeleiteten politischen
Konzepten zuwenden. Außerdem werden in letzter Zeit zunehmend
die einheimischen »Eliten« verantwortlich gemacht. Sie
hätten sich in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit als
unfähig und unwillig erwiesen, Ressourcen wie Bodenschätze
oder fruchtbares Land im Interesse des Allgemeinwohls zu nutzen, die
Verwaltung effizient zu organisieren sowie das Bildungs- und
Sozialwesen zu modernisieren. Beides sind zutreffende Beobachtungen.
Doch als Erklärungsmodell greifen sie zu kurz, denn die
Vorwürfe gegen die »Eliten« blenden zumeist deren
enge Bindung an die (ehemaligen) Supermächte aus. Und die
»Enttäuschungs-Hypothese« unterstellt, daß
Menschen, denen es gut geht, sich von religiösen Bindungen
»emanzipieren«: Wenn die Regierungen der islamischen
Welt es schaffen, die Wirtschaft anzukurbeln, wird es mit dem
»fundamentalistischen Spuk« bald wieder vorbei sein.
Ob sich
der »Fundamentalismus« künftig weiter ausbreiten
wird, ist aus der Sicht jener, die ihn als Reaktion auf soziale
Krisen interpretieren, in erster Linie von der
Wirtschaftsentwicklung islamischer Länder und vom Greifen
sozialpolitischer Maßnahmen abhängig. Christian J. Jäggi
beispielsweise, der [#84] einerseits vor einer Reduzierung der
Ursachen auf soziale Probleme warnt, geht andererseits davon aus,
daß »fundamentalistische« Strömungen
ungefährlich werden, wenn sie »ihre soziale Basis, also
die verarmten und sozial sowie ethisch-religiös entwurzelten
Schichten, verlieren«.
Wie die Veränderungen bewirkt werden sollen, bleibt allerdings
meistens unklar. In erster Linie wird an Regierungen bzw.
einheimische »Eliten« appelliert, endlich eine
vernünftige Wirtschaftspolitik zu betreiben, die Verwaltung zu
reformieren, soziale Aufgaben zu übernehmen usw. Außerdem
sollen Industriestaaten und/oder internationale Institutionen
(Weltbank usw.) helfen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Hans H.
Schneiders Plädoyer für ein »von
Herrschaftsansprüchen freies Engagement« Westeuropas, um
die Länder Nordafrikas gegen eine weitere Ausbreitung des
»Fundamentalismus« wirtschaftlich zu unterstützen,
erweist sich allerdings als Phrasendrescherei, wenn er direkt
anschließend dazu auffordert, »die Kontakte zu den
kooperationswilligen Kreisen zu pflegen«. Wen er damit wohl
meint? König Hassan II. von Marokko vielleicht, der mit
Demokratie ungefähr so viel im Sinn hat wie seinerzeit Erich
Honecker? Egal: »Europa braucht ein freundliches Gegenüber
in Nordafrika. Es hat dort viele gute Freunde, die in der Not nicht
im Stich gelassen werden dürfen.«
Alle
Maßnahmen, die nach westlichem Modell zur Modernisierung der
islamischen Länder für notwendig gehalten werden,
sind allerdings mit einschneidenden Folgen gerade für die
ärmeren Bevölkerungsschichten verbunden, was auch durchaus
gesehen wird. Doch für die durch Rationalisierung der
Produktion, Währungsreform und weltmarktgerechte Preise
entstehenden »Flurschäden« müßten dann
eben, wie im Westen, Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften
sorgen.
Und langfristig werde sich gewiß, wie in den Industriestaaten,
ein alle Bevölkerungsschichten erfassender Erfolg einstellen.
Wie Richard Münch betont, bleiben allerdings selbst hier
sozialer Friede und Fortschritt stets durch fundamentalistische
Gegenbewegungen der Zukurzgekommenen und Überforderten
gefährdet, die ihre Kraft »aus der Sehnsucht nach dem
Vergangenen« schöpfen (1991, S. 43). Falls solche
Bewegungen politisch wirksam werden, warnt er, führe das
unvermeidlich zu Terrorismus oder Totalitarismus (ebd., S. 47).
[#85]
Sieht man im »Fundamentalismus« vor allem eine Reaktion
auf soziale Krisenerscheinungen wie Arbeitslosigkeit, Inflation,
Wohnungsnot etc., ist die Frage, wer aus welchen Ressourcen
materielle Verbesserungen anzubieten hat (oder erfolgreich den
Anschein zu erwecken vermag, die Krise meistern zu können), von
entscheidender Bedeutung. Vom Staat, darin sind sich wohl alle
»Fundamentalismus«-KritikerInnen – zähneknirschend
– einig, ist wenig zu erwarten. Es mangelt nicht nur an Geld,
sondern auch der entsprechenden Infrastruktur und vor allem am
politischem Willen. Die aufgeblähte, oft korrupte Bürokratie
islamischer Länder verfolgt alle möglichen Ziele –
nur nicht das Wohl der Bevölkerung. Deshalb haben in Ägypten
beispielsweise die Moscheen bereits in großem Umfang soziale
und medizinische Dienstleistungen übernommen, bis hin zum
Betrieb von Dialysestationen.
Von den »Fundamentalismus«-KritikerInnen wird ihnen das
allerdings nicht gerade als Verdienst angerechnet, sondern als
hinterlistige Strategie der Machteroberung angekreidet. »Es
beginnt damit«, entrüstet sich zum Beispiel Chérifa
Magdi, »daß versucht wird, die Legitimität zu
erschüttern, auf die sich die Staatsmacht in der Gesellschaft
stützt, indem sich der politische Islam ihren Entscheidungen in
der einen oder anderen Form verweigert. Anschließend versucht
er, sich als die Kraft in der Gesellschaft darzustellen, die in der
Lage ist, den Bürgern die Dienstleistungen anzubieten, die die
Staatsmacht und ihr bürokratischer Apparat nicht anbieten
wollen oder können. Als Beispiel für diese Taktik können
die Geschehnisse gelten, die dem Erdbeben vom vergangenen Oktober
folgten. Die islamistischen Organisationen organisierten fast alle
Hilfsaktionen für die durch das Erdbeben betroffenen
Stadtteile. Witze kursierten währenddessen darüber,
welcher Minister schneller war, die ausländischen Hilfsgelder
in die eigene Tasche zu manipulieren. Nicht einmal der
Republikspräsident wurde von diesen Witzen verschont.«
Unglaublich! Infam! Oder kommt uns das nicht doch irgendwie
sehr bekannt vor? Ist das nicht genau das, was auch bei uns
Oppositionsparteien bzw. Alternativbewegungen tun? Die Legitimität
der Staatsmacht zu erschüttern versuchen, sich selbst als die
besseren Anwälte des Volkes präsentieren, unfähige,
bestechliche Machthaber lächerlich ma- [#86] chen – was
ist daran verwerflich? Karikaturen, Comics, Satiren, ganze
Kabarettprogramme leben von der rednerischen Begabung, Kompetenz und
moralischen Integrität unserer Politiker. Sollte die BRD
womöglich bereits islamistisch unterwandert sein?
Im
Zusammenhang mit der Behauptung, Frauen seien Hauptopfer der
Re-Islamisierung, sind wir bereits auf den Vorwurf eingegangen, der
türkische, algerische, ägyptische etc. »Fundamentalismus«
werde von außen gesteuert und finanziert. Es trifft wohl zu,
daß reiche islamische Staaten religiös orientierte
Bewegungen und Parteien in nicht unerheblichem Ausmaß
unterstützen. Und daraus ergeben sich ohne Frage Abhängigkeiten
und demokratisch nicht kontrollierte Machtverflechtungen. Die
Empörung angesichts derartiger Hilfeleistungen mutet allerdings
heuchlerisch an, solange europäische Staaten und die USA
weltweit, also auch in islamischen Ländern, ganz
ungeniert mit Milliardensummen ihren Einfluß geltend machen.
Das »Verwerfliche« besteht offenbar darin, daß mit
den »Fundamentalisten« politische und soziale
Entwicklungsprozesse gefördert werden, die den westlichen
Interessen zuwiderlaufen. Mit dem Vorwurf der Fremdfinanzierung wird
versucht, den »Fundamentalismus« als ein mafiaähnliches
Phänomen zu diskreditieren und die »Fundamentalisten«
von den »guten Muslimen«, die in ihren politischen und
sozialen Vorstellungen westlichen Leitideen folgen, abzusetzen, um
so guten Gewissens weiter eine unseren Interessen förderliche
Politik betreiben zu können.
Ergänzt
und unterstützt wird die Auffassung, in den
»fundamentalistischen« Bewegungen artikuliere sich
vornehmlich sozialer Protest, weshalb sie mit dem Erfolg
sozialpolitischer Gegenmaßnahmen auch von selbst wieder
verschwinden würden, durch die Überzeugung, keine der
islamischen Gruppierungen und Parteien habe auch nur ansatzweise
eine über die reine Machtgier hinausgehende
Zukunftsorientierung – von Demokratie und Konzepten zur Lösung
sozialer Probleme ganz zu schweigen.
Weil ihr Scheitern mangels eigener konstruktiver Programme und einer
erdrückenden materiellen und ideellen Überlegenheit des
Westens quasi determiniert sei, sollten ihre langfristigen
Erfolgsaussichten (d.h. die von ihnen ausgehende Gefahr) nicht
überschätzt werden. Es liegt uns fern, die Schwächen
der meisten theoretischen oder politisch-programmatischen Entwürfe
aus »fundamentalistischen« Kreisen beschönigen oder
gar bestreiten zu wollen, eine Schwäche, die übrigens
allen Versuchen aus der »Dritten Welt«, den
»Modernisierungs«-Vorgaben aus den Industrieländern
etwas [#87] eigenes entgegenzusetzen, gemeinsam zu sein scheint und
daher eher auf die prekäre Situation von Menschen in der
»Dritten Welt« verweist, die sich natürlich auch in
der intellektuellen Produktion niederschlägt, als auf Defizite
muslimischer Denker und Politiker. Auch sehen wir die Kritik an
»fundamentalistischen« Theorien und Programmen oft stark
durch einen ethnozentristischen Blickwinkel geprägt, d.h.
insbesondere ignorant gegenüber Vorstellungen von
gesellschaftlicher Entwicklung und politischer Partizipation, die
anders, d.h. in anderen institutionellen Zusammenhängen und
nach anderen Regeln stattfindet (oder angestrebt wird) als nach
abendländischen Standards. Und schließlich: wo gibt es im
Westen gegenwärtig überzeugende wissenschaftliche Vorgaben
und politische Konzepte, um das Nord-Süd-Armutsgefälle
auszugleichen, die ökologischen Probleme zu bewältigen
oder endlich wirkungsvoll Kriege zu verhindern? Zu den seltenen
Ausnahmen von dieser voreingenommenen Betrachtungsweise gehört
Irina Hetsch mit ihrer Studie über konzeptionelle Ansätze
zur Überwindung der Unterentwicklung in islamischen
Wirtschaftstheorien am Beispiel Iran. Auch wenn sie zu der
Schlußfolgerung gelangt, daß es sich um unzulängliche
und widersprüchliche Theorien handelt, wendet sie sich doch
nachdrücklich gegen jene KritikerInnen islamischer
Gesellschaftsentwürfe, die der Religion allenfalls aus
sozialpsychologischer Warte eine gewisse Bedeutung beizumessen
bereit sind, nicht aber als »echte Alternative zur Überwindung
der Unterentwicklung«. Angesichts »fehlender globaler
Bedingungen für revolutionäre Umgestaltungen« sieht
Hetsch dagegen den Islam als einzige Chance zur Verhinderung »des
sozialen Kollapses riesiger Volksmassen«. Statt ihm ständig
»Impotenz« bei der Durchführung von
»Maximalprogrammen« vorzuwerfen, wäre es nach ihrer
Auffassung sinnvoller, die im Islam liegenden Möglichkeiten zur
Lösung konkreter Probleme zu prüfen und zu nutzen –
»zumal sich alle anderen bisher entworfenen Strategien zur
Überwindung der Unterentwicklung bis heute ebenfalls als
›impotent‹ erwiesen haben« (1992, S. 136 f.).
Wenn mit
Blick auf die Industriegesellschaften von
»Modernisierungsverlierern« die Rede ist, dann sind
damit die – materiell wie geistig – weniger bemittelten
Bevölkerungsschichten gemeint, die Langzeitarbeitslosen und die
Sozialhilfeempfänger, die Jugendlichen ohne Schulabschluß
und Ausbildung, die Langsamen, die Behinderten und psychisch
Labilen. Ebenso gelten die »Modernisierungsverlierer« im
internationalen Vergleich, also auch die islamischen Länder als
Teil der »Dritten Welt«, als weniger intelligent,
flexibel und leistungsmotiviert. Sie gehören zu den Lahmen und
»Fußkranken«, was es leicht macht, Mißstände
oder Konflikte in den Bereich individueller und kollektiver
Pathologien zu verlagern. Sind die arbeitslosen und
unterbeschäftigten ÄgypterInnen oder AlgerierInnen aus den
Dörfern und Armenvierteln, wo ein Großteil der
»Fundamentalisten« -Anhängerschaft zuhause ist,
nicht [#88] irgendwie mit ihrem Fatalismus, Irrationalismus und
dieser antiquierten Haltung gegenüber dem Fortschritt selbst
Schuld an der Misere? Zu der Vorstellung, AraberInnen bzw.
MuslimInnen hätten eine andere »Mentalität«
als EuropäerInnen, würden durch die Moderne überfordert
und reagierten darauf mit Ressentiments, kurz: als
»Modernisierungsverweigerer«, ist es unter diesen
Prämissen nur ein kleiner Schritt. Lebten in Bangladesh ab
sofort Niederländer statt bengalische Muslime, phantasiert
Barreau, wäre es binnen kurzem ein anderes Land, denn statt
sich passiv und schicksalsergeben den Naturgewalten zu überlassen,
würden Niederländer am Ganges Polder, Kanäle, Dämme
und Windmühlen errichten (1992, S. 73). Nicht etwa die
»Gesetze« des Weltmarktes, die Interessenallianzen
imperialer Mächte mit einheimischen »Eliten« und
die kulturelle Hegemonie des Westens, sondern das irrationale Denken
und Verhalten der »Massen« in islamischen Ländern,
ihr Unwille und ihre Unfähigkeit, sich der Dynamik
»freiheitlicher Industriegesellschaften« flexibel
anzupassen sowie ihre Neigung, der Propaganda reaktionärer
religiöser Führer zu folgen, statt in herrschaftsfreiem
Diskurs, rational planend und tatkräftig ihr Schicksal in die
eigene Hand zu nehmen, werden aus dieser Sicht für die
bedrückende Lage der Bevölkerungsmehrheit in vielen
islamischen Ländern, für mangelnde internationale
Konkurrenzfähigkeit oder für kulturelle Verarmung
verantwortlich gemacht.
Als eine
Form kollektiver Pathologien steht gegenwärtig besonders die
»Bevölkerungsexplosion« im Zentrum der Kritik. Aus
Mangel an Vernunft und langfristiger Planung, wird der »Dritten
Welt« vorgeworfen, blockiere sie durch das
Bevölkerungswachstum jeglichen Entwicklungsfortschritt und
gefährde darüber hinaus die Existenz der Menschheit. Neben
dem Katholizismus gilt der Islam als ein Haupthemmnis bei der
Überwindung dieses irrationalen Verhaltens.
Allein durch ihre zunehmende Zahl werden MuslimInnen als Bedrohung
wahrgenommen, wie dies besonders drastisch in der Überschrift
zu einem Bericht über die Position »islamischer
Fundamentalisten« bei der Weltbevölkerungskonferenz in
Kairo zum Ausdruck kommt: »Die wahre Atombombe ist die Zahl
der Muslime«.
Jürgen Liminski, nach dessen Überzeugung ohnehin nur der
ungebildete Pöbel durch den islamischen »Fundamentalismus«
ansprechbar ist, beklagt, daß sich die Bevölkerung
islamischer Länder schneller vermehre als es möglich
sei, »Mittel für [#89] eine profunde, Denken und Handeln
bestimmende Bildung« aufzutreiben. Zwar dürfe man sich
ohnehin nicht der Illusion hingeben, daß »lesen und
schreiben lernen … aus dem Kind aus einem islamischen Elternhaus,
besser: Familienverband«, bereits einen »westlichen
Bürger«[!] mache, doch die gegenwärtige
demographische Entwicklung determiniere geradezu eine Ausweitung des
»Fundamentalismus«. Alle Anstrengungen zur Bewältigung
der sozialen Probleme würden so sabotiert und darüber
hinaus die innere Sicherheit Europas gefährdet. Das
Bevölkerungswachstum provoziere die von De Gaulle für das
21. Jahrhundert prognostizierten »Konflikte zwischen Rassen
und Zivilisationen« (1992, S. 31). Ähnlich diagnostiziert
Gerd Held in der hohen Geburtenquote eine Hauptursache für die
wirtschaftlichen Schwierigkeiten Algeriens und damit für den
Aufstieg der FIS Anfang der 90er Jahre. Geburtenkontrolle ist
deshalb für ihn nicht nur ein wichtiges Element der
»Zivilisierung der Beziehungen von Mann und Frau«,
sondern von zentraler Bedeutung, wenn die Re-Islamisierung
aufgehalten werden soll. Sofern das nicht gelinge, prognostiziert er
für Algerien an die »Megamaschine der ›orientalischen
Despotie‹« erinnernde Verhältnisse (1992, S. 13
f.).
Die ganze oder die halbe Moderne
Das
Klischeebild von den »fundamentalistischen
Modernisierungsverweigerern«, die am liebsten zu kargen
mittelalterlichen Lebensformen in der Wüste zurückkehren
würden, trifft, wie gesagt, allenfalls auf eine winzige
Minderheit zu. Doch auch wenn sich die große Mehrheit als
gegenüber modernen Entwicklungen in Wissenschaft und
Technologie durchaus aufgeschlossen erweist, ist es den Skeptikern
und Kritikerinnen nicht recht: Weil sie Flugzeuge benutzen,
Industriebetriebe, Verlage und Fernsehstationen betreiben, sich im
Krankheitsfalle modernen medizinischen Einrichtungen anvertrauen
etc. wird ihnen vorgeworfen, ihre eigenen Ideale und Prinzipien zu
verraten und sich somit selbst als unglaubwürdig
bloßzustellen.
Bassam Tibi wird nicht müde, »Fundamentalisten« als
Heuchler vorzuführen, die von einer »halben Moderne«
träumen, d.h. sich die »institutionelle«,
technowissenschaftliche Dimension der Modernität aneignen
wollen, ohne bereit zu sein, auch die Errungenschaften der
»kulturellen Moderne« anzuerkennen (1992b, S. 146 ff.).
Das habe zweierlei zur Folge: Erstens sei es mittels dieser
Strategie möglich, die kritische Auseinandersetzung mit dem
eigenen Weltbild zu umgehen und an der Überzeugung von der
Überlegenheit der eigenen Kultur/Religion festzuhalten.
Zweitens gehe es ihnen um eine wohlfeile Übernahme von
Produktionstechniken, westlicher Konsum- und Luxusgüter,
modernster Medizin, Kommunikationsmedien usw. Da der Islam [#90]
nach Tibis Expertise auf Weltherrschaft angelegt ist, gelte das
Interesse vorrangig der militärischen Technologie. Mit den aus
dem Westen importierten Waffen bildeten die »Fundamentalisten«
eine hochexplosive Gefährdung des Weltfriedens (ebd., S. 24).
Daß
»Fundamentalisten« entsprechend ihrer eigenen Grundsätze
auf Autos und Flugzeuge, auf industrielle Güterproduktion,
Fernsehen, EDV, medizinische Apparate usw. verzichten müßten,
wäre nur einsichtig, würden sie all dies in der Theorie
als anti-islamisch zurückweisen. Doch davon kann, abgesehen von
den erwähnten kleinen Minderheiten, keine Rede sein. Die Absage
richtet sich nicht gegen wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritt an sich, sondern gegen die ungeprüfte Übernahme
aller »Segnungen der Moderne«, besonders jener, die sich
mittlerweile als höchst fragwürdig bis gefährlich
erwiesen haben. Er richtet sich gegen die Entmündigung durch
angebliche Gesetze dieses Fortschrittes und gegen die Unterordnung
gesellschaftlicher Entwicklung unter Prinzipien der
Profitmaximierung.
Versteht
man dagegen, wie z.B. Richard Münch, die Moderne als eine
Epoche, die »den Menschen vom Zwang kirchlicher Dogmen,
traditionaler Bindungen und unkontrollierter Herrschaft sowie von
materieller Not befreit« hat,
kann es gar keine vernünftigen Gründe geben, sich ihr zu
widersetzen. Vielmehr ist es als ein Segen für die Menschheit
anzusehen, wenn sich dieser Freiheit und Wohlstand bringende Prozeß
weltwelt durchsetzt. Und tatsächlich scheint er seit
Zusammenbruch des Sozialismus/Kommunismus ja auch ohne Alternative
zu sein. In den hier diskutierten Zusammenhängen erweist sich
»Moderne« als Chiffre zur Herstellung sozialer
Integration, als Konglomerat tatsächlicher und vermeintlicher
Errungenschaften westlicher Industriestaaten, deren prinzipielle
Überlegenheit in der Auseinandersetzung mit dem »islamischen
Fundamentalismus« auch linke und feministische KritikerInnen
des kapitalistischen Entwicklungsmodells anerkennen. Entsprechend
scharf fällt die Reaktion auf muslimische Kritik an den
»Segnungen des Fortschritts« und auf die
Verweigerungshaltung von »Fundamentalisten« aus. »Viele
Muslime«, entrüstet sich z.B. Barreau, »verschwenden
auf die Moderne nicht einen Gedanken«, womit sie nach seiner
Auffassung an Beschränktheit noch die ehemaligen
kommunistischen Machthaber übertreffen (1992, S. 14). Selbst
der im Dialog mit dem Islam besonders engagierte christliche
Religionswissenschaftler Adel Khoury hält »Islamisten und
Traditionalisten« vor, Errungenschaften der modernen Zivi-
[#91] lisation nicht die gebührende Achtung zu erweisen (1990,
S. 10). Tilmann Nagel kritisiert »Fundamentalisten«, die
»die westliche Zivilisation in Bausch und Bogen als
widergöttlich« verwerfen, eine Haltung, die zwar unter
dem unmittelbaren Eindruck der Bedrohung durch den Kolonialismus
verständlich sei, »deren Verewigung aber Gefahren in sich
birgt« (1982, S. 99). Und der Mannheimer Theologe Ludwig
Hagemann sieht in der »totalen Weigerung, die heutige
Gesellschaft mit den Errungenschaften der Moderne angemessen und
kritisch zu würdigen« einen Nährboden des
Totalitarismus. Indem sie »westliches Denken als Verirrung«
abstempeln und »in der modernen Gesellschaft lediglich
Verfallserscheinungen zu erkennen« glauben, werde »das,
was nach der Aufklärung als Freiheitsgeschichte reklamiert wird
und werden kann« pauschal und völlig undifferenziert
zurückgewiesen und statt dessen selbstgenügsam und
selbstherrlich ein islamisches Modell absolut gesetzt. Doch das
führe zu radikalem Denken und Militanz und damit in die
Isolation von den anderen Völkern (1992, S. 432). »Die
islamistische Ablehnung der westlichen Wertvorstellungen und des
europäischen Einflusses droht die bis in die Antike
zurückreichenden Verbindungen unter den Anrainerstaaten des
Mittelmeeres abzuschneiden«, warnt schließlich Hans H.
Schneider. Kämen die Islamisten an die Macht, würde das
die Länder Nordafrikas geistig und kulturell zurückwerfen
sowie katastrophale Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.
3. Der Islam – Feind des
Westens?
Mit der
erklärten Absicht, über diese fremde, schwer verständliche
Religion aufzuklären und das Gespräch mit Muslimen und
Musliminnen zu fördern, gab die DIE ZEIT 1993 ein Sonderheft
unter dem Titel »Der Islam – Feind des Westens?«
heraus. Trotz aller Beteuerungen, der Islam und die Verhältnisse
in den islamischen Ländern müßten differenziert
betrachtet werden, man wolle sich nicht an feindseligen
Polarisierungen beteiligen usw., ist in den Beiträgen vor allem
von Gefahr, Gewalt, Erbfeindschaft, Fundamentalismus, islamischer
Bombe etc. die Rede. Als Resümee der Analysen, Kommentare und
Reportagen wäre die Frage deshalb mit einem klaren »Ja«
zu beantworten. Und das ist für die Auseinandersetzung mit
diesem Thema aus einer keineswegs feindselig gemeinten Haltung nicht
einmal untypisch: »Der Islam« wird vor Gericht gestellt,
nach unseren Kriterien von Recht, Freiheit, Demokratie usw.
vernommen und nach unseren Wertmaßstäben und
Interessen abgeurteilt. Wir behaupten, durch die
Re-Islamisierung bedroht zu werden. Wenn das der Stil sein soll, in
dem auch weiterhin der [#92] »Dialog mit dem Islam«
geführt werden soll, wäre es nach unserer Meinung besser,
das ganz bleiben zu lassen.
Die
Frage: »Der Westen – Feind des Islam?« wird
bezeichnenderweise nie gestellt, obwohl sie angesichts der
Kolonialgeschichte und der vielfältigen bis in die Gegenwart
fortdauernden Einmischungen in die Angelegenheiten islamischer
Länder doch sehr naheläge. Wir sind die Friedfertigen,
Vernünftigen und Dialogbereiten, die Muslime dagegen schwer
durchschaubar, irrational, militant. »Was immer in Europa in
akademischen Diskussionen oder Talkshows über das Wesen des
Islam, seine Toleranz und Humanität gesagt wird, in der
politischen Realität Nordafrikas wendet sich die politisch
organisierte Bewegung der Islamisten gegen alles Westliche, Moderne,
Christliche und versucht, als Massenbewegung über Wahlerfolge
oder mit terroristischen Mitteln die Macht zu erobern, um das Ideal
eines islamischen Staates zu verwirklichen«, fegt Schneider
mögliche Einwände beiseite.
»Das Schwert des Islam« (Scholl-Latour 1990), »Das
grüne Schwert« (Kuckertz 1992), »Sterben für
Allah« (Tophoven 1991), »Morden für Allah«
(Taheri 1993) – längst unüberschaubar ist die
Literatur, mit der uns ein Bild des dämonischen,
gewalttätigen Islam vermittelt wird. Autoren wie Peter
Scholl-Latour und Gerhard Konzelmann konnten mit ihren die
»islamische Gefahr« heraufbeschwörenden Büchern
in der BRD eine marktbeherrschende Stellung erobern. Selbst wenn es
sich um den x-ten Aufguß bekannter Thesen und alter Reportagen
handelt, ist jeder Neuerscheinung ein guter Platz auf der
Bestseller-Liste und die entsprechende Aufmerksamkeit in den Medien
sicher. Zwar gibt es in jüngster Zeit einige
Veröffentlichungen, die die Sicht- und Darstellungsweise dieser
populären Experten kritisch beleuchten und vor der Konstruktion
eines neuen »Feindbildes Islam« warnen,
doch scheinen Bücher wie Gernot Rotters auch für Laien gut
verständlich geschriebene Enttarnung Konzelmanns als »Allahs
Plagiator« (1992) beim breiten Lesepublikum kaum Eindruck zu
hinterlassen und den Verkaufserfolg Konzelmannscher Werke wenig zu
beeinträchtigen. Und auch Peter Scholl-Latour ist weiterhin als
angesehener Kenner der islamischen Welt in den Medien präsent.
In Europa
und den USA wird die Renaissance des Islam primär als Offensive
gegen »das Abendland« wahrgenommen, und zwar vor allem
als Angriff auf unsere ökonomischen Interessen (besonders
hinsichtlich der Verfügungsmacht über die Ölquellen
im – aus westlicher Sicht – Nahen Osten) und
[#93] damit als Gefährdung unseres Wohlstands. Weiter
ist das »Feindbild Islam«, wie Andrea Lueg betont, Teil
einer Gesamtsicht auf den verarmten Süden. Nicht nur der Nahe
Osten, sondern die »Dritte Welt« insgesamt wird »als
Ort der Instabilität, der Unsicherheit, der Stammes- und
Bürgerkriege, der unverständlichen Gewalt, der Krankheit
und zahlloser anderer Übel« wahrgenommen (1993, S. 39).
Die Abwehr artikuliert sich als Warnung vor den destabilisierenden
Wirkungen der Re-Islamisierung auf Europa, vor allem durch Flucht-
und Migrationsbewegungen, durch Terrorismus und Drogenhandel (vgl.
Matthies 1991, S. 5 ff.). »Was macht diese
fundamentalistischen Bewegungen so beunruhigend, ja, angsterregend
für den Westen?«, fragen Armin Kappel und Silvia Kuske.
»Der Wunsch vieler MuslimInnen nach einer verstärkten
religiösen Ausrichtung in ihrem Alltag sowie in der Politik
ihrer Regierungen liefert dafür keine Begründung. Vielmehr
ergeht es ihnen wie allen politischen Bewegungen, die sich nicht vom
Westen kontrollieren lassen wollen, sondern ihren eigenen Weg in die
tatsächliche Unabhängigkeit suchen: sie werden zu
Feindbildern hochstilisiert.« (1994, S. 81 f.) In diesem Sinne
prognostiziert beispielsweise DER SPIEGEL in der Serie »Trends
2000«: »Mit revolutionärer Energie mobilisiert der
Islam, kämpferischste aller Weltreligionen, seine 1,2
Milliarden Gläubigen. Unter dem Banner des Propheten bedrängen
Fundamentalisten nahöstliche Präsidenten und Monarchen.
Sie schüren Haß auf westliche Werte und sehen sich als
Vorkämpfer einer religiös begründeten Weltordnung.
Schon bald könnte Europa einen fanatischen Gottesstaat vor der
Haustür haben.«
Europäische Friedensforscher erklären um die gleiche Zeit
die »Beherrschung des ›fundamentalistischen Islam‹
… nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sowohl in Rußland
als auch im Westen als eine der zentralen strategischen Aufgaben«,
wobei es natürlich westliche Experten sind, die bestimmen, was
»Fundamentalismus« ist und wie Strategien zu seiner
»Beherrschung« zu entwickeln sind. Ein Beitrag von
Fabian Blau im ZEITmagazin (10/1990) wird auf dem Titelbild mit
schwarz verschleierten Frauen und der [#94] Schlagzeile »Schleier
und Schwert – Auf der ganzen Welt kämpfen islamische
Fundamentalisten gegen die verhaßten Werte des Westens«
angekündigt. Der Beitrag selbst erfüllt, was das Titelbild
verspricht: Er handelt vom Aufbruch einer militanten, sich wie ein
»Steppenbrand« ausbreitenden Bewegung gegen die
westliche Moderne.
In dieser »Furcht vor der mächtigen bindenden und
mobilisierenden Kraft des Islam«, schreibt Heinz Halm,
artikuliert »sich die Angst, die Völker zwischen dem
Atlas und dem Hindukusch könnten sich dem politischen Einfluß
des Westens entziehen, uns unser Öl wegnehmen, unsere Industrie
ruinieren und uns ins Elend stürzen« (1993, S. 211).
Zwar
fehlt es nicht an Stimmen aus den Wissenschaften, den Medien und der
Politik, die vor Tendenzen warnen, das mit dem Zusammenbruch des
Ostblocks abhanden gekommene Feindbild Kommunismus durch das des
Islam zu ersetzen, doch richtet sich dieser Widerspruch in erster
Linie gegen den damit verbundenen ökonomischen und politischen
Vormachtanspruch des Westens. Kritisiert wird das beanspruchte
Recht, politisch, ökonomisch und militärisch eine »neue
Weltordnung« zu dominieren, z.B. Rohstoffpreise und
Zollabkommen zu diktieren oder die UNO je nach eigenen Interessen zu
instrumentalisieren. Doch werden unsere
wissenschaftlich-rationale Aufklärung, unsere
Rechtsordnung, unser politisches System, unser Familienmodell
oder etwa gar unsere Auffassung von Freizeitgestaltung
(Urlaubs- und Fernsehgewohnheiten, Kneipen-«Kultur«,
Pop-Musik etc.) in Frage gestellt, ist auch bei jenen rasch die
Toleranzschwelle erreicht, die ansonsten nicht müde werden, die
Abhängigkeit der »Dritten Welt« vom reichen Norden
anzuprangern. Die Abwehr gegen einen »politischen Islam«
ist von links generell nicht geringer als seitens jener, die aus
überzeugter Identifikation mit der weltweiten Superiorität
des Westens ein neues »Feindbild Islam« konstruieren.
Bekennen die einen sich offensiv zu einer Politik, die ökonomische
Prioritäten setzt (Erdöl!) und die Ausbreitung
»fundamentalistischer« Strömungen zu verhindern
versucht (z.B. durch finanzielle Unterstützung und
Waffenlieferungen an »befreundete« Regierungen der
Region), begründen die anderen ihre Aversion aus
grundsätzlichen Einwänden gegen die Verquickung von
Politik und Religion, mit Bedenken hinsichtlich individueller
Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und nicht zuletzt
hinsichtlich der sozialen und rechtlichen Stellung der Frau. Aus
dieser [#95] Haltung checkt z.B. das sich zumindest selbst immer
noch als »links« verstehende »Kursbuch« in
Sorge um die Zukunft islamischer Länder ganz ungeniert deren
Anfälligkeit für den »Islamismus« durch.
Selbst wo
westliche JournalistInnen und WissenschaftlerInnen den islamischen
»Fundamentalisten« zugestehen, ihre skeptisch-ablehnende
Haltung gegenüber der »modernen« politischen und
sozialen Ordnung sei so völlig unbegründet und irrational
nicht, ringen sie sich doch nur selten zu einer tiefergehenden
kritischen Reflexion eigener Normen und Verhaltensweisen durch.
Auch sie tun sich schwer damit, Ideen und Zielsetzungen, die nicht
den eigenen tradierten Vorstellungen entsprechen, in ihrem
geschichtlichen und weltpolitischen Zusammenhang zu sehen. Weil sie
generell im Islam keine Ansätze zu erkennen vermögen, um
politische und soziale Reformen voranzutreiben, prognostizieren sie
auch hinsichtlich der (Re-)Konstituierung einer eigenständigen
kulturellen Identität durch Rückbesinnung
auf den Islam eine düstere, in die Sackgasse mittelalterlicher
Repressionen und Gewalt führende Entwicklung. Der in Frankreich
lebende ägyptische Politikwissenschaftler Sami Nair sieht
folglich in der Re-Islamisierung keinen Weg, um die kulturelle
Identität zurückzugewinnen, sondern »eine
konservative und vorgestrige Reaktion auf die praktische Evolution«
(1992, S. 25). Während er positiv von einem evolutionären
Fortschrittsmodell nach westlichem Vorbild auszugehen scheint, sieht
Christian J. Jäggi immerhin »soziale Entfremdung,
ethisch-kulturelle Entwurzelung, weltanschauliche Heimatlosigkeit
und gesellschaftlichen Wertezerfall der Moderne«, gegen die
der »Fundamentalismus« rebelliert, wenn auch nur
abwehrend, rückwärts orientiert und deshalb letztlich
erfolglos.
Entsprechend interpretiert die in Hamburg lehrende Turkologin Petra
Kappert die bei muslimischen MigrantInnen zu beobachtende »Flucht
in den Islam« als Zeichen von Resignation und mangelnder
Integration. Es sei den Deutschen nicht gelungen, meint sie, den
Einwanderern »die Vorzüge unserer Gesellschaft
nahezubringen«.
Zu wenig
Beachtung findet dagegen, daß viele der die Re-Islamisierung
tragenden politischen Gruppen und Parteien intern in Opposition zu
einer nicht demokratisch legitimierten Regierung stehen bzw. sich
erst kürzlich [#96] gegen diktatorische Systeme durchgesetzt
haben. Sie werden bespitzelt, beruflich benachteiligt und verfolgt.
In vielen Ländern sind islamische Parteien verboten oder können
nur mit Einschränkungen ihre Ziele vertreten. Volle Meinungs-
und Pressefreiheit gibt es fast nirgends. Das sind keine besonders
günstigen Voraussetzungen für eine gelassene,
differenzierte und selbstkritische Auseinandersetzung mit Ideen und
politischen Konzepten. Vor allem verkennen und unterschätzen
aber auch nicht auf das kapitalistische Entwicklungsmodell fixierte
KritikerInnen zumeist, wie präsent der islamischen Welt
ihre historischen Erfahrungen mit dem Abendland sind, besonders was
die im Westen als weit zurückliegend empfundene Epoche des
Kolonialismus betrifft. Politische und soziale Bewegungen, die aus
dem Islam eine Alternative zu den gegebenen Verhältnissen
anstreben, sind nicht nur intern mit den etablierten Strukturen und
ihren Repräsentanten konfrontiert, sondern gleichzeitig nach
außen mit den Interessen der Industriestaaten, die sich vor
allem die Kontrolle über die Ölquellen im Nahen Osten
sichern wollen. Die Vordenker und die Trägerschichten des
»Fundamentalismus« sind ja keineswegs einem fanatischen
Wahndenken verfallen, wenn sie dem »freien«,
demokratischen Westen vorwerfen, seine Politik werde keineswegs von
ethischen Prinzipien und von der Sorge um das Wohl der Menschheit,
sondern von ökonomischen Zielen und Machtinteressen bestimmt.
Was Demokratie oder Menschenrechte wert seien, habe sich etwa am
Ende des zweiten Golfkrieges gezeigt, wo Saddam Hussein erlaubt
wurde, den Aufstand der irakischen Schiiten blutig niederzuschlagen,
weil der eben noch als Reinkarnation von Hitler und Stalin
verteufelte Diktator trotz allem akzeptabler schien als eine am
Islam orientierte Regierung.
All das
wird aus westlicher Perspektive bei der Auseinandersetzung mit dem
»Fundamentalismus« gern ausgeblendet, etwa wenn Ludwig
Hagemann dessen Radikalität und Militanz anprangert: »Die
Konfrontation wird gesucht«, schreibt er, »der Sturz der
Regierungen gefordert, der Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung
propagiert, die Revolution erstrebt.« Ob es sich dabei um
gewählte Regierungen oder Diktaturen handelt und ob es nicht
sehr gute Gründe für das Aufbegehren gegen die die
Bevölkerungsmehrheit ökonomisch benachteiligende und
politisch unmündig haltende Gesellschaftsordnungen gibt,
scheint ihn nicht zu interessieren. Statt dessen setzt auch er
Re-Islamisierung mit Streben nach der »Weltherrschaft«
gleich (1992, S. 432), um so die letzten Westeuropäer mit
multikulturellen Neigungen darüber aufzuklären, wie
bedrohlich der »islamische Fundamentalismus« ist.
Christian J. Jäggi wirft den »Fundamentalisten« aus
einer ähnlichen Sichtweise vor, humanitäre Grundanliegen
aller Religionen, vor allem den Gedanken der Versöhnung, zu
ignorieren (Jäggi/Krieger 1991, S. 48 f.). [#97] Geradezu
rührend mutet es an, wenn Heiner Geißler zur Abwehr des
»Fundamentalismus« vorschlägt, »die
demokratischen Länder« sollten versuchen, »in einer
konzentrierten Medienaktion im Nahen Osten eine geistige Offensive
für Menschenrechte und Freiheit zu beginnen«. Wenn die
Predigten Ayatollah Khomeinis im Iran einen so durchschlagenden
Erfolg hatten, fragt er, warum »sollten die Ideale der
Freiheit und der Demokratie nicht genauso eine ansteckende Kraft …
entfalten können«? (1994, S. 7) Solche Vorwürfe und
Vorhaben zur Abwehr des »Fundamentalismus« gehen nach
unserer Auffassung allzu flott über die reale Position des
»freien Westens« bei der Verteidigung von
Menschenrechten und Freiheit, über die historisch-politisch
entstandenen internationalen Machtkonstellationen und die sie
zementierenden Interessen hinweg. Und der Gedanke der »Versöhnung«
setzt doch wohl voraus, daß die durch hemmungslosen Einsatz
ihrer Wirtschafts- und Militärmacht in eine dominierende
Position gelangte Konfliktpartei zumindest ansatzweise einen
Gesinnungswandel glaubhaft macht, z.B. wenigstens die eigenen
humanen Werte gegenüber der anderen Seite respektiert und auch
dann in Politik umzusetzen bemüht ist, wenn dies gegen eigene
Vorteile und die Überzeugung geht, Avantgarde der Menschheit zu
sein. Dafür sehen wir jedoch bisher keine erwähnenswerten
Anzeichen.
Die im
Westen immer wieder heraufbeschworenen Visionen eines kommenden
mittelalterlich-finsteren »islamischen Weltreiches«
muten angesichts der realen internationalen Machtverhältnisse
grotesk an. (Noch sind es doch wohl die USA und Europa, die global
ihre Interessen und ihre Kulturmuster durchsetzen – oder?).
Wenn die »Angst vor dem Islam« überhaupt einen
realen Kern hat, dann kann er allenfalls in der Erkenntnis liegen,
daß sich die gegenwärtig weltweit stärkste Bewegung
gegen die Dominanz des Westens und die Abhängigkeit von
europäischen oder US-amerikanischen Modellvorgaben in allen
Lebensbereichen auf den Islam beruft. Ähnlich wie im
Zusammenhang mit der Frauenbewegung und der Frauenforschung
erörtert, wäre daher auch hinsichtlich der
»Modernisierung« des Islam die Existenz eines über
Jahrhunderte entstandenen Machtgefälles sowie die Notwendigkeit
anzuerkennen, daß die egalitäre Basis für einen
»Dialog« (und dieser wiederum als Voraussetzung für
Kooperation und Kritik auf gleichberechtigter Ebene) überhaupt
erst einmal herzustellen ist. Doch davon ist in den Debatten um
Ursachen und Folgen der Re-Islamisierung, wie sie im Westen geführt
werden, so gut wie nie die Rede. Statt dessen werfen auch
wohlmeinende Kritiker und Kritikerinnen den »fundamentalistischen«
MuslimInnen vor, »die bei uns (sic!) allgemein akzeptierten
demokratischen Spielregeln für die Austragung politischer und
sozialer Konflikte« nicht oder nicht hinreichend zu
respektieren (Jäggi/Krieger 1991, S. 17). Für Benard und
Khalilzad ist das Denken »islamischer Radikaler« [#98]
irrational und mit »emotionalen Bezügen gegenüber
dem Westen« überfrachtet. Auch wenn es in der Beziehung
zwischen Orient und Okzident in der Vergangenheit dieses oder jenes
gegeben haben sollte, meinen sie, was nicht ganz den abendländischen
Demokratie- und Menschenrechtsidealen entsprach, zeuge es doch von
geistiger und gefühlsmäßiger Unreife, darauf ständig
herumzureiten. Statt dessen empfehlen sie den Muslimen, endlich
»Gelassenheit gegenüber dem Westen« zu entwickeln
(1988, S. 10). Und Bassam Tibi ermahnt die Muslime, »die
gegebenen politischen Strukturen sachlich, ohne paranoide
Dämonisierung zur Kenntnis zu nehmen« (1992c, S. 81).
Auch wenn
es zutrifft, daß sich in den »fundamentalistischen«
Bewegungen und Parteien sozialer Protest artikuliert und viele
Anhänger sich ihnen aus Enttäuschung zugewandt haben,
handelt es sich dabei nach unserer Auffassung jedoch nicht nur um
ein Aufbegehren der Modernisierungsverlierer und -verweigerer,
sondern um eine kulturspezifische Form der politischen
Willensbildung und -artikulation. In einem religiösen Kontext
können Gruppen und Schichten, die ansonsten kaum über
Macht und Möglichkeiten dazu verfügen, ihre Interessen und
Werte ausdrücken und ihren Einfluß geltend machen. Es
geht also auch – wenn nicht sogar vor allem – um soziale
und politische Selbstbestimmung, um Wiedergewinnung der »kulturellen
Hegemonie«.
Das muß keine prinzipielle Feindseligkeit gegen »den
Westen« bedeuten, wie es »Fundamentalisten« oft
unterstellt wird, wohl aber eine gründliche Revision all
dessen, was im Laufe der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte aus
Europa und den USA importiert wurde, wozu beispielsweise auch die
okzidentale Philosophie, geschichtliche und
religionswissenschaftliche Theorien, das von Europa übernommene
Menschenbild oder soziologische Deutungsmuster der islamischen
Gesellschaften und Kultur gehören. Die Feststellung der
Schwarzen US-amerikanischen Feministin Gloria I. Joseph: »Solange
die Schwarzen dazu gezwungen sind, sich mit weißen Theorien zu
beschäftigen und sie auch noch zu verinnerlichen, gibt es
weißes Denken im schwarzen Kostüm.« (taz v.
23.7.1993) mag die gegenwärtige Situation auch von MuslimInnen
verdeutlichen. Sie können ebenfalls auf einen reichen
kulturellen Fundus
zurückgreifen, um den so übermächtig erscheinenden
Vorgaben des Westens eigene Werte und Le- [#99] bensformen ebenso
wie eigene Gesellschaftstheorien, Modelle sozialer Entwicklung usw.
entgegenzustellen.
Doch wenn MuslimInnen, ebenso wie Joseph, die Auffassung vertreten,
daß es ein legitimes Anliegen aller Menschen ist, politische
Strukturen, soziale Normen, wissenschaftliche Theorien usw., an
deren Zustandekommen sie nicht aktiv beteiligt waren, kritisch zu
hinterfragen und gegebenenfalls »Neuverhandlungen« zu
fordern, gilt das rasch als Ausdruck »fundamentalistischer«
Borniertheit. Statt sich an einer »toten Vergangenheit«
festzuklammern, wird ihnen allenthalben dringend angeraten, sollten
sie sich lieber nach vorne – also an uns – orientieren.
Und wenn sie denn schon nicht ganz von ihrem Glauben lassen wollen
oder können, wäre es doch wohl nicht zuviel verlangt,
wenigstens endlich die Trennung von Religion und Politik
nachzuholen. Oder?
4. Säkularisierung als
Voraussetzung für Freiheit und Demokratie
Die
provozierende Frage »Wieviel Religion kann der Mensch noch
vertragen?«, mit der im Klappentext von Jean-Claude Barreaus
»Die unerbittlichen Erlöser« auf die aktuelle
Relevanz seiner Attacke gegen die »islamischen Fanatiker«
hingewiesen wird, dürfte hinsichtlich der Einstellung der
meisten europäischen Liberalen, Linken und Feministinnen zur
Religion ins Schwarze treffen. Schon die stillschweigende
Gleichsetzung »des Menschen« mit Europäern bringt
unsere überlegene, »erwachsene« Position in
der Evolutionsgeschichte zum Ausdruck. Moderne Menschen, die über
das Stadium »gottesfürchtiger Kinder« hinaus sind,
haben ein distanziertes Verhältnis zur Religion. Auf jeden Fall
ist diese Privatsache (vgl. 1992, S. 13). Menschen – nicht nur
Muslime und Musliminnen -, die ihr privates Leben in sichtbarer
Weise an einer Religion orientieren und daraus außerdem ihre
Vorstellungen von Politik und Gesellschaft ableiten, werden rasch
als schwach, abhängig und zurückgeblieben eingeschätzt.
Sie brauchen Krücken, um ihr Leben zu bewältigen. Jemand
muß ihnen die Richtung weisen, sie trösten. Bereitwillig
glauben sie Verheißungen eines bessern Jenseits, die ihnen
ihre Misere auf Erden erträglich machen, und merken nicht
einmal, wie sie dadurch zugleich entpolitisiert werden.
Soziale/politische Bewegungen, die sich auf eine Religion beziehen,
gelten als konservativ bis reaktionär (was angesichts der
Konstellationen in Europa und in den USA nicht ganz unverständlich
ist), denn statt sich der Realität zu stellen, klammern sie
sich an uralte Ideen, an Autoritäten und Traditionen. Sowohl
unter dem Aspekt individueller Freiheit [#100]
und Reife als auch unter dem der gesellschaftlichen
Entwicklung zu Demokratie, Menschenrechten und Pluralismus wird der
Islam daher aufgefordert, sich der säkularen Moderne zu
öffnen.
Dabei könnten wichtige Chancen zur Weiterentwicklung von den
islamischen Gemeinden in der westeuropäischen Diaspora
ausgehen, die selbst die Gelegenheit haben, Erfahrungen in der
pluralistischen westlichen Zivilisation zu sammeln (vgl. Scheinhardt
1986, S. 23).
In Europa
ging der Säkularisierung eine lange Periode von
Religionskriegen voraus, so daß sie sich aus dieser
Perspektive als Prozeß zunehmender Friedfertigkeit, Toleranz,
Dialogfähigkeit etc. darstellt, also eindeutig als
zivilisatorischer Fortschritt.
Durchgängig findet sich in Auseinandersetzungen mit den
politischen und sozialen Entwicklungen in islamischen Ländern,
die aus westlicher Perspektive verfaßt wurden, eine
Orientierung am Modell der abendländischen Geschichte. Daran
gemessen, erscheinen islamische Gesellschaften als defizitär,
rückständig und irrational. Einige ExpertInnen verorten
deren geistige Verfassung im 19. Jahrhundert, die meisten jedoch
eher im Mittelalter. Den MuslimInnen, meint z.B. Mernissi, stehe die
»Aufklärung« noch bevor (vgl. 1992, S. 68). Und
auch die Orientalistin Erdmute Heller sieht Repressivität und
Intoleranz islamischer Gesellschaften darin begründet, daß
der Islam nie »die reinigende Phase der ›Reformation‹
durchlaufen [habe], die in Europa das Zeitalter der ›Aufklärung‹
und einer wirklichen ›Renaissance‹ einleitete«
(1979, S. 75 f.). Ähnlich wie der Politologe Sami Nair sind
viele TheoretikerInnen allerdings davon überzeugt, daß es
etwas wie eine zwangsläufige »Evolution« in
Richtung »Moderne« gibt. Am Islam orientierte politische
und soziale Konzepte seien schon deshalb zum Scheitern verurteilt,
weil der Gang der Geschichte »unausweichlich einen
Säkularisierungsprozeß« vorantreibe (1992, S. 25).
Das Widerstreben »islamischer Fundamentalisten«, dies
einzusehen, ist aus dieser Position so sinnvoll wie das Aufbegehren
eines trotzigen Kindes und bewirkt nur, daß notwendige und
vernünftige Entwicklungsschritte hinausgezögert werden.
Bei weitem nicht alle KritikerInnen, die »den Islam« zur
Säkularisierung auffordern, sind sich offenbar darüber im
klaren, daß sie damit von Muslimen erwarten, Einheit (Tauhid)
als ein islamisches Grundprinzip aufzugeben, [#101] also nicht nur,
den Islam ein bißchen zu renovieren, sondern eine tragende
Säule abzusägen. Doch mit welchen Motiven und Begründungen
auch immer »der Islam« zur Säkularisierung gedrängt
wird, geht es nach unserem Eindruck in erster Linie fast immer
darum, den Universalitätsanspruch und Vorbildcharakter des
abendländischen Entwicklungsweges durchzusetzen.
Der Weg
islamischer Gesellschaften in die säkulare Moderne steht
im Mittelpunkt der Arbeiten Bassam Tibis, eines aus Syrien
stammenden, von den Medien als Experte für den Nahen Osten sehr
geschätzten Göttinger Politologen.
Für ihn ist Säkularisierung ein »Beiprodukt«
der Industrialisierung und Industrialisierung der einzige Weg,
»Unterentwicklung« zu überwinden.
Als wären nicht überall in der »Dritten Welt«
die katastrophalen Folgen einer fortschrittseuphorischen
Industrialisierungspolitik zu besichtigen und als hätte es
darüber weder in diesen Ländern noch in der westlichen
Linken je eine Debatte gegeben, stellt Tibi apodiktisch fest, die
Superiorität einer industriellen Kultur sei »Faktizität
und kein Werturteil«.
Zwar kann er bei der Erörterung seiner Zielvorstellung einer
demokratischen, egalitären »Weltgesellschaft«
schlecht ignorieren, daß die »Verweltgesellschaftung des
Zivilisationsprozesses« (Tibi bezieht sich hier auf Norbert
Elias’ »Prozeß der Zivilisation«) von
Zerstörungen und Verbrechen begleitet wurde, doch haben das
nach seiner Auffassung die positiven Effekte längst aufgewogen.
Und überhaupt lasse sich das Rad der Geschichte nicht
zurückdrehen (1985, S. 232 f.). Statt sich an der Vergangenheit
zu orientieren, sollten sich islamische Gesellschaften
endlich der Moderne öffnen, was neben Entsakralisierung der
Politik auch den Verzicht auf einen islamischen
Überlegenheitsanspruch voraussetze (ebd., S. 242). Letztlich
hänge das Gelingen dann allerdings von der »geistigen
Mobilisierung der Eliten« ab (ebd., S. 239). Sofern die
Muslime es nicht vorzögen, in einem »islamischen Ghetto«
dahinzuvegetieren, bleibe ihnen auf lange Sicht keine andere
Alternative, [#102] als sich in die dem westlichen Modell folgende
»Weltgesellschaft« zu integrieren.
Europäische Entwicklungsprozesse und
christliche Institutionen als Vorbild für »den Islam«
Die
verbreitete Neigung, »den Islam« mit dem Christentum zu
vergleichen, führt oft zu schwerwiegenden Fehleinschätzungen.
Zwar können solche Vergleiche durchaus zu der Erkenntnis
beitragen, daß vieles am Islam so fremdartig und unbegreiflich
gar nicht ist. Sie können Gemeinsamkeiten sichtbar machen und
den Dialog fördern.
Häufiger und gravierender sind allerdings negative Effekte, die
daraus entstehen, daß wir selbstverständlich nach
unseren Maßstäben und unserer historischen
Erfahrung vergleichen. Das Bekannte, das Gewohnte ist zugleich das
Normale. »Ja, genauso war es auch bei uns noch vor zehn (oder
fünfzig oder hundert) Jahren!« hören wir immer
wieder bei Diskussionen. Ob nun ausgesprochen oder nicht, folgt
daraus: »Sie sind noch nicht soweit. Wir müssen noch ein
bißchen Geduld haben und ihnen helfen. Dann werden sie
denselben Fortschrittsprozeß durchlaufen wie das christliche
Abendland.« Diese Einstellung vermittelt das Gefühl, über
»den Islam« Bescheid zu wissen und verhindert damit
gleichzeitig, bestimmte grundlegende Unterschiede im Welt- und
Menschenbild, im Gesellschaftsverständnis etc. wahrzunehmen und
den Islam vor allen Dialogbemühungen und allen kritischen
Auseinandersetzungen als etwas Eigenständiges anzuerkennen.
Hinzu kommt eine verbreitete Tendenz, eigene Erfahrungen mit der
christlichen Kirche auf »den Islam« zu projizieren, d.h.
Kritik am Islam mit traumatischen Erlebnissen in der Klosterschule,
mit der Ablehnung päpstlicher Enzykliken u.ä. zu
begründen.
Heftigste
Konflikte entzünden sich in der Auseinandersetzung mit »dem
Islam« immer wieder an der Frage, ob und bis zu welchem Grade
Religion sich in Belange der sozialen und politischen Sphäre
»einmischen« darf. Die strikte Trennung dieser Bereiche
gilt nach europäischem Verständnis als beste Voraussetzung
für Freiheit, Demokratie, Anerkennung der Menschenrechte etc.
Wenn sich nun »islamische Fundamentalisten« nicht auf
die spirituelle Dimension ihrer Religion beschränken, sondern
auch Gesellschaft [#103] und Politik nach islamischen Leitideen
gestalten wollen, beweist das nach Auffassung ihrer westlichen und
westlich orientierten KritikerInnen, daß es ihnen in
Wirklichkeit (primär) um Macht und sonstige ganz profane Ziele
geht. Der vielfach zu hörende Vorwurf, »Fundamentalisten«
würden die Religion instrumentalisieren und die Moscheen für
politische Zwecke mißbrauchen, geht von einem christlichen
Verständnis des »Gotteshauses« aus. Doch Moscheen
sind keine Kirchen, d.h. seit jeher nicht nur Orte der Andacht,
vielmehr ebenso der politischen Kommunikation und vielfältiger
sozialer Aktivitäten. Wenig wissen KritikerInnen des
»politischen Islam« in der Regel über die –
in den einzelnen Ländern wiederum sehr unterschiedlichen –
Möglichkeiten für Frauen, an dieser Form von
Öffentlichkeit, sozialen Aktivitäten und politischer
Willensbildung teilzunehmen (Unterschieden, die nicht im Islam
begründet sind, wo Frauen daran in der Frühzeit ganz
selbstverständlich beteiligt waren, sondern in der Überlagerung
durch nichtislamische Traditionen, in der Durchsetzungskraft
patriarchalischer Strukturen, im Kolonialismus usw.). Ebenso werden
grundlegende Elemente des islamischen Menschenbildes meistens
entweder gar nicht beachtet oder aber von vornherein als Merkmale
einer repressiven, die freie Entfaltung des Individuums ebenso wie
den gesellschaftlichen Fortschritt behindernden Einstellung
abqualifiziert.
Gemessen
an den Kriterien eines evolutionistischen Konzeptes, in dem die
materiellen und ideellen Errungenschaften des Abendlands die höchste
Entwicklungsstufe darstellen, gelten Lebensformen und Wertsysteme
anderer Kulturen als rückständig und defizitär. So
werden denn auch der islamische Begriff von Freiheit, die
Vorrangstellung der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum, die
Ideale der Harmonie und »Mäßigung« etc. nicht
als anders gesehen und bewertet, sondern als Manifestationen eines
niedrigeren Entwicklungsniveaus, das wir – Gott sei
Dank! – überwunden haben und das auch Muslime, so sie
nicht fanatisch einer rückwärtsgewandten Utopie anhängen,
zu überwinden anstreben (sollten).
Wir haben geschildert, wie diese ethnozentrische Sichtweise z.B. die
Überzeugung nahelegt, der Islam – bzw. ein
nicht-«modernisierter« Islam – hemme die
Entwicklung und blockiere die Integration von Migrantenkindern. Daß
MuslimInnen von einem eigenen Individualitäts- und
Entwicklungskonzept ausgehen, wird nur sehr selten zum Anlaß
genommen, sich mit den Grundlagen anderer Vorstellungen von
Erziehung, individueller Freiheit usw. auseinanderzusetzen, um über
die jeweiligen Vor- und Nachteile [#104] nachzudenken und vielleicht
auch die eigenen Gewißheiten in einigen Punkten zu revidieren.
Hier ist nicht der Ort, anthropologische Konzepte und daraus
abgeleitete Erziehungsstile oder Geschlechterbeziehungen ausführlich
miteinander zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen; wir
plädieren vielmehr zunächst einmal dafür, sie als
verschiedene Sichtweisen vom Menschen und seiner Sozialisation
anzuerkennen, die zwar unterschiedliche Charaktermerkmale und
Verhaltensweisen fördern oder zurückdrängen, aber
nicht per se »fortschrittlicher« oder »rückständiger«
sind. Manches, was gegenwärtig in den westlichen
Industriegesellschaften als höchst problematisch gilt –
extremer Individualismus, das Fehlen von Orientierung und
Verbindlichkeit, »Konsumterror«, Flucht in Drogen etc. –
wäre möglicherweise durch eine Aufwertung einiger der so
rasch als antiquiert abgetanen islamischen Normen besser zu
bewältigen.
Was ist Religion – was soll sie sein?
Das gilt
ebenso für die Bestimmung dessen, was »Religion«
ist bzw. sein darf: Nach einem modernen, säkularen Verständnis
hat die Religion sich der Einmischung in weltliche Belange zu
enthalten. Darüber hinaus, meint beispielsweise Stephan H.
Pfürtner, dürfe sie sich nicht zu eng an eine Konfession
binden und müsse sich stets der eigenen Relativität bewußt
sein: »Religion muß um ihrer selbst willen, also
zweckfrei gelebt und bezeugt werden – anders ist sie keine
›wahre Religion‹, sondern ein Zerrbild ihrer selbst«
(1991, S. 122). David J. Krieger stellt dem konfessionsfixierten
»Fundamentalismus« eine offene, die Teilnahme an
verschiedenen Mythen zulassende, mystische Spiritualität als
»wahrhaft religiöse Haltung« entgegen.
Abweichend von vielen anderen »Fundamentalismus«-Kritikern
will er die Religion jedoch nicht auf den Müllhaufen der
Geschichte verbannen. Vielmehr plädiert er für eine
»religiöse Renaissance«, um dem »Defizit an
seelischer Geborgenheit« und dem »Mangel an Lebenssinn«
abzuhelfen, unter dem besonders Menschen in den »entwickelten
Ländern« leiden.
Dieses pluralistisch-sozialtherapeutische Religionsverständnis
erinnert stark an gängige New Age-Konzepte. Deprimierten und
frustrierten EuropäerInnen mögen allerlei religiöse
»Mitmach«-Angebote einen stabilisierenden Ausgleich zu
beruflichem Streß, zu Eheproblemen, Angst vor dem Älterwerden
usw. bieten. Mit dem Selbstverständnis des Islam ist diese
Reduktion der Religion auf die Erfüllung individueller
Wohlbefindens- und Lebenssinn-Erwartungen jedoch unvereinbar.
Kriegers Vorstellung, auf dieser Basis Konflikte in westeuropäischen
Migrationsländern bewältigen und muslimischen MigrantInnen
eine Integrationsperspektive eröffnen zu können, halten
[#105] wir deshalb für verfehlt. Kriegers Co-Autor Christian J.
Jäggi wirft den »Fundamentalisten« schließlich
auch noch einen Mangel an Humor und Selbstironie vor. Statt sich zu
amüsieren, wenn ihre Religion in postmoderner Weise umgedichtet
und verächtlich gemacht wird, würden sie, wie er schreibt,
dazu neigen, deswegen ganz schrecklich in Rage zu geraten. Jäggi
deutet das als Indiz für eine schwache Verwurzelung im Glauben,
denn anderenfalls wären sie in der Lage, die Begrenztheit und
Relativität des eigenen Standpunktes anzuerkennen und könnten
fröhlich in das Gelächter über »lustige
Geschichten« einstimmen, die z.B. den Propheten Mohammad als
Gauner und Wüstling darstellen.
Wie diese
Beispiele zeigen, sind stets wir es, die »dem Islam«
unsere Vorstellungen von religiösem Pluralismus, von Kunst und
sogar von Humor aufnötigen. Doch was berechtigt christliche
bzw. abendländische Wissenschafler und Theologen überhaupt
dazu, in dieser Weise den »wahren Islam« von der
»verzerrten«, »mißbrauchten« usw.
Religion zu unterscheiden? Gewiß: sie meinen es nur gut und
wollen den MuslimInnen helfen, sich von antiquierten
»fundamentalistischen« Denkweisen zu befreien, um dann
den »wirklichen«, d.h. den säkularisierungsfähigen
Islam zu entdecken. Doch dies wäre nicht der erste und nicht
der einzige Fall, wo gute Absichten nicht genügen – es
gehören auch Kenntnisse und Respekt vor den Überzeugungen
und Interessen derer dazu, für die man sich engagiert. Daß
Juden und Jüdinnen Verhöhnungen ihres Glaubens und
antisemitische Witze nicht gerade gelassen – geschweige denn
belustigt – hinnehmen, wird mittlerweile von der deutschen
Bevölkerungsmehrheit zumindest einigermaßen respektiert.
Damit ist der Antisemitismus zwar noch nicht überwunden, doch
immerhin gibt es einen breiten Konsens darüber, daß es
sich nicht gehört, jüdische Glaubensinhalte nach
christlich-abendländischen Vorstellungen zu »benoten«,
sich abfällig über jüdische Vorschriften wie die
Sabbatruhe zu äußern oder jüdischen Propheten
sexuelle Perversionen anzudichten. Reagieren dagegen MuslimInnen in
vergleichbaren Fällen ebenso verärgert, wird ihnen rasch
mangelnde kritische Distanz gegenüber ihrer Religion,
Humorlosigkeit, ja Fanatismus vorgeworfen.[#106]
Mit welch
selbstverständlicher Anmaßung und Arroganz »dem
Islam« aus dem Westen Anweisungen zur »Modernisierung«
gegeben werden, zeigte das Diskussionsforum »Muslime und
Christen« auf dem Münchner evangelischen Kirchentag im
Juni 1993. Wieder einmal wurde »dem Islam« dringend
nahegelegt, sich zu säkularisieren. Und gewiß wollte
Diskussionsleiterin Gabriele Krone-Schmalz den verstockten
MuslimInnen nur einmal zeigen, wie rational denkende, freie und
aufgeklärte Menschen zu dieser Frage stehen, als sie das
Publikum – ganz demokratisch! – darüber abstimmen
ließ, ob es für eine Trennung von Staat und Kirche oder
dafür sei, daß der Staat religiöse Normen mit
Zwangsgewalt durchsetze (vgl. Schneckener in der FR v. 14.6.1993).
Auch hier wären Befremden und Empörung zweifellos groß,
würde bei Großveranstaltungen in Mekka, Kairo oder Ghom
in vergleichbarer Weise – ganz demokratisch! – über
christliche (bzw. christlich-säkulare) Vorstellungen von Staat
und Gesellschaft abgestimmt.
Ob beabsichtigt oder nicht, kommt in solchen
demonstrativ-öffentlichen Massenbekenntnissen auch ein
Bestreben zum Ausdruck, das eigene, mit Attributen wie Freiheit,
Demokratie, Menschenrechte usw. besetzte Territorium gegen die
Infiltration durch den »Fundamentalismus« abzuschotten.
Barreau warnt Anhänger einer multikulturellen
Gesellschaftsutopie davor, den in Westeuropa lebenden
»Fundamentalisten« zuviel Entfaltungsspielraum zu
gewähren. »Gibt die Republik nach«, schreibt er,
»so droht der archaischste Islam innerhalb der französischen
Gesellschaft einen ›Staat im Staat‹ zu bilden, der als
Gegen- [#107] reaktion fremdenfeindliche und rechtsradikale
Reaktionen auslösen würde.« Schon um zu verhindern,
daß es mit dem Rassismus in Westeuropa noch schlimmer wird,
müssen wir also Grenzen setzen und bestimmte Dinge
abwehren: »Sagen wir es ganz klar: Die Französische
Republik hat bereits zuviel von halal, koscher, Ramadan und
katholischer Zensur geduldet« (1992, S. 118).
Oft kommt
es allerdings auch ohne herabsetzende Absichten bzw. aus einer
dezidiert »wertneutralen« Haltung und einem modernen
wissenschaftlichen Verständnis von Religion, das sich eben
nicht auf Glaubensinhalte bezieht, sondern jeweils Gesamtkomplexe
von Mythen und Riten als »Religion« definiert, zu
Islam-Darstellungen, die sich nur bedingt eignen, das gegenseitige
Verständnis und den Gedankenaustausch zu erleichtern. Um
unterschiedliche, ja gegensätzliche Positionen zum »Politischen
Auftrag des Islam« miteinander konfrontieren zu können,
legt beispielsweise Andreas Meier seiner Textsammlung einen
funktionalen Religionsbegriff zugrunde, d.h. er nennt »Islam«
alle Phänomene, in denen dieser »zur Bezeichnung der
eigenen Identität in Anspruch genommen wird« (1994, S.
20). Dieses Buch ist ohne Frage ein verdienstvoller Schritt, um
Informationsdefizite zu beheben und um bekennende »Säkularisten«
ebenso wie Personen oder Positionen, die ansonsten als
»fundamentalistisch« vom Diskurs ausgegrenzt werden,
zumindest zwischen zwei Buchdeckeln einmal miteinander »ins
Gespräch« zu bringen. Doch abgesehen davon, daß
Meiers Kommentaren durchaus anzumerken ist, wem seine Sympathien und
Antipathien gelten (was nach unserer Auffassung, sofern transparent,
durchaus legitim, ja unvermeidlich ist), halten wir diese wiederum
aus der christlich-abendländischen Wissenschaftstradition
entstandene und dem islamischen Verständnis fundamental
widersprechende Bestimmung von »Religion« nur für
sehr eingeschränkt brauchbar, um in der Auseinandersetzung mit
dem »politischen Islam« wirklich weiterzukommen. Sie ist
im Gegenteil ein prägnantes Beispiel für ethnozentrisch
betriebene Wissenschaft, die nicht nach dem Selbstverständis
ihrer Forschungsgegenstände fragt, sondern nach eigenen
Definitionen und Theorien analysiert und klassifiziert, als gäbe
es überhaupt keine anderen.
Wer sich
eine Vorstellung davon machen möchte, wie diese Vorgehensweise
auf MuslimInnen wirkt, möge sich an die noch gar nicht so lange
zurückliegenden ideologischen Abgrenzungskämpfe unter
Linken (Kommunisten, Marxisten, Sozialdemokraten usw. der
unterschiedlichen Richtungen) erinnern. Alle hätten zweifellos
energisch gegen von den Inhalten absehende [#108]
wissenschaftlich-funktionale Bestimmungen ihrer politischen
Orientierung protestiert, auch und gerade wenn damit die Absicht
verbunden gewesen wäre, sich nicht auf Wahrheitsfragen
einzulassen. Ebenso würden viele Christen und Christinnen sich
gewiß dagegen verwahren, würde der Einfachheit halber aus
islamischer Sicht all das Christentum genannt, was irgendwer als
»christlich« bezeichnet. Das Problematische eines
funktionalen Religionsbegriffes wird beispielsweise auch in einem
Buch von Ina und Peter Heine über »Frauen in islamischen
Gesellschaften« deutlich: Nach einem seitenlangen Exkurs über
afrikanische Besessenheitskulte fragen sie sich selbst, was das in
diesem Buch soll. Zur Begründung führen sie an, solche
Kulte seien zwar »in manchen Teilen der islamischen Welt«
kaum bekannt, in anderen jedoch weiter verbreitet als allgemein
angenommen werde. Mit ihrem Beitrag wollen sie eine von den
islamischen Geistlichen bisher vermiedene öffentlichen
Auseinandersetzung mit derartigen Praktiken vorantreiben zu (1993,
S. 186). Nun sind Magie, Zauberei und ähnliches in vielen
Regionen der Welt anzutreffen, auch unter ChristInnen. Wir wüßten
deshalb gern, ob Ina und Peter Heine von Christen bzw. in
»christlichen Ländern« praktizierte
Voodoo-Zeremonien ebenso als Bestandteil des Christentums verstehen
bzw. von christlichen Theologen verlangen, dies als Ausdrucksformen
des christlichen Glaubens anzuerkennen. Oder, um ein nähergelegenes
Beispiel zu wählen: Wie würden deutsche ChristInnen darauf
reagieren, wenn muslimische ForscherInnen aufgrund der unter ihnen
nicht seltenen Horoskopgläubigkeit kurzerhand die Astrologie
zum Bestandteil des Christentums erklärten?
Zukunftsperspektive »Euro- Islam«?
Wenn
schon auf absehbare Zeit keine Aussicht besteht, den Islam und die
Muslime wieder aus Westeuropa herauszudrängen, sollten aber
zumindest wir bestimmen, was »Islam« in einer modernen,
aufgeklärten Gesellschaft ist (bzw. sein soll). Eine absurde
Idee? Zwei andere französische Migrations-ExpertInnen fordern
in einem ZEIT-Interview allen Ernstes Franzosen und Deutsche dazu
auf, gemeinsam einen »Euro-Islam« zu konzipieren, d.h.
einen laizistischen Islam, »den wir willkommen heißen
können«. Bevormundung? Arroganz? Aber nein! Sie werden
uns dankbar sein! Denn: »Wenn uns das gelingt, helfen
wir den Muslimen, die Tore zu einer Reform aufzustoßen, die
seit tausend Jahren versperrt sind.«
Vermutlich werden sie einige Zeit brauchen, um das einzusehen, doch
das sollte uns nicht irritieren. Barreau [#109] jedenfalls
ist fest davon überzeugt, unter entsprechendem Druck würden
muslimische Gelehrte schon dazu zu bewegen sein, selbst »den
Islam« neu zu interpretieren und theologische Rechtfertigungen
für »den Fall des Schleiers, die Verpflichtung zur
Monogamie und einen laizistischen Staat« zu finden. Auch er
wehrt präventiv den Vorwurf ab, so etwas sei Erpressung; auch
er betont, dies würde »zum größten Wohl des
Islam« geschehen, denn »offensichtlich ist dies der
einzig mögliche Weg für die Muslime hier in der
industriellen Welt. Auch dort, in den Ländern der Umma, die im
Fundamentalismus nur Scheitern und Verzweiflung finden können,
ist das der einzig mögliche Weg« (1992, S. 119).
Ausgrenzung und Abwertung gegenüber »dem Islam« und
»den Muslimen« lassen sich auf diese Weise als
Schutzmaßnahme gegen die unseren freiheitlich-demokratischen
Standards noch längst nicht genügenden Werte und
Lebensformen muslimischer MigrantInnen rechtfertigen und erhalten
aus der »Fürsorglichkeit« ihnen und der gesamten
islamischen Umma gegenüber eine humane, ja geradezu eine
antirassistische Legitimation.
Daß
der Islam weder von den Glaubensinhalten noch von der
Institutionalisierung, weder hinsichtlich seiner Geschichte noch
seines Gesellschafts- und Staatsverständnisses mit dem
Christentum gleichzusetzen ist, bleibt in den Empfehlungen, sich das
christlich-abendländische Modell zum Vorbild zu nehmen,
allerdings in der Regel unbeachtet. Selbst wenn sich die
Säkularisierung in Europa pazifizierend und »zivilisierend«
auswirkte, muß das in ganz anderen historischen, sozialen und
politischen Kontexten keineswegs ebenso sein. Unter den vielen
»Fundamentalismus«-Kritiken haben wir bisher keine
gefunden, die uns überzeugend darzulegen vermochte, daß
die tatsächlichen Mißstände in der islamischen
Welt – diktatorische Regime, mangelnde
Rechtsstaatlichkeit, niedriges allgemeines Bildungsniveau,
Korruption, soziale und rechtliche Benachteiligung der Frauen etc. –
durch fehlende Säkularisierung verursacht ist bzw. durch deren
Einführung zu beheben wäre. Es mutet schon einigermaßen
seltsam an, wenn MuslimInnen zur Säkularisierung gedrängt
werden, weil nur so angeblich eine demokratische
Gesellschaftsordnung und die friedliche, »zivilisierte«
Regulierung von internen und zwischenstaatlichen Konflikten möglich
sei, wo doch alle Ideen, die moderne Diktaturen begründeten und
begründen (einschließlich Nationalismus und Rassismus)
genuin abendländische »Erfindungen« sind. Und
gingen nicht beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts von Deutschland,
einem modernen, hochindustrialisierten und säkularisierten
Land, aus? Die den zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch
begründende Auffassung, in Europa würden Konflikte am Ende
des 20. Jahrhunderts nicht mehr mit Waffengewalt ausgetragen, sollte
durch die Vorgänge in Ex-Jugoslawien hinreichend widerlegt
sein. Wie auch immer man die Kriegsschuldfrage beantworten mag:
Muslime waren es jedenfalls [#110] nicht, die angefangen und von
diesem Krieg profitiert haben. Vielmehr werden sie von Christen
vertrieben und umgebracht, wobei das »zivilisierte«,
mehr oder weniger christliche Westeuropa tatenlos zusieht.
5. Arabisierung als
zivilisatorischer Rückschritt?
Bestrebungen
zur Wiederbelebung der arabischen Sprache in den ehemaligen
französischen Kolonien müssen aus einer Perspektive, die
in Säkularisierung und Entwicklung nach abendländischem
Vorbild die einzige Entwicklungschance islamischer Länder
sieht, als Anachronismus erscheinen. In Algerien beispielsweise
wurden zwar schon in den 60er und 70er Jahren Maßnahmen
ergriffen, den Einfluß der Kolonialsprache rückgängig
zu machen (z.B. durch Aufwertung des Arabischen im Unterricht),
tatsächlich ist aber auch dreißig Jahre nach der
Unabhängigkeit Französisch weiterhin die Sprache der
gebildeten, im westlichen Sinne emanzipierten Frauen (wie fast der
gesamten Intelligenz).
Von dieser Schicht wird die Arabisierung, vor allem die Einführung
von Arabisch als Amtssprache, als eine Strategie angeprangert,
»kritisches Denken auszuschalten« und die
Intellektuellen an »Kontakten mit der Außenwelt«
zu hindern (vgl. Heenen-Wolff 1992, S. 6 f.). Als Opfer der
»Zwangsarabisierung«, gewissermaßen einem »Akt
der Entzivilisierung«, gelten vor allem die Frauen. In dem
EMMA-Sonderheft zum Golfkrieg wird das am Fallbeispiel von zwei
Journalistinnen beschrieben: Nicht nur, daß der
»Fundamentalismus« bereits jetzt restriktiv in ihr
Privatleben eingreife und ihre Bewegungsfreiheit einschränke –
eine Umstellung der Medien auf die arabische Sprache würde für
sie das Ende ihrer Berufstätigkeit bedeuten (Schwarzer im
EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 23). Nun wäre doch wohl zumindest
die Frage angebracht, wieso algerische Journalistinnen, von denen
eine in Algerien, die andere als Emigrantenkind bis zum Abitur in
Frankreich aufgewachsen ist, kein Arabisch sprechen. Und warum wird
die sonst so hochgeschätzte Zweisprachigkeit in der Debatte um
die »Arabisierung« nicht einmal theoretisch in Betracht
gezogen? Muß wirklich daran erinnert werden, daß Sprache
kein neutrales Mittel der [#111] Verständigung ist, sondern
unvermeidlich kulturelle Werte, Normen, Denksysteme etc.
transportiert? Warum wohl war Arabisch während der Kolonialzeit
verboten? Doch was in anderen Zusammenhängen zum elementaren
Wissen über die Funktionen der Sprache für die kulturelle
Identität und Integration gehört – und damit auch
über ihren Stellenwert bei der Durchsetzung kultureller
Hegemonie seitens der Kolonialmächte -, spielt für die
Kritiker der Wiedereinführung des Arabischen an Stelle der
Kolonialsprache Französisch keine Rolle.
Entrüstet wird statt dessen den BefürworterInnen
vorgeworfen, auf diese Weise »eine kulturelle Mauer gegen den
Westen und gegen die westliche Kultur« zu errichten.
Feministische Publikationen führen darüber hinaus die zu
erwartenden Kommunikationsprobleme mit der westlichen Frauenbewegung
als Hauptargument gegen die Arabisierung ins Feld. Weil im Islam die
»Angst vor ›Ansteckung‹ durch das ›Böse
von außen‹ tief verankert« sei, würde Frauen
dann selbst die Lektüre von Büchern westlicher
Feministinnen unmöglich sein. Wie aber sollen Musliminnen in
einer »tödlichen Isolation« lernen, sich zu
emanzipieren? (vgl. Hélie-Lucas 1990, S. 32 f.) Die
Abschottung »von den emanzipatorischen Impulsen und der
Solidarität aus dem Westen« gilt als so ziemlich das
Ärgste, was Algerierinnen (und anderen Musliminnen) geschehen
kann. »Frauen werden durch die Zwangsarabisierung noch stärker
von den emanzipatorischen Impulsen und der Solidarität aus dem
Westen abgeschnitten: Wie sollen wir dann noch miteinander reden?«,
fragt Alice Schwarzer.
Arabisch etwa?
Wissenschaftliche
Expertisen scheinen die GegnerInnen der »Zwangsarabisierung«
Algeriens und der Aufwertung des Arabischen in einigen anderen
islamischen Ländern zu bestätigen und zu
unterstützen. Nicht nur der Islam, sondern die arabische
Sprache selbst wird z.B. von Tibi als ein Hemmnis auf dem Weg in die
Moderne entlarvt. Als Sakralsprache sei sie statisch und damit
ungeeignet zur Formulierung moderner Ideen und Theorien. Das zeigt
sich für ihn exemplarisch in der nahezu unverständlichen
arabischen Übersetzung der Marxschen Schriften (vgl. 1985, S.
100 ff.). Tibis Ausführungen legen allerdings die Frage nahe,
ob es sich hier nicht um generelle Transformationsprobleme von
Philosophien und Gesellschaftstheorien aus einem »Kulturkreis«
in einen anderen handelt (von den Differenzen um die richtige
Interpretation und Rezeption gerade des Marxschen Werkes bereits
[#112] innerhalb des europäischen, ja sogar des deutschen
Sprachraumes ganz zu schweigen). Und wenn der Wert der
Psychoanalyse, die ebenfalls aufgrund von
Übertragungsschwierigkeiten ins Arabische immer wieder als
Beleg dafür angeführt wird, daß die arabische
Sprache modernem Denken nicht angemessen sei, darin liegen soll, daß
sie das methodologische Instrumentarium liefert, um »die
islamische Kultur« als pathologisch zu klassifizieren und »den
›modernen‹ islamischen Mann« als latenten
Homosexuellen zu enttarnen, der seine Ängste vor der eigenen
Sexualität in krankhafter Eifersucht und Unterdrückung der
Frau ausagiert (so z.B. Benard/Schlaffer 1980), scheinen uns gewisse
Zweifel an der Brauchbarkeit dieses Konzeptes zum besseren
Verständnis islamischer Kultur und Gesellschaft
nicht völlig abwegig. Ebenso halten wir Skepsis für
angebracht hinsichtlich der Eignung der Psychoanalyse zur
»Selbstaufklärung« jener angeblich von
Potenzängsten und Selbsthaß, von Frauenfeindlicheit,
Fanatismus und Gewalt geprägten Gesellschaften.
Benard/Schlaffer selbst fragen beiläufig, ob es überhaupt
sinnvoll sei, die freudianischen Analyse-Kategorien auf die
»islamische Psyche« anzuwenden (ebd., S. 48) –
leider ohne sich durch solche Erwägungen in ihrem
Aufklärungseifer irritieren zu lassen.
6. Der Blick durch die
orientalistische Brille
Westliche
Vorstellungen vom Islam und vom Orient sind immer noch geprägt
durch den klassischen »Orientalismus«, d.h. durch
Berichte europäischer Forscher und Reisender und deren
wissenschaftliche Aufbereitung seit dem 18. Jahrhundert. Wie Edward
Said in seiner bahnbrechenden Studie eindrucksvoll beschreibt, ging
es der Orientalistik, ganz entgegen landläufigen Vorstellungen
von den Aufgaben wissenschaftlicher Forschung, seit jeher weniger um
»objektive Wahrheit« als um Wissensproduktion unter
kultureller Dominanz des Okzidents. Texte über den Orient
hatten – und haben bis heute – in der Regel weniger mit
dem Orient selbst zu tun als mit kollektiven abendländischen
Phantasien über den Orient.
Die Durchsetzungskraft und Kritikresistenz des von der Orientalistik
vorgegebenen Wissens über »den Orient« läßt
sich nur so erklären, daß die Beziehung zwischen Okzident
und Orient nach wie vor »eine Beziehung von Macht, Herrschaft
und verschiedenen Graden einer komplexen Hegemonie« ist, in
welcher der Westen danach strebt, seine Dominanz zu wahren (vgl.
Said 1981, S. 13 f.). Nehmen [#113] wir zum Beispiel die »dem
Orientalen« bzw. »dem Araber« bis heute
üblicherweise zugeschriebenen Eigenschaften: Er wird als
energie- und initiativlos, listig, intrigant, herzlos gegenüber
Tieren, verlogen, mißtrauisch, irrational etc. – eben
als ganz anders als Europäer charakterisiert. Und die Ursprünge
dieser Persönlichkeitsmerkmale lassen sich mühelos in den
Schriften der frühen Orientalisten nachweisen (vgl. ebd., S. 48
ff.). Doch nicht nur »der Orientale«, sondern »der
Orient« als solcher (gleichgesetzt mit »dem Islam«)
war und ist das fundamental Andere: der Ort von Irrationalismus und
Barbarei, wohingegen sich Europa aus mittelalterlicher Finsternis
zum Ort der Aufklärung, der Freiheit, der individuellen Rechte
und der Demokratie emporhob. Exemplarisch für die ungebrochene
Tradition derartiger Vorstellungen und ihre politische Wirksamkeit
ist Henry Kissingers Behauptung einer »Kampflinie«
zwischen dem in einem prä-newtonschen Weltbild befangenen
Orient und dem realistischen, rationalen Okzident. Geradezu
»logisch« ergibt sich daraus die Überzeugung, daß
wir berufen sind, sie zu kontrollieren, für ihre Krisen
Lösungen zu finden und sie zu beherrschen (vgl. ebd., S. 58).
Ginge es
bei derartigen Entgegensetzungen nur um Legitimation bzw.
Durchsetzung ökonomischer und politischer Machtinteressen (z.B.
Interessen am Erdöl, an Absatzmärkten oder militärischen
Einflußzonen), wäre es relativ einfach,
Wirkungsmechanismen und Zielsetzungen aufzudecken. Tatsächlich
haben sie darüber hinaus jedoch umfassendere und entsprechend
schwerer transparent zu machende stabilisierende und integrierende
Funktionen: z.B. indem sie es seit Jahrhunderten ermöglichen,
Armut und soziale Ungleichheit, psychische Krankheiten, Gewalt und
viele andere negative Elemente durch Projektionen auf »den
Orient« aus der abendländischen Kultur zu eliminieren
(vgl. Schulze 1991a, S. 9 f.). Und in dieser Konstruktion »des
Orients« treffen sich jene, die eine Vormachtstellung der
Industriestaaten bejahen und dadurch unmittelbar materiell
begünstigt sind, mit ihren linken und feministischen
KritikerInnen, die zwar die ökonomische Modellhaftigkeit des
kapitalistischen »Entwicklungsweges« in Frage stellen
und z.B. westliche Militäreinsätze als Ordnungsaufgaben
einer »Weltpolizei« ablehnen, dafür aber aus der
Überzeugung von einer kulturellen Überlegenheit der
»westlichen Zivilisation« zur Tradierung
orientalistischer Stereotype beitragen. VertreterInnen scheinbar
konträrster Positionen finden sich unversehens immer wieder in
einer Abwehrfront gegen »den Islam« zusammen. Wenn auch
nur selten so emphatisch wie Benard/Schlaffer mit ihren »Reportagen
aus der orientalischen Despotie« (1992), tendieren doch viele
in ähnlicher Weise zu einer Polarisierung von westlicher
Freiheit, Demokratie und Zivilisiertheit einerseits und
arabisch-islamischer Repressivität, Starrheit und Brutalität
andererseits.[#114]
Die
identitätsstiftende und integrierende Funktion solcher
Polarisierungen erklärt die andauernde, ja unübersehbar in
letzter Zeit noch wachsende Beliebtheit von Popularisierungen und
Trivialisierungen des »wissenschaftlichen«
Orientalismus. Nehmen wir beispielsweise Betty Mahmoodys Bestseller,
dessen Verfilmung sowie zahlreiche in der Regenbogenpresse
erschienene Artikel zu Buch und Film: Die dramatisch aufgemachte
Geschichte einer US-Amerikanerin, die von ihrem iranischen Ehemann
hinterhältig nach Teheran gelockt wurde und erst nach 18
Monaten mit der gemeinsamen Tochter aus ihrem »Gefängnis«
fliehen konnte, trägt dazu bei, latente und offene Aversionen
gegen »die Orientalen« und »ihre fremde Lebensart«
zu reaktivieren bzw. zu verstärken. Gleichzeitig wird der
westliche bzw. US-amerikanische way of life in einer rigiden
Gegenüberstellung von »orientalischen« und
»okzidentalen« Werten und Normen idealisiert. Die
geforderte Solidarität mit der armen, in die Hände ihres
zum orientalischen Despoten mutierten Ehemannes gefallenen
westlich-weißen Heldin läßt alle uneingelösten
Glücks- und Freiheitsversprechungen unseres
Gesellschaftssystems zurücktreten hinter der
plakativ-abschreckenden Darstellung iranischer (in der Wirkung
allgemein »orientalischer«) Kultur. Resultat der
Identifikation vieler LeserInnen – vorwiegend Leserinnen –
dürfte ein Gefühl der Erleichterung sein, sich nicht im
grausamen, irrationalen, rückständigen und feindlichen (=
fundamentalistischen) Orient zu befinden, sondern im Schoße
der westlichen Zivilisation.
Kritikwürdige Zustände der eigenen Gesellschaft und Mängel
der eigenen Partnerbeziehung verlieren auf diese Weise an Bedeutung,
haben wir doch das Glück, in der allen anderen
überlegenen westlichen Kultur zu leben und von ihren
fortschrittlich-partnerschaftlichen Beziehungsformen zu profitieren.
7. Das kolonialistische Erbe
Die
meisten islamischen Länder standen einmal unter europäischer
Vorherrschaft, und selbst jene, die, wie z.B. der Iran, de jure
keine Kolonie waren, hatten unter dem Diktat europäischer
Großmächte zu leiden, mußten sich der überlegenen
Militärmacht fügen, die Ausplünderung von
Bodenschätzen hinnehmen usw. In den Versuchen, aktuelle soziale
und politische Veränderungsprozesse zu erklären, fehlt
dementsprechend selten ein mehr oder [#115] weniger ausführlicher
Exkurs zur Kolonialgeschichte. So erinnert ein EMMA-Bericht über
Frauen in Algerien daran, wie die Franzosen die Einheimischen »in
132 Jahren Kolonialherrschaft … zu Sklaven« degradierten,
ihnen eine Weltsicht aufzwangen, in der sie als »Untermenschen«
verachtet wurden, und 1962 ein »zerstörtes Land und
zerstörte Seelen zurückließen«.
Doch für die Bewertung der aktuellen politischen und
ökonomischen Situation bleibt diese Feststellung folgenlos bzw.
tritt völlig hinter die Schreckensbilder von der erstarkenden
Macht des »Fundamentalismus« zurück, der die
zivilisatorischen Fortschritte nach französischem Vorbild
zunichte zu machen droht.
Wie
Frantz Fanon eindrucksvoll beschreibt, stand für die
französische Kolonialmacht die Frau im Zentrum ihrer
politischen Strategien: »Wenn wir die Frauen gewonnen haben,
dann haben wir den Kampf gewonnen«, lautete die Devise (1969,
S. 21 f.). Die Algerierinnen wurden teils mit materiellen Anreizen
und Freiheitsversprechen umworben, teils bedroht und, wenn das alles
nicht wirkte, mit physischer Gewalt dazu gezwungen, den Schleier
abzulegen. Aus anderen Ländern lassen sich ähnliche
Beispiele für drakonische »Entislamisierungs«-Maßnahmen
anführen, wobei es nicht unbedingt ausländischer Besatzer
bedurfte, um diesen Prozeß voranzutreiben und zu
kontrollieren. Oft erledigten die einheimischen Herrscher selbst
dieses Geschäft, und das nicht selten sogar aus –
scheinbar – freiem Willen, und sei es, um sich und das eigene
Volk gegenüber dem Westen als fortschrittlich und modern zu
präsentieren und auf diesem Wege die Achtung der »zivilisierten
Welt« zu gewinnen. Während diese Erfahrungen für
viele MuslimInnen, deren Eltern oder Großeltern vielleicht
selbst von solchen Maßnahmen der »Zwangszivilisierung«
betroffen waren, auch heute noch sehr präsent sind, finden sie
in den wissenschaftlichen oder journalistischen Darstellungen der
Frau im Islam bzw. in islamischen Gesellschaften kaum
Beachtung. Naila Minai beispielsweise, die sich in ihrem Buch
»Schwestern unterm Halbmond« durchaus um
Berücksichtigung der islamischen Sichtweise bemüht und
auch Fanons Schriften kennt, bezeichnet den algerischen Widerstand
gegen die von der Kolonialmacht initiierte »Frauenbefreiung«
als Ausdruck einer verbohrten antimodernen »Festungsmentalität«.
Demgegenüber fällt ihre Kritik an den französischen
Praktiken bemerkenswert milde aus: Als »Ungeschicklichkeit«
bezeichnet sie es, Algerierinnen für mobile Bordelle angeworben
zu haben. Wenn algerische Männer mitanzusehen gezwungen wurden,
wie ihnen die »ungläubigen Eroberer ihre Frauen [#116]
wegschnappten«, seien diese nur unnötig verärgert
worden. So oder so, meint Minai, seien die gutgemeinten Absichten
zur Befreiung der algerischen Frauen aber wohl zum Scheitern
verurteilt gewesen, denn es fehlte ein algerischer Atatürk, um
die intendierten fortschrittlichen Reformen durchzusetzen (1989, S.
88).
Der Islam – (k)eine Befreiungstheorie
Wahrnehmung
und Bewertung des Islam im Kontext von Kolonialismus und
antikolonialen Befreiungsbewegungen sowie als Basis nachkolonialer
politischer und sozialer Ordnungen ist wesentlich von bestimmten
Vorannahmen abhängig. »Aufgeklärte«
WesteuropäerInnen können eine religiös fundierte
Politik bzw. eine politisierte Religiosität allenfalls zu
Ausnahmezeiten und in Ausnahmesituationen akzeptieren, z.B. während
eines Befreiungskampfes in der »Dritten Welt, keinesfalls aber
als tragendes Element sozialer und kultureller Selbstbestimmung zu
ganz »normalen« Zeiten.
So gibt es zwar durchaus positive Darstellungen des Schleiers als
Symbol des Widerstands gegen den Imperialismus, d.h. als
Möglichkeit, bei Demonstrationen unerkannt zu bleiben oder
Flugblätter und Waffen zu transportieren, doch nach Ende der
Kampfzeit erklären wir ihn für obsolet.
Selbst Frantz Fanon, der die Bedeutung des Islam für den
algerischen Widerstand erkannte und scharfsinnig die Motive der
französischen Kolonialherren analysierte, sich für die
Befreiung der algerischen Frau aus religiösen Zwängen, vor
allem für ihre Entschleierung, einzusetzen, sah den Schleier
nur unter funktionalen Aspekten. Daß dieser nach Erfüllung
seiner subversiven Funktionen im antikolonialen Widerstand
verschwinden würde, stand für ihn außer Frage.
In Westeuropa war man sich quer durch alle politischen Richtungen
lange Zeit sicher, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in
den islamischen Ländern alle Frauen »modern«
kleiden würden. Die seit einigen Jahren zu beobachtende
Renaissance islamischer Bekleidung wird deshalb mit Überraschung
und Verständnislosigkeit kommentiert und besonders hinsichtlich
der Länder, in denen sich – wie z.B. in Algerien –
ein säkulares Gesellschafts- und Politikverständnis
weitgehend durchgesetzt hatte (oder sich durchgesetzt zu haben
schien), als Rückfall hinter eine bereits erreichte
Zivilisationsstufe interpretiert. Wir sind empört, weil
Algerierinnen, sogar jene, die selbst aktiv am Befreiungskampf
teilgenommen [#117] haben, in ihre traditionelle Rolle zurückfallen
oder zurückgedrängt werden. Schon jetzt, heißt es,
seien sie wieder unfreier als unter der Kolonialherrschaft. Und für
den Fall, daß die »Fundamentalisten« weiter an
Macht gewinnen, womöglich an die Regierung kommen, wird das
Schlimmste prophezeit. Als unbegreiflich, ja geradezu verwerflich
gilt deshalb die »Komplizenschaft« von Frauen, z.B. der
FIS-Anhängerinnen, mit dem »Fundamentalismus«. Die
Kämpferinnen für die Befreiung Algeriens hätten wohl
nicht geahnt, bemerkt Alice Schwarzer im Tonfall äußersten
Befremdens, »daß ihre Enkelinnen, die jungen Mädchen
von heute, sich freiwillig demütigen, sich hinter dem Schleier
verstecken und in der ›Frauenrolle‹ einschließen
würden«.
Als vorbildlich wird in der EMMA dagegen eine Sportlehrerin zitiert,
die niemals einen Schleier tragen würde, schon weil sie das
ihrer Großmutter schuldig sei, die im Bürgerkrieg
mitgekämpft habe (Ott in EMMA 6/1990, S. 51).
Universalismus oder Kulturrelativismus:
Kolonialismus als Zivilisationsexport?
Das
Wiederaufleben der nicht eben neuen Auseinandersetzungen um die
Universalität oder Relativität kultureller Werte und
Normen steht offensichtlich in Zusammenhang mit der Abkehr vieler
ehemaliger Kritiker des Kolonialismus und der Ausbeutung der
»Dritten Welt« von einer angeblich überholten
Sichtweise der Nord-Süd-Beziehungen, aus der koloniale
Eroberungen und Ausplünderung, Mißachtung anderer
Kulturen und die Heranbildung kooperationsbereiter, d.h. vor allem
korrupter regionaler »Eliten« für die Misere
asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Völker
maßgeblich verantwortlich seien. Genervt vom »Schluchzen
des weißen Mannes«,
plädieren SozialwissenschaftlerInnen und andere ehemalige
»Dritte-Welt-SympathisantInnen« zunehmend dafür,
nicht immer nur den Industriestaaten die Verantwortung für
Elend, Diktaturen und Kriege aufzubürden, sondern endlich die
Fehler und das Versagen der »Dritten Welt« selbst unter
die Lupe zu nehmen.
»Wie lange wollen die sich denn noch [#118] mit den Spätfolgen
kolonialer Gewaltherrschaft der Verantwortung entziehen?« wird
immer öfter und lauter gefragt (oder steht als Frage zumindest
unausgesprochen hinter Äußerungen von JournalistInnen,
WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen). Einige Jahrzehnte formaler
»Unabhängigkeit« hätten reichen sollen, die
Folgen des Kolonialismus zu überwinden. Wo das nicht gelungen
sei, müsse es an internen Ursachen liegen. Tilman Nagel, der
den »Fundamentalismus« als Relikt des Kolonialzeitalters
versteht, scheint davon auszugehen, daß mit der formalen
Unabhängigkeit tatsächlich Gleichheit hergestellt wurde.
Muslime, die sich immer noch dem Westen unterlegen und von diesem in
ihrer Identität bedroht fühlen, müßten dann
wohl an einer fixen Idee leiden. Nagel ermuntert sie, damit nun
endlich aufzuhören. Dann bräuchten sie auch den
»Fundamentalismus« nicht mehr (1982, S. 99).
Mit
dieser Auffassung geht eine Neubewertung des Kolonialismus selbst
einher. Zwar sei dieses und jenes nicht so nett gewesen, und man
müsse wohl zugeben, daß er einiges an »Zerstörungs-
und Deformationseffekten« verursacht habe, meint z.B. Tibi.
Letztlich überwiege aber doch die zivilisatorische Leistung.
Berücksichtige man bei der Beurteilung der Rückständigkeit
von Ländern der »Dritten Welt« neben den externen
auch die internen Faktoren, zeige sich nämlich, daß »die
fehlende kulturelle Bewältigung des Wandels in vielen
›Entwicklungs‹-Ländern … die Unfähigkeit
dort lebender Menschen, mit dem vorgegebenen strukturellen Rahmen
weltgesellschaftlicher Asymmetrien und mit den von dem industriellen
Zentrum ausgehenden Demonstrationseinwirkungen fertigzuwerden«
potenziere (1985, S. 246). Kritik an der Verwestlichung islamischer
Länder oder gar am europäischen und US-amerikanischen
»Kulturimperialismus« mutet unter solchen Prämissen
geradezu abwegig an. Vielmehr läßt sich sogar das von
Linken im allgemeinen negativ bewertete Entstehen verwestlichter
Eliten in der »Dritten Welt« positiv deuten, denn was
als »koloniale Penetration« begann, so Tibi, habe
immerhin dazu geführt, es den Kolonisierten durch den Export
westlicher Bildungsgüter zu ermöglichen, sich ihrer
Situation in einer »feudalistischen Weltordnung« bewußt
zu werden und aus dem Gleichheitspostulat der abendländischen
Aufklärung eigene Forderungen zu entwickeln (vgl. 1980, S. 173
ff. u. 178). Und erscheint nicht der Kolonialis- [#119] mus
insgesamt sofort in einem milden Licht, wenn der als Islam-Experte
bekannte Journalist Arnold Hottinger die Rückständigkeit
Saudi-Arabiens und Afghanistans bezüglich der Frauenrechte
damit erklärt, daß der koloniale Einfluß auf diese
Länder gering geblieben sei, während kolonisierte Völker
Gelegenheit gehabt hätten, ein neues Frauenbild kennenzulernen
und die Europäer nachzuahmen?
»Diffusion der europäischen Kultur in der
außerokzidentalen Welt« ist für Tibi generell mit
gesellschaftlichem Fortschritt verbunden, wobei der modellhaften
Funktion der europäischen Aufklärung für die ganze
Menschheit nach seiner Überzeugung eine besondere Bedeutung
zukommt. Zwar seien deren Werte genuin europäisch, inzwischen
jedoch längst von universaler Gültigkeit (ebd., S. 177).
Deshalb und weil die industrielle Kultur eine
wissenschaftlich-technisch begründete sei, könne man heute
»westlich-europäisch« durchaus streichen (ebd., S.
173). »Egalisierung und somit Demokratisierung der
weltgesellschaftlichen Verhältnisse« ist nach Tibis
Auffassung nur möglich, wenn »die anderen Völker
diese technisch-wissenschaftliche Komponente in ihre eigene Kultur
integrieren« (1985, S. 244). Auf diese Weise ließe sich
zugleich die Asymmetrie der internationalen Beziehungen überwinden
(ebd., S. 181). Westeuropa und den USA wirft Tibi vor, sich nicht
mehr eingemischt und keinen stärkeren Druck ausgeübt zu
haben: »Nicht Europa und nicht die europäische Tradition
der Aufklärung und der Demokratie sind zu verurteilen, sondern
jene europäischen Hegemonialmächte, die in der
Vergangenheit wie in der Gegenwart eine Europäisierung der
außerokzidentalen Welt in Worten propagieren und in Taten
verhindern.«
Die
Revision der Einstellung zum (Post-)Kolonialismus schlägt sich
in zahlreichen Publikationen nieder. Sie geht teilweise so weit, die
»Überwindung« von Vergangenheitsbewußtsein
und den Verzicht auf Respekt vor anderen Kulturen als besonders
ehrlich und emanzipiert anzupreisen. Der Rowohlt-Verlag
beispielsweise vermarktet Benard/Schlaffers Werk über »Das
Gewissen der Männer« (1992) mit dem ausdrücklichen
Hinweis, hier werde die »brutale Unterdrückung von Frauen
im Orient« angeklagt, »ohne das Unrecht durch Verweise
auf fremde Kulturen zu relativieren«.
Die Verfasserinnen selbst erklären, sie seien nicht länger
zu akzeptieren gewillt, daß [#120] Vorgänge in der
»Dritten Welt« nach anderen als universal geltenden
moralischen Maßstäben bewertet werden. Denn auch wenn
viele Länder der Erde »mit fast unlösbaren
ökonomischen und politischen Problemen und Benachteiligungen
konfrontiert« seien, angesichts derer es EuropäerInnen
ausgesprochen gut gehe, müßten endlich die Verbrechen an
Frauen offengelegt werden. Ungeachtet kultureller Besonderheiten
seien diese mit jedem humanen Rechtsgefühl unvereinbar (1992,
S. 9). Ihre Reportagen sollen jenem »kulturpolitischen
›Ave-Maria‹« ein Ende setzen, das auch
Benard/Schlaffer in ihrer Studentenzeit »herunterzubeten«
gelernt hätten: Europäer seien nicht berechtigt, andere
Kulturen zu bewerten, sondern sollten sich statt dessen besser
Gedanken machen, worin traditionelle Gesellschaften uns überlegen
sind. Ganz im modischen Trend exlinker Vergangenheitsbewältigung
haben sie nun aber genug davon, wegen unserer »schmählichen
kolonialen Vergangenheit … in Demut [zu] schweigen«. Die
Ursachen der Mißstände, auf die sie in ihrem Buch
hinweisen, meinen sie, seien nicht im Kolonialismus oder in der
aktuellen ökonomischen Misere zu suchen. Vielmehr lägen
sie in der Verantwortung der jeweiligen Kulturen selbst, vor allem
im Verhalten der Männer. Und diese Männer hätten
endlich selbst Wege zu suchen, um ihren »humanitären
Auftrag« zu realisieren. Wenn den Westen an den von
Benard/Schlaffer aufgedeckten Zuständen überhaupt eine
Mitschuld treffe, dann allenfalls »die Schuld des
Mitwissenden, der dem Opfer seine Hilfe verwehrt und im Angesicht
krasser Gewalt einfach schweigt« (ebd., S. 10). Ähnlich
wie Tibi, der Wissenschaftlern, die sich mit Ursachen und
Erscheinungsformen des europäischen Rassismus beschäftigen,
vorwirft, auf eine »antirassistische Diktatur«
hinzuarbeiten,
diagnostizieren auch Benard/Schlaffer bei Linken und Feministinnen
eine antiwestliche Grundstimmung, die sie zu Verrätern an den
abendländischen Kulturwerten und einer zivilisierten Lebensform
werden läßt.
Ohne
einem blinden Kulturrelativismus zu verfallen und von vornherein auf
Kritik zu verzichten, plädieren wir gegen alle Aufforderungen,
unter die koloniale Vergangenheit einen Schlußstrich zu
ziehen, mit der »Selbstkasteiung« aufzuhören und
endlich die zivilisatorische Überlegenheit des Westens offen
anzuerkennen für differenziertere und fundiertere
Auseinandersetzungen mit der Geschichte des Verhältnisses
zwischen Industriestaaten und »Dritter Welt«, mit den
fortbestehenden vielschichtigen Abhängigkeiten und insbesondere
mit den geistigen Grundlagen nicht-westlicher Kulturen. Statt also
dem Islam, wie es meistens geschieht, pauschal die Vereinbarkeit mit
politischer Partizipation, mit freier Persönlichkeitsentfaltung
und mit den [#121] Menschenrechten abzusprechen, wären jeweils
die internen und externen Machtkonstellationen zu berücksichtigen.
Damit fordern wir keinswegs dazu auf, abendländische Werte und
Theorien in Bausch und Bogen über Bord zu werfen oder, fixiert
auf den Kolonialismus, »hausgemachte« Mißstände
in der »Dritten Welt« zu ignorieren. Auch geht es uns
nicht darum, Gesellschaftskonzepte und -theorien, die sich auf den
Islam berufen, pauschal als »authentisch« und deshalb
als für diese Region einzig angemessen anzupreisen oder gar
Kritik an ihnen aus dem Westen für per se unzulässig zu
erklären. Wir sind nur der Auffassung, daß diese Konzepte
in Medienberichten, wissenschaftlichen Arbeiten und politischen
Debatten über die Entwicklung islamischer Länder
nicht einfach übergangen bzw. von vornherein als
»fundamentalistisch« – gleich indiskutabel –
ausgeschlossen werden sollten. Dabei bleiben die Ergebnisse von
Analysen und Bewertungen selbstverständlich zunächst
offen. Mit Sicherheit werden sie aber anders ausfallen als die nach
heute gängigen Methoden und Kriterien durchgeführten, die
weder die Andersartigkeit von historischen Prozessen und sozialen
Strukturen in der islamischen Welt anerkennen noch die aus
dem Islam entwickelten Vorstellungen von Gesellschaft und Staat
berücksichtigen.
8. Integrationskriterien und
Toleranzgebote
Eine
andere Dimension in den Auseinandersetzungen um Universalismus oder
Kulturrelativismus eröffnet die Frage, welche »kulturellen
Eigenheiten« der in Westeuropa lebenden MigrantInnen wir
tolerieren wollen oder müssen. Sie führt nicht nur in der
Bundesrepublik immer wieder zu Auseinandersetzungen –
besonders wenn es um »islamische« Verhaltens- und
Kleidungsformen geht. Letztlich ist die Vormachtstellung der
»westlichen Zivilisation« Gegenstand derartiger
Auseinandersetzungen. Das illustriert anschaulich ein Beitrag der
französischen Psychoanalytikerin Elisabeth Badinter in dem
EMMA-Sonderheft zum Golfkrieg, wo sie die Situation von Migrantinnen
in Frankreich beleuchtet und zu der Schlußfolgerung gelangt,
deren Integration in die Demokratie sei früher und besser
gelungen als die der Männer. Und eben deshalb ständen
Frauen jetzt im Zentrum der Attacken islamischer Fundamentalisten.
Den Integrationsvorsprung der Frauen erklärt Badinter damit,
daß diese ganz besonders von den Errungenschaften moderner
demokratischer Gesellschaften, z.B. Schulbildung, Verhütungsmitteln
und Abtreibungsmöglichkeiten, profitiert hätten (1991, S.
79). Damit widerspricht sie – allerdings ohne mit einem Wort
darauf einzugehen – allen Theorien, die vom einer vielfachen
Benachteiligung von Migrantinnen gegenüber eingewanderten
Männern ausgehen. Gemeinsam mit anderen französischen
Feministinnen sowie etlichen linken Politikern und Philosophen
fordert sie dazu auf, die Rechte der durch die Re-Islamisierung
[#122] bedrohten Migrantinnen und damit zugleich Errungenschaften
wie Vernunft und Freiheit des Individuums, die nur in der
europäischen Zivilisation verwirklicht worden seien, gegen
fundamentalistische Unterwanderung, aber auch gegen
kulturrelativistische Tendenzen in Frankreich zu verteidigen.
Unter Berufung auf ein der Aufklärung verpflichtetes
universales Wert- und Wertungssystem wird also nicht nur der
»islamische Fundamentalismus« scharf zurückgewiesen,
sondern es werden auch die Vertreter eines poststrukturalistischen
Relativismus und eines »blinden Humanismus« (z.B.
»S.O.S.-Racisme«) angegriffen. Badinter und mit ihren
Ansichten übereinstimmende WissenschaftlerInnen,
Journalistinnen etc. bestreiten selbstverständlich, mit ihren
Interventionen die Anti-Einwanderungsfront stärken zu wollen,
bestehen sie doch »nur« darauf, daß MigrantInnen
sich den europäischen Normen und Sitten anzupassen haben. Auch
in linken/feministischen Kreisen der Bundesrepublik und anderen
westeuropäischen Ländern werden ähnliche Positionen
vertreten. So empfiehlt z.B. Tibi MuslimInnen, die nicht bereit oder
in der Lage sind, sich anzupassen, aus Europa zu verschwinden (vgl.
Tibi in MSZ 1991).
Die
Neigung vieler Europäerinnen, für muslimische MigrantInnen
gleiche staatsbürgerliche und kulturelle Rechte zu fordern,
wird von Tibi kritisiert. Zuviel Entgegenkommen und Toleranz, mahnt
er, sei keinesfalls angebracht. Besonders unter Deutschen grassiere
gegenwärtig eine spezifische Mischung aus Fremdenfeindlichkeit
und Gesinnungsethik, wobei die Xenophilie (Fremdenliebe) ebenso
fatale Konsequenzen zeige wie die Xenophobie (vgl. SPIEGEL 5/1993).
Er warnt nachdrücklich vor einer naiv-akzeptierenden, nach
seiner Auffassung fälschlicherweise als antirassistisch
ausgegebenen Einstellung, wie sie z.B. in den Debatten um ein neues
»Feindbild Islam« zum Ausdruck käme. Die Kritik an
WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen oder JournalistInnen, die auf
die Militanz und den Vormachtanspruch des Islam hinweisen und der
Ausbreitung des »Fundamentalismus« nicht tatenlos
zusehen wollen, gehe oft mit einer ihn beängstigenden
antiwestlichen Haltung einher, was er um so weniger verstehen könne,
als doch die Deutschen besonderen Anlaß hätten, sich dem
Westen verbunden zu fühlen, der Deutschland zuerst vom
Feudalismus und dann vom Faschismus befreit [#123] habe. Hoppla: der
Westen? Waren nicht an der Befreiung vom Nationalsozialismus neben
den West-Alliierten noch andere beteiligt? Zwar existiert die
Sowjetunion nicht mehr, und es liegt uns fern, nachträglich für
die Übernahme des sowjetischen Gesellschaftsmodells auch in
Westdeutschland zu plädieren. Ihren Beitrag am Sieg über
den Nationalsozialismus aus der Geschichte zu tilgen, halten wir
jedoch für unredlich und historische Tatsachen manipulierend.
Wenn die Deutschen sich ihren Befreiern vom Faschismus besonders
verbunden fühlen sollen, dann aber doch bitte Verbundenheit mit
allen.
Die
Überzeugung, einzig und allein islamische Vorschriften und
Zwänge hinderten MuslimInnen daran, sich nach westlichem
Vorbild vom Kopftuch, von einengenden Moralvorstellungen, von
hemmenden Familienbindungen usw. zu »emanzipieren«,
führt oft zu der paradoxen Situation, daß auf
Migrantinnen ein massiver Integrationsdruck im Namen der
Emanzipation ausgeübt wird. War es in den ersten Jahrzehnten
ihres Zuzugs ganz selbstverständlich, Anpassung an deutsche
Normen und Lebensformen zu erwarten (sofern man nicht von ihrer
alsbaldigen Rückkehr in die Anwerbeländer ausging), tritt
seit einigen Jahren selbst in der offiziellen Ausländerpolitik
die Vorstellung eines multikulturellen Miteinanders in den
Vordergrund. Statt von Anpassung oder Assimilation spricht man heute
lieber von »Integration unter Bewahrung der kulturellen
Identität« oder von »multikultureller Vielfalt«.
Wo Toleranz und Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Sitten
ihre Grenzen finden, zeigt allerdings das Beispiel einer türkischen
Erzieherin, deren Beschäftigung in einer Berliner
Kindertagesstätte an ihrem Kopftuch scheiterte. Seine
Weigerung, sie einzustellen, begründete der zuständige
Stadtrat mit dem Prinzip der Gleichheit von Mann und Frau: Das
Kopftuch sei weniger ein religiöses Symbol als eines von
Unterordnung und Diskriminierung. Das »Vorbild« einer
sich diesem System freiwillig anpassenden Erzieherin würde auf
Kinder negativ wirken.
Was als »kulturelle Identität« bewahrt werden darf,
wird, wie sich hier zeigt, nicht den MigrantInnen überlassen
oder gemeinsam »ausgehandelt«, sondern von uns
festgelegt. Kopftücher gehören nicht dazu. Für
»Kopftuchtürkinnen« reicht nicht einmal eine in
Deutschland erfolgreich abgeschlossene Ausbildung als
Integrations-Beweis.[#124]
9. Endstation »Zivilgesellschaft«?
Seit
einigen Jahren ist in Europa das Konzept der sich vom Staat und von
dessen Institutionen emanzipierenden postindustriellen
Zivilgesellschaft zum politischen Hoffnungsträger der »Linken«
geworden. Bisher sehen wir allerdings wenig Anhaltspunkte dafür,
daß daraus eine neue Perspektive zum Abbau des ökonomischen,
politischen und kulturellen Nord-Süd-Machtgefälles
entsteht. Insbesondere die Polarisierungen zwischen einem
rückständigen islamisch-»fundamentalistischen«,
nicht zur Wertegemeinschaft der »zivilisierten Nationen«
gehörenden Orient einerseits und dem im Zivilisationsprozeß
weit fortgeschrittenen Okzident andererseits scheinen an Schärfe
eher zuzunehmen (vgl. Kebir 1992a). Die meisten vorliegenden
Arbeiten konzentrieren sich allerdings auf Westeuropa und die USA,
darüber hinaus wird allenfalls noch dem ehemaligen Ostblock
Aufmerksamkeit gewidmet. Das in ihnen zum Ausdruck kommende Politik-
und Gesellschaftsverständnis zeigt eine weitgehend ungebrochene
Fortschreibung abendländischer Denkmodelle. Andere Entwürfe,
z.B. islamische, werden in dieser Debatte kaum zur Kenntnis
genommen. Zwar weisen einige Autoren darauf hin, daß das
Konzept der Zivilgesellschaft, wenn es sich denn um mehr handeln
soll als um ein Boot, in das sich »Liberale, Libertäre
und durchgeweichte Marxisten« nach dem Zusammenbruch
sozialistischer Utopien flüchten,
eine globale Dimension einschließen müsse, d.h. sowohl
die »Frage nach Formen und Möglichkeiten der Entwicklung
einer zivilen Gesellschaft in Ländern der ›Dritten
Welt‹« als auch die Frage nach Bedingungen und
Realisierungschancen einer »internationalen Zivilgesellschaft«
zu stellen hat. Neuformulierungen kapitalismuskritischer Positionen
und gesellschaftlicher Alternativen seien erforderlich, weil die
Idee einer »›Weltzivilgesellschaft‹, die sich
nicht als Ausbreitung europäisch-abendländischer Wert- und
Normvorstellungen auf den Rest der Welt nach den eurozentrischen
Bedingungen begreift, … notwendigerweise immer die Frage nach
gesellschaftlichen Interessen und Machtverhältnissen
(altmodischer: Ausbeutung und Herrschaft) stellen – und
entsprechend handeln« muß.
Doch das auf den ersten Blick so einleuchtende Postulat, das Projekt
»Zivilgesellschaft« dürfe nicht zur Legitimation
des Exports formaler bürgerlich-parlamentarischer Verfahren
benutzt werden, sondern müsse Gegenkräften zum [#125]
staatlichen Handeln Entfaltungsspielräume öffnen, bleibt
bisher weitgehend abstrakt-programmatisch. Wenn Henning Melber die
Bruchstelle für die Realisierung eines internationalistisch
verstandenen Projekts »Zivilgesellschaft« dort sieht,
»wo vermittelt durch das Insistieren auf Normen, die in der
vorliegenden, universale Gültigkeit beanspruchenden Form in
Westeuropa und Nordamerika entwickelt wurden, subtil das Geschäft
des Imperialismus weiterbetrieben wird« (1991, S. 954), wird
sich in der Auseinandersetzung mit »dem Islam« erweisen,
wie groß die Bereitschaft der VertreterInnen dieses Ansatzes
tatsächlich ist, andere als die eigenen Vorstellungen/Theorien
gelten zu lassen (z.B. ein religiös begründetes
Verständnis von Staat und Gesellschaft oder spezifische
islamische Institutionen) und in den Diskurs aufzunehmen.
Die
Vorstellung, kulturelle Unterschiede seien zwar zu respektieren, es
gebe aber bestimmte Werte der abendländischen Zivilisation, die
sich dennoch ohne weiteres universalisieren und abgelöst von
ihrem historischen Entstehungskontext zur Bemessungsgrundlage für
Freiheit, Menschenwürde, Gerechtigkeit usw. machen lassen,
führt nur scheinbar aus dem Dilemma »Universalismus
versus Partikularismus« heraus. Tatsächlich verschiebt es
sich lediglich auf eine andere Ebene: Welche Werte und Normen dürfen
universale Geltung beanspruchen? Und wer soll darüber im
Konfliktfall entscheiden? Meistens bleibt es in diesen Erörterungen
denn auch bei sehr allgemeinen Vorschlägen.
Deshalb wäre vielleicht doch erst einmal zu fragen, »inwieweit
die Menschenrechte, die ja aus einem aufklärerisch-humanistischen
Geist entstanden sind und damit die Trennung von Staat und Kirche
(…) implizieren, auch für Gesellschaften und Länder
Gültigkeit haben können, deren Gesetze von der Einheit des
Glaubens an Gott und der absoluten Gültigkeit der geoffenbarten
Gesetze und Gebote im öffentlichen wie im privaten Bereich
ausgehen. Es scheint, daß die Menschenrechte für
nicht-westlich abendländische Verhältnisse neu geschrieben
und auf andere Art konkretisiert werden müssen.«
Das mag als Zumutung und als Gefahr eines grenzenlosen Relativismus
erscheinen, welcher schlimmstenfalls dazu führen könnte,
die Folter als folkloristische Eigenart anzuerkennen. Obwohl [#126]
wir glauben, gute Gründe für die Ablehnung von repressiven
oder gewalttätigen kulturell/religiös begründeten
Praktiken zu haben, die in manchen Regionen der Welt üblich
sind, und durchaus für bestimmte Werte und Verhaltensformen mit
dem Ziel der Verallgemeinerung eintreten, sehen wir darin keinen
Widerspruch zur Forderung nach einer Öffnung des
internationalen Diskurses für »Neuverhandlungen«.
Diese müßten den historischen Entstehungsprozeß des
UN-Menschenrechtskanons ebenso beinhalten wie die unterschiedlichen
regionalen bzw. kulturellen Rechtsbegriffe und -traditionen sowie
das reale Machtgefälle hinsichtlich der Interpretation und
Realisierung bestimmter Rechte, was z.B. in den Auseinandersetzungen
um die Bedeutung individueller und kollektiver Rechte zum Ausdruck
kommt. Rudolf Zihlmann stellt solchen Debatten die Leitfrage »Wer
wird durch die Menschenrechte privilegiert?« voran.
»Privilegiert durch die westlichen Grundrechte«,
schreibt er, ist »ein bestimmt formierter Menschentyp und eine
bestimmte Form der Ökonomie, die sich global durchsetzt und für
sich universelle Geltung beansprucht.«
Alle uns
bekannten Versuche, zumindest einige unantastbare Essentials von
solchen »Neuverhandlungen« auszuklammern, bleiben
abstrakt und halten einer näheren Überprüfung nicht
stand. Was zunächst kulturunabhängig und in seinem
universalen Anspruch selbstverständlich zu sein scheint, z.B.
das Habeas-Corpus-Prinzip (Recht auf körperliche Unversehrtheit
und Verfügungsgewalt über die eigene Person), stößt
in der interkulturellen Anwendungspraxis rasch auf spezifische
Deutungsmuster und Barrieren (vgl. dazu Kößler/Melber
1990, S. 85). Was ist z.B. mit der ständigen Verletzung dieses
Prinzips durch die im Islam (und im Judentum) übliche
Beschneidung kleiner Jungen? Daß hier gegen das Recht auf
körperliche Unversehrtheit verstoßen wird, ist
offensichtlich. Offensichtlich ist aber auch, daß die
Betroffenen diesen Eingriff nachträglich gutheißen. Uns
jedenfalls ist kein einziger Fall bekannt, wo ein Muslim oder Jude
sich beklagt hat, durch diesen Eingriff verstümmelt,
traumatisiert oder sonstwie beeinträchtigt worden zu sein. Es
gibt unseres Wissens weder Selbsthilfegruppen noch politische oder
rechtlich orientierte Initiativen gegen die Beschneidung. Und selbst
viele westliche Mediziner befürworten sie aus hygienischen
Gründen.
[#127]
Die
meisten liberalen und linken Islam-Kritiken beziehen sich auf Ideen
der Aufklärung und der Französischen Revolution. Doch
dabei wird meistens vernachlässigt, daß »der
Mensch« im Denken dieser Epoche weiß und männlich
war. Und bei Freiheit, Gleichheit, Emanzipation etc. handelte es
sich nicht (nur) um transzendente Ideale, sondern (auch) um
Kampfbegriffe des europäischen Bürgertums auf dem Weg zu
gesellschaftlicher und politischer Macht sowie zu weltweiter
ökonomischer, politischer und kultureller Dominanz. Insofern
folgen auch linke oder feministische Analysen islamischer
Gesellschaften in der Regel einem ethnozentristisch verengten
Schema. In präventiver Abwehr möglicher Demontagen an
Freiheits- und Menschenrechten, wird versucht, diese und jene
Errungenschaft der abendländischen Zivilisation einer
öffentlichen Debatte zu entziehen. »Demokratie,
Menschenrechte, nationalstaatliche Souveränität sowie
Pluralismus, Säkularität und religiöse Toleranz sind
universelle Werte«, schreibt z.B. Tibi, »wenngleich sie
eine europäische, in der kulturellen Moderne begründete
Herkunft haben.« Wenn Muslime das nicht ohne weiteres zu
akzeptieren bereit sind, sieht er darin eine »Kriegserklärung«
gegen alle, die in einer friedlichen Weltgemeinschaft leben wollen.
Dagegen halten wir eine breit angelegte Debatte über die
historische Genese von abendländischen Rechts- und
Freiheitsnormen, die damit verbundenen Interessen, die Diskrepanzen
zwischen Theorie und Praxis etc. für dringend erforderlich, um
über die gängige Vorstellung hinauszugelangen, islamische
Länder sollten sich doch bitte endlich (wie die gesamte »Dritte
Welt«) den nun einmal zufälligerweise in Europa
entwickelten Errungenschaften der Menschheit anschließen und
nicht durch Quengelei und Quertreiberei von eigenen Mißständen
abzulenken versuchen. Immerhin war es den westlichen
Industriestaaten unter dem Banner hehrer Werte jahrhundertelang
möglich, sowohl von den internen sozialen Konflikten als auch
von den Gegensätzen zwischen den fortgeschrittenen Zonen des
»kapitalistischen Weltsystems« und der Peripherie (den
Kolonien und ihren Nachfolgestaaten) zu abstrahieren. Solange der
[#128] Westen sich der Auseinandersetzung über diese Dimension
der eigenen Geschichte verweigert,
halten wir es für wenig wahrscheinlich, daß die
Menschheit sich auf allgemein verbindliche moralische und rechtliche
Normen einigt – mögen sie nach unserem Verständnis
noch so vernünftig und human sein.
Zu dieser
Debatte würde beispielsweise die Frage gehören, ob
politische Partizipation nur in den von Europa vorgegebenen Formen
möglich ist oder ob nicht die islamische Welt ihre
eigenen Strukturen entwickeln kann und muß – Strukturen,
in denen beispielsweise das islamische Prinzip der Beratung (Schura)
zum Tragen kommt. Das islamische Rechts- und Politikverständnis
unterscheidet sich in bestimmten Grundannahmen von dem säkularer
westlicher Industriestaaten. Zugangswege zu Fragen der
Gesellschaftsordnung, der Rechtsstaatlichkeit, der Freiheit des
Individuums etc. sind daher nicht dieselben, doch schließt das
Verständigung und Übereinstimmungen in weiten Bereichen
keineswegs aus. Um in diesem Auseinandersetzungs- und
Annäherungsprozeß weiterzukommen, sollte der Westen
allerdings damit aufhören, Differenzen per se zu Defiziten und
Rückständigkeiten »des Islam« bzw. »des
Orients« zu erklären. Und statt sich in endlose
philosophische Kontroversen um Universalismus oder
Kulturrelativismus zu verstricken, wäre es gewiß
sinnvoller, stärker die Ebene abstrakt-kategorialer
Überlegungen mit konkreten Fragestellungen zu verknüpfen.
Bürger islamischer Staaten haben nämlich –
und das ist typisch für die »Dritte Welt« –
Demokratie und die anderen Werte der abendländischen
Zivilisation vor allem im Kontext von Unterdrückung und
Ausplünderung kennengelernt. Während der langen Zeit
(quasi-)kolonialer Abhängigkeit von Europa und den USA ist so
gut wie nichts geschehen, um dort Bürger- und Menschenrechte zu
etablieren. Im Gegenteil: Westliche Demokratien paktierten und
paktieren vorzüglich mit Feudalherrschern und Militärdiktaturen
– vom Schah bis hin zum Emir von Kuwait, Saddam Hussein und
dem neuerdings favorisierten Hafes Al-Assad. Deshalb sollte es
eigentlich nicht verwundern, daß Demokratie, Freiheit und
Menschenrechte in dieser Weltregion weitgehend als
Schaumschlägereien gelten, als leere Phrasen, um
Machtinteressen zu kaschieren. Das wäre z.B. auch bei der
Bewertung der antidemokratischen Polemik einiger FIS-Politiker, die
rasch als Beweis für eine prinzipielle Unvereinbarkeit von
Islam und Demokratie ausgelegt wird, zu bedenken.
Zwar wird dieser Erfahrungshintergrund in westlichen Debatten um
»Islam und Demokratie« oder »Islam und
Menschenrechte« [#129] immer wieder erwähnt, doch nur
sehr selten zum Anlaß für Überlegungen genommen, was
zunächst einmal der Westen tun müßte, um zu zeigen,
daß es sich bei den Bekenntnissen zu Demokratie und
Menschenrechten nicht nur um leeres Gerede handelt, das bestens dazu
taugt, weltweit die eigenen Interessen durchzusetzen. Apodiktische
Inkompatibilitäts-Feststellungen können solche
Anstrengungen um die Gewinnung von Glaubwürdigkeit jedenfalls
nicht ersetzen.
Diese
Aufforderung richtet sich auch an westliche Linke und Feministinnen,
die sich meistens kaum Gedanken darüber machen, daß die
negative Haltung vieler MuslimInnen gegenüber westlicher
Politik, Moral und Lebensweise sie selbst bzw. ihre Ideen und Ziele
einschließt. Sie werden nicht als Opposition zum weltweit
dominierenden kapitalistischen System gesehen, sondern als dessen
Bestandteil. Und hier liegt nach unserem Eindruck eine große,
in ihrer alle Verständigungsversuche beeinträchtigenden
Wirkung meist unterschätzte Diskrepanz zwischen Selbst- und
Fremdwahrnehmung (die im übrigen generell das Verhältnis
zwischen westlichen Linken und Feministinnen einerseits und
BewohnerInnen der Dritten Welt« andererseits prägt): Auch
wenn nicht sie die Feudalherrscher und Militärdiktatoren der
»Dritten Welt« eingesetzt und finanziert haben, auch
wenn nicht sie es sind, die Monarchen und Generäle mit Waffen
und Giftgasfabriken beliefern, auch wenn nicht sie die
Rohstoffmärkte und Investitionsströme kontrollieren, sind
Linke und Feministinnen – ob sie wollen oder nicht –
zumindest insofern »KomplizInnen« der westlichen
Wirtschaftsmacht, Militärmaschinerie und Kulturindustrie, als
sie davon profitieren und ihr Verhalten mehr oder weniger (und oft,
ohne sich dessen richtig bewußt zu sein) am Erhalt von
Privilegien orientieren. Aus Sicht der meisten Muslime ist die
europäische Linke alles andere als eine integre, sich zu
Bündnissen anbietende Kraft. Nicht zuletzt mindert die sehr
unterschiedliche Reaktion auf Verstöße gegen die
angeblich doch universal geltenden Menschenrechte ihre
Glaubwürdigkeit.
Während
manches, z.B. das Schicksal einiger durch islamische
»Fundamentalisten« bedrohter oder verfolgter Personen,
größte Aufmerksamkeit findet, wird anderes vielleicht
gerade beiläufig zur Kenntnis genommen. Als 1982 in Syrien etwa
10.000 – angebliche oder tatsächliche –
Muslimbrüder nach einem Aufstand in Hama massakriert wurden,
war die Resonanz der westlichen Öffentlichkeit – auch die
der Linken – gleich Null (vgl. Chimelli 1993, S. 14). Könnte
das noch damit erklärt werden, es habe ohnehin keine
Einflußmöglichkeiten auf Hafes Assad gegeben, trifft das
auf Ägypten wegen seiner Abhängigkeit vom Westen mit
Sicherheit nicht zu. Werden dort bei Razzien gegen angebliche
»Moslem-Terroristen« über 90.000 Menschen
festgenommen, melden das deutsche Zeitungen vielleicht in fünf
Zeilen unter »Vermischtes«.
Das ägyptische Innenministerium kann seelenruhig [#130] 10.000
politische Gefangene zugeben (vgl. FR v. 9.8.1994), ohne einen
Proteststurm der linken/liberalen westlichen Öffentlichkeit
befürchten zu müssen. Daß es sich dabei, wie
behauptet, ausnahmslos um Gewalttäter bzw. um –
potentielle – Terroristen handelt, ist schon in Anbetracht
dieser Zahlen höchst unwahrscheinlich.
Menschenrechtsorganisationen machen immer wieder darauf aufmerksam,
daß viele aus nichtigsten Anlässen oder nach dem Prinzip
der Sippenhaft verhaftet werden; Folter ist an der Tagesordnung.
Die schwache Resonanz läßt sich auch kaum damit erklären,
daß das kaum etwas über die Verhafteten wisse. Auch bei
bekannten Personen ist es nicht anders. Die linke Öffentlichkeit
nahm kaum Notiz davon, als der Rechtsanwalt Abdel Hareth al-Madani,
der mehrfach Angeklagte aus dem Kreis der »Al Gamaa
al-Islamija« verteidigt hatte und beschuldigt wurde, deren
Verbindungsmann gewesen zu sein, im Gefängnis an einem
»Asthmaanfall« umkam.
Die Behauptung, es handele sich um Mitglieder oder Sympathisanten
»fundamentalistischer« Parteien und Organisationen
schließt Menschen offensichtlich vom Kreis derer aus, die mit
Anteilnahme und Engagement westlicher Menschenrechtsverfechter
rechnen dürfen. Ganz besonders krass zeigte sich das
schließlich Anfang 1992 in der Nicht-Reaktion auf den Abbruch
des Wahlverfahrens in Algerien durch einen Staatsstreich als sich
ein Sieg der FIS abzeichnete und in der Gleichgültigkeit
gegenüber der dann einsetzenden staatlichen Verfolgungspraxis
gegen tatsächliche oder angebliche Islamisten.
Lange bevor die Gewalt eskalierte, wurden bis zu 40.000 Menschen in
Lager deportiert. Zum größten Teil befanden sich diese in
der Sahara. Tausende wurden dort unter unmenschlichen Bedingungen
Monate oder Jahre festgehalten, fast alle ohne Gerichtsverfahren
bzw. ohne Urteil.
»Für die Islamisten aller [#131] Schattierungen«,
schreibt Rudolph Chimelli, »ist die lange Reihe dieser
Ereignisse bittere Erfahrung. Für die Völker, die sie mit
Anteilnahme erlebten, enthält sie eine Moral: Die
missionarischen Wertvorstellungen des Westens, der sonst so
empfindlich in Sachen Menschenrechte und Demokratie ist, sind
gleichsam suspendiert, wenn es um Fundamentalisten geht.«
(1993, S. 14)
Mißverständnisse und Fehlschlüsse
bei der Bewertung politischer Prozesse in »islamischen
Ländern«
Aus der
Überzeugung, die Achtung vor den Menschenrechten und die
Bereitschaft zur Respektierung demokratischer Spielregeln sei dem
(nicht säkularisierten) Islam fremd, entsteht oft eine seltsam
anmutende Bereitschaft, Maßnahmen der Regierungen islamischer
Staaten, durch die das Recht auf freie Religionsausübung
und politische Partizipation mißachtet wird, als leider
unvermeidliche »Nachhilfelektion« im Prozeß der
»Modernisierung« hinzunehmen, wenn nicht zu
rechtfertigen. Umgekehrt werden bestimmte Forderungen oder Vorgänge,
die in unser Schema passen, umstandslos als Indizien für
Fort- oder Rückschritte auf dem Wege zu Demokratie und
Menschenrechten bewertet, ohne den politischen oder sozialen Kontext
bzw. die Intentionen politischer Akteure hinreichend zu beachten. So
haben wir viele Beispiele dafür gefunden, daß Frauen, die
es ablehnen, ein Tuch zu tragen und dagegen womöglich im Iran,
in Algerien oder sonstwo öffentlich demonstrieren, per se als
Verfechterinnen demokratischer und humanitärer Ideale angesehen
werden. Als gäbe es z.B. in der Bundesrepublik nicht unter den
bekanntlich unverschleierten Frauen Anhängerinnen aller
politischen Richtungen, kommt kaum jemand auf die Idee, daß
der Protest gegen den »Schleierzwang« in islamischen
Ländern ebenso z.B. mit der politischen Option für eine
nicht demokratische Staats- und Gesellschaftsordnung, z.B. die
Monarchie, verbunden sein kann.
Diese
Sichtweise steht in einer weit zurückreichenden Tradition und
wird durchaus auch von »modern« denkenden
WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen aus islamischen Ländern
vertreten. Die auch in der BRD als Vordenkerin der
Frauenbewegung bekannte türkische Sozialwissenschaftlerin
Nermin Abadan-Unat findet es beispielsweise völlig in Ordnung,
wenn Kopftuch tragende Frauen von türkischen Universitäten
verbannt werden, denn: »Ganz im Gegenteil zu Staatsideologien,
die sich zu einer Rückkehr zu den Glaubenssätzen eines
fundamentalistischen Islam bekehren, gilt in der Türkei der
unaufhaltsame Fortschritt in Richtung auf eine westliche, [#132]
zivilisierte Gesellschaft als Maßstab der demokratischen
Grundordnung. Die Entlassung einer sich verschleiernden
Universitätsdozentin erhält durch diese Klarstellung eine
Erklärung, die … gemäß den Kriterien der
Menschenrechte und Grundrechte als undemokratisch erscheinen mag«
(1985, S. 11). Aber eben nur »erscheinen mag« – in
Wirklichkeit handelt es sich nach ihrer Überzeugung um
Maßnahmen zur Frauenbefreiung und Durchsetzung von Demokratie
und Menschenrechten. Abadan-Unats Auffassung über den
Zusammenhang von Entschleierung, Frauenemanzipation und Demokratie
steht in der Kontinuität einer von der Überlegenheit
Europas faszinierten Denkweise und Politik, die es sich seit Ende
des 19. Jahrhunderts zur Aufgabe gesetzt hatte, die Türkei vom
Joch des Islam zu befreien, einer, wie Atatürk meinte,
trockenen und trostlos-einfachen Religion, die der türkischen
Kultur über Jahrhunderte eher geschadet habe statt sie
voranzubringen.
Um der Türkei den Anschluß an die »abendländische
Zivilisation« zu ermöglichen, wurde das Rechtssystem nach
westeuropäischen Vorbildern umgestaltet, wurde die arabische
Schrift abgeschafft und eben auch die Türkin in Kleidung und
Verhaltensnormen am Modell der Französin oder Deutschen neu
durchgestylt, was soweit ging, daß in einer Nacht, als
Oppositionelle hingerichtet wurden, Politiker und Diplomaten mit
ihren Gattinnen zum Ball in Atatürks Landhaus anzutreten
hatten, um »in westlicher Gewandung zu westlicher Musik
westliche Zivilisation« einzuüben.
Schon damals wurde dieser »Entwicklungsprozeß« in
Deutschland wohlwollend und mit Befriedigung kommentiert: Die
Sozialwissenschaftlerin Charlotte Lorenz stellte in ihrer noch zu
Zeiten des Kalifats verfaßten Abhandlung über »Die
Frauenfrage im Osmanischen Reiche« fest, daß der
»türkische Generalissimus Enwer Pascha, mit dem sich
heute das Wohl und Wehe der ganzen Türkei verknüpft«,
durchaus nicht zu den »Enthusiasten des Türken- [#133]
tums« gehöre. »Ernst und maßvoll« sei
dieser statt dessen »von der Gewißheit durchdrungen, daß
gerade die deutsche Geisteskultur auf die türkische
Gedankenwelt ausstrahlen und auf die Umgestaltung des türkischen
Frauenlebens günstig einwirken werde« (1918, S. 80). Zwar
sei es unumgänglich, mit einer »gewissen Diplomatie«
auf die Religion Rücksicht zu nehmen, wenn man »die
breite Masse des unaufgeklärten Volkes für die
Notwendigkeit der Frauenbefreiung gewinnen« wolle (ebd., S.
201 f.), doch ist Lorenz durchaus zuversichtlich, auch die noch von
ungebildeten Geistlichen fanatisierten »niederen
Volksschichten« für eine »Abrechnung mit der
Tradition« gewinnen zu können, wozu u.a. das Ablegen des
Schleiers gehöre (ebd., S. 75). Wenn heute die Offenheit und
Selbstverständlichkeit, mit der sie hier die Vorbildfunktion
Deutschlands für die türkische Frauenbewegung und
Frauenbildung betont – und nebenbei so manchen Seitenhieb auf
»französische Phrasen und englische Äußerlichkeit
und Halbbildung« austeilt (ebd., S. 206) -, auch nicht mehr
die Regel ist (ohne deshalb ausgestorben zu sein), finden wir in
Lorenz’ Grundeinstellung zum Islam und zur Überlegenheit
abendländischer Kultur, zur »türkischen Frauenfrage«
allgemein und zur Verschleierung im besonderen, weitgehende
Übereinstimmungen mit den meisten sozialwissenschaftlichen
Analysen aus neuerer Zeit.
Zwar mag
auch ein Kopftuch von manchen Frauen als unerträgliche
Repression empfunden werden, doch kann eigentlich niemand ernsthaft
behaupten wollen, das hindere sie daran, sich frei in der
Öffentlichkeit zu bewegen, sich politisch zu artikulieren und
einen Beruf auszuüben. Das gängige Vorstellungsbild von
einer in der gesamten islamischen Welt wie auch im muslimischen
»Gastarbeiter«-Milieu durch »fundamentalistische«
Machenschaften wieder zunehmenden »Zwangsverschleierung«
blendet jedoch die den Debatten um Kopftuch und Schleier
zugrundeliegenden sozialen, kulturellen und politische Konflikte
aus. Darin verlaufen die Frontlinien keineswegs zwischen »den
Männern« unter Führung »fanatischer Mullahs«
hier und »den Frauen« dort; vielmehr handelt es sich im
wesentlichen um Gegensätze zwischen islamisch und westlich
orientierten Bevölkerungsschichten oder -gruppen. Es sind
deshalb auch nicht »die« Algerierinnen oder Iranerinnen,
die gegen islamische Bekleidungsvorschriften aufbegehren, sondern
bestimmte, nach ihrer ökonomischen und politischen
Interessenlage durchaus identifizierbare Kreise (wobei es intern
wiederum unterschiedliche Motive und Differenzen hinsichtlich der
Berufstätigkeit von Frauen, ihrer rechtlichen Stellung etc.
gibt). Aus der im Westen vorherrschen- [#134] den Überzeugung,
die Ablehnung islamischer Bekleidungsvorschriften sei einzig Idealen
der Freiheit und weiblichen Emanzipation verpflichtet, ergeben sich
zuweilen groteske Fehleinschätzungen, z.B. wenn aus der
Vorstellung, diese Gegnerschaft sei automatisch mit dem Eintreten
für Demokratie und Menschenrechte verbunden, Frauen aus der zu
Schahzeiten mächtigen iranischen Oberschicht wegen des
Verlustes von Reichtum und Privilegien bemitleidet und darüber
hinaus als Freiheitskämpferinnen und Widerstandsheldinnen
bewundert werden, weil sie sich den offiziellen Regeln durch
subversives Make up und einige Haarsträhnen widersetzen. Eine
deutsche Journalistin liefert dafür mit ihren Eindrücken
von einer Iran-Reise – unbeabsichtigt – ein
eindrucksvolles Beispiel: Während sie keinen Hehl daraus macht,
wie sehr sie sich von den unansehnlichen »schwarzen Raben«,
von denen es auf Teherans Straßen wimmelt, abgestoßen
fühlt, schwärmt sie von den »ungeheuer schönen
Frauen« die sie bei Parties in den Villen der den guten alten
Zeiten nachtrauernden Oberschicht kennenlernte (Backes 1986, S. 152
f.). Daß deren politische und soziale Ziele sich auf
Wiederherstellung der alten Machtverhältnisse (ggf. hinter
einer parlamentarischen Fassade) richten, kümmert sie wenig.
Statt dessen empört es sie, wie auch diese eleganten Frauen
gezwungen sind, sich in der Öffentlichkeit an die
Kleidungsregeln zu halten, und ihr freizügiger Lebensstil stets
durch Razzien gefährdet ist. Noch deutlicher wird die allzu
oberflächliche Gleichsetzung von westlich-modischer Kleidung
mit dem Bekenntnis zu Demokratie und politischer Freiheit im
Verkaufserfolg von Sousan Azadis »Flucht aus dem Iran«
(4. Aufl. 1989). Dieser dramatische Bericht einer Iranerin, die nach
der Revolution den Verlust ihrer privilegierten Stellung nicht
verwinden kann und seitenlang über die Schwierigkeiten
lamentiert, an Alkohol zu kommen, Wertsachen außer Landes zu
schaffen sowie ihre Glücksspiel- und Party-Vergnügen vor
der Mißgunst des »Mullah-Regimes« zu verbergen,
wird im EMMA-Golfkriegsheft »zum Weiterlesen« empfohlen
(1991, S. 81).
Wir
möchten nicht so verstanden werden, daß wir der Meinung
sind, im Iran, in Algerien, in der Türkei oder in anderen
islamischen Ländern sei alles ganz großartig, bei Kritik
an »islamischen« Gesetzen, Verhaltensnormen usw. könne
es sich nur um dumme oder böswillige Unterstellungen handeln
und für dort lebende Frauen gebe es nicht den geringsten Grund,
sich gegen Benachteiligungen und Unrecht zur Wehr zu setzen. Weder
wollen wir die Offenlegung von Mißständen tabuisieren
noch sprechen wir »westlichen« Menschen generell das
Recht ab, sich kritisch mit »dem Islam« sowie den
Verhältnissen in islamischen Ländern und Migrantenmilieus
auseinanderzusetzen. Die Frage ist allerdings, auf der Basis welcher
Werte, Interessen und Zielvorstellungen dies geschieht und wer an
solchen Diskursen mit welchen Durchsetzungschancen beteiligt ist.
[#135]
10. »West is best« –
Zur Konstitution abendländischer Identität
Durchgängig
zeigt sich in der Auseinandersetzung mit dem Islam eine
bemerkenswerte, bei Linken und Feministinnen in anderen Kontexten
kaum vorstellbare Identifikation mit herrschenden Werten und
Lebensformen. Diese Bereitschaft, grundlegende Tugenden, Moral- und
Rechtsnormen der westlichen Industriegesellschaften zu bejahen und
gegen (vermeintliche) Angriffe zu verteidigen, ähnelt stark dem
von Annita Kalpaka und Nora Räthzel beschriebenen
Konstitutionsprozeß einer »deutschen Identität«
durch Abgrenzung von anderen Kulturen. Wird »der Islam«,
wie in der Hierarchisierung von ArbeitsmigrantInnen und Flüchtlingen
deutlich wird, intern als eine Art »Gegenkultur« gesehen
und deren Vereinbarkeit mit unserer deutschen Lebensart
bezweifelt, bildet extern der gesamte islamische Kulturkreis
den Gegenpol zu Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Autonomie der
Person etc. Und über diese Polarisierung gelingt es, eine alle
Westeuropäer verbindende »abendländische Identität«
zu konstituieren. Während Muslime als
mittelalterlich-rückständig, traditionsverhaftet,
irrational, brutal und frauenverachtend charakterisiert werden,
sehen wir uns selbst mit tiefer Befriedigung als rational,
freiheitsliebend, friedlich, aufgeklärt, tolerant, emanzipiert
und sauber. Zu dieser Identifikation mit Werten der europäischen
Zivilisation gehört weiter eine gewissermaßen
parteiübergreifende und Konflikte ausblendende Bejahung der
bestehenden politischen Machtstrukturen und Institutionen. Mögen
wir sie in anderen Zusammenhängen auch noch so kritisch
sehen – hier finden sie als Repräsentanten und Garanten
unserer Kultur oder unserer ethnischen Identität
Anerkennung, wohingegen KritikerInnen rasch in den Verdacht geraten,
selbst zu den »Türken« zu gehören (vgl.
Kalpaka/ Räthzel 1990, S. 30).
Selten
fällt das Bekenntnis »West is best« ähnlich
klar aus wie bei Benard und Schlaffer (1992, S. 185 ff.); zumindest
implizit durchzieht es jedoch die meisten der von uns zitierten
Publikationen. Daß andere Linke/Feministinnen sich nicht so
offen wie diese beiden Sozialwissenschaftlerinnen zur Überlegenheit
der westlichen Kultur zu bekennen wagen, führen Benard und
Schlaffer auf ein linkes Tabu zurück. Auch ihnen selbst sei es
lange »strengstens, allerstrengstens« verboten gewesen,
die Frage »Wo ist es besser?« auch nur zu stellen,
»geschweige denn sie zu beantworten. Schon der Gedanke war
tabu, wollte man sich als aufgeschlossener, toleranter Mensch
präsentieren.« Damit soll jetzt Schluß sein, wie
sie in auffälliger Übereinstimmung mit anderen ehemaligen
Vordenkern der Kritik am Kolonialismus und modernen Formen der
Ausbeutung der »Dritten Welt« fordern. Mutig und offen,
wie sie sind, riskieren sie es schon mal, eine eindeutige Antwort
vorzuformulieren: »Hier ist es besser, viel besser. Es ist
besser, es [#136] ist humaner, es ist freier, es ist gerechter. Es
ist auch toleranter, trotz allem.« Das einzige, was sie dem
Westen wirklich vorzuwerfen haben, ist, nicht offensiver zu seinen
eigenen Werten zu stehen (ebd., S. 96). [#137]
V. Islam-Kritik und alternative
Wahrnehmungsperspektiven
Wir
können und wollen hier keine umfassende Auseinandersetzung mit
islamischen Quellentexten in Beziehung zur tatsächlichen
Situation von Frauen in den verschiedenen Regionen der islamischen
Welt leisten. Weder sind wir Islamwissenschaftlerinnen noch
kennen wir uns hinsichtlich der Verhältnisse in allen
islamischen Ländern so gut aus, daß wir uns
abschließende Feststellungen erlauben würden. (Wir
erleben es allerdings ständig, daß andere, die noch weit
weniger wissen, sich durchaus kompetent fühlen, über alles
und jedes zu urteilen – eine Einstellung, die dem gleichzeitig
ständig geforderten »Dialog der Kulturen« u.ä.
zuwiderläuft.) Neben Material für unsere Medienanalyse
haben wir eine erhebliche Menge an Literatur über die Situation
von Frauen in verschiedenen Ländern, über innerislamische
Debatten zur Frauenfrage, zu Vorstellungen einer zeitgemäßen
Staats- und Gesellschaftsordnung, zu Menschenrechten usw. gesammelt,
so daß wir uns immerhin in der Lage sehen, daraus auf
Informationsdefizite, auf Wahrnehmungsverzerrungen und Vorurteile
hinzuweisen.
Mit dieser Ziel- [#138] setzung werden wir im folgenden einige stets
wiederkehrende Thesen und Argumente erörtern, die auch ohne
vertieftes Studium des Koran und islamischer Quellenschriften als
von unzureichenden oder falschen Grundlagen ausgehend und/oder durch
eine ethnozentristische Sichtweise geprägt erkennbar sind.
1. Unwissenheit und Ignoranz
Ganz
allgemein fällt in Äußerungen zum Thema »islamische
Frau« und zu politischen Entwicklungen in islamischen
Ländern eine schier unglaubliche Ignoranz auf. Trotz
vielfacher Begegnungen (bzw. Begegnungsmöglichkeiten) und trotz
einer Unzahl von Veröffentlichungen erweisen sich die
Kenntnisse auch gebildeter Menschen in politisch, publizistisch oder
pädagogisch verantwortungsvollen Positionen im allgemeinen als
eher dürftig und fragmentarisch. Ex-Bundeskanzler Helmut
Schmidt berichtet in seinem Beitrag zu dem ZEIT-Sonderheft »Islam«
(1993) freimütig, wie ihm Anwar el-Sadat bei einer nächtlichen
Nilfahrt in den 70er Jahren einige Grundbegriffe dieser Religion
vermittelte. Zu jener Zeit lebten in Deutschland bereits mindestens
eine halbe Million muslimischer »Gastarbeiter« aus der
Türkei, d.h. eine sozial und politisch doch wohl kaum als
völlig irrelevant zu bezeichnende Gruppe. Bis heute hat sie
sich auf ca. 2 Millionen erhöht, doch nach wie vor haben die
meisten Politiker vom Islam nicht mehr Ahnung als seinerzeit
Verteidigungsminister Schmidt. Dieser war von Sadats
»Nachhilfeunterricht«, wie er schreibt, zwar sehr
beeindruckt, doch seine Überzeugung, Islam und Deutschtum seien
inkompatibel, blieb davon unbeeinflußt. Wie er 1992 in einem
Interview äußerte, sieht er in der von Migranten
mitgebrachten fremden – d.h. insbesondere in der islamischen –
Kultur eine Gefahr. Sie könne nämlich, bei ausbleibender
Anpassungsbereitschaft der Muslime an unsere Normen und
Werte, zum »Entarten« der deutschen Gesellschaft
führen.
Anis
Hamadehs und Daniel Schwarz’ Parodie auf gängige
westliche Darstellungen des Islam und des Lebens in islamischen
Ländern durch »wundersame Erzählungen«
eines selbsternannten Nahwest-Experten (1993) trifft exakt das im
Westen selbst unter ExpertInnen vorherrschende Wissensniveau, z.B.
wenn über »die islamische Frau« berichtet wird.
Während man sich hierzulande wohl wundern würde, erschiene
in Syrien, Pakistan oder Tunesien eine Dokumentation zur Lage
christlicher (westeuropäischer) [#139] Frauen auf der
Quellengrundlage von Bibel, Grimms Märchen, einem Interview mit
Alice Schwarzer und dem Förderungsantrag eines beliebigen
Frauenhauses, ist es durchaus üblich, auf vergleichbarer Basis
über die Stellung der Frau im Koran und in islamischen
Gesellschaften zu schreiben. Nicht selten wird gerade aus der
Unkenntnis ein Freibrief abgeleitet, in »harmloser Unschuld«
Vorurteile und diffamierende Behauptungen loswerden zu dürfen.
Denn während es in weiten Bevölkerungskreisen nicht mehr
ganz so selbstverständlich ist, sich abfällig über
Menschen mit dunkler Hautfarbe oder über Juden zu äußern,
existiert diese Hemmschwelle im Umgang mit MuslimInnen praktisch
nicht. Deutsche, die wohl kaum auf die Idee kämen, von
jüdischen Gesprächspartnern und Gesprächspartnerinnen
Auskunft darüber zu verlangen, ob es im Judentum nicht doch
vielleicht eine Affinität zu Wucherzins und Weltverschwörung
gebe, erwarten von MuslimInnen mit größter
Selbstverständlichkeit, daß diese auf ähnlich
diskriminierende Projektionen gegenüber »dem Islam«
stets sachlich und freundlich eingehen.
Was
Europäer und Europäerinnen vom Islam »wissen«,
erweist sich in der Regel als seltsame Mixtur von Wüstenromantik,
Bazarexotik, von Märchenpalästen und prächtigen
Moscheen einerseits sowie Krieg, Terrorismus, eingesperrten Frauen
und religiösem Fanatismus andererseits. Dagegen liegt die
Geschichte islamischer Länder weitgehend im Dunkeln bzw.
wird nur punktuell aus einer seit den Kreuzzügen kaum
modifizierten Sichtweise erinnert.
Von islamisch geprägter Wissenschaft, Philosophie, Literatur
etc. nimmt der Westen – einschließlich der westlichen
Linken – kaum Notiz (ganz gleich, ob von Männern oder
Frauen verfaßt). Soweit politische und soziale Ereignisse in
dieser Region bis in unsere Aufmerksamkeitssphäre
vordringen, werden sie gefiltert durch unsere
Interessenschablonen dargestellt und bewertet: Es geht dann um
unsere militärische und ökonomische Einflußzone,
um unsere Ölversorgung usw. Politische und soziale
Prozesse, die uns nicht unmittelbar tangieren oder sich nicht
in den von uns gewohnten und anerkannten Formen/Institutionen
vollziehen, bleiben dagegen unbeachtet. Gesellschaftskritik oder
politische Entwürfe beispielsweise, die sich eines religiösen
Vokabulars bedienen bzw. nicht nach den Regeln und im Bezugskontext
westlicher Theorien argumentieren, haben wenig Chancen, überhaupt
Aufmerksamkeit zu finden. Schon weil im Westen kaum jemand in der
Lage ist, auf Arabisch, Farsi, Indonesisch oder Urdu verfaßte
Literatur [#140] zu lesen, werden islamisch fundierte soziale und
politische Reformprogramme, in »fundamentalistischen«
Kreisen geführte Debatten über die soziale Position der
Frau oder über Demokratie und Menschenrechte kaum je
wahrgenommen. Und damit nicht genug: Was als nicht der Beachtung
wert gilt, wird in einem weiteren Schritt für nicht existierend
erklärt. Es verblüfft uns immer wieder, wie alle Welt auch
ohne die geringsten entsprechenden Sprachkenntnisse »weiß«,
daß »der Islam« die Auseinandersetzung mit diesen
»modernen« Fragen verweigert. Statt dessen finden Bücher
wie »Nicht ohne meine Tochter« trotz ihres
offensichtlich subjektiven Erfahrungshintergrundes, trotz
rassistischer Wertungen und reißerischer Aufmachung als
Beurteilungsgrundlage islamischer Kulturen auch in Kreisen
Wertschätzung, die ihre Informationen üblicherweise nicht
aus Quellen von Heftchenroman-Niveau beziehen.
2. Der westliche Umgang mit dem
Koran und anderen Quellentexten
Zum Teil
entstehen falsche Vorstellungen über »den Islam«
bereits aus dem Umgang mit dem Koran und sonstigen islamischen
Quellentexten. Sehr verbreitet ist die Auffassung, es sei ohne
weiteres möglich, sich mittels einer Taschenbuchübersetzung
des Korans hinreichend über »den Islam« –
einschließlich der Stellung der Frau in islamischen Ländern
– informieren zu können. Etliche Islam-ExpertInnen, die
auf diese Weise ihr Wissen im Heimstudium erworben haben, kommen
dann zu völlig neuen »Erkenntnissen«, etwa wenn
Sigrid Meske behauptet, der Koran sei nur für Sunniten
verbindliche Glaubensgrundlage (1983, S. 39 ff.). Unter dieser
Prämisse spielt sie die angeblich liberalen, ihre Frauen
achtenden Aleviten gegen die auf den Koran fixierten Sunniten aus,
die nach Meskes Expertise Frauen unter Berufung auf den Islam alle
Rechte verweigern, sie erniedrigen und ihre Emanzipation verhindern
(ebd., S. 41). Bestärkt wird die Neigung, sich auf dürftigster
Informationsbasis zu weitreichenden Urteilen über den Islam
befähigt und berechtigt zu fühlen, durch die
jahrhundertealte Überzeugung, der Islam sei eine Religion ohne
Tiefgang, in der es im wesentlichen nur auf das Auswendiglernen
einiger Koran-Suren und das strikte Befolgen von Geboten und
Ritualen ankomme.
So reichen Barreau wenige Seiten, um zu [#141] »beweisen«,
daß es sich beim Islam um eine »archaische«, nicht
nur hinter dem Christentum und dem Judentum, sondern selbst dem
Buddhismus um »Lichtjahre« zurückgebliebene
Religion handelt (1992, S. 29 ff.). Nicht einmal die sonst unter
Islam-Kritikern weithin akzeptierte Auffassung, der Islam habe
zumindest in seiner Frühzeit bestimmte Fortschritte gebracht,
z.B. die Stellung der Frau verbessert und die soziale Gerechtigkeit
gefördert, will er gelten lassen. Auch von der kommunistischen
Propaganda, widerspricht er solchen Auffassungen, sei stets
behauptet worden, daß die Mißstände vor der
Russischen Revolution noch größer waren. Wie man heute
wisse, war das eine Lüge, und so sei auch die islamische
Geschichtsdarstellung frei erfunden.
Viele
westliche ExpertInnen scheinen noch nie etwas davon gehört zu
haben, daß es mehrere deutsche Koran-Übersetzungen von
recht unterschiedlicher Brauchbarkeit gibt. Sofern nicht
beabsichtigt wird, negative Assoziationen zu wecken, empfiehlt es
sich beispielsweise, nicht ohne besonderen Grund aus einer alten
Koranübersetzung zu zitieren, in der statt von »Frauen«
von »Weibern« die Rede ist (was damals bekanntlich nicht
den heutigen herabsetzenden Beiklang hatte).
Tendenziöse Übersetzungen und Koran-Auslegungen werden
auffallend oft als Beweis für die Darstellung des Islam als
Frauen verachtend und unterdrückend angeführt, so wenn die
Islamwissenschaftlerin Susanne Enderwitz von einem angeblich
religiös verankerten »selbstverständlichen
Nutzungsrecht« des Mannes »am weiblichen Körper«
spricht und die Lage von Musliminnen mit der von Kriegsgefangenen
und Sklaven gleichsetzt.
Mag vieles auch Ausdruck von Unwissenheit und Gedankenlosigkeit
sein, liegt häufig doch zumindest die Vermutung nahe, Ausdrücke
und Übersetzungen seien gezielt so ausgewählt oder auch
»nachgebessert« worden, um Rückständigkeit und
Frauenfeindlichkeit des Islam zu beweisen. Die Übersetzerinnen
von Juliette Minces’ »Verschleiert« geben z.B. an,
nach der Koran-Übersetzung von Rudi Paret zu zitieren, die
einen relativ guten Ruf genießt (Minces 1992, S. 30). Die
[#142] Formulierung »Der Mann herrscht über die Frau
…«, mit der die Ungleichwertigkeit der Geschlechter im Islam
belegt werden soll, findet sich bei Paret allerdings nicht. Doch
welcher Leserin, welchem Leser wird das auffallen? Auch mag die
Abweichung von Parets Text westlichen LeserInnen gering erscheinen,
erweist sich aber insofern als bedeutsam, als hier für die
deutsche Übersetzung von Minces’ Buch offensichtlich eine
»härtere« Version herangezogen wurde. Daß in
diesem Punkt auch Parets Wortwahl als dem christlich-abendländischen
Denken verhaftet kritisiert wurde und unter MuslimInnen zumindest
umstritten ist, sei hier nur angemerkt.
Wird in
der von uns ausgewerteten Literatur neben dem Koran auf weitere
Quellentexte Bezug genommen, geschieht dies meistens in einer Weise,
die deren innerislamischen Stellenwert für deutsche Leser nicht
transparent macht bzw. sogar vernebelt. Nur selten wird z.B. beim
Zitieren von Hadithen erwähnt, daß es davon tausende mit
je nach Quelle und Überlieferungskette sehr unterschiedlicher
Relevanz gibt, von als unumstritten wahr anerkannt bis hin zur
wahrscheinlichen oder nachgewiesenen Fälschung.
Um die Bedeutung eines Hadith zu beurteilen, ist es daher
unerläßlich, die überliefernde(n) Person(en) mit zu
nennen. Wenn also Magdi ohne weitere Angaben als »Hadith«
zitiert: »Ein Mann und eine Frau können sich nicht
zurückziehen, ohne daß der Teufel sich ihnen als Dritter
zugesellt«,
so müßte sie redlicherweise hinzufügen, daß es
sich um ein Hadith unbekannter Herkunft handelt, dessen Stellenwert
eher dem einer Redensart entspricht. Während es in der
deutschsprachigen Literatur von derartig problematischen Zitaten
wimmelt, mit denen die mindere Position der Frau im Islam bewiesen
werden soll, werden die »frauenfreundlichen« Hadithe,
wonach z.B. diejenigen als die besten unter den Gläubigen
angesehen werden, die ihre Frauen am besten behandeln,
fast nie zitiert. [#143]
Ebenso
beliebt wie fatal in den Auswirkungen ist darüber hinaus die
Vermischung von – oft schlecht oder tendenziös
übersetzten – Koran-Suren und Hadithen mit Sprichwörtern
und volkstümlichen Gebräuchen oder »Weisheiten«.
In einem Bericht über den Krieg in Tschetschenien wird über
die dort herrschenden Sitten unter »Kuriosa« berichtet:
»Die Frauen putzen jeden Abend die Schuhe der Männer –
alte islamische Tradition«.
Derartiges in einer auf anti-islamische Effekthascherei
spezialisierten Illustrierten zu lesen, mag nicht weiter verwundern.
Doch ähnliches findet sich auch in seriösen Publikationen.
So berichtet uns Enderwitz, leider ohne Quellenangabe, Frauen seien
nach islamischem Verständnis »Teufelskühe«
(1983, S. 166 f.). Vielleicht handelt es sich dabei ja ebenso wie
die verbreitete These, der Islam spreche der Frau den Besitz einer
Seele ab (vgl. Vensky in der FR v. 3.8.1992), um ein »Hadith«
von Karl May.
Aus derart verzerrten Darstellungen »des Islam« werden
sodann oft weitreichende diskreditierende Schlußfolgerungen
gezogen. Beliebt ist auch die Vermischung von religiösen
Geboten mit Vorstellungen aus dem Bereich von Tradition und
Aberglauben, z.B. wenn – tatsächliche oder erdichtete –
Zitate aus dem Koran und den Hadithen über das Wesen der Frau
unmittelbar mit »volkstümlichen« Ideen (z.B. dem
angeblich im Maghreb verbreiteten – und übrigens
ebenfalls in Westeuropa bekannten – Topos der Frau mit der
»vagina dentata«) in Verbindung gebracht werden (vgl.
Minces 1992, S. 76). Chérifa Magdi erweckt durch Verquickung
von angeblichen Aussprüchen des Propheten mit »Weisheiten«
aus der erotischen Heftchenliteratur Ägyptens den Eindruck, die
Frau sei nach islamischer Auffassung eine sexuell unersättliche
»Spalte« und werde ausschließlich physisch –
durch ihre Sexualität – definiert.
Als aufreizendes, verführerisches und seelisch abartiges, den
eigenen Trieben ausgeliefertes Wesen müsse sie vor sich selbst
geschützt und von den Männern – zu deren Schutz –
ferngehalten werden, doziert Minces. Darin liege z.B. die Funktion
des Schleiers, der eine Einstellung zu Frauen als »unterlegenen,
unreinen und gefährlichen Sexualobjekten« symbolisiere
(1992, S. 75). Auch Aussagen über die Frau als »schwach,
unbeherrscht und als Opfer wilder sexueller Triebhaftigkeit«
will Minces in (nicht näher benannten) Hadithen gefunden haben.
Es fällt schwer, hinter solchen pauschalen, mit der Autorität
von ExpertInnen vorgebrachten Behauptungen nicht die Absicht zu
vermuten, »den Islam« [#144] in ein dubioses Licht zu
rücken. Wie wissenschaftliche »Beweise« der
islamischen Frauenfeindlichkeit in politische Polemik umgesetzt
werden, läßt sich dann wiederum bei Barreau nachlesen.
Seine scheinbar mitfühlend-frauenfreundliche Beschreibung der
Situation der Muslimin als »Kriegsgefangene« im Haus
ihres Vaters oder ihres Mannes – laut Barreau ein
»Internierungslager« – dient dazu, seine
Auffassung von der mittelalterlichen Rückständigkeit und
Grausamkeit islamischer Gesellschaften sowie deren Unvereinbarkeit
mit unserer freiheitlichen, humanen Zivilisation zu belegen.
Gewalt gegen Frauen, Polygamie und Scheidung
Durchgängig
wird in den von uns ausgewerteten Darstellungen der Situation
muslimischer Frauen auf den Koran als Hauptquelle verwiesen. So
beruft sich Donathe Pahnke mit ihrer Beschreibung extremer
Benachteiligungen von Frauen auf den Koran, der »die absolute
Unterordnung der Frau unter den Mann« fordere (1992, S. 13).
Auch von Nadia al-Bagdadi und Erdmute Heller wird diese Auffassung
vertreten. In einem Beitrag zum BRIGITTE-Dossier »Der Islam –
Vorurteile und Wirklichkeit« schreiben sie: »Mit
Abschluß des Ehevertrages ist die muslimische Frau an ihren
Ehemann gebunden. Sie muß sich seinem Willen beugen, und er
darf sie schlagen, wenn er es für angemessen hält«.
Ein Hinweis auf die Sure, welche den Mann angeblich dazu berechtigt,
seine Frau im Falle von Gehorsamsverweigerung zu verprügeln,
fehlt in kaum einer Abhandlung zum Thema »Frau und Islam«.
So zitiert Heenen-Wolff aus einer nicht benannten Koran-Übersetzung:
»›Die [Frauen], deren mangelnde Fügsamkeit ihr
fürchtet, tadelt sie. Verweist sie in ihre Gemächer.
Schlagt sie …‹. Deutlicher«, kommentiert sie diese
Passage, »kann man Männerherrschaft wohl kaum bestimmen.
Und diese Bestimmung hat über die Jahrhunderte das Denken und
Handeln der Muslims geprägt« (1992, S. 4). Was hier
tatsächlich deutlich wird, ist eine für westliche
Islam-Expertinnen typische Borniertheit. Wohl kaum jemand käme
auf die Idee, aus einem Bibelvers derart weitreichende
Schlußfolgerungen auf die Situation christlicher Frauen zu
allen Zeiten und in allen Regionen der Welt zu ziehen. Doch um über
»den Islam« Bescheid zu wissen, reichen einige wenige
Sätze. [#145]
Vorsicht
ist schon hinsichtlich der Übersetzung geboten. Nach
islamischer Auffassung besitzt der Koran einzig in der arabischen
Urfassung Wahrheitscharakter. Alle Übersetzungen liefern
bestenfalls Annäherungswerte und bedürfen daher noch mehr
als der Urtext der Erläuterung durch dazu qualifizierte
Personen. Beim Vergleich von Koranübertragungen ins Deutsche
zeigen sich bereits auf den ersten Blick beträchtliche
Unterschiede. Der von Heenen-Wolff zitierte Vers aus Sure 4 gehört
zu jenen, die nach Auffassung etlicher mit dem arabischen Text und
der Koranauslegung vertrauter MuslimInnen in allen vorliegenden
deutschen Übersetzungen nicht adäquat wiedergegeben sind
und darüber hinaus der Erklärung bedürfen.
Der Islamwissenschaftler Abdoldjavad Falaturi z.B. stellt die
Auslegung dieser Sure in einen historischen Kontext: Von der älteren
Theologie sei dem Mann bei nachgewiesener Untreue der Frau das Recht
zugesprochen worden, sie zu schlagen (was übrigens gegenüber
der vorislamischen Zeit einen großen Fortschritt bedeutet
habe). In der neueren juristischen Literatur werde dieses Recht
dagegen als zeitbedingt interpretiert und sei deshalb kein Thema
mehr. Darüber hinaus werde das Schlagen in mehreren Hadithen
ausdrücklich verpönt. Und, falls überhaupt, sei nach
der Überlieferung allenfalls ein leichter, nicht schmerzender
Schlag – als Beispiel wird der leichte Schlag mit einer
kleinen hölzernen Zahnbürste auf den Handrücken
genannt – erlaubt. Wenn weniger gebildete bzw. an der
Aufrechterhaltung traditionell-patriarchalischer Strukturen
interessierte Muslime behaupten, der Islam gestatte
Gewalttätigkeiten gegenüber Frauen, finde das im Koran und
in den Hadithen keine Bestätigung (vgl. Falaturi/Tworuschka
1992, S. 42). Was zunächst offensichtlich im Koran zu stehen
scheint, erweist sich so bei eingehender Beschäftigung als
Resultat einer oberflächlichen, selektiven und oft auch
tendenziösen Betrachtungsweise.
Ähnlich
verhält es sich mit der zum Beweis der Frauenfeindlichkeit
stets angeführten Polygamie (der Koran gestattet es Männern,
bis zu vier Frauen zu heiraten) und dem islamischen Scheidungsrecht.
Unter dem Titel »Du bist verstoßen« suggeriert ein
SPIEGEL-Bericht (8/1993) über zum Islam übergetretene
deutsche Frauen, diese seien (wie alle in der BRD lebenden
Musliminnen) ohnmächtig den Gesetzen einer frauenverachtenden
Religion ausgeliefert – und das als Konvertitinnen auch noch
als Konsequenz eigener Dummheit.
Abgesehen davon, daß in diesem Artikel die auf Quellentexten
[#146] basierende islamische Grundeinstellung zu Ehe und Scheidung
grob entstellt wird, verbreitet er die unsinnige Behauptung, in der
BRD würden Ehen nach angeblich »islamischen«
Vorschriften geschlossen und geschieden. Sollte in der
SPIEGEL-Redaktion tatsächlich niemand wissen, daß das
deutsche Eherecht selbstverständlich auch für MuslimInnen
gilt, und zwar unabhängig von ihrer Herkunft bzw.
Staatsangehörigkeit? Nicht weniger abstrus ist die Sorge von
Vertretern des »Euro-Islam«-Konzeptes,
»Fundamentalisten« könnten in Westeuropa die
islamische Rechtsprechung und damit die Polygamie einführen.
Auch außerhalb des Geltungsbereiches
deutscher/westeuropäischer Gesetze kann nicht die Rede davon
sein, daß Männer sich einfach und bequem durch
Aussprechen der Verstoßungsformel aus lästig gewordenen
Ehefesseln befreien können. Das Männern zugebilligte
Recht, bis zu vier Frauen zu heiraten, ist, wie alle, denen es nicht
nur um Polemik und Diffamierungen geht, leicht herausfinden könnten,
erstens an Bedingungen geknüpft, die eine Realisierung faktisch
nahezu ausschließen (sollten),
zweitens in einem spezifischen historischen und kulturellen Kontext
zu sehen
und darüber hinaus heute drittens durch die
Familiengesetzgebung vieler Länder der islamischen Region
eingeschränkt bis abgeschafft (vgl. al Awadi 1988, S. 336 ff.),
so daß sich die Monogamie selbst dort, wo Polygamie de jure
gestattet ist, de facto durchgesetzt hat.
Zwar ist
die Ehe nach islamischer Vorstellung kein unauflösliches
»Sakrament«, aber von allen erlaubten Dingen wird die
Scheidung am meisten verabscheut.
Muslime und Musliminnen, die ihre Religion ernst nehmen, müssen
also sehr schwerwiegende Gründe haben, um einen solchen Schritt
zu tun. Ina und Peter Heine – hier stellvertretend für
viele AutorInnen [#147] genannt – wundern sich denn auch, wie
niedrig trotz der (vermeintlichen) Leichtigkeit, mit der Männer
sich ihrer Ehefrauen entledigen können, die Scheidungsquoten in
islamischen Ländern sind (1993, S. 121). Wenn sozialer Druck
und Kontrolle dabei sicherlich eine Rolle spielen, sehen wir darin
einen Beleg für unsere These, daß die soziale Situation
der Muslima sich nicht aus einigen aus dem Zusammenhang gerissenen
Koranversen ableiten läßt. Wo Frauen von ihrer Familie
verheiratet und vom Ehemann mißhandelt oder verstoßen
werden, wo sie weitere Eheschließungen des Mannes akzeptieren
müssen und/oder ihnen kein Recht zugestanden wird, sich
scheiden zu lassen – was es durchaus alles gibt -, ist deshalb
nach den wahren Bedingungsfaktoren, d.h. den sozialen Strukturen,
dem Rechtssystem, den Interessen am Weiterbestehen solcher Zustände
etc. zu fragen.
Mit der Scharia zurück ins Mittelalter?
Selten
fehlt in Berichten über die Benachteiligung und Unterdrückung
der Muslimin ein Verweis auf die Scharia. Zwar wissen viele von
denen, die sich über das islamische Recht empören, kaum
genaueres darüber (und die Ausführungen von ExpertInnen
tragen oft eher zur Desinformation als zur Aufklärung bei).
Doch wer hat noch nichts von Auspeitschungen, Steinigungen, Hände
abhacken und ähnlichen brutalen Strafen gehört? Nur aus
solchen fragwürdigen Vorstellungen und einer unreflektierten
Bereitschaft, seit Kreuzfahrerzeiten tradierte Vorstellungen vom
Islam als richtig vorauszusetzen, ist der Erfolg von
»Aufklärungswerken« wie Juliette Minces Buch über
die rechtliche Lage der Frau quer durch den Nahen und Mittleren
Osten möglich (1992). Ihr Vorhaben mißlingt nicht nur
wegen der auf knapp hundert Seiten unvermeidlichen Vereinfachungen
und Auslassungen, sondern vor allem, weil sie das islamische Recht
weniger nach anerkannten Lehrmeinungen als nach ihren eigenen Ideen
und Werten darstellt und zudem nicht hinreichend auf die
Rechtspraxis und die sozialen Auswirkungen von Gesetzen eingeht. Das
Festhalten an einer islamischen Rechtsprechung oder die Rückkehr
zur Scharia wird von Minces grundsätzlich negativ bewertet,
wobei sie ein stark verzerrtes Bild der islamischen Rechtsnormen
vermittelt und diese dann auch noch munter mit regionalen
Rechtstraditionen vermischt. Sie läßt auch
unberücksichtigt, daß dieselbe Rechtslage sich für
Frauen aus angesehenen, wohlhabenden Familien ganz anders darstellen
kann als für Frauen aus ärmeren Schichten, z.B. wenn es um
die finanzielle Absicherung für den Fall des Scheiterns einer
Ehe geht. Insgesamt vermittelt ihr Buch den LeserInnen kaum mehr als
diese eine Botschaft: Die rechtliche Lage von Frauen in dieser
Region ist miserabel. Und Schuld daran ist der Islam.[#148]
Kehren
Staaten in der islamischen Region zur Scharia zurück oder hört
man von entsprechenden Plänen »fundamentalistischer«
Bewegungen, so wird das aus westlicher Sicht mit der Rückkehr
zu mittelalterlicher Grausamkeit sowie völliger Entrechtung der
Frau gleichgesetzt und mit entsprechender Abscheu kommentiert. Wagen
es gar in Westeuropa lebende MuslimInnen, sich positiv auf die
Scharia zu beziehen, geraten sie unweigerlich in Verdacht, das
demokratische Rechtssystem der BRD unterwandern und letztendlich
abschaffen zu wollen. Bei den häufig emotional und polemisch
geführten Abwehrkämpfen gegen die Scharia bleibt in der
Regel unbeachtet, daß damit nach islamischem Verständnis
zunächst einmal nichts anderes gemeint ist als der gesamte in
der Glaubens- und Pflichtenlehre dargelegte Weg – das bedeutet
Scharia wörtlich – zur Verwirklichung der Einheit von
Glauben und Handeln. Nasr spricht von einer »idealen
Richtschnur für das Leben des Menschen« (1993, S. 112).
Sie ist »das Mittel zur Integration der menschlichen
Gesellschaft« (ebd., S. 117). Das Strafrecht ist nur ein
Teilbereich dieses Gesamtsystems, der zudem weitgehend als
entsprechend den jeweiligen historischen Umständen
auslegungsfähig gilt.
Während
muslimische MigrantInnen in der Regel bereits durch Erwähnung
der Scharia öffentliche Reaktionen auslösen als hätten
sie zur Abschaffung des Grundgesetzes aufgerufen, scheint die
Existenz eines ausschließlich mit orthodoxen Rabbinern, d.h.
nach üblichem Sprachgebrauch: mit »Fundamentalisten«,
besetzten jüdischen Gerichtshofes («Bet Din«), der
seit Mitte 1994 amtiert und sich u.a. mit Verfahren zur Anerkennung
der jüdischen Herkunft, mit Übertritten zum Judentum und
mit Scheidungen nach religiösem Brauch beschäftigt,
den bundesdeutschen Rechtsfrieden nicht im geringsten zu tangieren.
Offenbar ist es also sehr wohl möglich, nicht im
christlich-abendländischen Gedankengut verwurzelte
Rechtsauffassungen, z.B. im Bereich Ehe und Familie, mit der
deutschen Rechtsordnung in [#149] Einklang zu bringen bzw. Menschen,
die andere Überzeugungen vertreten, nicht von vornherein als
subversive, gefährliche Elemente zu betrachten.
3. Zum Verhältnis von Religion
und Tradition
Einseitige
oder falsche Vorstellungen über »den Islam«
resultieren oft aus der Vermischung von Religion und Traditionen
sowie aus einer unzureichenden Berücksichtigung historischer
Zusammenhänge. Im Prozeß seiner Ausbreitung überformte
der Islam mit unterschiedlichem Durchsetzungsgrad sehr verschiedene
Kulturen, was in vielfältiger Weise bis heute nachwirkt. Für
eine systematische Auseinandersetzung mit »dem Islam«
oder mit islamischen Kulturen wäre deshalb zunächst
jeweils zu klären, was überhaupt mit »islamisch«
oder »Islam« gemeint ist: Koran und Glaubensinhalte, der
Islam als Grundlage von sozialer Ordnung, von politischen Entwürfen,
von Normen und Wertvorstellungen oder die Staatsideologie
islamischer Länder oder islamische Sitten und Überzeugungen
der armen, ungebildeten Bevölkerungsschichten. Dabei würde
sich rasch zeigen, daß vieles, was üblicherweise als
islamisch angesehen wird, tatsächlich auf regionale Traditionen
zurückzuführen ist oder aber Erscheinungsformen des
sozialen und politischen Lebens entspricht, wie sie auch für
andere Teile der »Dritten Welt« typisch sind. Wie sehr
die Fixierung auf vermeintlich islamische
Verhaltensreglementierungen den Blick auf die Realität trüben
kann, wird z.B. bei der Lektüre von Emily Nasrallahs
autobiographischem Roman »Septembervögel« (1988)
deutlich. Die Jugend dieser christlichen Libanesin auf dem Lande
unterschied sich kaum von einer nach unserer Vorstellung
typisch »islamischen« Lebensweise, vor allem
hinsichtlich der sozialen Kontrolle, der Einstellung zur weiblichen
Ehre und dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern.
Viele
Frauen in islamischen Ländern sind benachteiligt, z.B.
was ihre Schulbildung, ihre Berufschancen und ihre rechtliche
Stellung betrifft. Fast überall sind sie in der Wahrnehmung
ihrer politischen Rechte eingeschränkt, und immer noch gibt es
vielfältige Formen von Unterdrückung und Entwürdigung
durch Väter oder Ehemänner. All dies prägt das
westliche Bild des Lebens von Musliminnen und damit die Überzeugung,
beim Islam handele es sich um eine repressive, frauenverachtende
Religion. Wir können und wollen hier nicht den Wahrheitsgehalt
bestimmter Berichte über das Leben von Frauen in islamischen
Ländern oder die Vereinbarkeit bestimmter [#150] sozialer
Normen und Praktiken, z.B. die Bevorzugung männlicher
Nachkommen, bestimmte Moralvorschriften oder Gesetze, mit dem Islam
diskutieren. Auch wenn jeder einzelne Fall von Unterdrückung,
Mißhandlung und rechtlicher Benachteiligung genau den
Tatsachen entsprechen sollte, auch wenn ein einziger Fall es ebenso
wert ist, an die Öffentlichkeit gebracht zu werden wie hundert
oder tausend, ist es zur Beurteilung einer Gesellschaft, einer
Kultur, einer Religion doch wichtig, zu wissen, ob es sich bei dem
berichteten Ereignis um etwas selten oder häufig, in allen
Schichten oder nur unter Armen bzw. Reichen, in Städten oder
abgelegenen Dörfern, nur bei Angehörigen einer bestimmten
Religion etc. Vorkommendes handelt. Wo Mißstände auf »den
Islam« zurückgeführt werden, fehlt es jedoch
meistens selbst da an derartigen Differenzierungen, wo Menschen
anderer Glaubensrichtung in unmittelbarer Nachbarschaft genau die
gleichen Verhaltensweisen zeigen. Statt dessen werden immer wieder
regional- oder schichtspezifische Traditionsmuster zu Bestandteilen
der islamischen Religion erklärt und die soziale Realität
heutiger islamischer Gesellschaften als praktische Umsetzung
von Glaubensvorschriften bewertet. Für die Tendenz, einzelne
Schicksale oder die Verhältnisse in bestimmten Ländern
oder Bevölkerungsschichten zu verallgemeinern, sei das Buch von
Ina und Peter Heine erwähnt, in dem sie unter dem sinnigen
Titel »O ihr Musliminnen …« die Lebensverhältnisse
von Frauen in islamischen Ländern mit einer Vielzahl von
Reiseeindrücken, Zitaten aus Forschungsberichten etc.
illustrieren, ohne deren Stellenwert jeweils in einem übergreifenden
Kontext deutlich zu machen. Unweigerlich entsteht so der Eindruck,
diese Benachteiligung in Marokko, jene Diskriminierung im Irak oder
Gewalttätigkeit in Pakistan sei typisch für die Situation
aller Musliminnen. Und in der Summe all dieser Beispiele dürfte
sich bei den LeserInnen, auch wenn die Autoren das so nicht
beabsichtigt haben sollten, der Eindruck bestätigen, daß
das Leben für Musliminnen wenig Erfreuliches zu bieten hat.
Am
Entstehen und an der Verbreitung »islamischer« Lehren,
die mit den eigentlichen Glaubensinhalten wenig bis nichts zu tun
haben, sind die verschiedensten »Instanzen« in
unterschiedlichen Kontexten und mit durchaus unterschiedlichen
Motiven und Interessen beteiligt. Eine wesentliche Ursache dürfte
der allgemeine Niedergang der islamischen Kultur gewesen
sein, der ein sinkendes Bildungsniveau, Dogmatisierung und
Traditionali- [#151] sierung, Verdrängung der Frauen aus den
Moscheen und aus der Politik etc. zur Folge hatte. Hier ist nicht
der Ort, sich detailliert mit den Ursachen dieses Jahrhunderte
andauernden Prozesses auseinanderzusetzen. Dabei wirkten interne
Faktoren in komplexer Weise mit externen zusammen. Allianzen
religiöser Autoritäten mit weltlichen Machthabern, die
Durchsetzung patriarchalischer und autokratischer Strukturen gegen
die Stellung der Frau aufwertende und partizipative Neuerungen der
islamischen Frühzeit, nicht zuletzt aber auch die destruktiven
Auswirkungen des Kolonialismus und so mancher »Modernisierungen«
nach dem Vorbild und mit Unterstützung westlicher
Industriestaaten – all das trug dazu bei, daß der
»offizielle Islam« der meisten islamischen Länder
heute geprägt ist von pseudo-islamischen Traditionen und den
Interessen und Herrschaftsansprüchen einer von der Religion
ebenso wie von der Lebenssituation, den Werten und Normen der
Bevölkerungsmehrheit weit entfernten »Elite«
(Feudalaristokraten, reiche Kaufleute, Militärs usw.). Diese
herrschende Schicht ist bestrebt, dem als »islamisch«
Anerkennung zu verschaffen, was ihre Position stützt und
stärkt. In der Regel gelingt es ihr, einen Teil der Geistlichen
auf ihre Seite zu ziehen, die dann patriarchale sowie andere die
Bevölkerung entmündigende und unterdrückende
Traditionen mit dem Islam kompatibel machen. Westlichen
BeobachterInnen bleiben solche Macht- und Interessenverflechtungen
meistens verborgen. Sie hören nur, daß dieser Gelehrte
oder jener Theologe einer renommierten Moschee den Machthabern
Legitimationshilfe leistet, wenn es z.B. darum geht, Forderungen
nach politischen Rechten aus der Bevölkerung abzuwehren. Weil
der – mehr oder weniger säkulare – »offizielle
Islam« zumindest jener Länder, deren Machthaber mit dem
Westen verbündet sind, eher unseren Vorstellungen
entspricht als jener der islamistischen Oppositionsbewegungen, sind
wir gern bereit, darin den »wahren Islam« zu sehen.
Eine
andere Quelle für irreführende, Glaubensgrundsätze
mit Traditionen vermischende Vorstellungen vom Islam ist der für
die BRD und andere westeuropäische Länder typische
»Gastarbeiter«-Islam. Es bedarf keiner tiefschürfenden
Analysen, um zu erkennen, daß »Gastarbeiter«-Milieus
keinen günstigen Nährboden bilden für die Entfaltung
von Philosophie, Kunst und Wissenschaft einer islamischen
Hochkultur. Statt dessen besteht die Religion hier vor allem aus
schlichten Glaubensformeln und lebenspraktischen Regeln. Viele
MigrantInnen, auch wenn sie sich selbst als gläubig verstehen,
wissen nur sehr wenig über den Islam und verwechseln oft
Glaubensinhalte mit überkommenen Ansichten. Eine durch
permanenten Existenzkampf, durch Bildungsdefizite, durch niedrigen
Sozialstatus, vielfältige Diskriminierungen und zunehmenden
Rassismus geprägte Lebenssituation läßt es kaum zu,
sich distanziert und kritisch mit bisher unreflektiert übernommenen
Werten und Verhaltensweisen auseinanderzusetzen, etwa [#152]
bezüglich der aus islamischen Quellentexten nicht zu
rechtfertigenden Vorrangstellung der Söhne oder eines die Frau
benachteiligenden, angeblich »islamischen«
Geschlechtsrollenmodells. Doch auch der Niedergang islamischer
Bildung durch staatliche Repressalien gegen islamische Institutionen
und Reformbewegungen in den Herkunftsländern der »Gastarbeiter«
spielt hier eine meist unterschätzte Rolle. War es z.B. in
Nordafrika die Kolonialmacht Frankreich, die die Moscheen, sogar den
Inhalt der Freitagspredigten, die Ausbildung Geistlicher usw.
kontrollierte und damit die Religion in ein starres
Anpassungskorsett zwang, führte in der Türkei der
staatlich verordnete Laizismus ab den 20er Jahren zu einer
verhängnisvollen Reduzierung der Religion auf einige Riten,
auswendig zu lernende Koran-Suren und Lebensregeln für das
einfache, ungebildete Volk. Teils mit Begeisterung, teils unter
massivem Druck wandten sich die wohlhabenderen und gebildeteren
Schichten einem westlichen Lebensstil zu. Statt Freitagsgebet und
Koranlesen waren Tanzveranstaltungen, Theater und die Beschäftigung
mit westeuropäischer Literatur angesagt. Erst seit relativ
kurzer Zeit hat sich die Situation an Schulen und Hochschulen wieder
geändert. Doch selbst die studierten Religionslehrer, die von
der türkischen Regierung in die BRD entsandt werden, um die
Hocas zu ersetzen, die als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen
waren und sich ihre Kenntnisse selbst angeeignet hatten, sind nur
selten in der Lage, sich mit der umfassenden Dominanz von Werten und
Lebensformen »moderner Industriegesellschaften«
angemessen auseinanderzusetzen und sich in die Situation von
»Gastarbeitertöchtern« zu versetzen – von der
Fähigkeit, in westeuropäischen Gesellschaften »den
Islam« so zu vertreten, daß er als eine der großen
Weltreligionen wahrgenommen und respektiert wird, ganz zu schweigen.
Um sich
eine der Realität entsprechende Übersicht über die
rechtliche und soziale Situation muslimischer Frauen zu verschaffen,
wäre also unbedingt zwischen ihrer Position auf der Grundlage
religiöser Quellentexte und den jeweiligen Rechtsprechungen
islamischer Länder zu unterscheiden, in denen zahlreiche
historisch und sozial bedingte Einflüsse wirksam werden. Eine
Analyse der Ursachen des nicht nur nach westlichem Verständnis
mangelhaften Rechtsschutzes der Frau in fast allen islamischen
Ländern würde rasch zeigen, daß es neben
patriarchalen Traditionen, dem fiktionalen Festhalten an sich
auflösenden oder längst nicht mehr existierenden
Sozialstrukturen usw. nicht zuletzt die »Segnungen der
Moderne« sind, die dazu führen, daß Frauen ihre
verbrieften Rechte und den Schutz der Großfamilie verlieren.
Denn es sind ja gerade die z.B. durch Urbanisierung,
Migrationsanreize und -zwänge etc. bewirkten »Fortschritte«
im Modernisierungsprozeß, die Männer zu einem »freien«,
d.h. nicht mehr familien- und gemeinschaftsorientierten, sondern
individualistischen, de facto oft verantwortungslosen Lebenswandel
ermuntern und/oder nötigen. Während solche
Folgeerscheinungen [#153] der Moderne in den westlichen
Industriestaaten aufgrund der üblichen Berufstätigkeit von
Frauen von geringer materieller Bedeutung sind und/oder durch
staatliche Transferleistungen mehr oder weniger abgefedert werden
(Sozialhilfe, Wohngeld etc.),
fehlen dazu in den meisten islamischen Ländern
die materiellen Voraussetzungen. Und angesichts der ökonomischen
Lage wären sie auch durch noch so »fortschrittliche«
Gesetze kurz- bis mittelfristig nicht herstellbar. Das heißt
nicht, das Engagement für eine Verbesserung der rechtlichen
Stellung von Frauen sei überflüssig oder ohnehin
aussichtslos. Um dazu an den richtigen Stellen anzusetzen, halten
wir aber eine präzise Analyse der Ursachen und
erfolgversprechenden Strategien für unabdingbar. Pauschal »dem
Islam« die Schuld zuzuschieben, trägt dazu nach unserer
Auffassung nichts bei.
Die
Forderung, zwischen Religion und Tradition (einschließlich
deren regional- und schichtspezifischer Varianten) zu
differenzieren, wird von vielen MuslimInnen vertreten, die nach
gängigem westlichen Verständnis den »Fundamentalisten«
zuzurechnen sind. Ihre Forderung nach Rückbesinnung auf Werte
und Normen der islamischen Frühzeit soll nicht zurück ins
Mittelalter führen, sondern zu einer noch nicht durch weltliche
Machtpolitik, durch patriarchalische Strukturen usw. überlagerten
Grundsubstanz, um daraus Orientierung für Gegenwart und Zukunft
zu entwickeln. Manche der von uns zitierten Islam-KritikerInnen sind
allerdings so überzeugt von der Unvereinbarkeit
menschenwürdiger Lebensbedingungen für Frauen einerseits
und religiösen Überzeugungen und Lebensformen
andererseits, daß sie Differenzierungen zwischen Religion und
Traditionen als bloße Ablenkungsmanöver zurückweisen.
Für Minces beispielsweise ist es belanglos, ob Frauen und
Männer im Koran als gleichwertig angesehen werden oder nicht
(vgl. 1992, S. 17 f.). Mit der Auffassung islamischer
TheoretikerInnen, der richtig verstandene Islam erkenne den Frauen
ihre Rechte zu und stelle sie mit den Männern gleich, will sie
sich gar nicht erst auseinandersetzen, handelt es sich dabei nach
ihrer Erkenntnis doch um nichts anderes als eine hinterhältige
Strategie, die nur dazu dient, den »Islam aus seiner
Verantwortung der Frau gegenüber zu entlassen«.
Differenzierungen zwischen Religion und gesellschaftlicher Praxis
würden »die Herrschaft« und den »Einfluß
der religiösen Autorität« nur verlängern. Was
bei all den Studien und Diskussionen herauskommen könne, sei
längst bewiesen, nämlich »daß es bei
arabischen und islamischen Denkern keinerlei kritisches Denken
gibt«.
Aus dieser Position kann es folglich nur darum gehen, den Einfluß
des Islam [#154] zurückzudrängen und zu bekämpfen, um
Frauen in islamischen Ländern endlich auch ein freies,
selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
4. Fundamentalismus gleich
Faschismus?
Der
Anblick »fanatisierter Volksmassen« löst im Westen
offenbar so starke Affekte aus, daß Auseinandersetzungen mit
Strukturen und Programmen sich auf den Islam berufender Parteien
ebenso in den Hintergrund treten wie die Frage, was überhaupt
»Massenbegeisterung« mit den humanen und sozialen
Gehalten einer Bewegung zu tun hat – nämlich wenig. Wie
die Geschichte zeigt, lassen Massen sich für die edelsten wie
auch für die schändlichsten Ziele mobilisieren. Doch wenn
irgendwo Millionen für andere als unsere politischen
Ideale auf die Straße gehen, kann es sich nach verbreiteter
Ansicht um nichts anderes als um Faschismus (oder eine seiner
Vorstufen) handeln. Entsprechend leicht fällt es uns,
gegen alle politischen Strömungen der Re-Islamisierung Position
zu beziehen. Dabei wird immer wieder deutlich, wie sehr »der
Islam« in den letzten Jahren in bürgerlich-liberalen bis
hin zu linken Kreisen ebenso wie für Rechtsextremisten zum
neuen Feindbild geworden ist. Die Hauptursachen dafür liegen
einerseits in der Verschiebung globaler Konfrontationslinien von der
Ost-West-Polarisierung auf eine Nord-Süd-Achse,
andererseits im Erstarken rassistischer Strömungen zur Abwehr
Europa »überflutender« und »überfremdender«
MigrantInnen aus der Türkei, aus Nordafrika und anderen
islamischen Ländern. Wie Erfahrungen in
Frankreich zeigen, wo von Feministinnen und Intellektuellen bereits
seit längerer Zeit lautstark vor den Gefahren des islamischen
»Fundamentalismus« gewarnt wird (Stichwort
»Kopftuchaffäre«), hat das die politische Debatte
nicht versachlicht und die Situation der MigrantInnen nicht
verbessert, sondern die ursprünglich von Le Pens
rechtsextremistischer Front National ausgehende anti-islamische
Agitation auch in linken Kreisen salonfähig gemacht (vgl.
Ballot 1990, S. 16).
Die
Artikulationsformen »fundamentalistischer« islamischer
Bewegungen muten Europäer häufig fremd und »fanatisch«
an. Sie wecken Assoziationen an dunkle Epochen der eigenen
Vergangenheit, und entsprechend rasch ist man geneigt, das Verhalten
»islamischer Massen« und ihrer politischen Anführer
mit Begriffen wie »Mittelalter«, »Demagogie«,
»Massenwahn«, »Irrationalismus«,
»Faschismus« etc. zu interpretieren. Die 1991 während
des Golfkrieges populäre Gleichsetzung von Saddam Hussein und
Hitler war weder neu (auch der libysche Staatschef Ghadaffi und Imam
Khomeini [#155] wurden zuvor bereits in ähnlicher Weise
dämonisiert) noch beschränken solche Vergleiche sich auf
politische und geistliche Führungsfiguren.
Angesichts der vielen gelehrten Debatten über die Zusammenhänge
von ökonomischen und geistesgeschichtlichen
Entwicklungsprozessen moderner Industriegesellschaften und dem
Faschismus oder über die Frage, ob und warum deutscher
Nationalsozialismus und italienischer Faschismus miteinander (nicht)
gleichgesetzt werden dürfen, mutet es seltsam an, mit welcher
Selbstverständlichkeit sich auf den Islam berufende politische
Strömungen und Parteien oft in eine (prä-)faschistische
Kontinuitätslinie gestellt werden.
Oft
reichen Massendemonstrationen für aus westlicher Sicht
»falsche« und unbegreifliche Ziele oder günstige
Wahlergebnisse für eine nicht ins westliche politische Spektrum
passende Partei bereits aus, um Parallelen zum Faschismus zu
konstruieren, so wenn Hélie-Lucas den für die islamische
Partei in Algerien günstigen Wahlausgang mit der Erinnerung
daran kommentiert, »daß auch faschistische Bewegungen
großen Rückhalt im Volk hatten« (1989, S. 241).
Darin stimmt sie mit Mernissi überein, die »Fundamentalismus«
kurzerhand mit Faschismus gleichsetzt und sich über Europäer
wundert, die das nicht erkennen (z.B. in der WOCHENPOST 24/1993).
Ebenso ist der islamische »Fundamentalismus« für
Alice Schwarzer »die orientalische Variante des Faschismus«.
Unter dem Titel »HASS« kommentiert sie aus dieser
Sichtweise den Solinger Mordanschlag (EMMA 4/1993, S. 34 f.). Nach
einem kurzen Blick auf die Biographie und die Motive der Täter
– ganz normale junge Männer, die nur eines verbindet:
»Sie sind Männer!« -, wendet sie sich den Türken
als den von rassistischer Gewalt Betroffenen zu, d.h. erstens den
türkischen Frauen als Opfern, die in ihren vier Wänden
hockend ein ideales Angriffsziel bieten (wo bitte, Frau Schwarzer,
hätten die in Solingen Ermordeten sich denn zur Tatzeit, mitten
in der Nacht, sonst aufhalten sollen?) und zweitens den türkischen
Männern, die Frauen in verantwortungsloser Weise ihrem
Schicksal überlassen, d.h. »arbeiten, sich unter die
Deutschen mischen oder in der Moschee debattieren« statt rund
um die Uhr daheim ihre Beschützerpflichten zu erfüllen.
Daß türkische Männer ebenfalls bevorzugte Objekte
rassistischer Anmache und Aggressi- [#156] vität sind, spielt
für Schwarzer keine Rolle. Statt dessen sieht sie in den jungen
Türken, die nach dem Anschlag in und um Solingen ihrer
Empörung, Wut und Trauer Luft machten, Zwillingsbrüder der
gewalttätigen deutschen »Rambos«. Die angeblich von
fundamentalistischen Gruppen ausgehende »Türkenrandale«
liefert ihr den Beweis dafür, daß der feministische
Abwehrkampf sich ebenso gegen die »fundamentalistischen«
Türken zu richten hat wie gegen den deutschen
Herrenmenschen-Nachwuchs.
Renate
Kreile beruft sich zum Nachweis der von ihr behaupteten Nähe
islamischer Bewegungen zum Faschismus auf das islamische Konzept der
Gemeinschaft (Umma). Von der »Sehnsucht der Islamistinnen nach
der umma« zieht sie eine direkte Verbindungslinie zurück
zu der den Faschismus vorbereitenden und tragenden Sehnsucht
deutscher bürgerlicher Frauen nach der »Volksreinheit«.
Daß Umma sich gerade nicht auf »Volk«, »Nation«
oder »Rasse« bezieht, sondern ungeachtet solcher
Unterschiede alle Gläubigen einschließt, kümmert sie
wenig. Statt sich zunächst einmal über bestimmte
islamische Grundbegriffe und -prinzipien zu informieren, geht sie
von ihrer eigenen verdrehten Auslegung des Umma-Begriffes aus, um
Übereinstimmungen mit völkischem Gedankengut zu entlarven.
Und Kreile ist keineswegs die einzige, die auf diese Weise mit
Faschismusanalogien argumentiert, wenn es um die Stellung der Frau
im Islam geht: Frauen, die in »muslimisch-fundamentalistischen
Bewegungen« engagiert sind oder ihnen nahestehen, meint auch
Hélie-Lucas, hätten große Ähnlichkeit mit den
Frauen im Nazi-Deutschland. Vergleichbar seien insbesondere »das
Ideal von Mutter und Familie, Geburt und Aufzucht des selektierten
Nachwuchses (Rasse und Religion) bei gleichzeitiger ökonomischer
Krise sowie expansionistischen Ansprüchen anderen Nationen
gegenüber« (1992b, S. 31). Und auch Benard/Khalilzad
stimmen in diesen Chor ein: »Die ›gute islamische
Frau‹« könnte nach ihrer Ansicht »direkt aus
dem BDM entsprungen sein«. Während ihr als Mutter eine
»sentimentale Verbeugung« sicher sei, würden
andere, z.B. »berufliche Ambitionen … strikt unterbunden«
(1988, S. 98 f.).
Mutter-Kult
und Familien-Verklärung standen bekanntlich im Mittelpunkt der
NS-Ideologie und sind auch für »moderne«
rechtsextremistische Parteien wie die »Republikaner«
charakteristisch (vgl. Pinn 1990). Die Wertschätzung der Frau
als Mutter und der hohe Stellenwert der Familie im Islam sollten
jedoch nicht zu vorschnellen kulturübergreifenden
Gleichsetzungen verleiten. Gerade die Frauen der islamischen
Frühzeit, an der sich gegenwärtig Gruppen und Parteien
orientieren, die eine Staats- und Gesellschaftsordnung [#157] nach
islamischen Prinzipien anstreben, waren keineswegs auf Küche
und Kinder fixierte »Hausmütterchen«. Wie die
Überlieferung belegt, nahmen sie vielmehr aktiv an allen
öffentlichen Angelegenheiten teil. Und die ihnen bis heute
entgegengebrachte Verehrung richtet sich durchaus nicht auf ihre
Fähigkeiten als Köchin oder Gebärerin vieler Kinder,
sondern auf ihre Intelligenz, ihre Charakterstärke, ihre
Frömmigkeit usw..
Für besonders unredlich und irreführend halten wir es,
wenn zur Kritik am angeblich mit nationalsozialistischen
Vorstellungen übereinstimmenden Frauenbild des Islam Elemente
der NS-Ideologie einfach hinzu assoziiert werden. Auf
»Rassenreinheit« oder »Volksreinheit«
abzielende bevölkerungspolitische Konzepte sind mit islamischen
Grundwerten unvereinbar. Sie implizieren eine dem Islam fremde Idee
der »Rassen«- und »Blutsreinheit«, die
sowohl Koran und Hadithen als auch dem Vorbild des Propheten, der
z.B. den freigekauften schwarzen Sklaven Bilal zum ersten
Gebetsrufer ernannte, widersprechen. Solche Theorien und Programme
wurden denn auch bekanntlich nicht etwa in islamischen Ländern
entwickelt und politisch umgesetzt, sondern in den westlichen
Industriestaaten – in Deutschland bis zu mörderischen
Exzessen. Auch wenn de facto ständig gegen die Gebote der
Geschwisterlichkeit verstoßen wird und gerade einige nach
außen sehr fromm auftretende »Eliten« arabischer
Staaten Rassendiskriminierung in übelster Form praktizieren,
werden sich folglich MuslimInnen, die sich mit ihren politischen
Zielen und sozialen Forderungen auf den ursprünglichen Islam
beziehen, gegen derartiges Gedankengut verwahren. Wir jedenfalls
haben aus diesen Kreisen noch nie von »Rassenreinheit«
und ähnlichen Vorstellungen gehört, und auch Hélie-Lucas
gibt keinen Hinweis, wo bzw. von wem derartige Ideen vertreten
werden. Zumindest erwähnt sei in diesem Zusammenhang die
Sympathie deutscher Rechtsextremisten für die nicht-religiösen
nationalistischen Bewegungen und Parteien des Nahen und
Mittleren Ostens, wie sie z.B. während des zweiten
Golfkrieges in der Solidarität mit Saddam Hussein zum Ausdruck
kam: Während der Islam von ihnen als Bedrohung der
»abendländischen Kultur« abgelehnt und bekämpft
wird, sehen sie im arabischen Nationalismus eine geistesverwandte
Ideologie. Nach Carl Schmitts Bestimmung von Politik seien »die
Araber (mit der [#158] panarabischen Bewegung als politischer
Vorhut)«, schreibt Manfred Rouhs in EUROPA VORN, »bei
der Bestimmung von Freund und Feind in die Kategorie des Freundes
einzuordnen«.
5. Wahrnehmungsfilter und
Projektionen
Was ist »normal«?
Darstellungen
islamischer Glaubensvorschriften und Werte aus westlicher
Perspektive vermitteln in der Regel ein düsteres Bild. Nehmen
wir beispielsweise Kommentare zum Alkoholverbot in islamischen
Ländern, so könnte man den Eindruck gewinnen, dabei
handele es sich um eine der schlimmsten aller vorstellbaren
Menschenrechtsverletzungen. Bestenfalls wird ein Leben ohne Bier und
Schnaps als ein freudloses Dahinvegetieren ausgemalt: keine
fröhlichen Feste in der Familie, keine Geselligkeit unter
Kollegen und Kolleginnen, kein Silvester, kein Karneval, keine
zünftige Fete, kein Kneipenbummel … Allgemein gilt das Ja zu
Wein, Bier, Kotelett und Bratwurst als zuverlässiger Indikator
für Bereitschaft und Fähigkeit, sich an die
»abendländische Zivilisation« anzupassen. Nicht nur
Deutsche mit geringer Bildung und engem Horizont reagieren auf die
Weigerung von MuslimInnen, sich den einheimischen Eß- und
Trinkgewohnheiten anzupassen, verständnislos bis aggressiv
(vgl. S. Jäger 1992, S. 272 f.); auch »Gebildeten«
fällt es gerade in solchen Fragen oft schwer, »tolerant«
zu sein. Der meistens selbst in verständnisvollen Äußerungen
– »soll doch jeder auf seine Art selig werden …«
– mitschwingende beleidigte Unterton läßt darauf
schließen, daß hier auch bei jenen ein Nerv getroffen
wird, die sich dem »deutschen Volkstum« (bzw. der
»abendländischen Zivilisation«) ansonsten nicht
sonderlich verbunden fühlen oder sogar auf ihre kosmopolitische
Gesinnung – Urlaub in Griechenland, Einkäufe beim Türken,
Essengehen beim Italiener etc. – stolz sind.
Das Festhalten an religiös begründeten Speisevorschriften
wird als »verrückte Spinnerei« mit Spott bedacht,
öfter noch als eines erwachsenen Menschen unwürdige
Autoritätshörigkeit kritisiert, zuweilen auch
»wissenschaftlich« zu widerlegen versucht.
Typisch ist, wie der [#159] »Islam-Experte« Barreau
MuslimInnen vorhält, Gott könne unmöglich »mit
dem Verzehr von Schweinewurst beleidigt werden« (1992, S. 42)
und mahnend darauf hinweist, daß es nach Erkenntnissen der
modernen Wissenschaften ohne Schweine keine voll funktionsfähige
Landwirtschaft geben könne. Gegen das islamische Alkoholverbot
wendet er sich als christlicher Theologe mit einem Bibelwort, wonach
»guter Wein das Herz des Menschen erfreut«. »Jede
Art von Genuß« zu verbieten, meint er, habe eine
freudlose Gesellschaft zur Folge. Was das heißt, könne
man in Algier und Riad erleben, wo es schon abends um sechs
»sterbenslangweilig« sei. Dabei »war Algier früher
einmal eine fröhliche Stadt«, wie Barreau sich erinnert.
Er denkt wehmütig zurück an »das schallende Lachen
junger Mädchen« (ebd.), wobei ihm vermutlich Bilder aus
der glücklichen Kolonialzeit und von den Vergnügungen des
Unabhängigkeitskrieges vor Augen schweben.
Wie weit
die Voreingenommenheit durch eigene – kulturspezifische –
Bedürfnisse und Gewohnheiten oft geht, wird exemplarisch aus
Kate Milletts Aufzeichnungen aus dem Iran im Frühjahr 1979
deutlich. Ihren Bericht durchzieht das Problem, sich in dem seit der
Revolution das islamische Alkoholverbot befolgenden Land einen
»Drink« zu verschaffen. Selbstverständlich dachten
sie und ihre Freundin nicht im Traum daran, dieses Verbot zu
respektieren. Und wenn Millett schaudernd über die Gefahr
berichtet, von einer Straßenkontrolle mit im Kofferraum ihres
Autos versteckten Schnapsflaschen erwischt zu werden, dann geht sie
wohl nicht zu Unrecht davon aus, für diese »Heldentaten«
von ihren Leserinnen bewundert zu werden (1982, S. 108 ff.).
Allerdings deckte der ins Land geschmuggelte Brandy bei weitem nicht
ihren Bedarf. Das eigentlich als Luxusherberge verpönte Hotel
Intercontinental, das aber als einziges noch eine Lizenz zum
Alkoholausschank hatte, wurde ihnen so unversehens zur
Zufluchtstätte und einer Insel des Wohlbehagens (ebd., S. 130
f. u. 225). Das Leben in einer alkoholfreien Gesellschaft kommt
Millett vor als wäre »alles, was irgendwie Spaß
machen könnte, durch Regierungsbeschluß verboten«
(ebd., S. 69). Sie jedenfalls braucht »schlicht und einfach«
täglich ihren »tröstenden Martini«, vor allem
in Streßsituationen. Weit davon entfernt, darin ein
besorgniserregendes Anzeichen für Alkoholabhängigkeit zu
sehen, generalisiert sie ihr Suchtverhalten vielmehr in der für
Alkoholiker typischen Weise zu einem allgemeinmenschlichen
Bedürfnis: »Man verliert die Nerven, man braucht etwas zu
trinken.« Und entsprechend verzerrt ist ihre Perspektive, wenn
sie über ihre eigene privilegierte Situation und die Lage der
darbenden IranerInnen nachsinnt: »Was macht der Rest der
Bevölkerung, der nicht im Intercontinental lebt und keinen
Alkohol trinken darf?« (ebd., S. 302) Als wäre das für
Frauen (und Männer) in einem Land, in dem Alkohol weder als
Droge noch als Genußmittel je im entferntesten die im Westen
übliche Bedeutung hatte und bei mindestens 95 % der Bevölkerung
etwa das gleiche [#160] Image hat wie Heroin, ein Problem.
Auch wenn es von einer westlichen Feministin zuviel verlangt sein
sollte, ein religiös begründetes Alkoholverbot und
Menschen, die sich daran halten, ernst zu nehmen, dürfte
Milletts Art, sich in diesem Punkt einfach mit Spott und Verachtung
über Regeln und Gewohnheiten hinwegzusetzen, aufschlußreich
sein für ihre generelle Bereitschaft und ihre Fähigkeit,
sich auf eine »fremde Kultur« einzulassen. Wenn auch auf
einem anderen ideologischen und Erfahrungshintergrund, betrachtet
und bewertet sie die Lebensverhältnisse, Wünsche und Werte
»der Iranerinnen« nicht weniger einseitig und
überheblich aus einer US-amerikanischen Perspektive als Betty
Mahmoody.
Frauenrolle und Familienleben
Ebenso
durch westliche Normen und Werte »gefiltert« wie die
Einstellung zum islamischen Verbot von Schweinefleisch und Alkohol
ist im allgemeinen die Bewertung des Verhältnisses von Männern
und Frauen in islamischen Ländern. Westliche
Wissenschaftlerinnen (aber ebenso westlich orientierte Autorinnen
aus islamischen Ländern) gehen ganz selbstverständlich
von unseren Werten und Gewohnheiten aus, wenn sie über
die antiquierte Geschlechtertrennung und die abartige, unglücklich
machende und nur mittels eines rigiden Sanktionssystems
durchsetzbare islamische Sexualmoral sprechen. Doch wenn sie das
Fehlen »normaler« Beziehungen in der Familie, in der
Arbeitswelt, bei der Freizeitgestaltung etc. in islamischen
Gesellschaften oder in »islamischen Migranten-Milieus«
kritisieren, reflektieren sie selten, woher die zugrundegelegten
Normalitätsstandards stammen.
Die westliche Hierarchie von Draußen-Drinnen und einen
»internalisierenden« Verhaltenskodex im Kopf, empfinden
Europäerinnen es nicht selten als Schikane und persönlichen
Affront, wenn ihnen in islamischen Ländern als
»männlich« definierte Räume verschlossen
bleiben (z.B. Cafés und Teehäuser). Sie fühlen sich
unbehaglich, schwanken zwischen Rückzug in die internationalen
Hotels oder sonstige Europäer-Enklaven und trotzigem
Aufbegehren. Sie ärgern sich über Männer, die sie –
besonders in Touristenregionen – angaffen und anmachen. Und
selbst wo ihnen nach den Sitten [#161] islamischer Länder
respektvoll begegnet wird, empfinden sie das oft als
diskriminierend, weil die Männer sie »wie Luft«
behandeln.
Typisch
für Mißverständnisse und Fehleinschätzungen ist
die Schilderung einer deutschen Sozialwissenschaftlerin, die das
Verhalten einer Türkin, bei der sie zu Gast ist, nach den
eigenen feministischen Maßstäben interpretiert: Befremdet
registriert sie, wie diese ohne aufzumucken allen Wünschen
ihres Mannes nachkommt. »Auch mir gegenüber verhielt sie
sich sehr dienstbeflissen.« Obwohl sie bei ihrer Gastgeberin
keine Unzufriedenheit oder Konflikte zu erkennen vermag, ist ihr die
Situation höchst unbehaglich. »Aufgrund meiner
Entwicklung, die durch die Frauenbewegung geprägt ist, bin ich
es gewohnt, die Frauen als gleichberechtigte Partner zu sehen und
nicht als Dienerin. In dieser mir zugeordneten Rolle fühlte ich
mich unwohl und spürte das Verlangen, ihr zu helfen.«
Es mag durchaus sein, daß es sich bei Meskes türkischer
Gastgeberin um eine von ihrem Mann unterdrückte und
schikanierte Frau handelte. In geringer gebildeten
»Gastarbeiter«-Kreisen kommt es nicht selten vor, daß
die islamische Rollenverteilung in dieser den Mann bevorrechtigenden
Weise ausgelegt wird. Die deutsche Sozialwissenschaftlerin vermag
jedoch offensichtlich nicht zwischen autoritären, die Frau zu
gehorsamer Dienstbarkeit zwingenden Strukturen einerseits und
Konventionen einer ihr fremden Kultur andererseits zu unterscheiden.
Was sie als »Dienstbeflissenheit« ihr selbst gegenüber
irritiert, ist nichts weiter als das in der Türkei und anderen
orientalischen Ländern übliche Bemühen um das
Wohlbefinden von Gästen. Und aus der Bereitwilligkeit, mit der
diese türkische Frau Wünsche ihres Mannes erfüllt,
zumal in Gegenwart eines Gastes, ist nicht ohne weiteres auf eine
untergeordnete Position zu schließen, die es ihr unmöglich
macht, eigene Rechte und Wünsche durchzusetzen.
Wenn wir
darauf hinweisen, daß solche Situationen sehr oft aus
gegenseitigen Mißverständnissen und mangelnder
interkultureller Kommunikation entstehen, wollen wir damit
selbstverständlich nicht sexistisches Verhalten und
Benachteiligungen von Frauen rechtfertigen. Wir widersprechen nur
der Auffassung, der Islam fordere dazu auf, Frauen als Menschen
zweiter Klasse zu betrachten, grenze sie aus dem öffentlichen
Leben aus und verweigere ihnen jede Lebensfreude.
Zwar will
z.B. die bereits erwähnte Studie von Baumgartner-Karabak und
Landesberger über türkische Migrantinnen (1978) deren
»fremdartigen Hintergrund aufhellen« und »das
sonderbare Verhalten verständlich machen«, doch bleibt
sie selbst ganz »natürlich« unserer westlichen
Sichtweise verhaftet. Für Paczensky sind Türkinnen, wie
sie in ihrem Vorwort schreibt, nicht [#162] einmal in der Lage, dem
Rollenbild einer »tüchtigen Familienmutter« zu
entsprechen – von »emanzipierten Ansprüchen an
eigene Lebensgestaltung« ganz zu schweigen. Sogar das
Einkaufen von Lebensmitteln und Kleidung, diese »eigenste
Domäne der Frau«, überlassen sie, wie Paczensky
befremdet anmerkt, ihren Männern oder Kindern. Abgesehen davon,
daß in Deutschland lebende Türkinnen auch in den 70er
Jahren für sich und ihre Familien einkauften, fällt hier
die Unfähigkeit (oder Unwilligkeit?) auf, andere als deutsche
Gewohnheiten auch nur hypothetisch als angemessen und »richtig«
in Betracht zu ziehen. Könnte es nicht durchaus sein, daß
Frauen es nicht unbedingt als erstrebenswert empfinden, allein die
Einkäufe für Mann und Kinder zu erledigen?
»Die
Türken«, lautet ein gängiges Klischee, behandeln
ihre Frauen schlecht (vgl. S. Jäger 1992, S. 247 ff.). Auch
hier steht im Hintergrund die Überzeugung, unsere Normen
und Gewohnheiten seien die einzig richtigen und »normalen«.
Vorstellungen von Ehre und Sexualmoral, von Ehe und Familie etc.,
wie sie von türkischen »Gastarbeitern« nach
Deutschland mitgebracht wurden, scheinen für zivilisierte
MitteleuropäerInnen kaum begreifbare und schleunigst
abzuschaffende Relikte antiquierter Denk- und Verhaltensformen zu
sein. Die moderne Frau kontrolliert ihren eigenen Körper und
ihre Sexualität.
Entsprechend solcher Vorgaben bemühen westeuropäische
LehrerInnen und SozialpädagogInnen sich mit großem
Engagement, türkische Mädchen vor der Fesselung und
Knebelung durch überholte Traditionen, besonders vor dem
Zugriff ihrer Väter und Brüder, zu bewahren. Nur selten
denken sie darüber nach, wie sehr dabei eigene Werte und Normen
zum Maßstab genommen werden, etwa bei der per se positiven
Bewertung der Trennung junger Türkinnen von ihrer Familie.
»Moderne« Türkinnen, die den Absprung geschafft
haben, finden unsere Zustimmung, ja Bewunderung, bestätigen
sie doch die Überlegenheit westlicher Werte und Lebensformen.
Die Süddeutsche Zeitung stellt eine ganze Seite für das
»Tagebuch einer Gefangenschaft« (aufbereitet durch einen
deutschen Journalisten) zur Verfügung, um über das
grauenhafte Schicksal von A., einer in Deutschland
aufgewachsenen Türkin arabischer Herkunft aufzuklären. Vom
Vater unterdrückt, verprügelt und mit fünfzehn Jahren
um ein Haar in der Türkei zwangsverheiratet, ist ihr mit Hilfe
deutscher Freunde und Lehrer die Flucht gelungen. Seit sie im Heim
lebt, genießt sie ihre (sexuelle) Freiheit. Wenn überhaupt,
kommt als fester Freund nur ein Deutscher für sie in Frage.
[#163] Aber erst einmal ist für sie die Freiheit wichtiger,
»alles auszuprobieren: Weggehen, Ganzkörperbemalung,
Schlagzeug, Feuerspuken, Nächte durchmachen, alles, was ihr
gerade einfällt« (Michalzik in der SZ v. 18./19.9.1993).
Keine Frage danach, wie die Lebensumstände der Eltern, offenbar
einfache Arbeitsmigranten, und die Rigidität deutscher
Anpassungsforderungen am Entstehen solcher Konflikte beteiligt sind.
Keine Frage, ob es nicht auch andere Möglichkeiten gegeben
hätte als den totalen Bruch mit der Familie. Was, wenn Yanki
die Früchte der Freiheit demnächst bitter schmecken? Was,
wenn sie sich später doch einmal in einen Türken oder
Araber verliebt? Auch für viele »moderne« Türken
oder Araber dürfte die Ehe mit einer ehemaligen
Mädchenheimbewohnerin kaum in Frage kommen. Es ist ja gewiß
nett gemeint, wenn LehrerInnen Mädchen wie Yanki bei der
Fluchtvorbereitung helfen, ihnen einen Heimplatz beschaffen und
ihnen sogar noch Socken stricken, aber wären die Yanki dadurch
möglicherweise lebenslang belastenden Konsequenzen nicht doch
einen Gedanken wert gewesen? Ganz zu schweigen von den dramatischen
Auswirkungen für die Eltern und die gesamte Familie.
Seit
Jahren engagiert sich EMMA als unerschrockene Anwältin
unterdrückter »Gastarbeitertöchter«. Im
(offensichtlich redaktionell stark bearbeiteten) Tagebuch der in
Deutschland aufgewachsenen achtzehnjährigen Reyhan Özcelik
wird ein ähnlicher Fall wie der Yankis berichtet. Auch hier
geht es um eine dem »Gefängnis« ihrer Familie
entflohene junge Frau, allerdings nicht ins Heim, sondern zu ihrem
Freund. Zwar verraten die Aufzeichnungen deutlich ihr Schwanken
zwischen Bindungen an Eltern und Geschwister einerseits und den
Emanzipationsnormen ihres neuen Milieus andererseits – etwa
wenn sie sich selbst zu egoistischem Verhalten und Resistenz
gegenüber der »verdammten türkischen Erziehung zur
Opferbereitschaft« ermahnt. Und auch in der Beziehung zu ihrem
Freund konfligiert das Ideal einer von äußeren Zwängen
befreiten Sexualität mit der panischen Angst, von ihm betrogen
und verlassen zu werden. Die einem selbstbestimmten, kreativen,
sexuell erfüllten Leben entgegenstehenden Hindernisse werden
jedoch ausschließlich im verständnislos-repressiven
Verhalten der Eltern und in den antiquierten türkischen Sitten
und Traditionen gesehen. Wenn die Tagebuchschreiberin abschließend
über die Möglichkeit einer weder rein türkischen noch
ausschließlich deutschen Kultur und Identität nachdenkt,
drängt sich uns angesichts dieser rundum negativen Darstellung
alles »Türkischen« allerdings die Frage auf, was
daran überhaupt wertvoll und bewahrenswert sein könnte.[#164]
Selbst wo
der Gedanke der »Umerziehung« nicht im Vordergrund steht
und PädagogInnen sich sichtlich bemühen, Bevormundung zu
vermeiden, wird es in der Regel als Erfolg bewertet, wenn
Musliminnen sich schließlich doch von den überholten
Normen und Sitten ihrer Familie »befreien«. So
konstatieren PädagogInnen in einem Projekt zur beruflichen
Förderung junger Ausländerinnen anfangs bei einigen
türkischen Teilnehmerinnen auffällige Anzeichen eines
»Kulturkonflikts«: »Zu Hause laufen sie
unterwürfig und dienstbar, mit Kopftuch, Wollstrümpfen und
traditionellem Kleid herum. Auf dem Gang zur Maßnahme
verwandeln sie sich in rauchende, grell geschminkte, modisch
frisierte … Teenies.« (Kordes 1988, S. 106) Daß die
Mädchen bestrebt sind, sich den westlichen Mode- und
Verhaltensstandards anzupassen, wird als etwas ganz Natürliches
betrachtet. Auch wenn sie die »Kopftuchmädchen«
nicht offen kritisieren, ist doch klar, wem ihre Sympathie gehört
und wie die Bewältigung solcher »Kulturkonflikte«
auszusehen hat: in der Anpassung an uns. Daß viele den
westlichen Normen äußerlich angepaßte Mädchen
sich dann »paradoxerweise« keineswegs in der erwarteten
Weise vom Elternhaus und dessen kulturellen Mustern distanzieren,
irritiert die PädagogInnen. Was türkische Mädchen von
den Deutschen annehmen, stellen sie befremdet fest, sind nicht
Elemente moderner deutscher Lebensführung, sondern nur
materielle Güter: modische Kleidung, Coca Cola, Mc Donalds usw.
(ebd.). Wahrscheinlich, vermuten sie, braucht die Integration doch
erheblich längere Zeit, als bisher meistens angenommen wurde.
Doch ihre grundsätzliche Zuversicht, früher oder später
würden alle Migrantinnen unsere Werte und
Verhaltensweisen übernehmen, bleibt dadurch unangetastet.
Indikatoren für Zwänge und Freiheit
Auch wo
es in Auseinandersetzungen mit dem Leben »islamischer Frauen«
gerade nicht nur um dieses »Stück Stoff« gehen
soll, werden deren Freiheitsspielräume und Lebensqualität
meistens schließlich doch wieder an Kopftuch und Schleier
festgemacht.
Wie sehr dabei Projektionen die Wahrnehmung beeinflussen, wird
besonders deutlich, wenn westliche Frauen nicht [#165] umhinkommen,
sich den fremden Kleidungs- und Verhaltensregeln anzupassen. So
liest sich Bettina Flitners Bericht über ihre Reise nach
Algerien als eine einzige alptraumhafte Erfahrung von
Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, von Zwängen und
Ängsten (EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 24 ff.). Eine andere
deutsche Journalistin beschreibt, wie schwer es ihr fiel, sich 1984
während eines kurzen Aufenthaltes in Teheran mit den
Kleidungsvorschriften abzufinden. Trotz Verschleierung sei sie
unablässig von Männern »angegafft« worden, so
daß sie sich manchmal völlig nackt gefühlt habe.
Diese »Geilheit« der Männer habe sie »wahnsinnig
genervt« (Backes 1986, S. 150 ff.). Der Gedanke, solche
Empfindungen und Eindrücke könnten etwas mit ihrem eigenen
Verhalten, mit ihrer Unsicherheit und Abwehr, zu tun haben, liegt
ihr fern.
Vielmehr vermittelt sie den Eindruck, dies sei die für
Iranerinnen unausweichliche alltägliche Lebensrealität.
Repräsentativ für die Einstellung feministischer
Westeuropäerinnen dürfte Elisabeth Badinters Gleichsetzung
von Verschleierung mit Versklavung des Körpers und des Geistes
sein: »zerfetzte Jeans anziehen, sich die Haare gelb oder blau
färben« – das hält sie für
»Befreiungsakte gegen die geltenden Konventionen. Aber seine
Haare unter einem Kopftuch verstecken, das ist ein Akt der
Unterwerfung. Er überschattet das ganze Leben einer Frau«
(EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 79). Abgesehen davon, daß eine
Europäerin gewiß die Konventionen ihrer Gesellschaft
durch ein Kopftuch stärker verletzt als durch zerrissene Jeans
und buntgefärbte Haare (frau möge sich einmal überlegen,
womit sie ihre Familie und Freunde mehr provozieren und womöglich
ihren Arbeitsplatz riskieren würde!), werden auf diese Weise
Frauen, die seit eh und je – wie ihre Großmütter,
Mütter, Tanten, Schwestern – den islamischen
Kleidungsvorschriften folgen, per se zu Gegnerinnen von
individueller Freiheit und Menschenrechten erklärt.
Verständigung und gemeinsames Handeln zwischen ihnen und uns
scheint nahezu ausgeschlossen.
Für
nahezu alle WesteuropäerInnen – gleich welcher
politischen Richtung oder Bildungsschicht – ist es kaum
vorstellbar, daß Frauen sich freiwillig und bewußt für
ein Leben nach den Richtlinien des Islam entscheiden. Die oben
erörterten Ungereimtheiten und Widersprüche in der Haltung
von Expertinnen zu Kopftuch und Schleier stehen nach unserem
Eindruck für eine prinzipielle Sperre gegen jede nicht auf die
Privatsphäre beschränkte Religiosität und daraus
motivierte Verhaltensweisen, die nicht unseren Vorstellungen
entsprechen. So betonen KritikerInnen der islamischen Klei- [#166]
dungsvorschriften zwar in der Regel, es müsse Menschen
selbstverständlich freistehen, sich entsprechend ihren
Glaubensüberzeugungen zu kleiden und (in den vom Grundgesetz
vorgegebenen Grenzen) ihre Religion zu praktizieren, ohne deswegen
diskriminiert zu werden. »Wenn sie es aus freien Stücken
trägt«, hören wir bei vielen Gelegenheiten, »habe
ich nichts gegen das Kopftuch«. Schließlich sind wir
tolerant. Von uns aus soll jede(r) nach eigener Facon
glücklich werden. Aber nahezu reflexhaft kommt dann: Ist
Kopftuchtragen ohne Manipulation und Zwang überhaupt
vorstellbar? In einer Stellungnahme zu der Frage, ob
»mohammedanische Mädchen in Schulen den traditionellen
muslimischen Schleier tragen dürfen«, gibt Heiner Geißler
(1994) ein prototypisches Beispiel für die gängige, von
Unwissenheit, Klischees und Arroganz strotzende Argumentationsweise.
Gönnerhaft läßt er den Schleier zunächst »als
Ausdruck der kulturellen, der religiösen Selbständigkeit
und Identität der Menschen« gelten, »die sich zum
Islam bekennen«. Doch damit hält Geißler sich nicht
weiter auf. »Der elterliche und kirchliche [sic!] Zwang, ihn
zu tragen«, leitet er zu seinem eigentlichen Thema über,
»kann aber auch ein Instrument der Unterdrückung der Frau
… sein … Wenn der Schleier Ausdruck der vom Islam begründeten
Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann ist – warum
läuft denn der moslemische Herr der Schöpfung nicht damit
herum? -, dann kann er ebensowenig geduldet werden wie die
Legalisierung des Harems eines Mohammedaners in Bottrop im Wege des
Familiennachzuges. Eine demokratisch regierte und pluralistische
Gesellschaft braucht die Bereitschaft aller, mit Menschen aus
anderen Kulturen und anderen Glaubens zusammenzuleben, ihre Eigenart
zu respektieren, ohne sie assimilieren zu wollen, ihre kulturelle
Identität zu lassen, aber gleichzeitig von ihnen zu verlangen,
daß sie die universellen Menschenrechte und die Grundwerte der
Republik, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau und die
Glaubens- und Gewissensfreiheit, achten und zweitens die deutsche
Sprache beherrschen.«
Geißler,
der sich als Vertreter eines rechts-liberalen Konzeptes der
»multikulturellen Gesellschaft« profiliert hat, beweist
bereits mit diesen wenigen Zeilen eine profunde Unkenntnis des
Islam. Was er gegen die Verschleierung vorbringt und wie er seine
Argumente miteinander verknüpft, ist einer näheren
Betrachtung wert: Die Bezeichnung »Mohammedaner« stammt
aus der Mottenkiste des Kolonialismus, d.h. aus einer Zeit, als
Europäer fremde Religionen/Kulturen nach ihnen auffallenden
Merkmalen benannten. Im Islam ist der Monotheismus von zentraler
Bedeutung; der Prophet wird zwar verehrt, aber als Mensch, als
»schönes Vorbild«. »Mohammedaner« ist
also sachlich falsch und hat für Muslime einen herabsetzenden
Beiklang. Sollte jemand, der sich seit Jahren mit Fragen der
Migration beschäftigt, das nicht wissen? Weiter: der Islam
kennt keine Kirche, also auch keine »kirchlichen Zwänge«.
Ebenso überträgt Geißler mit »Herren der
Schöpfung« ein christ- [#167] liches, dem Islam fremdes
Vorstellungsbild auf das Geschlechterverhältnis unter Muslimen.
Was Geißler zunächst halb als Frage formuliert –
»Wenn der Schleier Ausdruck der vom Islam begründeten
Minderwertigkeit der Frau gegenüber dem Mann ist …« -,
wird im folgenden als erwiesene Tatsache behandelt; die Beziehung
zur Polemik gegen die nichtverschleierten »Herren der
Schöpfung« ist nicht nachvollziehbar. Hätte der
Schleier die Funktion, weibliche Minderwertigkeit zu symbolisieren,
wäre es absurd, Männer zu fragen, warum sie keinen
Schleier tragen. Geißler scheint besser mit den
orientalistischen Phantasiewelten der Vergangenheit als mit der
Denkweise und den Lebensverhältnissen in der BRD lebender
muslimischer MigrantInnen vertraut zu sein. Muslime in Bottrop? Da
fällt dem belesenen deutschen Bildungsbürger natürlich
was ein? Richtig: Harem. Wo Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu
tragen, ist die Polygamie nicht weit. Und das können wir
als aufgeklärte, die Rechte der Frauen verteidigende Menschen
natürlich nicht dulden. Geißler charakterisiert uns
als eine »demokratisch regierte und pluralistische
Gesellschaft«, bereit, Menschen aus anderen Kulturen und
anderen Glaubens ihre Identität zu lassen. Indem er aufzählt,
was wir im Gegenzug von ihnen verlangen dürfen,
komplettiert er sein Bild von den muslimischen MigrantInnen: Sie
zwingen ihre Frauen nicht nur zum Kopftuchtragen und würden,
wenn man sie nur ließe, zur Vielweiberei zurückkehren –
sie mißachten darüber hinaus Menschenrechte und
Grundwerte der Republik. Und sie beherrschen die deutsche Sprache
nicht. So sind sie, die »Mohammedaner«. Auch wenn
Geißler das nicht explizit formuliert, ist seinem Text zu
entnehmen, daß er davon ausgeht, das Kopftuchtragen werde –
vielleicht mit wenigen Ausnahmen – erzwungen und bringe eine
mit unserer aufgeklärten, toleranten Lebensweise, die
Frauen als gleichberechtigt anerkennt, nicht zu vereinbarende
Einstellung zum Ausdruck.
Mögen
praktizierende Musliminnen sich noch so viel Mühe geben, ihre
Überzeugungen und ihre Lebensweise zu erklären: Aus
westlicher Sicht handelt es sich um Verirrungen und Verblendungen.
Unseren Kriterien entsprechend – und diese bestimmen
den Diskurs – wären ihre Begründungen erst dann
akzeptabel, wenn sie damit auch uns z.B. von der Richtigkeit
des Kopftuchtragens überzeugen würden. Und soweit wird es
gerade noch kommen! Keinesfalls ist das Kopftuch für uns
ein Symbol freier Persönlichkeitsentfaltung oder gar des
Widerstands gegen den Konformitätsdruck der »Mehrheitskultur«.
Selbst wenn wir nach eingehender Prüfung bereit sein
sollten, einzelnen Musliminnen zu glauben, daß sie zu ihrer
Bekleidungsweise nicht gezwungen werden, handelt es sich doch immer
um individuelle Aussagen, die unsere generellen Vorbehalte
nicht auszuräumen vermögen. Weil es für uns
keinen vom konkreten Einzelfall ablösbaren
Freiwilligkeitsnachweis gibt – den zwei oder zwanzig
Musliminnen, die uns glaubhaft [#168] versichern konnten, das
Tuch freiwillig zu tragen, also stets die große Masse derer
gegenübersteht, von denen wir weiterhin annehmen, dies
nur unter dem Druck religiöser Zwänge (vermittelt durch
ihre männlichen Angehörigen) zu tun.
Die
Selbstverständlichkeit, mit der von erzwungenem Kopftuchtragen
ausgegangen wird, bedeutet zugleich eine Bevormundung all jener
Mädchen, die sich aus freien Stücken – womöglich
gegen den Willen der Eltern – an islamische
Kleidungsvorschriften halten. Sympathie und Mitgefühl gilt den
armen Mädchen, die morgens vor der Schule »ihren
züchtigen Rock« zum Mini hochbinden und sich im Hausflur
schminken müssen (vgl. Heenen-Wolff 1992, S. 11). Und selbst wo
sich LehrerInnen um eine neutrale und tolerante Haltung bemühen,
ist doch fast immer die Befriedigung unüberhörbar, wenn
junge Musliminnen es schaffen, das Tuch abzulegen und sich aus den
Fesseln ihrer Herkunft zu »befreien«. So schreibt die
Leiterin einer Bildungsmaßnahme an der Volkshochschule München
in ihrem tagebuchartigen Bericht: »Auch die Mädchen in
den beiden Kursen tauen langsam auf. Während des Unterrichts
haben die meisten von ihnen jetzt die Kopftücher ab. Wir werten
das als ein gutes Zeichen.« (Vogel 1981, S. 81). In einer
anderen berufsvorbereitenden Maßnahme wird es als
»Über-Überraschung« gefeiert, als eine der
sonst traditionell gekleideten Türkinnen anläßlich
einer Modenschau, bei der die Teilnehmerinnen selbst angefertigte
Kleidungsstücke vorführen, modisch in Rock und Bluse –
und selbstverständlich ohne Kopftuch und dicke Wollstrümpfe
– auf dem Laufsteg erscheint (Kordes 1988, S. 42). Unter
welchem Druck sie gestanden haben mag, und zwar zumindest nicht nur
unter dem Druck religiöser Vorschriften, die ihr einen solchen
Auftritt verbieten, sondern auch, vielleicht sogar überwiegend,
unter dem Anpassungsdruck ihrer deutschen AusbilderInnen und
Kolleginnen, scheint niemand von den PädagogInnen einen
Gedanken wert gewesen zu sein. Daß sie in Panik geriet, als
sie im Publikum ihren Bruder erkannte (ebd.), wird eher beiläufig
vermerkt. Mit deutlichem Befremden berichten die Verfasserinnen
dagegen, daß sie sich trotz dieses einen mutigen Schrittes
weiterhin »islamisch« kleidete. Zwar hätten ihr
Selbstbewußtsein gegenüber den Eltern in Fragen von
Heirat und Ausbildung, ihre Rolle als Wortführerin der
Türkinnen und ihre Aufgeschlossenheit im Kontakt mit deutschen
Mädchen dem Klischeebild der unterdrückten
»Kopftuchtürkin« widersprochen, die dankbar jede
Gelegenheit ergreift, die Traditionsfesseln hinter sich zu lassen.
Und die AutorInnen des Projektberichtes fragen sich, ob diese
Persönlichkeitsstärke womöglich aus einer nicht nur
äußerlichen Identifikation mit dem türkisch-islamischen
Normhorizont zu erklären sei (ebd., S. 110). Doch
weiterreichende Schlußfolgerungen hinsichtlich ihrer eigenen
Vorstellungen von kultureller Integration ziehen sie daraus nicht.
Daß traditionell/religiös orientierte Türkinnen über
kurz oder lang ihre Einstel- [#169] lung aufgeben (müssen),
steht für sie außer Frage. Und darin stimmen sie mit
vielen in der Ausländerarbeit engagierten fortschrittlichen
PädagogInnen überein, die türkische Mädchen mit
besten Absichten gegen ihre reaktionären Eltern in Schutz
nehmen und in ihren Rechten bestärken wollen.
Zu der
Gleichsetzung von islamischer Bekleidung mit Unterdrückung und
Zwang paßt es schließlich, daß wir in der
umfangreichen deutschsprachigen Migrantinnen-Literatur nur eine
einzige Veröffentlichung gefunden haben, in der
»Kopftuchtürkinnen« selbst nach ihrer Meinung
gefragt wurden. Auch wenn es sich hier nicht um eine repräsentative
Untersuchung handelt, sollte es zu denken geben, daß keine der
von Özelsel interviewten traditionell gekleideten Türkinnen
die von uns gewöhnlich erwartete Antwort gab, nämlich
die, das Kopftuch nur auf Wunsch ihres Mannes zu tragen. Dagegen
sagten 70 %, dies sei ihr eigener Wunsch, und von den 53 %, die
»weitere Gründe« nannten, verwiesen die meisten auf
religiöse Bestimmungen. Daß auch ihre Töchter ein
Kopftuch tragen, wünschten sich 100 % der Befragten (vgl.
Özelsel 1986).
Die
Einstellung zu islamischen Bekleidungsvorschriften – die
übrigens, wenn auch in weniger auffälliger Form, ebenfalls
für den Mann gelten – steht mit der allgemein im Westen
verbreiteten Vorstellung von Zwang und Freiheit in engem
Zusammenhang. Daß die Industriestaaten eine historisch und
weltweit beispiellose Stufe individueller Freiheit erreicht haben,
wird auch von den KritikerInnen des kapitalistischen
Entwicklungsweges als Errungenschaft anerkannt. Zwar sei diese
Freiheit nicht umsonst und habe ihre Schattenseiten, denn nur eine
Minderheit privilegierter Bürger sei in der Lage, die Wahl- und
Entfaltungsmöglichkeiten tatsächlich kreativ zu nutzen,
während die Instabilität sozialer Strukturen, besonders
von Ehe und Familie, die Flexibilitäts- und
Mobilitätsanforderungen des Arbeitsmarktes usw. für die
meisten eher eine Belastung bedeuteten. Doch was von vielen als
Verlust von Sicherheiten und Orientierungen empfunden werde, ist,
wie Benard/Schlaffer entdeckt haben, in Wirklichkeit etwas ganz
anderes: nämlich Ausdrucksform des westlichen Pioniergeistes,
der die Bereitschaft, sich psychisch auf Unbekanntes einzulassen,
ebenso einschließt wie den Mut, auf abenteuerlichen Reisen
ferne Länder zu entdecken. Diese traditionellen Gesellschaften
fremde Lust am »Abenteuer Freiheit«, meinen sie,
kennzeichne den spezifischen Charakter der westlichen Zivilisation.
Der Preis dafür sei zwar oft hoch – Angst, Scheitern,
großes Unrecht, sogar die Gefährdung der eigenen
physischen oder moralischen Existenz -, und die Folgen könnten
manchmal verheerend ausfallen: »Was als Schatzsuche begann,
kann als Sklavenhandel enden; was als persönliche Selbstfindung
konzipiert ist, kann zur Vereinsamung führen. Die Risiken sind
individuell, kollektiv und historisch sehr hoch, die Fehlerquote ist
beachtlich« (Benard/Schlaffer 1992, S. 81 ff.). Dennoch seien
diese Risiken im Kontrast zu den Zwängen »traditio-
[#170] neller Gesellschaften« durchaus vertretbar: »Unsere
Kultur geht das Wagnis ein, die Freiheit anzustreben und den Zwang
zu verringern. Das führt manchmal in die Katastrophe, aber es
führt auch voran.«
Getragen von einer »gesellschaftlichen Moral der
Verantwortung, Prüfung und Selbstkritik« strebe der
Westen eine »stabile soziale Ordnung« an, »die aus
dem selbstgestalteten Zusammenleben freier Menschen besteht«
(ebd., S. 86 u. 92). Wer wollte da wohl ihrer Schlußfolgerung
»West is best« widersprechen (ebd., S. 185 ff.)?
Wenn auch
nicht immer so krass wie von Benard/Schlaffer, werden in vielen
Islam-Kritiken staatlich sanktionierte religiöse Zwänge in
islamischen Ländern und Freiheit, Individualität,
Selbstbestimmung etc. in den westlichen Industriestaaten einander
gegenübergestellt. Diese Polarisierung halten wir schon deshalb
für problematisch, weil sich islamische Länder nach
Staatsform, Bindung an die Religion, ökonomische Lage,
Traditionen, politische Zielorientierungen etc. sehr stark
voneinander unterscheiden. Eine davon absehende Betrachtungsweise
verfehlt zwangsläufig die soziale Realität, z.B. wenn das
Ende des Kriegs in Afghanistan mit dem »Ende der Freiheit für
die Frauen« gleichgesetzt wird.
Um zwei durch die Invasion sowjetischer Truppen, Kriegsgreuel und
Flüchtlingselend geprägte Jahrzehnte als Epoche der
Frauenbefreiung darzustellen, bedarf es einer beträchtlichen
Verdrängungsleistung. Diese wird zweifellos erleichtert durch
die Vorstellung, im »freien Westen« gebe es hinsichtlich
der Bekleidung keinerlei Zwänge. Kostüm oder Jeans, Mini
oder Schlabber-Look – in jeder Saison schafft es die
Modeindustrie erneut, uns davon zu überzeugen, daß
wir genau das, was gerade modern ist, immer schon haben
wollten. Und ganz individuell entscheiden wir uns
millionenfach für geblümt oder kariert, für grell
oder pastell, für elegant oder sportlich … Wie eng die
Selbstverwirklichungsspielräume in Wirklichkeit sind, dürfte
frau rasch merken, wenn sie auf die Idee käme, gegen die
Vorstellungen von »normaler« Bekleidung dadurch zu
verstoßen, daß sie entweder wesentliche Teile ablegte
oder neue Elemente, z.B. ein Kopftuch bei der Arbeit, hinzufügte.
Männern empfehlen wir, ihre [#171] Freiheit einmal im Kleid
oder Kostüm auszutesten. Ob Frauen staatlicherseits gezwungen
werden, sich in bestimmter Weise zu kleiden (Kopftuch), oder ob
soziale/kulturelle Normierungen eine bestimmte Art der Bekleidung
erzwingen (kein Kopftuch), wenn frau nicht zum Paria werden will,
scheint uns kein so fundamentaler Unterschied zu sein. Das heißt
nicht, frau müsse sich mit jeder ihre Kleidung oder ihr
Verhalten betreffenden Verordnung »von oben« abfinden,
weil es nun einmal überall irgendwelche Zwänge gebe. Es
geht uns vielmehr darum, auf die internalisierten, deshalb als
»normal« empfundenen und oft kaum bewußten
Reglementierungen und Disziplinierungspraktiken unserer
Gesellschaft aufmerksam zu machen.
»Zerrissen zwischen den Kulturen«
Die
Überzeugung, aus dem Islam lasse sich keine für Frauen
erstrebenswerte Lebensform entwickeln, es sei daher reine
Zeitverschwendung, wenn nichts Schlimmeres, sich um pädagogische
Konzepte, um Bildungs- und Beratungsinstitutionen auf islamischer
Grundlage zu bemühen, wird durch die Annahme gestützt, in
Westeuropa aufgewachsene Migrantenkinder hätten selbst für
Werte und Traditionen des elterlichen Herkunftslandes ohnehin nur
noch wenig übrig. Islamisch orientierte Erziehungsvorstellungen
und Einrichtungen würden sie an ein Wertesystem und eine
Lebensweise fesseln, die sie aus freien Stücken nicht wählen
würden. Von ihren rückständigen Vätern und
Müttern zu einer Art Doppelleben gezwungen und trotzdem mit
Energie und Phantasie danach strebend, sich aus ihrem »Gefängnis«
zu befreien, gelten vor allem Mädchen als Opfer einer
repressiven islamischen Moral. Wenn viele die sich ihnen in
Westeuropa – scheinbar – bietenden Chancen dann doch
nicht nutzen, wird das den unentrinnbaren Zwängen der
familiären Herkunftskultur zugeschrieben: »Über
350.000 muslimische Mädchen«, heißt es z.B. in der
EMMA, »sind zerrissen zwischen zwei Welten« (Ott in EMMA
4/1993). Und Juliette Minces doziert: »Zerrissen zwischen dem
Wunsch, dieselben Rechte und Freiheiten wie ihre nichtmuslimischen
Schulkameraden zu genießen, und der Angst, die Familie zu
brüskieren, durchlaufen sie Phasen der Revolte und erleben
Dramen, die den mutigeren oder verzweifelteren unter ihnen Flucht
oder Selbstmord als einzigen Ausweg nahelegen«. Falls sie es
schaffen, eine Lehre oder ein Studium zu absolvieren, seien sie
allerdings geringer gefährdet, »zu einem Leben wie ihre
Mütter verdammt zu werden und sich der Tradition beugen zu
müssen« (1992, S. 69 f.). Daß solche Mädchen
dann irgendwann mit geringer Begeisterung (wie Minces voraussetzt)
doch einen »Glaubensbruder« heiraten und keinen
Nichtmuslim, was ihrer Emanzipation förderlicher wäre,
kann sie sich nur mit einer trotz allem fortbestehenden Abhängigkeit
von der Familie erklären.[#172]
Die von
Minces und anderen »Anwältinnen der Gastarbeitertöchter«
beschriebene Situation ist nicht aus der Luft gegriffen. Viele junge
Musliminnen fühlen sich bedrängt durch gegensätzliche
Einflüsse und Anforderungen. Manche halten das Gezerre nicht
aus und sehen keinen anderen Ausweg, als radikal mit der Familie,
und das heißt oft gleichzeitig: mit dem Herkunftsmilieu und
dem Islam, zu brechen. Mit der Kritik an den Bemühungen
deutscher PädagogInnen und PolitikerInnen, muslimische Mädchen
zu »retten«, geht es uns also nicht etwa darum,
physische und psychische Gewalt in türkischen/muslimischen
Migrantenfamilien zu verharmlosen oder abzustreiten. Nach unserem
Eindruck sind Sozialwissenschaftlerinnen, Pädagoginnen und
Journalistinnen jedoch allzu sehr auf »Revolte« und
Flucht als die einzig angemessenen Reaktionsformen auf
»türkisch-islamische Zwänge« fixiert. Die
Alternative kann nicht sein, den Blick abzuwenden oder junge Frauen
wie Yanki mit dem Hinweis, ein »gutes türkisches Mädchen«
habe den Eltern zu gehorchen, ihrem Schicksal zu überlassen.
Fälle wie dieser werfen vielmehr ein Schlaglicht auf weit
verbreitete Konflikte in türkischen »Gastarbeiterfamilien«
und auf das Fehlen adäquater Strategien und Institutionen, um
ihnen vorzubeugen und sie zu bewältigen. Von den generellen
Unzulänglichkeiten sozialarbeiterischer Prävention und
Beratung usw. in derartigen Fällen einmal abgesehen, erweisen
sich hier die deutschen Angebote als ihrerseits höchst
problematisch und z.T. die Konflikte eher provozierend und
verschärfend. Zumindest für Betroffene, die sich selbst
als MuslimInnen verstehen, wären statt dessen Konzepte aus dem
Islam zu entwickeln und institutionell zu verankern
(Beratungsstellen, Wohnheime usw.). Solche innerhalb des islamischen
Bezugssystems bleibende Konfliktbewältigungsstrategien und
-institutionen, etwa das Einschalten vermittelnder Personen, werden
bisher jedoch entweder nicht einmal als Möglichkeit in Betracht
gezogen oder aber von vornherein als hinterhältige Versuche
abgewehrt, den Einfluß repressiver islamischer Strukturen noch
auszuweiten. Als Steuerzahler sind Musliminnen und Muslime ebenso
wie christliche oder nichtreligiöse deutsche Bürger an der
Finanzierung von Beratungseinrichtungen, Frauenhäusern,
Mädchenwohnheimen usw. beteiligt. Das gilt, was die meisten
MuslimInnen nicht wissen, auch für Institutionen in kirchlicher
Trägerschaft, denn diese bekommen erhebliche staatliche
Zuschüsse. MuslimInnen dürfen diese Einrichtungen in
Anspruch nehmen. Fast überall gibt es sogar besondere Angebote
für muslimische MigrantInnen. Doch sie sind und bleiben
Besucher, Kursteilnehmerinnen oder Klienten. Auch als
MitarbeiterInnen sind sie den Werten und inhaltli- [#173] chen
Konzepten der Träger (Staat oder Kommune, Kirche, Verband usw.)
verpflichtet, werden z.B. in der Regel nicht an der Finanz- oder
Strukturplanung beteiligt. Vollends auf taube Ohren trifft die
Forderung nach Bildungs-, Freizeit und Sozialeinrichtungen auf
islamischer Grundlage. Auch die meisten
multikulturell-aufgeschlossenen Deutschen wehren das als maßlose
Anspruchshaltung, wenn nicht als Versuch zu »fundamentalistischer«
Unterwanderung ab. Nach wie vor verweigert man dem Islam die
offizielle Anerkennung als Religionsgemeinschaft im Sinne des
Grundgesetzes, was u.a. bedeutet, daß muslimische
Institutionen keine öffentlichen Mittel bekommen – von
allen weiteren bürokratischen und sonstigen Hürden, die
der Einrichtung islamischer Bildungs- und Beratungsstellen
entgegenstehen, ganz abgesehen.
Wie sehr
Anpassungsforderungen der bundesdeutschen Gesellschaft als
Repression erfahren werden und für so manche junge Muslimin
ebenso schwer oder schwerer wiegen als durch die Religion
vorgegebene Verhaltensnormen, wird selten reflektiert. Die Mehrzahl
der »Gastarbeitertöchter« will sich ja durchaus in
die westliche Gesellschaft integrieren, deshalb aber nicht ihre
Kultur und insbesondere ihre Religion – einschließlich
solcher »Äußerlichkeiten« wie das Kopftuch –
aufgeben. Dabei sieht eine islamisch orientierte Lebensweise in Köln
mit Sicherheit anders aus als in Konya, Kairo oder Kabul. Die
Psychologin Lale Akgün plädiert dafür, daß
sowohl die Vertreter der Herkunftsgesellschaft, also vor allem die
türkischen Eltern, als auch die Deutschen aufhören sollen,
die Jugendlichen auf ihre Seite zu zerren und damit in schwere
Konflikte und Krisen zu treiben. Statt dessen müsse Kindern die
Möglichkeit gegeben werden, beide Lebensweisen kennenzulernen,
um sich dann selbst zu entscheiden. »Akzeptanz der anderen
Kultur«, schreibt sie, »ist die einzige Chance,
leistungsfähige und psychisch stabile Jugendliche zu erziehen.«
(1993, S. 68 f.) Auf den ersten Blick scheint das eine vernünftige
und unterstützenswerte Forderung zu sein. Doch auch Akgün
geht nach unserer Ansicht zu rasch über die reale, strukturell
verankerte Machtungleichheit hinweg, wenn sie an Diskriminierende
und Diskriminierte gleichermaßen appelliert, Toleranz zu
zeigen und »loszulassen«. Zwar mögen beide Seiten
in je ähnlicher Weise von ihren Werten, Normen und Lebensformen
überzeugt sein, doch ihre Möglichkeiten, diese
Jugendlichen über die Schule und sonstige
Bildungseinrichtungen, über die Medien, Freizeitangebote usw.
als Orientierungsrichtschnur zu vermitteln, lassen sich kaum
miteinander vergleichen. Deutsche Vorstellungen von
Erziehung, Bildung und Freizeitgestaltung, vom Verhältnis der
Geschlechter und der Generationen zueinander, von individueller
Freiheit und Zwang sind – wie viele weitere Bereiche –
nicht nur Teil der weltweit dominierenden »abendländischen
Zivilisation« und setzen Maßstäbe eines modernen,
zu Erfolg und Glück führenden Lebens. Als einheimische
[#174] Standards von »Normalität« regeln sie
zugleich Berufs- und Aufstiegschancen, Akzeptanz im sozialen Umfeld,
Prestige etc. »Gastarbeitereltern« mögen sich daher
noch so sehr abmühen, ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein,
wie Akgün es ihnen nahelegt: Solange sich seitens der deutschen
Gesellschaft nicht ansatzweise eine Bereitschaft erkennen läßt,
die islamische als eine Lebensweise anzuerkennen, die – auch
für Frauen – mit Bildung, beruflichem Erfolg,
harmonischem Ehe- und Familienleben, einer geachteten
gesellschaftlichen Stellung und Lebensfreude vereinbar ist, scheint
uns die verbreitete Praxis türkischer Familien, ihre Kinder
durch rigide Vorschriften und repressive Maßnahmen festhalten
zu wollen, durchaus verständlich.
Auch wenn
nur wenige Eltern auf diese Weise ihr eigentliches, subjektiv ja
meistens gutgemeintes Ziel erreichen dürften, nämlich der
nachwachsenden Generation Richtlinien und Wertmaßstäbe
für ein sinnerfülltes Leben nach den islamischen
Grundprinzipien mitzugeben, ist die Alternative, Jugendliche selbst
herausfinden zu lassen, was für sie am besten ist, doch unter
den gegebenen Bedingungen für sie kaum annehmbar. Wenn sie
»loslassen«, stehen ihre Kinder keineswegs vor der Wahl
zwischen zwei gleichwertigen Alternativen, sondern die eine ist
gleichbedeutend mit niedrigem Einkommen und geringem Ansehen,
behaftet mit dem Image von Ärmlichkeit, Freudlosigkeit, Zwang
und »Mittelalter«, die andere jedoch mit Anerkennung,
Aufstieg und Erfolg, mit Emanzipation und Vergnügen, mit
Fortschritt und »Moderne«. Um überhaupt von freien
Entscheidungsmöglichkeiten sprechen zu können, müßten
also für muslimische »Gastarbeiterkinder« der
zweiten und dritten Generation erst einmal Entfaltungsspielräume
und Lebensformen geschaffen werden, die nicht quasi automatisch zur
»Eindeutschung« führen. Nur unter dieser
Voraussetzung könnten islamische Eltern auf die Wirkung ihres
eigenen Vorbildes vertrauen und müßten nicht
realistischerweise davon ausgehen, daß ihre Kinder den
übermächtigen Versprechungen und Anpassungsforderungen der
deutschen Gesellschaft nachgeben, sobald sie selbst aufhören,
zu kontrollieren und Druck auszuüben. Statt ständig über
die vom Islam ausgehenden Nötigungen und Einschränkungen
zu lamentieren, sollten progressive PädagogInnen,
JournalistInnen etc. sich z.B. mehr Gedanken darüber machten,
wie Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der BRD
möglich gemacht werden kann, ohne daß MigrantInnen ihre
religiös geprägte Herkunftskultur aufgeben müssen.
Durch Beseitigung der von der deutschen Gesellschaft errichteten
Barrieren und und der von ihr ausgeübten Zwänge könnte
die beklagte Zerrissenheit schon einmal erheblich abgemildert
werden.
Dies
setzt wiederum voraus, sich auf die anthropologischen und sozialen
Prämissen der islamischen Sichtweise hinsichtlich
geschlechtsspezifischer Verhaltensmuster einzulassen. Aus dem im
Zusammenhang mit den islamischen Erziehungsprinzipien bereits
erörterten Externalisierungskonzept folgt [#175] eine
grundsätzlich andere Einstellung zur Sexualität als die im
säkular-christlichen/nichtreligiösen, »modernen«
Westen vorherrschende. Die in allen islamischen Gesellschaften
(wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungsformen und
unterschiedlichen Konsequenzen für die Möglichkeit von
Frauen, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, berufstätig
und politisch aktiv zu sein etc.) übliche Geschlechtertrennung
hat den Sinn, Situationen zu vermeiden, welche Männer und
Frauen zum Übertreten durch den Islam gesetzter sozialer Normen
verführen könnten. Diese Geschlechtertrennung erfolgt
teils räumlich (z.B. in Form eigener Wohn- und Arbeitsbereiche,
öffentlicher Einrichtungen, Bus- und Bahnabteile usw.), teils
durch die Umgangsformen. So ist bei Begegnungen in der
Öffentlichkeit grundsätzlich Zurückhaltung zu wahren.
Wie immer frau zu dieser Auffassung stehen mag – eine nicht
auf westliche Emanzipationskriterien fixierte Begegnung mit
Musliminnen bzw. dem islamischen Werte- und Normensystem sollte das
dahinter stehende Welt- und Menschenbild zunächst einmal zu
verstehen versuchen, um dann in Konfliktfällen mit prügelnden
Ehemännern, autoritären Vätern oder einschüchternden
Hocas an Lösungsstrategien mitzuwirken, die allen Beteiligten
gerecht werden. Dazu gehört nicht zuletzt, sich auch des von
der »freien« westlichen Gesellschaft ausgehenden
Anpassungsdrucks bewußt zu werden.
6. Die Stimme der ExpertInnen
Wir haben
in den bisherigen Kapiteln mehrfach »autochthone«
ExpertInnen zitiert, die die westlichen Klischeebilder von der
Rückständigkeit islamischer Länder und
der Unterdrückung von Musliminnen bestätigen und eine
Modernisierung »des Islam« für überfällig
halten. Teilweise fällt ihre Kritik sogar besonders scharf und
polemisch aus. Derartige ExpertInnen können
WissenschaftlerInnen oder JournalistInnen sein; oft genügt aber
auch bereits die Herkunft aus einem islamischen Land, um
diesen Status einnehmen zu können. Berichtet beispielsweise die
in Hamburg lebende Iranerin Ziba: »In meiner Heimat muß
ich meine Eltern siezen«,
dann paßt das vorzüglich in unser Bild von der
einengenden, repressiven iranischen Familie. Dabei wissen wir
eigentlich sehr gut, daß Siezen und Duzen jeweils im sozialen
Kontext zu bewerten sind, Siezen unter nahen Angehörigen also
ebenso- [#176] wenig ein Zeichen von Kälte und Strenge sein muß
wie die z.B. in den USA übliche Sitte, sich rasch beim Vornamen
zu nennen, unbedingt Ausdruck emotionaler Nähe ist. Selbst wenn
Ziba in einer förmlich-distanzierten, Mädchen keinerlei
Entfaltungsspielraum zugestehenden Atmosphäre aufgewachsen ist,
entsprechen zumindest ihre verallgemeinernden Aussagen über die
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern im Iran nicht der Realität.
Behauptungen wie die, Mädchen dürften zu Hause nicht laut
sprechen und bis ins Erwachsenenalter Fragen nicht selbst
beantworten, hätten Entscheidungen der Eltern (z.B. auch über
den Ehepartner) ohne Widerspruch zu akzeptieren etc., zielen ganz
offensichtlich auf bestimmte, durch die »Schleierliteratur«
à la Mahmoody geprägte Klischeebilder vom Leben im Iran.
Als
verhängnisvoll erweist sich immer wieder die Neigung von
Europäerinnen (und Europäern), Bücher von Musliminnen
bzw. Personen aus islamischen Ländern – seien es
Erfahrungsberichte, seien es Romane – ohne weiteres als
authentische Zeugnisse des Lebens in einer islamischen
Gesellschaft zu lesen. In diesem Sinne werden nach unserem
Eindruck beispielsweise die fesselnd geschriebenen Erzählungen
von Saliha Scheinhardt über das Schicksal türkischer
Frauen rezipiert (1983a, 1983b, 1985). Scheinhardt berichtet in
»Frauen, die sterben, ohne daß sie gelebt hätten«
(1983a) von einer türkischen Migrantin, die ihren gewalttätigen
Ehemann erschlagen hat und am Ende ihrer Haftzeit, die für sie
eine Zeit der Selbstfindung war, fürchtet, in die Türkei
abgeschoben zu werden. Das verallgemeinert Sabine Gieschler in ihrer
Einführung zum Schicksal der türkischen/muslimischen
Migrantin und zeichnet auf wenigen Seiten ein Bild vom Islam, das,
falls es zuträfe, zum Fürchten wäre. Die Frage ist
nicht, ob das, was Scheinhardt berichtet, der Wahrheit entspricht
(für uns sind ihre Geschichten glaubwürdig). Und es wäre
nach unserer Auffassung falsch, aus Opportunitätsgründen
nichts über Chauvinismus und Gewalt unter Migranten/Muslimen zu
veröffentlichen. Der fatale Effekt entsteht jedoch daraus, daß
solche Literatur, insbesondere wenn die VerfasserInnen selbst aus
der Türkei, Ägypten oder einem anderen islamischen Land
stammen, als »die Wahrheit« gelesen werden, und zwar als
eine Wahrheit, die die Überlegenheit der westlichen
Zivilisation bestätigt und unserer Erwartung,
»Gastarbeiter« sollten sich nicht zuletzt zu ihrem
eigenen Wohl der westlichen Denk- und Lebensweise anpassen, Auftrieb
gibt. Mit etwas Phantasie läßt sich dieser gewiß
nicht von allen AutorInnen beabsichtigte Effekt probehalber einmal
umkehren: Würde deutsche feministische und sozialkritische
Literatur ins Türkische oder Arabische übersetzt und in
der Türkei, Jordanien oder Tunesien in vergleichbarer Weise als
Wahrheit über das Leben in Deutschland gelesen, dürfte das
Urteil über die BRD grauenhaft ausfallen: ein Land, geprägt
von Materialismus und Egoismus, die Familien zerrüttet,
Jugendliche der Drogensucht und rechtsextremistischen Agitatoren
verfallen, gewalttätig schon die Schulkin- [#177] der, das
Alter überschattet von Armut und Einsamkeit. Und jede human
gesonnene Muslima müßte sich unverzüglich einer
Kampagne anschließen, um deutsche Mädchen und Frauen vor
sexuellem Mißbrauch, Vergewaltigung, Diskriminierung im
Arbeitsleben, treulosen und brutalen Männern, Depressionen etc.
zu retten. All das existiert in der deutschen Gesellschaft, und
Bücher, die darüber berichten, haben eine wichtige soziale
Funktion. Trotzdem weiß jede, weiß jeder, sie
kontextuell einzuordnen und würde muslimische Kritik, die nur
das Negative wahrnimmt, als einseitig und die komplexe Realität
verfehlend zurückweisen. Doch umgekehrt?
Besonders
unter den wissenschaftlichen ExpertInnen aus der islamischen
Welt fordern viele explizit dazu auf, das westliche
Entwicklungsmodell zu übernehmen. Diese Orientierung an den
»fortschrittlichen« Staaten ist keineswegs neu. Bereits
im 19. Jahrhundert empfahlen Reformer wie der Ägypter Rifa’a
al-Tahtawi (1801-1873), der an der ersten großen Studienreise
nach Paris teilnahm, den Muslimen, sich die überlegenen
Europäer zum Vorbild zu nehmen (vgl. al-Tahtawi 1989, S. 275
f.). Auch die ägyptischen Vorkämpferinnen der
Frauenbewegung, Huda Sharaawi und Nazira Zain al Din, begründeten
später ihre Forderungen mit der Feststellung einer geistigen
und materiellen Überlegenheit der »unverschleierten
Nationen«.
Die naiv-fortschrittsgläubige Bewunderung des Westens traf
allerdings schon früh auch auf Widerspruch, z.B. durch
Gamaladdin al-Afgani (1838-1897), »für den sich die
politische und kulturelle Begegnung von europäischen Mächten
und islamischen Völkern nicht mehr als Begegnung zwischen –
wenn auch unterschiedlich starken – Partnern, sondern zwischen
Feind und Opfer« darstellte.
In den 20er Jahren entstand die Muslimbruderschaft aus dem
Bestreben, das Joch des Kolonialismus abzuwerfen und aus dem Islam
Strategien zur Reform der verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen
zu entwickeln. Schließlich trug der Legitimationsverlust des
arabischen Nationalismus ebenso wie des Sozialismus seit Ende der
60er Jahre maßgeblich zur Ernüchterung weiter
Bevölkerungskreise bei. Daß dennoch geistes- und
sozialwissenschaftliche Forschungsergebnisse bisher größtenteils
weder quantitativ noch qualitativ den hochgesteckten Zielen einer
eigenständigen, islamisch fundierten Wissenschaftskonzeption
entsprechen, dürfte vor allem in einer verhängnisvollen
Allianz von weltweiter westlicher Dominanz und Herrschaftsinteressen
der meisten Machthaber islamischer Staaten begründet sein, die
ihnen gefährlich zu werden drohende Entwicklungen, sei es auf
dem Gebiet der Politik, sei es in den Wissenschaften, systematisch
be- und [#178] verhindern. So beschreibt Abdulkader Irabi den
Zustand der arabischen Gegenwartssoziologie mit Berechtigung als
desolat: Im wesentlichen bestehe sie ohne Bezug zur Gesellschaft aus
der Rezeption westlicher Theorien und Methoden. Als »affirmative
Pseudowissenschaft« habe sie längst ihre Glaubwürdigkeit
verspielt und sei zu einer »Agentur der Unterentwicklung«
verkommen.
Die Denkmodelle der meisten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen
in den islamischen Ländern unterscheiden sich kaum von
den als eurozentrisch kritisierten.
Und wie sollten sie auch? Soziologinnen und Historiker,
Literaturwissenschaftlerinnen und Ökonomen sind im Westen oder
nach westlichen Methoden ausgebildet worden. Was liegt also näher,
als die Forschung im eigenen Land ebenfalls aus dieser Perspektive
zu betreiben?
Immerhin
steht jenen, die zur Überwindung gegenwärtiger
ökonomischer, politischer und kultureller Krisenerscheinungen
auf westliche Lösungskonzepte setzen – seien sie im
Gedankengut der »freien Marktwirtschaft« oder im
Sozialismus fundiert – eine wachsenden Zahl am Islam
orientierter Intellektueller gegenüber. Während jedoch von
letzteren im Westen wenig Notiz genommen wird, finden erstere durch
Übersetzung ihrer Bücher, in den Medien und als
ReferentInnen bei Tagungen und Kongressen eine gewisse Beachtung.
Nicht unwichtig ist dabei ohne Frage der banale Umstand, daß
sie meistens in einer europäischen Sprache (vorwiegend
Französisch oder Englisch) schreiben. Ihre Publikationen
vermitteln oft interessante Einblicke in die Einschätzung der
sozialen und kulturellen Entwicklung islamischer Länder durch
linke und feministische GesellschaftskritikerInnen. Für
unangemessen und irreführend halten wir es allerdings, sie als
Repräsentantinnen »der ÄgypterInnen«, »der
AraberInnen«, »der MuslimInnen« usw. aufzufassen,
wie dies in der Regel geschieht. So bedeutete es angesichts der
üblichen Ignoranz zwar einen gewissen Fortschritt, als EMMA in
einem Sonderheft anläßlich des Golfkrieges Frauen aus
islamischen Ländern zu Wort kommen ließ, darunter
bekannte Autorinnen wie Fatima Mernissi und Nawal el Saadawi. Doch
was diese Öffnung für Stimmen aus dem arabisch-islamischen
Raum zu aktuellen politischen Ereignissen sofort wieder
»relativiert«, ist die Präsentation von Lebensver-
[#179] hältnissen, Ansichten und Werten einer schmalen Schicht
westlich orientierter Wissenschaftlerinnen und Schriftstellerinnen
als repräsentativ – oder doch zumindest wegweisend –
für »die« in diesen Ländern lebenden Frauen.
Gesellschaftskonzepte und Islam-Interpretationen
westlich orientierter KritikerInnen der Re-Islamisierung
Fatima
Mernissi versucht im EMMA-Sonderheft, westlichen Leserinnen die
arabische Haltung im Golfkrieg verständlich zu machen.
Überrascht zunächst, wie sie Gemeinsamkeiten von
Feministinnen und »Fundamentalisten« im Wunsch betont,
die ökonomische Misere und das allen AraberInnen gemeinsame
Gefühl der Erniedrigung und der Ohnmacht zu überwinden,
distanziert sie sich jedoch bereits im nächsten Satz wieder von
diesen scheinbar Gleichgesinnten: Während sich die
Feministinnen (als Teil der Linken) bei der Suche nach
Lösungsstrategien am Modell der Demokratie, der Aufklärung
und der Freiheit des Individuums auf die Zukunft orientierten, wäre
der Blick der »Fundamentalisten« zurück in eine
»mystische Vergangenheit«, ins Mittelalter, gerichtet
(EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 10). Und hier liegt denn auch der
grundlegende Unterschied: im Glauben an die Überlegenheit und
universale Modellfunktion der westlichen Zivilisation (vgl. ebd., S.
14). Mernissi schildert, wie der Kriegsausbruch sie in ihrem Glauben
an die moralische Superiorität des Westens erschüttert
habe: »Bis zu der Nacht [des Kriegsausbruchs] dachte ich, die
Okzidentalen hätten wirklich eine fortgeschrittene Zivilisation
geschaffen, ein überlegenes menschliches Geschöpf, bei dem
edle Gefühle die niederen Gefühle (wie den Spaß am
Töten) ersetzt hätten.«
Um so enttäuscht zu werden, muß ein Glaube zuvor stark,
fast blind gewesen sein. Wie Mernissi, die bei der UNESCO Beraterin
für »Frauen und Islam« ist, als politisch wache
Frau bis Januar 1991 an diesem Bild vom Westen hat festhalten
können, ist schwer nachvollziehbar. Es handelt sich auch nicht
um eine einmalige, durch die Kriegsereignisse erklärbare
»Entgleisung«, denn in einer späteren Publikation
weist sie dem Westen sogar eine umfassende erzieherische Aufgabe zu.
Als ginge es nur darum, einer technologisch, wissenschaftlich und
moralisch überlegenen Macht gewisse Pflichtversäumnisse
bewußt zu machen, appelliert sie an den Westen, sich im Namen
von Demokratie, Menschenrechten und Frauenbefreiung mit allen ebenso
edel gesonnenen Menschen zu verbünden, wobei den
Intellektuellen und Wissenschaftlern aus der »Dritten Welt«,
die bisher leider nur selten zu Beratungen zum Wohl der Menschheit
[#180] eingeladen worden seien, eine besondere Rolle als »Brücke«
zwischen den Kulturen zukommen müsse (1992, S. 205 f.).
Gilt dem
Westen als Geburtsstätte von Demokratie, Freiheit und
Menschenrechten durchgängig Mernissis Bewunderung, ist ihre
Einstellung zum Islam widersprüchlich. Einerseits betont sie
ihre Verbundenheit mit der islamischen Kultur, andererseits
charakterisiert sie »den Islam« als zutiefst freiheits-,
demokratie- und frauenfeindlich. Zweifellos hat sie mit ihren ersten
Veröffentlichungen neues, interessantes Material zur Geschichte
muslimischer Frauen vorgelegt sowie wertvolle Anregungen für
die Auseinandersetzung mit »dem Islam« gegeben. Wie
Mernissi selbst sagt, liegt ihre Stärke jedoch nicht im
analytischen, systematischen Denken.
Und das macht sich in den neueren Publikationen, in denen sie
umfassende historische, soziologische und psychologische Deutungen
»des Islam« und islamischer Gesellschaften zu
entwickeln versucht, zunehmend durch assoziative Gedankenflüge,
durch Ungereimtheiten und konträre Aussagen bemerkbar. So
dürfte es Leserinnen des Buches »Die Angst vor der
Moderne«, die sich nicht nur durch Wortmagie faszinieren
lassen, nicht eben leichtfallen, aus den Ausführungen über
»das Gesetz der Vaterschaft« und über den Kalender
als durch den Islam auf den Körper der Frau eingebrannten
»neuen Kode der Unsterblichkeit« einen Sinn und einen
Zusammenhang mit der aktuellen Situation muslimischer Frauen zu
erschließen. Wenn wir sie richtig verstanden haben, geht
Mernissi hier von der Vorstellung aus, der Islam habe die »souveräne
Individualität« der Menschen in der vorislamischen Epoche
– einschließlich einer »unbezwingbaren Sexualität«
– zerstört. Deren Wiederbelebung sei jedoch Voraussetzung
für den Eintritt der islamischen Welt in die »Moderne«
(1992, S. 179 ff.). Anders als für viele Islam-KritikerInnen
führt dieser Weg für sie also nicht (nur) über den
Nachvollzug der abendländischen Historie, sondern statt dessen
über eine als Pluralisierung verstandene Inkorporation
vorislamischer Werte und Lebensformen. Doch was soll das für
ein Islam sein, der zugleich monotheistisch und polytheistisch ist,
der auf Einheit (Tauhid) und Gemeinschaft der Gläubigen (Umma)
basiert, aber auch das »souveräne Individuum« ins
Zentrum stellt, der die Sexualität sozialen Normierungen
unterwirft und zugleich grenzenlose Libertinage propagiert? Eine
Theoretikerin der »freien Marktwirtschaft« würde
vermutlich ausgelacht, erklärte sie die Vergesellschaftung der
Produktionsmittel zur unabdingbaren Voraussetzung kapitalistischer
Prosperität. Doch wenn es um den Islam geht, finden solche
Gedankenkapriolen als wissenschaftliche Erkenntnisse Anerkennung –
sofern damit nur ein Bekenntnis zur »Moderne« abgelegt
wird.[#181]
Ähnlich
verhält es sich mit Mernissis Ausführungen zur
Unvereinbarkeit von Islam und Demokratie und dem für ihre
These, daß in der Abwehr der Moderne tiefverwurzelte Ängste
muslimischer Männer vor dem Rückfall in die chaotischen
Zustände der vorislamischen Zeit zum Ausdruck kommen, zentralen
Begriff fitna (Chaos). In »Die Sultanin«, einem Buch
über »Die Macht der Frauen in der Welt des Islams«
(so der Untertitel), erörtert sie ihre Aufassung, das
islamische Politik- und Staatsverständnis sei analog zur
Herrschaft der Männer über die Frauen zwingend
undemokratisch.
Um diese These zu belegen, beruft Mernissi sich auf das islamische
Konzept der »traditionellen Führerwahl im Geiste der
bai’a«. Diese, schreibt Mernissi, »ist eine
feierliche Verpflichtung zum Gehorsam«. Gegenüber dem
Herrscher wird damit eine absolute, lebenslange, unwiderrufliche
Bindung eingegangen. Sie sei überdies Privileg der
Führungsschicht; die Masse des Volkes (amma) habe niemals
irgendeine Entscheidungsbefugnis gehabt. Ihr werde seit jeher
Denkvermögen und Urteilsfähigkeit abgesprochen.
Rechtgläubige Muslime, die sich genau an die Vorschriften
halten, dürften daher nach Mernissis Auffassung gar nicht an
demokratischen Wahlen teilnehmen.
Folgt man dieser Darstellung, dürften sich in der Tat alle
Bemühungen erübrigen, in politischen und sozialen
Systemen, die auf islamischen Grundlagen basieren, demokratische
Strukturen zu entwickeln. Nur eine Kleinigkeit hat Mernissi zu
erwähnen vergessen: Auch wenn es in der arabischen
Überlieferung viele Belege dafür geben mag, daß die
Herrschenden das »niedere Volk« (amma) verachteten, ist
oberstes Bezugssystem der sozialen und politischen Integration in
allen uns bekannten Koran- und Sunna-Auslegungen die Herrschende und
»Volk« umfassende islamische Gemeinde, die Umma. Nach
diesem Modell sind die einen wie die anderen gleichermaßen den
göttlichen Geboten, z.B. zur Verwirklichung sozialer
Gerechtigkeit, unterworfen.[#182]
Um
islamische Gesellschaften dennoch zu demokratisieren, ist es
nach Mernissis Überzeugung unumgänglich, zu Werten und
Lebensweisen der vorislamischen Zeit zurückzukehren. In dieser
Epoche habe es beispielsweise unterschiedliche Eheformen gegeben,
wodurch es Frauen möglich gewesen sei, ein selbstbestimmtes
Leben zu führen. Die heutige muslimische Männerwelt wisse
nur zu gut, weshalb sie diese Zeit als zügellos und »chaotisch«
(fitna) darstellte. Hinter der Begeisterung für islamische
Werte und Vorschriften stecke das Bestreben, traditionelle Formen
»islamischer« Kontrollmacht zu bewahren bzw. wieder zu
etablieren. Auf diese Weise hätten Muslime eine vorzügliche
Legitimationsbasis, um »ihre« Frauen weiterhin oder
wieder von der Arbeitswelt und Öffentlichkeit fernzuhalten
(Mernissi 1987). In »Die Angst vor der Moderne«
erweitert Mernissi diese These von der Angst vor Kontroll- und
Machtverlust zu einer Angst der Männer vor dem Eingeständnis
der eigenen Sterblichkeit. Weil Frauen über das Gebären
»im geheimsten Innern unseres Unterbewußtseins«
mit dem durch die Religion geleugneten Tod verbunden seien, stelle
deren Präsenz in der Öffentlichkeit für muslimische
Männer eine unerträgliche Beunruhigung dar.
Hier ist nicht der Ort, um solchen Fragen vertieft nachzugehen, aber
wie z.B. eine begriffsgeschichtliche Abhandlung von Mohammad H.
Kamali zeigt,
hatte und hat fitna eine Vielzahl von Bedeutungen und wurde im Laufe
der Jahrhunderte mit sehr unterschiedlichen Konnotationen verwendet.
So eindeutig, wie Mernissi den Eindruck erweckt, ist ihre
Übersetzung und Auslegung mit Sicherheit nicht.
Allein
schon aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Vertrautheit mit der
islamischen Kultur, speziell der Literatur und den Medien,
gelten ExpertInnen aus islamischen Ländern als kompetent
und vertrauenswürdig, wenn es um die Interpretation islamischer
Quellentexte geht. Mernissi wie auch etliche andere der zitierten
AutorInnen haben sich in Literaturberge vergraben, in Archiven
recherchiert und Gelehrte interviewt. Trotzdem sollten ihre
Ergebnisse, insbesondere wo es sich um die Auslegung von
Quellentexten zur Untermauerung ihrer eigenen »Weltanschauung«
handelt, kritisch unter die Lupe genommen werden. Was heißt es
beispielsweise, wenn Bassam Tibi Muslimen das Recht abspricht, sich
über die Hegemonie des Westens zu beklagen, da sie doch selbst
geradezu besessen seien von einem bornierten Überlegenheitsgefühl
gegenüber dem Rest der Menschheit? Und das keineswegs nur aus
Ressentiments gegenüber den ökonomisch, tech- [#183]
nologisch und kulturell erfolgreicheren Europäern und
US-Amerikanern, sondern aus tiefer religiöser Überzeugung,
denn die Vorrangstellung der Muslime sei essentieller Bestandteil
des islamischen Glaubens.
Im
Zusammenhang mit seiner These von der »halben Moderne«,
die die Muslime gern zu übernehmen bereit seien, nicht aber
Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrechte, wirft Tibi ihnen
vor, unter dem Vorwand einer »Islamisierung der Technologie«
die »Wiederherstellung der islamischen Überlegenheit«
zu betreiben, und zwar mit Waffengewalt. Diese »instrumentelle
Aneignung von Wissenschaft und Technologie mit dem vorrangigen Ziel,
erfolgreicher Krieg zu führen«, warnt er den nach seiner
Ansicht ahnungslosen Westen, »spaltet … die Weltgemeinschaft
und bedroht ihren Frieden« (1992b, S. 24). Zum Beleg für
einen der Religion inhärenten Vormachtsanspruch verweist Tibi
auf die alle Koransuren (bis auf die neunte) einleitende
Formulierung »Bismillah ar-Rahman ar-Rahim« (die
basmala, wörtlich: Im Namen des barmherzigen, des gütigen
Gottes), mit der Muslime, wie es religiöse Vorschrift ist, jede
Handlung, sei es eine Mahlzeit, eine Reise oder eine Äußerung
zu theologischen, philosophischen, sozialen oder politischen Fragen,
einleiten. Nach Tibis Darstellung maßen sie sich damit
gewissermaßen eine göttliche Autorität und das Recht
an, Andersdenkende »im Namen Gottes« zu verurteilen.
Zutreffend bezeichnet Tibi eine solche Einstellung als »Häresie«,
vergißt jedoch zu erwähnen, daß er mit seiner
Auslegung dieser Formel in der islamischen Welt ziemlich allein
dasteht.
Im Koran läßt sich eine derartige Anstiftung zum
Größenwahn gewiß nicht ableiten, und so käme
außerhalb psychiatrischer Anstalten wohl kaum ein Moslem auf
die Idee, sich auf diesem Wege selbst zum Gott zu erheben.
»Bismillah ar-Rahman ar-Rahim« läßt sich im
Gegenteil eher als Geste der Demut verstehen, mit der Menschen die
Begrenztheit ihres Wissens zum Ausdruck bringen und um Beistand
bitten, nichts Falsches und den islamischen Geboten Zuwiderlaufendes
zu tun oder zu sagen. »Jede Handlung ist unerlaubt«,
erläutert der islamische Gelehrte Seyyed Hossein Nasr, »an
deren Beginn ein frommer Muslim diese Formel nicht aussprechen
kann«.
«Fundamentalisten«
eine Begeisterung für Kriegstechnologie mit dem Ziel einer
islamischen Weltherrschaft anzukreiden, mag auf den ersten Blick
plausibel erscheinen. Es gibt die das westliche Vorstellungsbild vom
Islam [#184] prägende Militanz, und die Äußerungen
mancher »Fundamentalisten« können bei Ausblendung
der sozialen und politischen Zusammenhänge durchaus so
verstanden werden wie Tibi es darstellt. Doch was von ihm und
anderen als Belegmaterial für einen dem Islam inhärenten
Anspruch auf Überlegenheit und Weltherrschaft vorgelegt wird,
läßt sich ebenso aus christlichen und jüdischen
Quellen finden. Und die bekanntlich nur humanitären und
demokratischen Prinzipien sowie den Menschenrechten verpflichteten
US-amerikanischen und europäischen Politiker haben gewiß
nur das Wohl der Menschheit im Sinn, wenn sie den Führungsanspruch
des Westens bei der Gestaltung einer »neuen Weltordnung«
anmelden. Im Koran und anderen islamischen Quellentexten lassen sich
zahllose Passagen finden, die Muslime zu Verständigung und
Frieden anhalten. So werden sie im Koran (Sure 5:48) aufgefordert,
mit Christen und Juden im Guten zu wetteifern. Im Jenseits werde
sich dann klären, worüber im Diesseits Uneinigkeit
herrsche. Für Weltherrschaftsanspruch und Militanz könnte
weiter die Tatsache sprechen, daß islamische Länder
Unsummen für Waffenimporte ausgeben. Doch wer sind denn die
Waffennarren? Zum größten Teil Monarchen und Diktatoren,
denen es um Erhalt und Erweiterung ihrer eigenen Macht geht, gewiß
nicht um die Verwirklichung islamischer Prinzipien. Und wer liefert
ihnen ihr »Spielzeug«? Wer unterstützt und
finanziert sie, selbst gegen den offenkundigen Willen der
Bevölkerung? Sind das etwa nicht die demokratischen Staaten des
»freien Westens«, allen voran die USA?
Von den Unsummen, die gerade im Westen nach wie vor für
Entwicklung und Produktion von Kriegstechnologie für den
eigenen Bedarf ausgegeben werden, einmal ganz abgesehen. Davon ist
bei Tibi allerdings nichts zu lesen.
Nach
unserem Eindruck ist die »freizügige« Art, wie
Mernissi oder Tibi mit dem Koran und anderen Texten umgehen, für
islamkritische ExpertInnen durchaus typisch. Damit wollen wir
selbstverständlich nichts dagegen sagen, daß sie
herkömmliche Lehrmeinungen in Frage stellen oder selbst neue
Auslegungen wagen. Wo dies gegen die übliche(n) Auffassung(en)
geschieht, müßte es jedoch deutlich gemacht und begründet
werden. Statt dessen wird der Eindruck erweckt, es handele sich um
die einzige oder zumindest um eine allen MuslimInnen geläufige
Lesart. In den oben erörterten Neuinterpretationen geht es
allerdings primär offenbar um Belege für ein Bild »des
Islam« als mit demokratischen Prinzipien unvereinbar und von
einem militanten Weltherrschaftsanspruch besessen. Um so mehr
überrascht es, wenn VertreterInnen einer solchen Auffassung vom
Islam [#185] beteuern, in einer islamischen Kulturtradition zu
schreiben. »Ich bin selber Muslim«, betont Tibi im
Vorwort zu »Die fundamentalistische Herausforderung«,
und warnt seine Leser dringend davor, ein »Feindbild Islam«
zu entwickeln (1992c, S. 11). Doch er selbst ist es, der
Überheblichkeit bis hin zum Weltherrschaftsanspruch,
Engstirnigkeit und Militanz direkt aus den religiösen
Quellentexten ableitet. Wo sich in den letzten Jahren Völker
dem politischen Islam zugewandt haben, seien sie vom Regen in die
Traufe geraten. Was soll an so einer Religion nicht hassens- und
verachtenswert sein?
Ebenso
verhält es sich mit Mernissis Position: Einer ihren
Darstellungen entsprechenden islamischen Lehre, in der Frauen und
»Volk« unterdrückt und mißachtet werden, die
es rechtfertigt, die Bevölkerungsmehrheit prinzipiell von der
politischen Partizipation auszuschließen etc., wäre aus
einer demokratisch-feministischen Position, zu der sie selbst sich
bekennt, die geringste Anerkennung und Achtung zu verweigern. Was
Mernissi – außer vielleicht strategischen Motiven –
dazu veranlaßt, an dem dermaßen negativ bewerteten Islam
festzuhalten (und sei es nur als »kulturelles Erbe«),
ist uns ein Rätsel. Tiefergehende Analysen der Prägung
ihrer wissenschaftlichen Arbeiten durch die Idealisierung des
Westens sind uns hier nicht möglich. Sie scheint uns jedoch so
offenkundig, daß wir uns wundern, wie wenig davon in der –
meist emphatischen – Rezeption im deutschsprachigen Raum Notiz
genommen wird. Würde eine westliche Sozialwissenschaftlerin in
ähnlicher Weise die Mächtigen im Staate darüber
»aufzuklären« versuchen, wie sehr es doch zum
Nutzen aller wäre, wenn Mann bitte endlich die Fähigkeiten
der Frauen und deren Bereitschaft anerkennen würde, sich für
das Wohl der Menschheit einzusetzen, könnte sie sich damit in
linken und feministischen Kreisen gewiß kein Renommee
erwerben. Ebensowenig können wir uns vorstellen, daß eine
von der Überlegenheit der islamischen Kultur überzeugte
europäische Wissenschaftlerin als Repräsentantin der
»christlichen« oder »abendländischen«
Frau Anerkennung fände wie Mernissi als Stimme »der
islamischen Frau«.
Mit ihren
Publikationen ist Mernissi allerdings durchaus repräsentativ
für die politische Einstellung jener WissenschaftlerInnen und
PhilosophInnen aus der islamischen Welt, die in Westeuropa zur
Kenntnis genommen werden. So vertritt sie auch mit ihrer
affirmativen Einstellung zur »Moderne« unter
Intellektuellen aus der arabisch-islamischen Region keine
Außenseiterposition. Ähnlich wie sie äußerten
sich z.B. etliche von westlichen Medien zur Einschätzung des
Golfkrieges aus arabischer Sicht herangezogene Experten. Der
exilierte irakische Schriftsteller Abdel Kader Al-Janaby meinte, mit
dem Golfkrieg sei der Verfall der zuvor so »bewunderten und
verehrten« westlichen Kultur sichtbar geworden. Statt –
wie zuvor – für Aufklärung, Freiheit und
Menschenrechte zu stehen, habe der Westen sich als gewalttätig,
militant [#186] und die Araber verachtend gezeigt. Allerdings ist
nach seiner Überzeugung von der islamischen Kultur erst
recht nichts mehr zu erhoffen.
Nach Ansicht des ebenfalls befragten in Frankreich lebenden
algerischen Religionswissenschaftlers Mohamed Arkoun befindet sich
diese gegenwärtig in einer desolaten Verfassung. Ihr Niveau
liege unterhalb des bereits im zehnten Jahrhundert Erreichten, was
sich schon darin zeige, daß es aus der Feder arabischer
Intellektueller keine einzige neue Perspektiven eröffnende
Gesellschaftsanalyse gebe (ZEITmagazin 16/1991). Dieses auf den
Westen fixierte Modernisierungsideal treibt zuweilen recht seltsame
Blüten, z.B. wenn der syrische Philosoph Sadik Al-Azm die acht
Jahre des Krieges zwischen Irak und Iran in ein positives Licht
rückt, weil während dieser Periode eines enormen
Modernisierungsschubes die Befreiung der irakischen Frauen größere
Fortschritte gemacht habe als in den fünfzig Jahren zuvor.
Was in solchen Äußerungen immer wieder deutlich wird, ist
die Identifikation mit Werten und Lebensstil des Westens. »Wir
können uns den Luxus nicht erlauben«, meint Al-Azm,
»liebgewonnene Werte und Traditionen zu erhalten, wenn dies
auf Kosten der Modernisierung geht. Wir leben in einer
kapitalistischen, leistungs- und wettbewerbsorientierten Welt, deren
Spielregeln in Europa, Nordamerika und Japan festgelegt werden.
Entweder orientiert man sich an dieser Realität, oder man
landet im Mülleimer der Geschichte.«
Ohne hier
in eine Debatte mit Mernissi und den zitierten Philosophen eintreten
oder sie gar im Detail widerlegen zu wollen, basiert die Akzeptanz
ihrer Einschätzungen »des Islam« oder »der
islamischen Kultur« als starr und reaktionär nach unserem
Eindruck im wesentlichen darauf, wie sie sich und ihre Thesen
präsentieren: Sie denken und argumentieren wie wir,
verhalten sich wie wir (bis hin zu »vertrauensbildenden«
Äußerlichkeiten wie einem europäischen Lebensstil,
modischer Kleidung – kein Kopftuch! -, Alkoholkonsum etc.).
Mernissi beabsichtigt, mit dem bereits erwähnten Buch »Die
Angst vor der Moderne« (1992) einen konstruktiven Beitrag zur
Modernisierung und Pluralisierung des Islam zu leisten, das heißt
zu einem Islam, in dem zentrale Glaubensüberzeugungen zur
Disposition gestellt, als antiquiert über Bord geworfen und bei
Bedarf durch Versatzstücke aus anderen Religionen und
Weltanschauungen ergänzt und ersetzt werden können. Dabei
handelt es sich um ihre Auslegungen islamischer Quellentexte und um
ihren Entwurf künftiger »islamischer«
Gesellschaftsentwicklungen, die [#187] aber von MuslimInnen, die
ihre Religion nicht in einem »postmodern«-beliebigen
Sinne verstehen, keineswegs geteilt werden. Mernissis Publikationen
stehen deshalb nicht, wie in der deutschsprachigen Rezeption oft der
Eindruck vermittelt wird, für die Kritik muslimischer Frauen am
Islam, sondern für die Ansichten einer kleinen, westlich
orientierten Minderheit unter den Frauen in islamischen Ländern.
Ihre Erfolge auf dem deutschen Buchmarkt und bei öffentlichen
Veranstaltungen zeigen, wie sehr es unsere Rezeptionsbereitschaft
fördert, daß sie einerseits eine – nach westlichen
Kriterien – attraktive Frau mit einem gewissen exotischen
Flair ist und daß sie zweitens »den Islam«, die
islamische Geschichte und die wechselvolle Rolle von Frauen in
dieser Geschichte nach unseren Standards aufbereitet und
daraus schließlich auch ihre eigenen Bewertungen ableitet. Ob
eine Idee, Kritik usw. von vielen oder wenigen, von reichen oder
armen, von gebildeten oder ungebildeten Menschen vertreten wird,
besagt – für sich genommen – selbstverständlich
nichts über deren »Qualität«. Auch wollen wir
keineswegs bestreiten, daß Mernissi und ähnlich denkende
WissenschaftlerInnen, JournalistInnen etc. aus islamischen
Ländern dazu beitragen, unseren Blick auf »die
islamische Welt« zu lenken, daß sie Informationen
vermitteln und zum Nachdenken anregen. Ihre Bücher sollten
jedoch als Beiträge zur Forschung gelesen werden, die –
wie alle Forschungsergebnisse – auf ihre Prämissen, ihre
Belege usw. zu überprüfen und zu diskutieren sind, und
nicht, wie in der Rezeption üblich, ungeprüft als Wahrheit
über »den Islam« und »die Muslimin«.[#188]
VI. Das Bild der Muslimin im Kontext
rassistischer Ausgrenzungen
1. Anti-islamischer Rassismus
Zweifellos
würden die meisten Deutschen es empört von sich weisen,
wegen ihrer Haltung gegenüber dem Islam und gegenüber
MuslimInnen mit rassistischen Denk- und Verhaltensweisen in
Verbindung gebracht zu werden. Jedoch gilt es weithin als geradezu
natürlich, wenn Deutsche auf diese in der Regel als fremd,
aggressiv und mittelalterlich etikettierte Religion und ihren
Anhänger mißtrauisch bis ablehnend-aggressiv reagieren.
Eine skeptische, oft dezidiert negative Einstellung dominiert in
allen Bevölkerungsschichten und ist von den sonstigen
politischen Orientierungen relativ unabhängig. Auch Linke und
Feministinnen bekennen sich freimütig dazu, gegenüber dem
Islam und praktizierenden MuslimInnen Distanz zu wahren. Sogar wenn
sie selbst vermuten, daß dabei Unwissenheit und Vorurteile
eine erhebliche Rolle spielen könnten, nehmen sie das doch nur
selten zum Anlaß, Kontakte zu suchen, sich Informationen zu
beschaffen und über Ursprünge und Folgen ihrer Einstellung
nachzudenken.
Von
»rassischer Minderwertigkeit« oder ähnlichem ist
selten die Rede, wenn es in aktuellen Debatten um die weltpolitische
Bedeutung des Islam oder um die Folgen einer nun schon Jahrzehnte
andauernden Migration von MuslimInnen nach Westeuropa usw. geht.
Doch bedeutet der Verzicht auf den Begriff »Rasse«
keineswegs, daß es sich bei Warnungen vor dem islamischen
»Fundamentalismus« und der islamischen Militanz, vor
einem Rückfall Europa benachbarter Staaten ins Mittelalter oder
vor kultureller Überfremdung Westeuropas durch kinderreiche
muslimische »Gastarbeiter und Asylanten« nur um
die Artikulation von Vorurteilen, Fremdenangst und durch soziale
Krisen ausgelöste Ausländerfeindlichkeit handelt. Der
zeitgenössische Rassismus zeichnet sich ja im Gegenteil gerade
dadurch aus, daß er sich – scheinbar wertneutral und
gelegentlich sogar mit toleranter Attitüde – auf
kulturelle Andersartigkeit und bedauerliche, doch unüberbrückbare
Unverträglichkeiten im (zu) engen Zusammenleben beruft.
Statt im Blut und in den Genen werden Differenzen nun vorwiegend in
der Kultur [#189] verortet, wobei allerdings implizit auch hier
meistens eine Verankerung des Sozialverhaltens in der »Natur«
vorausgesetzt wird. Obwohl sich also, anders als früher, nur
sehr wenige Bürger westlicher Demokratien offen als Rassisten
bekennen, ist der Rassismus nicht aus der Welt verschwunden. Was
sich z.T. verändert hat, sind dessen Artikulationsformen und
politische/theoretische Begründungen. Für die ungebrochene
Verankerung rassistischer Stereotype im Welt- und Menschenbild
vieler EuropäerInnen und US-AmerikanerInnen liefert das von
Betty Mahmoody und ihrem Co-Autor William Hoffer verfaßte Buch
»Nicht ohne meine Tochter« (1990) ein vorzügliches
Beispiel. Von Rassenmerkmalen und -eigenschaften im »klassischen«
biologistischen Sinne findet sich darin kein Wort, was es Mahmoody
dann auch leicht machte, entsprechende Vorwürfe guten Gewissens
zurückzuweisen. Das Rassistische dieses Schundromanes liegt in
der Betonung vermeintlich unüberwindlicher kultureller
Differenzen, in der Erklärung alltäglicher
Verhaltensweisen aus der »orientalischen Mentalität«
sowie in der ständigen Überprüfung des von der
Autorin wahrgenommenen Ausschnitts der iranischen Gesellschaft am
Maßstab der westlich-amerikanischen Lebensweise. Ohne das
ausdrücklich zu thematisieren, wird den LeserInnen ein
gegensätzliches »natürliches« Wesen von
AmerikanerInnen und Orientalnnen suggeriert, das sich zwar –
wie im Falle von Bettys Ehemann Bozorg Mahmoody – eine
Zeitlang [#190] verbergen und verleugnen läßt, letztlich
aber doch immer wieder durchschlägt.
Gegen den
Islam oder gegen MuslimInnen gerichtete Diskriminierungen und
Aggressionen werden oft gar nicht als Rassismus wahrgenommen und
spielen eine entsprechend geringe Rolle in antirassistischen
Kampagnen. Auch das hängt zweifellos damit zusammen, daß
der Islam allgemein als besonders »fremd« gilt, als
Ängste und Abwehrreaktionen provozierend und als mit
abendländisch-christlichen (oder atheistischen) Werten und
Lebensformen kaum zu vereinbaren. Hubert Mohr weist darauf hin, daß
es eines Repertoires von »Fremdzeichen« bedarf, um eine
andere Kultur als solche auszumachen. Aus seinen Medienanalysen
destilliert er einen Katalog von Identifikationsmerkmalen heraus,
die es nichtmuslimischen Deutschen ermöglichen, Muslime und
Musliminnen zu erkennen, z.B. visuelle Zeichen wie
Schleier/Kopftuch bei Frauen, Bart und Turban bei Männern, die
dunklere Hautfarbe (phänotypische Merkmale), weiter die
Gebetshaltung, das Schächten von Tieren (Handlungen), die
arabische Schrift (mediale Merkmale), Moscheen und Minarette
(architektonische Zeichen), Teppiche (Zeichen der materiellen
Kultur) und Embleme wie der Halbmond. Hinzu kommen auditive
Zeichen: die Sprache (mit bestimmten Rachenlauten), der Ruf des
Muezzins, die Musik sowie olfaktorische Zeichen, etwa der
Knoblauchgeruch, der Pfefferminztee, Kebab und andere Speisen (1994,
S. 36 f.). Diese Merkmale sind zugleich »Grenzzeichen«.
Ihre weithin unhinterfragte Akzeptanz und Resistenz gegen Versuche,
sie durch differenziertere, verschiedene Perspektiven
berücksichtigende Sichtweisen zu ersetzen, führt Mohr
darauf zurück, daß sie erstens formal, einfach und leicht
erkennbar sind (Reduktionsfunktion), zweitens in der Realität
durchaus eine Entsprechung finden (Identifikationsfunktion),
drittens sich um einen »gesellschaftlichen Überlieferungskern«
aus Kulturkontakten gruppieren und viertens zur »unbewußten
Welt« einer Gesellschaft gehören, zum Bestand ihrer
Mentalitäten und »Habitualisierungen« (ebd., S.
39).
Wie
bestimmte Zeichen gesetzt und benutzt werden, um die fremde
islamische von unserer abendländischen Kultur
abzugrenzen, läßt sich vorzüglich in den Artikeln
der auf den Solinger Mordanschlag folgenden SPIEGEL-Ausgabe
(23/1993) erkennen: Für Rudolf Augstein gehören die Türken
»einem Kulturkreis an, der mit dem unseren vor und nach Prinz
Eugen nichts gemein hat«. Sie wurzeln nun einmal nicht in den
westeuropäischen »Kulturgärten«, weshalb
Augstein überhaupt nichts von doppelter Staatsangehörigkeit
hält. Wenn sie denn schon hier bleiben wollen, müssen
TürkInnen sich klar von ihrer kulturellen Herkunft, speziell
von ihrer [#191] Religion, distanzieren und ein Bekenntnis zum
Deutschtum ablegen. Wie dieses auszusehen hat, wird in demselben
Heft unter dem Titel »Weder Heimat noch Freunde« näher
ausgeführt. Als Prototyp des guten »modernen
Deutsch-Türken der zweiten Generation« wird hier der
Kraftfahrer Cömert Hayder präsentiert, der mit seiner
Familie in einem Hochhaus »mit sehr deutschem Wohnzimmer und
Einbauküche« lebt und sich auch sonst perfekt angepaßt
hat. »Zu Hause sprechen die Hayders Deutsch. Sohn Güney,
8, kann kaum noch Türkisch.« Und, Gipfel des
Zivilisierungsfortschrittes: »Auch Vater Cömert hat mit
der Tradition und dem Islam gebrochen, ißt Schwein und trinkt
Alkohol.«
Diese Darstellung in einem allgemein als Forum des wohlhabenderen
und gebildeteren Teils der BRD-Bevölkerung und damit
meinungsführend anerkannten Blatt entspricht weitgehend den
Äußerungen in Interviews des Instituts für Sprach-
und Sozialforschung zum Alltagsrassismus. Auch hier wird durchgängig
deutlich, daß »Gastarbeiter« sich nach deutschen
Erwartungen den hiesigen Sitten und Wertvorstellungen anzupassen
haben, um wenigstens als Arbeitskollegen oder Wohnungsnachbarn
geduldet zu werden. Konkret bedeutet das vor allem die Abkehr von
islamischen Glaubensüberzeugungen, Praktiken der
Religionsausübung (Beten, Fasten, Alkoholverbot etc.) und
Kleidungsvorschriften (vgl. S. Jäger 1992).
J. Manuel
Delgado legte 1972 eine der ersten Untersuchungen über »Die
›Gastarbeiter‹ in der Presse« vor. Er
analysierte die Berichterstattung nach Nationalitäten; wie in
den meisten Veröffentlichungen über »Gastarbeiter«
der damaligen Zeit spielt die Religion/Kultur der Zuwanderer nur
eine periphere Rolle. Teilweise würden LeserInnen, die mit den
Verhältnissen nicht vertraut sind, kaum darauf kommen, daß
der größte Teil der Arbeitsmigranten aus islamischen
Ländern kam (und auch nicht, daß es sich zu einem
erheblichen Teil um Frauen handelte). Geht man davon aus, daß
damals wie heute fast alle Türken Muslime waren,
finden sich bereits bei Delgado Aussagen, die im wesentlichen auch
heute noch zutreffen dürften. So dominieren nach seiner
Auswertung Zeitungsberichte über Türken in der Kategorie
»Sensation-Kriminalität«, während sie in den
»Good-will«-Artikeln, gemeinsam mit den Jugoslawen, das
Schlußlicht bilden.
In »Ausländer und [#192] Massenmedien«,
herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung,
kommt auch Klaus Merten zu dem Ergebnis, daß türkische
Arbeitnehmer auf der »Skala der Verachtung« am weitesten
unten stehen. Die von Deutschen empfundene »kulturelle
Distanz« zu den »Gastarbeitern« unterscheidet sich
je nach ihrer Herkunft beträchtlich (1987, S. 72 f.). Soweit
uns bekannt ist, hat Michaela Özelsel bisher als einzige in
einer Untersuchung zur sozialen Distanz zwischen »Türken,
die an ihren Traditionen festhalten« und »Türken,
die sich an deutsche Sitten anpassen« differenziert. Dabei
ergab sich auf die Frage nach der Bereitschaft, »Fremde«
unterschiedlicher Herkunft als Schwiegersohn oder -tochter in die
engere Verwandtschaft aufzunehmen, eine bemerkenswerte Diskrepanz:
Schweizer
83%
Engländer
79%
weiße
Amerikaner 54%
anpassungswillige
Türken 50%
Italiener
42%
farbige
Amerikaner 29%
traditionelle
Türeken 8%
(Özelsel
1990, S. 42)
Diese
Ergebnisse verweisen auf die Notwendigkeit, die offenbar sehr
unterschiedlichen Einstellungsmuster zu »anpassungswilligen«
und »traditionellen« TürkInnen in künftigen
sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu berücksichtigen.
2. Argumentationsstrategien,
Metaphern und Kollektivsymbole
Im
Vergleich zum alten »traditionellen« Rassismus, wo die
»Minderwertigkeit« bestimmter »Rassen« oder
sonstwie durch Kultur, Religion, Sozialstatus usw. definierter
Gruppen offen behauptet wurde und entsprechend unkaschiert die
Grundlage politischer Programme und wissenschaftlicher Theorien
bildete, sind Bekenntnisse zu einer Menschheitshierarchie nach
Hautfarbe, Kultur etc. heute weitgehend verpönt. Während
einerseits die rassistisch motivierte Gewalttätigkeit in den
letzten Jahren furchterregend zuge- [#193] nommen und die
öffentlichen Debatten, z.B. anläßlich der Aushöhlung
des Asylrechts 1993, eine vorher schwer vorstellbare »Festung
Europa«-Mentalität zutage gebracht hat, will – von
einer kleinen rechtsextremistischen Minderheit abgesehen –
andererseits niemand etwas mit rassistischen Ideen zu tun haben.
Dementsprechend breit ist der Konsens in der Überzeugung, die
Bundesrepublik sei kein »ausländerfeindliches«
Land. Sozialwissenschaftliche Rassismusanalysen, die nur
Brandanschläge, brutale Aggressivität und Hetzparolen
gegen Ausländer im Blick haben, werden daher bestenfalls die
für eine nach Einkommen, Bildung und Sozialprestige im unteren
Drittel der bundesdeutschen Gesellschaft zu verortende
Gruppe/Schicht typischen Artikulationsformen rassistischer Gesinnung
erfassen, nicht aber die subtileren, indirekteren, sich oft sogar
als »ausländerfreundlich« maskierenden der
gebildeteren und wohlhabenderen Schichten.
Um diese
transparent zu machen, hat sich die Diskursanalyse als besonders
geeignete Methode erwiesen. Sie geht davon aus, daß
rassistische Einstellungen durch Kollektivsymbole vermittelt
werden, d.h. kollektiv verankerte Bilder als Träger
symbolischer Bedeutungen. Jürgen Link hat während des
Golfkrieges am Beispiel von Karikaturen eindrucksvoll dargestellt,
wie Bilder des »Fanatikers«, des gefährlichen
»Irren« etc. konstruiert und wirksam werden.
Wesentliches Element des arabisch/islamischen Feindbildes sind
Gefahr signalisierende Symbole (z.B. verbunden mit Revolution,
Krieg, Chaos, Tod). Gefährlich sind »die arabische
Mentalität« oder »der Islam« nicht nur für
die unmittelbar von militärischer oder sonstiger Gewalt
Betroffenen, sondern auch – und nicht selten könnte man
den Eindruck gewinnen: vor allem – für uns. Saddam
Hussein, hieß es z.B. im Leitartikel der ZEIT am 31. 8.1990,
»hat seinen Krummdolch an die Halsschlagader der westlichen
Industriegesellschaften gesetzt«.
Bereits die iranische Revolution wurde im Westen mit Bildern
kommentiert, auf denen unser Schah durch
islamisch-fundamentalistische »Massenfluten«
hinweggespült wurde. Ähnliche Vorstellungen von
Katastrophen und existentiellen Bedrohungen weckt der Begriff
»Asylantenflut«. Auf der Hintergrundfolie von
Prophezeiungen uns mit naturhafter Gewalt überflutender
Massen sehen dann plötzlich »auch die kopftücher der
türkinnen auf ›unseren‹ straßen und in
›unserem‹ supermarkt ganz bedrohlich aus« (Link
1982, S. 15 f.). Für die Warner vor einer »Überflutung«
(oder »Unterwanderung«) Europas durch MuslimInnen,
[#194] zu denen, wie dargestellt, auch Experten aus islamischen
Ländern gehören, geht es folglich »nicht mehr um
den Dialog der Kulturen«, vielmehr prognostizieren sie »ein
Zusammenrühren, Aufeinanderprallen oder Zusammenstoßen
kultureller Züge« mit fatalen Konsequenzen (Nair 1992, S.
24).
Neben
Zerrbildern, die die Vermutung einer Art Wahrnehmungssperre
nahelegen, fällt die häufige Verwendung des Schleiers als
Symbol für Gewalt und Tod auf. Generell wird aus
westlicher Sicht mit der Re-Islamisierung entweder etwas
Bedrohliches, Brutal-Zerstörerisches oder aber Todessehnsucht
und Märtyrerkult verbunden. Das Festhalten an einer am Islam
orientierten Lebensweise (bzw. der Wunsch, zu ihr zurückzukehren)
nimmt so unweigerlich pathologische Züge an, etwa wenn
Hélie-Lucas schreibt, daß von »den
Fundamentalisten« aus Angst vor dem »Tod der Identität«
Außenkontakte gemieden und verboten würden, was
zwangsläufig zu »einer totalen Abgeschlossenheit in einer
toten Vergangenheit« führen müsse (1990, S. 29).
Ähnlich heißt es in einer Publikation über
Frauenbewegungen in der »Dritten Welt«, daß »der
Fundamentalismus« seit einiger Zeit »siegreiche
Kampagnen mit dem Ziel [führe], ihre [der Frauen] Identität
endgültig in den Moder religiöser Düsternis zu
verbannen« (Ghoussoub 1989, S. 13). Solche Visionen steigern
sich bis zur Prognose, die Fundamentalisten würden »erst
Ruhe geben …, wenn alle Frauen ohne Recht, ohne Besitz und ohne
Stimme«, d.h. vernichtet seien (Ott in EMMA 6/1990, S. 51).
Nur weil die Frauen in ihrer Funktion des Kindergebärens
unersetzbar seien, würde ihnen von »den Fundamentalisten«
ein gewisses Existenzrecht zugestanden. Wäre das nicht so,
könne man davon ausgehen, daß sie »gezielt die
physische Ausrottung der Frauen vorbereiten« (Flitner im
EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 32). Assoziationen an Tod und
Vernichtung wecken schließlich auch jene Frauen, die auf
Seiten der »Fundamentalisten« stehen.
Deutschen Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen, die
verschleierte Türkinnen, denen sie auf einer Reise begegneten,
als »Totenvögel« bezeichneten, war die damit
verbundene Diskriminierung durchaus bewußt, denn so redeten
sie nur, wenn sie »unter sich« waren. In einer
feministischen Zeitschrift läßt sich das jedoch ungeniert
ausplaudern, da frau glaubt, sich der komplicenhaften Zustimmung der
Leserinnen sicher sein zu können.
Auch die Rückkehr zum Arabischen in Algerien wird aus dieser
Sicht zum »Todesstoß« für emanzipierte Frauen
dramatisiert (Flitner im EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 32). In der
KOMMUNE werden den LeserInnen die von der Re-Islamisierung [#195]
ausgehenden Gefahren mit der »explosiven Wirkung« des
Tschadors bildhaft vor Augen geführt. Derartige Assoziationen
von islamischer Bekleidung mit Militanz und Zerstörung sollen
deutlich machen, daß es sich bei Kopftuch und Schleier nicht
nur eine harmlose Variante im multikulturellen »bunten
Outfit-Geflirre« handelt (vgl. Ulrich 1992, S. 43). Sie sind
vielmehr Teil der »Zeitbombe Fundamentalismus« (Knipper
1994, S. 2).
Nach der
diskursanalytischen Methode ausgewertete Interviews des Duisburger
Instituts für Sprach- und Sozialforschung zum
»Alltagsrassismus« erlauben eine Typologisierung von
Argumentationsstrategien (vgl. S. Jäger 1992, S. 242 ff.), die
wir durch die von uns herangezogene Literatur weitgehend bestätigt
finden.
Auch aus den Zeitschriftenbeiträgen unterschiedlichster
politischer/weltanschaulicher Ausrichtung, aus den
wissenschaftlichen Publikationen usf. läßt sich als
Hauptmerkmal des »modernen« Rassismus dessen Leugnung
herausdestillieren. In den Medien und in der Literatur beginnen
rassistische Äußerungen oft mit der Bemerkung, gar nichts
gegen Ausländer zu haben, um dann mit einem überleitenden
»aber« ungeniert alle Negativstereotype auszupacken.
Diese sehr beliebte »Ja, aber-Strategie« (ebd.,
S. 212) durchzieht die Publikationen zum Thema »Islam«
und »islamische Frau«: Als »Präludium«
weisen die VerfasserInnen es in der Regel weit von sich, etwas gegen
den Islam oder gegen MuslimInnen zu haben; vielfach verstehen sie
sich im Gegenteil als deren FürsprecherInnen und
BeschützerInnen: FürsprecherInnen im Kontakt mit der
deutschen Gesellschaft und BeschützerInnen sowohl gegenüber
Rechtsextremisten und Rassisten als auch gegenüber den
»islamischen Fundamentalisten«. Wie die Autorinnen der
Studie »Die verkauften Bräute«, setzen es sich
WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, die über Migrantinnen
aus islamischen Ländern schreiben, nicht selten explizit
zur Aufgabe, »die Isolation dieser Frauen zu verringern, durch
Kenntnis und Verständnis ihre Integration zu erleichtern«
(so der Klappentext zu Baumgartner-Karabak/Landesberger 1978). Ein –
nach unseren Vorstellungen – »richtig«
ausgelegter, säkularisierter Islam könne ja durchaus
akzeptiert werden. Dazu wollen sie MuslimInnen, die bereit und fähig
sind, sich auf die Moderne einzulassen, den Weg weisen und ihrer
Opposition gegen einen »politischen Islam« den Rücken
stärken. Mit dem Bekenntnis zu solchen guten Absichten stellen
sie sich gewissermaßen selbst einen Freibrief für all das
aus, was dann nach dem »Aber« an negativen,
diskriminierenden Äußerungen über [#196] den
»Fundamentalismus«, die angeblich demokratie- und
frauenfeindlichen Züge des Islam, die chauvinistischen
muslimischen Männer usw. folgt.
Bemerkenswerte
Übereinstimmungen mit der DISS-Studie zeigen sich ebenfalls in
einer ausgeprägt »positiven Selbstdarstellung« der
meisten VerfasserInnen der von uns ausgewerteten Literatur. Noch
nachdrücklicher als die InterviewpartnerInnen von S. Jäger
et al. (vgl. ebd., S. 244) präsentieren sie sich als
demokratisch, weltoffen und antirassistisch. Diese Selbstdarstellung
trägt ebenfalls dazu bei, sich zur »Offenheit« in
der Kritik an Strömungen, Parteien und Personen berechtigt zu
fühlen, die aus dem Islam soziale Konzepte und politische
Forderungen ableiten. Sogar Jean-Claude Barreau hat keine Skrupel,
sich selbst im ersten Kapitel seines Pamphletes, mit dem er »den
Islam« als »primitive«, mit Demokratie und
Menschenrechten nicht zu vereinbarende und die Errungenschaften der
modernen Zivilisation bedrohende Religion in Grund und Boden
verdammt, eine freundschaftlich-kritische Einstellung gegenüber
dem Islam zu attestierten. Schließlich gehe es ihm nur darum,
die Wahrheit offenzulegen. »Rechtfertigungen« spielen
nach unserem Eindruck in der »Frau und Islam«-Literatur
eine erheblich stärkere Rolle als in der DISS-Studie zum
Alltagsrassismus. Den meisten AutorInnen der von uns untersuchten
Literatur ist schon klar, daß sie »den Islam« aus
der Position weltweiter ökonomischer und kultureller Dominanz
beurteilen, wobei der Westen (nicht nur) gegenüber der
islamischen Welt seine eigenen Ideale von Freiheit, Menschenrechten
usw. ständig verrät. Vielen ist zumindest eine gewisse
Verunsicherung anzumerken, wenn sie sich einerseits für das
Recht der »Dritten Welt« auf einen eigenen
Entwicklungsweg stark machen, andererseits der heute weltweit
einzigen Macht, die der »abendländischen Zivilisation«
mit eigenen Vorstellungen entgegentritt, dies als irrational, gegen
die internationalen Spielregeln verstoßend und den Weg in die
Moderne blockierend vorhalten. Für die sich daraus ergebenden
Brüche und Widersprüche im eigenen Denken haben wir in den
vorigen Kapiteln eine Vielzahl von Beispielen angeführt. Nur
aus dem (meistens unbewußt bleibenden) Konflikt zwischen dem
Eintreten für das Recht aller Menschen auf politische und
kulturelle Selbstbestimmung einerseits und der Identifikation mit
den Universalitätspostulaten der westlichen Moderne
andererseits läßt sich das oft wortreiche Bemühen
von (ehemals) Linken und Feministinnen erklären, die eigene
negative Einstellung gegenüber dem als »Fundamentalismus«
ausgegrenzten Islam zu rechtfertigen.
Jäger
et al. trafen in zwei Drittel ihrer Interviews auf eine sie zunächst
irritierende Argumentationsstruktur, nämlich humanitäre
Aussagen, um rassistische Einstellungen zu legitimieren (1992, S.
247 ff.). Ähnlich wie die DISS-Interviewpartner den Topos »Die
Türken unterdrücken ihre Frauen« dazu benutzten, um
diese auszugrenzen und auf dem Status von Menschen zweiter Klasse zu
fixieren (und nicht etwa dazu, sich für die Rechte türkischer
[#197] Migrantinnen einzusetzen), durchzieht diese Einstellung die
Literatur zum Thema »islamische Frau«. Für viele
Publikationen, z.B. Benard/Schlaffers Reportagen, bildet sie
geradezu das Leitmotiv. Die Umkehrung des Rassismus-Vorwurfes in die
These, Araber bzw. Muslime seien noch schlimmer als Europäer
und US-Amerikaner, haben wir ebenfalls bei Benard/Schlaffer, bei
Minces, Millett und in etlichen weiteren Publikationen gefunden.
Während Rückzüge hinter die eigene Unwissenheit in
unserem Material selten vorkommen – kein Wunder, da sich die
WissenschaftlerInnen und JournalistInnen ja gerade als ExpertInnen
verstehen -, ist die Tendenz, sich hinter anderen, besonders hinter
»Autoritäten« zu verstecken, sehr ausgeprägt.
Damit ist nicht das in wissenschaftlichen Arbeiten übliche
Zitieren gemeint, sondern einerseits das Vorschieben von Koryphäen,
um die Dürftigkeit der eigenen Kenntnisse und die Schwäche
der eigenen Argumente zu verbergen, z.B. wenn sich Barreau mit
seiner Feststellung »Der Islam steht dem wissenschaftlichen
Denken entgegen« schlicht auf den berühmten, im 19.
Jahrhundert lebenden Historiker Ernest Renan beruft (1992, S. 51).
Tibi beschwört unverdrossen Max Weber oder Norbert Elias, um
seine eigenen Thesen gegen Kritik zu immunisieren. Geradezu
fassungslos macht es ihn, daß »islamische
Fundamentalisten« nicht bereit sind, Jürgen Habermas als
geistige Autorität anzuerkennen (1992b, S. 139).
Von den
Medien werden andererseits gern Aussagen von Gewährsleuten
aufgegriffen, um entweder der eigenen Interpretation ein
zusätzliches Gewicht zu verleihen, oder aber um wegen
»gewagter« – z.B. rassistischer – Äußerungen
nicht belangt werden zu können. Ein SPIEGEL-Artikel über
den Kopftuchstreit in Frankreich wird mit einem Foto illustriert,
das aus dem Schultor strömende Schülerinnen und Schüler
zeigt, vorneweg zwei Kopftuchmädchen. Dazu die Unterschrift
»Faschismus im religiösen Gewand«. Da es sich um
zitierte Worte des Schulrektors handelt, können die Autoren der
Reportage sich auf eine neutrale Position zurückziehen: Sie
haben nur berichtet, was andere sagen (44/1994). Eine interessante,
nicht so leicht durchschaubare Variante dieses Argumentationstyps
besteht darin, die eigene Auffassung bestätigende Gewährsleute
aus den Kreisen der Diskriminierten selbst zu zitieren: Kaum eine
bürgerlich-liberale Zeitung würde beispielsweise einen
Bericht über die demographische Entwicklung in islamischen
Ländern auf eigene Rechnung mit »Die wahre
Atombombe ist die Zahl der Muslime« überschreiben. Doch
als Zitat aus der ägyptischen »Ahram Weekly« ist
das ohne weiteres möglich.
Durch die »islamische« Quelle und dadurch, [#198] daß
es sich bei dem Verfasser des Artikels wohl um einen Muslim,
zumindest um einen Menschen aus einem islamischen Land
handelt, werden derartige Diffamierungen »gereinigt« und
weiterhin verwendungsfähig gemacht.
Wie wir
im Kapitel »Die Stimme der ExpertInnen« ausgeführt
haben, wird in allen von uns ausgewerteten Literaturgenres gern auf
Sachverständige aus islamischen Ländern verwiesen, seien
es einzig und allein durch ihre Herkunft »qualifizierte«
Personen, seien es renommierte WissenschaftlerInnen,
SchriftstellerInnen, JournalistInnen etc., die bereits durch ihren
orientalisch klingenden Namen plus akademischen Titel oft besondere
Kompetenz zu garantieren scheinen. In Publikationen mit
akademisch-gehobenem Anspruch kommt dieser vielzitierte
Personenkreis in letzter Zeit recht ausführlich zu Wort, und
einige sind, wie Mernissi oder Tibi, erfolgreich mit etlichen Titeln
auf dem deutschen Buchmarkt vertreten. Allerdings handelt es sich
bei diesen »Autoritäten« fast ausschließlich
um Frauen und Männer, die für einen »modernen«,
entpolitisierten Islam eintreten oder sich längst völlig
von der Religion abgewandt haben. Ob das von ihnen so gewollt ist
oder nicht: Sie »dürfen« auch das aussprechen,
wovor viele westliche Islam-Kritikerinnen zurückschrecken, weil
es ihnen als eurozentrisch-arrogant oder rassistisch vorgeworfen
werden könnte. So werden aus Islam-KritikerInnen oder
-GegnerInnen, wie wir gezeigt haben, unversehens RepräsentantInnen
des »wahren Islam«.
Eine
interessante Variante des Rückbezugs auf »Autoritäten«
bildet die gängige Praxis, eigene Behauptungen mit Zitaten aus
dem Koran zu belegen, und das in der Regel ja gerade nicht als
Gläubige, für die der Koran und andere islamische
Quellentexte eine letztgültige Autorität darstellen,
sondern in dem Sinne, wie der Staatsanwalt auf das Tagebuch des
Angeklagten verweist: »Er selbst hat dieses oder jenes
niedergeschrieben!« Ein religiöser Text, dem das, was er
den Gläubigen bedeutet, abgesprochen wird, nämlich
göttliche Offenbarung zu sein, gewinnt so auf anderer Ebene
wiederum Bedeutung als Niederschrift der Wahrheit. Doch handelt es
sich überhaupt um dasselbe Buch, von dem die
»Staatsanwaltschaft« spricht, wenn sie Mißachtung
der Frauen- und Menschenrechte, der Demokratie usw. anprangert? Wir
haben zu zeigen versucht, wie durch Übersetzungsfallen, des
weiteren durch Außerachtlassen der Kommentare zu bestimmten
Koranstellen, durch Ausblenden historischer und sozialer Kontexte
etc. Sinnentstellungen und Fehlinterpretationen entstehen, so daß
der Koran, der Islam-KritikerInnen als Beweistext, als »Autorität«,
dient, mit dem Koran gläubiger MuslimInnen oft nur noch wenig
gemeinsam hat.
Wie die
DISS-Studie zeigt, verbirgt sich alltäglicher Rassismus gern
hinter »Relativierungen« nach dem Schema »Einerseits
ist es nicht richtig, Ausländer als Kriminelle anzusehen,
andererseits …« (vgl. S. Jäger 1992, S. 246). Dieses
Argumentationsmuster ist typisch für die Bemühungen, einen
guten Islam, [#199] der für Deutsche/Westeuropäer
akzeptabel ist, vom bösen »Fundamentalismus«
abzugrenzen. Einerseits dürfe man Muslime keinesfalls, heißt
es dann, mit blindwütigen Fanatikern gleichsetzen, die die
islamische Welt ins Mittelalter zurücktreiben wollen.
Andererseits seien allerdings sehr viele Muslime bereit, sich
derartigen Strömungen anzuschließen. Oder: Einerseits ist
der Islam eine der großen Weltreligionen, deren Anhänger
zu respektieren sind, andererseits gibt es diesen Fundamentalismus
… Ein Argumentationsmuster, das in den DISS-Interviews kaum
vorkommt, spielt in der von uns ausgewerteten Literatur eine
zentrale Rolle: »das Bezweifeln«. So wird durchgängig
betont, daß Musliminnen, die freiwillig ein Kopftuch oder
einen Schleier tragen wollen, dazu selbstverständlich das Recht
haben. Ebenso durchgängig wird aber auch in Frage gestellt, daß
es wirklich Frauen gibt, die dies freiwillig tun (möchten).
»Was aber entscheiden die Frauen wirklich selbst, und was
zwingt ihnen die Gesellschaft auf?« fragt z.B. Nadia Amiri, um
dann drei Sätze später apodiktisch festzustellen: »Der
Schleier ist ein politischer Zwang.« (1992, S. 67) In einem
EMMA-Bericht über Frauen im Iran wird eine Anzeige der
iranischen Regierung, auf der berufstätige Iranerinnen, z.B.
eine Wissenschaftlerin, abgebildet sind, unter der Überschrift
»Wie frei sind sie wirklich?« als billige Propaganda
abgetan, ohne auch nur anstandshalber den Versuch zu machen, die
dagegen gestellten Behauptungen (Moralterror auf der Straße,
Polygamie, Kinderehe etc.) mit Fakten zu belegen (Cerha in EMMA
4/1993). Mernissi handhabt die Strategie des Bezweifelns geradezu
virtuos, wenn sie ständig Fragen nach dem Muster »Könnte
es sein, daß …« in den Raum stellt, um dann in einer
Weise fortzufahren, als wäre der Beweis für ihre
Spekulationen bereits erbracht.
In der
Medienberichterstattung spielen schließlich Bilder eine
zentrale Rolle. Zu Beiträgen über islamische Länder,
über die dort lebenden Frauen oder über MigrantInnen in
der BRD sind verschleierte Frauen ein außerordentlich
beliebtes Motiv. Dabei handelt es sich in der Regel um Frauen, über
die die BetrachterInnen nichts wissen (also keine Prominenten) und
aus dem Text auch nichts erfahren. Meistens ist anzunehmen, daß
die FotografInnen sie ebenfalls nicht kennen. Doch selbst wenn sie
namenlos bleiben, weiß man doch eines: sie tragen den Schleier
nur, weil sie dazu gezwungen sind. So wird ein Artikel über das
boomende Geschäft mit der »Schleier-Literatur«
durch die Abbildung von drei schwarz verschleierten Frauen,
vermutlich Iranerinnen, illustriert. Darunter steht: »Gequälte
Schwestern: Frauen im Tschador«. Die Frauen machen keinen
leidenden Eindruck, sondern blicken [#200] abwartend-neugierig in
die Kamera. Nichts deutet darauf hin, daß sie den Schleier nur
gezwungenermaßen tragen (Meissner im STERN 41/1992). Oder:
Neben einem Artikel über politische Vorgänge in Algerien
wird in der taz eine verschleierte Frau abgebildet, die eine Treppe
heraufkommt. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst, fragend. Dazu heißt
es: »Wer sich als Frau in Algerien heute auf die Straße
wagt, muß der Kleiderordnung der radikalen Islamisten folgen,
um nicht zur Zielscheibe zu werden. Dennoch setzen sich Tausende von
Algerierinnen im täglichen Leben und auf Demonstrationen dem
Terror offensiv und unverschleiert zur Wehr.« (taz v.
1./2.4.1995). In dem Artikel wird über die Frau nichts gesagt.
Woher weiß der Kommentator oder die Kommentatorin, welche
Motive sie hat, sich zu verschleiern? Vielleicht ist sie selbst eine
Islamistin? Mit Sicherheit wäre sie dann mit dem Begleittext zu
ihrem Foto ganz und gar nicht einverstanden. Daß
Verschleierung erzwungen ist, steckt offenbar so tief in den Köpfen
vieler JournalistInnen, daß sie sich der Anmaßung
solcher Sätze gar nicht bewußt sind.
Insgesamt
haben wir im Alltagsdiskurs wie in den Medien und in der
wissenschaftlichen Literatur weitgehend die gleichen
Argumentationsstrategien, Metaphern und Kollektivsymbole gefunden,
die die Sicht »des Islam«, des Lebens von Frauen in
islamischen Gesellschaften sowie die Haltung gegenüber
muslimischen Migrantinnen (und Migranten) bestimmen. Auf einige
Felder anti-islamischer Ausgrenzungsstrategien und -praktiken werden
wir im folgenden nochmals vertieft eingehen.
3. Strategien und Praktiken des
Alltagsrassismus
Schon in
der Schule haben Mädchen, die ein Kopftuch tragen, unter
vielerlei Schikanen zu leiden. Zwar werden sie bedauert, weil ihre
Eltern sie zwingen, »in Sack und Asche zur Schule [zu gehen],
das Kopftuch umgebunden, selbst im Sommer«,
doch ob ihnen die Anpassungsforderungen seitens ihrer deutschen
LehrerInnen und MitschülerInnen nicht mehr zusetzen als
elterliche bzw. religiöse Vorschriften, wird so gut wie nie zur
Diskussion gestellt. In der BRD ist es, anders als in Frankreich,
nicht möglich, Mädchen wegen des Kopftuchtragens vom
Unterricht auszuschließen, doch gibt es immer wieder Versuche
in diese Richtung. Imtisel Tatari, die sich selbst als
hessisch-syrische Muslima bezeichnet und mittlerweile Germanistik
studiert, erinnert sich, wie sie von Mitschülern wegen ihres
Kopftuches als »dreckige Türkin« oder »alte
Oma« beschimpft wurde und kein Lehrer ihr beistand.
[#201] In einem anderen Fall wurde eine Dreizehnjährige vor der
Klasse von ihren Lehrerinnen verspottet, unter Druck gesetzt und
darauf verwiesen, doch besser in der Türkei eine Koranschule zu
besuchen. 1986 schrieb ein nordrhein-westfälisches Schulamt an
die Eltern einer türkischen Schülerin, daß »das
Kopftuchtragen im Unterricht den Integrationsbemühungen der
Schule nicht dienlich sei«. Dem ausdrücklichen Hinweis
auf die Garantie von Meinungsfreiheit und religiöse Toleranz
durch die Gesetze der BRD folgt die Aufforderung an die
Erziehungsberechtigten, ihrer Tochter Hülya »eindeutig
klarzumachen, daß Schule in der Bundesrepublik Deutschland
kein Ort ist, an dem ›heiliger Krieg‹ ausgetragen
wird«. Während des Golfkrieges Anfang 1991, berichtet
eine zwölfjährige Türkin, wurde sie von ihrer
Lehrerin als »Doppelgänger von Saddam Hussein«
bezeichnet, weil sie ihr Kopftuch nicht ablegen wollte.
Viele Schülerinnen schämen sich, von solchen Vorfällen
zu berichten. Und wem auch? Von den LehrerInnen scheint das alles,
wie wir z.B. bei Fortbildungsveranstaltungen für PädagogInnen
immer wieder feststellen, kaum registriert und ganz anders
interpretiert zu werden. Ihr Bild vom Schulalltag muslimischer
Mädchen entspricht eher dem in einer ZEIT-Reportage über
türkische MigrantInnen vermittelten, wonach die Schule der Ort
ist, der diesen Mädchen Freiräume und
Emanzipationsmöglichkeiten gewährt: »Vormittags
selbstbewußte Klassensprecherin, nachmittags folgsame Hüterin
der Wohnung und der jüngeren Geschwister. Vormittags Hamburg.
Nachmittags Anatolien«. Am Ende der Schulzeit sei bei vielen
eine Veränderung zu beobachten: Sie schwänzen, rauchen auf
dem Klo, hören Musik. »Sie wissen: Mit der Schulzeit
werden die unbeschwerten Vormittage ein Ende haben.«
(Gehrmann/Kruse u.a. in DIE ZEIT v. 11.6.1993)
Oft kommt
es vor, daß in der BRD lebende muslimische Jugendliche, sogar
Kinder, für Kriege, Terrorismus und alle nur denkbaren
Mißstände in islamischen Ländern
verantwortlich gemacht werden. Auch wird von ihnen eine Vertrautheit
mit dem Koran und der islamischen Rechtsprechung erwartet, die etwa
der »Bibelfestigkeit« christlicher Katecheten
gleichkäme. Als 1990 eine Lübecker muslimische
Jugendgruppe beantragte, Räume eines Jugendzentrums nutzen zu
dürfen, wurde sie von der Stadtverwaltung aufgefordert, sich
zunächst einmal prinzipiell zu verschiedenen Fragen des
islamischen Glaubens, u.a. zur Stellung der Frau, zu äußern.
Die daraufhin abgegebene »Grundsatzerklärung« fand
vor den Augen des Jugendamtes keine Gnade. Zwar werde darin
ausführlich dargelegt, hieß es in dessen [#202] Antwort,
daß die Gleichstellung der Frau im Rechtsverkehr wie im
Gemeindeleben eine islamische Forderung sei, auch wenn diese
aufgrund überkommener nationaler Traditionen noch nicht überall
praktiziert würde. Doch mit Verweis auf Sure 4:34 (übersetzt
als: »Die Männer stehen über den Frauen …«)
stellte sich die Stadtverwaltung auf den Standpunkt: »Diese
Koranvorschrift ist mit den Zielen unserer Verfassung, die ja nicht
nur eine rechtliche Gleichstellung der Frau verlangt, sondern auch
eine tatsächliche Gleichstellung fordert, nicht vereinbar.«
Bemerkenswert ist nicht nur, wie sich hier ein Kommunalbeamter oder
eine Beamtin als Islam-Experte/in äußert: Allein die
Idee, mit Jugendlichen, die nichts weiter möchten als einen
Gruppenraum, derartige theologische und verfassungsrechtliche
Auseinandersetzungen zu führen, mutet grotesk an. Ob wohl
christliche, jüdische oder nichtreligiöse Gruppen ebenso
ins Kreuzverhör genommen würden?
Zwar
»weiß« jede(r), daß muslimische Migrantinnen
es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, besonders wenn sie eine
berufliche Position oberhalb des Fabrikarbeiterinnen- und
Putzfrauenniveaus anstreben. Selbst wenn sie hier aufgewachsen, zur
Schule gegangen und eine Ausbildung gemacht haben, werden ihre
Deutschkenntnisse und Kompetenzen besonders kritisch unter die Lupe
genommen. Die größten Hürden ergeben sich jedoch aus
eher diffusen Abneigungen. Potentielle Arbeitgeber befürchten,
die Bewerberin passe nicht in den Betrieb, könnte Unruhe
bewirken oder Probleme machen. Um diskriminiert zu werden, müssen
»Ausländerinnen« noch nicht einmal persönlich
in Erscheinung getreten sein. Bereits das Bild, das man sich von
ihnen machen, reicht aus, um abgewiesen zu werden, so wenn eine
junge Deutsche türkischer Herkunft trotz hervorragender
Qualifikationen von einem Unternehmen nicht eingestellt wird, weil
ihr ausländisch klingender, als kompliziert empfundener Name
anrufende Kunden irritieren könnte (BILD DER FRAU v.
27.3.1995). Die fast alle Migrantinnen mehr oder weniger
betreffenden Schwierigkeiten erhöhen sich um ein Vielfaches,
wenn es sich um »Kopftuchtürkinnen« handelt. Wenn
Mädchen mit Kopftuch nach der Schule einen Praktikumsplatz oder
eine Lehrstelle suchen, schreibt Vera Gaserow in der taz, wird das
kleine Stück Stoff rasch zur »Fessel«. Nicht einmal
türkische/muslimische Ärzte seien bereit, sie zur
Arzthelferin – »Traumberuf« türkischer
Mädchen – auszubilden.
Ganze Berufsgruppen, zitiert Gaserow eine Berufsberaterin, blieben
ihnen verschlossen. »BerufsberaterInnen, AusbilderInnen und
LehrerInnen stehen hilflos vor diesem Problem, das mit jeder
Schulabgangsklasse drängender wird.« [#203]
Nach
unserer Einschätzung schildert Gaserow die Situation
zutreffend. Deren Bewertung und ihre Vorstellungen, was unternommen
werden könnte/sollte, um der Diskriminierung entgegenzuwirken,
befremden allerdings. Daß Unternehmen und Behörden kaum
oder gar nicht bereit sind, »Kopftuchtürkinnen«
einzustellen, wird wie ein Naturgeschehen hingenommen. Ebenso findet
sich in dem Artikel kein kritisches Wort, wie in einer sich
zumindest selbst als »links und migrantInnenfreundlich«
verstehenden Zeitung zu erwarten wäre, an die Adresse von
Gewerkschaften oder Betriebsräten, die das offensichtlich
akzeptieren. Es wird auch nicht etwa an Linke, Antirassisten und
Feministinnen appelliert, sich im eigenen Umfeld, z.B. am eigenen
Arbeitsplatz, für Frauen einzusetzen, die nur wegen des
Kopftuches keine Lehrstelle oder keinen Job finden. Statt dessen
macht Gaserow – übereinstimmend mit den von ihr befragten
Pädagoginnen – die Mädchen selbst und deren Eltern
verantwortlich: Das »kleine Stück Stoff«, das den
Eintritt in die Arbeitswelt versperrt, ist für sie nämlich
nicht nur eine Fessel, sondern eine »selbst auferlegte
Fessel«, d.h. die jungen Frauen, die in dieser Aufmachung
chancenlos bleiben, sind es selbst Schuld. Wenn sie, wie eine von
ihr zitierte junge Türkin, auf dem Weg zum Praktikum das Tuch
in der Handtasche verschwinden lassen, wird das dagegen als
Kompromißbereitschaft gelobt, ebenso, wenn Eltern sich von der
Berufsberaterin oder den Lehrerinnen überzeugen lassen, daß
ihre Töchter in dieser Gesellschaft nur ohne Kopftuch die
Chance haben, einen qualifizierten Beruf auszuüben. Wir
verstehen nicht, was daran ein »Kompromiß« sein
soll. Im üblichen Sprachgebrauch bedeutet das ein Nachgeben
beider Seiten. Was Gaserow als »Kompromiß«
bezeichnet, ist vielmehr die »bedingungslose Kapitulation«
junger Musliminnen und ihrer Eltern.
Zahllos
sind die alltäglichen Diskriminierungen. Auf der Straße
treffen Kopftuch tragende Musliminnen abschätzig-feindselige
Blicke, beim Einkaufen oder bei Behördengängen werden sie
leicht »übersehen« oder unfreundlich abgefertigt.
Wollen sie den Führerschein erwerben, macht man ihnen
Schwierigkeiten, weil auf dem Foto ein Ohr zu sehen sein muß.
Eine abweisende Einstellung muß dabei keineswegs mit einer
rechten oder gar rechtsextremistischen politischen Orientierung
verbunden sein. Sie findet sich ebenso in liberalen, weltoffenen
Kreisen, wofür Äußerungen einer jungen Frau aus der
Werbebranche, die im Rahmen einer Untersuchung über die
Einstellung zu Migration und Ausländern interviewt wurde, nach
unseren Erfahrungen repräsentativ sind: »Ich stell’
mir gerade vor, eine Invasion des Islam, der hier rüberschwappt,
die Religion ist ja sowieso unheimlich groß, [#204] ne, und
das möchte ich irgendwie nicht … Islam ist mir irgendwie
unheimlich … diese Menschen sind für unser Verständnis
oder für mein Verständnis irgendwie sehr viel
unzugänglicher, sehr viel aggressiver … Es fällt jedem
auf, die jungen, schönen, vermummelten Mädchen und so, ich
will das jetzt nicht an diesem, an diesem Kopftuch da aufhängen,
aber wenn ich in ein Land gehe und bin da zu Gast, dann bemühe
ich mich, mich der Religion, den Gegebenheiten und den
Gepflogenheiten anzupassen, auch wenn es nicht meine Überzeugung
ist … Umgekehrt passiert das ja nicht, ne. Ich frage mich, warum
sie aufgrund ihrer Religion fortwährend als Provokation hier
herumlaufen müssen, diese jungen Mädchen mit den
Kopftüchern … Die machen mir auch Angst irgendwie, weil die
so fanatisch sind. Fanatisch-religiös. Ich empfinde sie so.«
Obwohl es sich bei der Interviewten mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht um eine politisch rechts oder gar
rechtsextremistisch orientierte Frau handelt, finden sich hier, wie
die AutorInnen Grimm/Ronneberger feststellen, »zentrale
Ideologeme des rechten Diskurses, von der verschwörungstheoretischen
Stilisierung einer Bedrohung und Unterwanderung durch den Islam
(›Invasion‹) über die generalisierende Struktur
der Äußerung (›diese Menschen sind …‹)
bis hin zur Assimilationsforderung«. Deutlich wird hier, daß
die verbreitete Vorstellung, »Modernisierungsgewinner«
seien gegen rassistische Denk- und Handlungsmuster resistent, nicht
zutrifft..
Die
Selbstwahrnehmung Deutscher als freundlich, tolerant und weltoffen
steht in auffälligen Gegensatz zu dem, wie viele
»AusländerInnen« ihre Umgebung erleben. Eine in
Hamburg lebende Exil-Irakerin genießt nicht etwa, wie von den
meisten Deutschen gewiß vermutet wird, die vielen
Möglichkeiten der Hansestadt zum Einkaufen, zur Weiterbildung
und zur Freizeitgestaltung, sondern vermißt die
Selbstverständlichkeit, mit der sie sich in Bagdad in der
Öffentlichkeit bewegen konnte. Hier werde sie in Geschäften,
berichtet sie, nicht selten von deutschen Hausfrauen beiseite
gedrängelt, und besonders unerträglich seien die häufigen
Anpöbeleien (BILD DER FRAU v. 4.2.1991). In deutschen Medien
wird von solchen Vorfällen selten berichtet, und noch seltener
kommen Betroffene selbst zu Wort – auch nicht (oder: schon gar
nicht) in linken oder feministischen Publikationen. Zum Teil liegt
die Ausblendung dieser Gruppe rassistisch Diskriminierter gewiß
daran, daß es kaum Kontakte zwischen Deutschen und Kopftuch
tragenden islamischen Frauen gibt. Welche deutsche Frau vermag sich
vorzustellen, wie sehr sie durch ihr eigenes Verhalten dazu
beiträgt, daß nicht wenige islamisch gekleidete Frauen
die Öffentlichkeit meiden? Aachener Gymnasiastinnen jedenfalls
verging der Spaß am Verkleiden schnell, als sie »wie
Türkinnen angezogen« einen Spaziergang durch die Stadt
unternahmen. Daß daraus ein Spießrutenlaufen würde,
hatten sie nicht erwartet. Ausgelacht und gedemütigt zu werden,
schockierte sie. [#205] »Als sie sich auf einer Bank im
Elisengarten niederließen, rückte alles demonstrativ zur
Seite. Andere standen auf und gingen weg.«
Aber auch die Überzeugung, diese Frauen seien es letztlich
selbst Schuld, wenn sie als Menschen zweiter Klasse behandelt
werden, spielt wohl eine Rolle. Wären sie vernünftig
genug, das Tuch abzunehmen, würde sie das zwar nicht völlig
mit uns gleichstellen, wohl aber von ihrem sichtbarsten »Makel«
befreien.
Fremdheit als auslösender Faktor von
Rassismus
Einige
Begründungsmuster für rassistische Diskriminierungen und
Ausgrenzungen haben wir in den Medien ebenso wie auch in der
wissenschaftlichen Literatur durchgängig gefunden. So wird
MuslimInnen oft angelastet, durch ihr Aussehen oder durch ihr
Benehmen Ängste und Ablehnung zu provozieren sowie sich durch
abweisendes, feindseliges Verhalten selbst aus der Gemeinschaft der
normalen, freundlichen, friedliebenden Menschen auszuschließen.
Islamisch gekleideten Frauen wird oft eine extrem verschlossene und
aggressive Ausstrahlung zugeschrieben. Typisch ist, wie Kate Millett
und ihre Begleiterin erschrecken, als sie 1979 auf dem Teheraner
Flughafen erstmals leibhaftige Iranerinnen im Tschador erblicken:
»Wie schwarze Vögel, wie der Tod, das Schicksal«
kommen diese ihnen vor. Und nicht etwa Millett empfindet sich in
dieser Situation als »Fremdkörper« – wiewohl
in ihrem alten englischen Polizeicape gewiß nicht gerade
dezent aufgemacht –, sondern die verschleierten
Iranerinnen werden von ihr als »fremd, gefährlich,
feindlich« beschrieben (1982, S. 43, 63 u. 126). Mit
verschleierten Frauen in islamischen Ländern, heißt
es immer wieder, sei es fast unmöglich, überhaupt Kontakt
aufzunehmen. So gut wie nie suchen EuropäerInnen oder
AmerikanerInnen die Ursachen für zurückhaltendes und
vielleicht tatsächlich abweisendes Verhalten »der
Fremden« bei sich selbst. Das Recht, als TouristInnen,
JournalistInnen oder WissenschaftlerInnen in der ganzen Welt
herumzureisen und dabei höflich, respektvoll und mit Nachsicht
bei Verstößen gegen ortsübliche Verhaltensformen
behandelt zu werden, ist ihnen eine Selbstverständlichkeit. Der
schlichte Gedanke dagegen, möglicherweise könnten nicht
alle Menschen davon begeistert sein, uns in »ihrem«
Land zu sehen, unser Verhalten könnte als großspurig,
dreist und schamlos gelten, scheint jenseits des
Vorstellungshorizontes zu liegen. Zwar lesen wir ständig
von den verheerenden Auswirkungen des Tourismus (nicht nur) in
islamischen Ländern, doch sind damit selbstverständlich
nicht wir gemeint, sondern die teutonisch-bierseligen
Neckermänner. Zeugt es nicht schon von extremer Rücksichtnahme,
wenn wir in Tunesien oder Ägypten darauf verzichten, uns –
wie daheim – am Strand, im Stadtpark und an sonstigen [#206]
öffentlichen Orten nackt zu bewegen? Erst recht erwarten wir
herzliche Aufnahme, wenn wir nicht als gewöhnliche Touristen
unterwegs sind, vielmehr mit einem »echten« Interesse an
Land und Leuten und ihren Problemen, wenn wir sogar bereit sind, auf
den üblichen Komfort zu verzichten, und ein paar Brocken
»Eingeborenensprache« radebrechen.
Die oft als zurückweisend, ja feindselig empfundene Haltung
verschleierter Frauen dürfte die Einstellung jener
Bevölkerungsschichten gegenüber dem Tourismus zum Ausdruck
bringen, die nicht von der Reiseindustrie profitieren, sondern durch
hohe Preise für Lebensmittel, durch Drogen (und dazu gehört
auch Alkohol), den Konsumstil der Touristen und ihr »unmoralisches«
Verhalten usw. nur dessen Schattenseiten kennenlernen. Darüber
hinaus ist aber auch zu fragen, was westliche Reisende erwarten,
wenn sie beim Anblick von Frauen in »diesen schrecklichen
Körperschleiern« an brutale Unterdrückung und Tod
denken. Kaum vorstellbar, daß diese Frauen in ihrer
»Sträflingskleidung« nicht bemerken, wie wir sie
als »Verkörperung alles Fremden« ablehnen und
verachten. Wie soll auf dieser Basis eine freie, von gegenseitigem
Respekt geprägte Kommunikation – geschweige denn eine
freundliche Atmosphäre – zustandekommen?
Die
»provozierende« Fremdheit wird nicht nur in islamischen
Ländern konstatiert. Von mindestens ebenso großer
Bedeutung ist sie im Zusammenleben mit muslimischen Migrantinnen:
Wie wir in der explizit auf Abbau von Verständigungsbarrieren
und Vorurteilen angelegten Studie über »Türkische
Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien« lesen, werden
heutzutage Ur-Berliner in Kreuzberg »fast täglich mit
neuen türkischen Läden konfrontiert«. Auf der Straße
begegnen ihnen mittlerweile mehr Türken als Deutsche. [#207]
Vor die Alternative gestellt, »sich damit abzufinden, in ein
anderes Stadtviertel zu ziehen oder sich gegen diese Übermacht
an Ausländern zu wehren«, seien manche Deutsche nicht
bereit, zurückzuweichen. Und ihre »Gegenwehr«
drücke sich dann »in einer Diskriminierung der Türken
aus« (Baumgartner-Karabak/Landesberger 1978, S. 81). Die
Turkologin Irina Wießner darf 1994 in der linken taz darüber
aufklären, daß die türkischen Migranten »vielfach
voll Verachtung« abseits von ihren deutschen Mitbürgern
stehen, »und zwar bewußt abseits«. Sie »wollen
nichts mit ihnen zu tun haben«, denn sie können »aufgrund
islamischer Wertvorstellungen und Erziehung die deutsche Lebensart
in keiner Weise akzeptieren«. Die Türken orientierten
sich nach wie vor an einem reaktionären Frauenbild; über
Menschenrechte mit ihnen zu sprechen sei unmöglich, ganz
gleich, ob es sich beim Gegenüber um einen Arbeiter, einen
Taxifahrer, einen Kaufmann oder einen Intellektuellen handelt. Durch
türkische Medien manipuliert und von konservativer
Grundhaltung, ließe sich mit ihnen keine fortschrittliche
Politik betreiben. Daher warnt Wießner nachdrücklich vor
der Doppelstaatsbürgerschaft, denn im Zweifelsfalle würden
die Bindungen an die Türkei stets stärker sein als die
Identifikation mit deutschen Interessen und Wertvorstellungen.
Während
es sich hinsichtlich anderer rassistisch diskriminierter Gruppen
allmählich herumzusprechen scheint, daß nicht das Äußere
und/oder das Verhalten und/oder »ein massenhafter Zustrom von
Fremden« Rassismus auslöst, sondern daß es sich um
ein davon weitgehend unabhängiges, in den gesellschaftlichen
Strukturen verankertes Phänomen handelt, werden »Vorurteile«
gegenüber »den TürkInnen« bzw. »den
MuslimInnen« nach wie vor in erster Linie aus deren Kleidung,
Lebensweise, mit ihrer (zu) großen Zahl und ihrem zähen
Festhalten an einer Religion zu erklären versucht, die
angeblich so gar nicht in den deutschen »Kulturgarten«
paßt.
In einer ebenso wie die »Verkauften Bräute« auf
Aufklärung und Verständigung [#208] angelegten Studie über
die Integration ausländischer Frauen heißt es: »Eine
zusätzliche Schwierigkeit für die Frauen aus der Türkei
ist ihre Zugehörigkeit zur islamischen Religion. In der
Bundesrepublik stößt dieses religiös-kulturelle
Verhalten bei der Bevölkerung oft auf Unverständnis.«
Ganz ohne diskriminierende Absichten wird hier »festgestellt«,
daß »der Islam« maßgeblich für die
Probleme türkischer Migrantinnen in der deutschen Gesellschaft
verantwortlich ist (Huth/Miksch 1981, S. 44).
Viele
»fortschrittliche« Pädagoginnen und Pädagogen
argumentieren ähnlich wie Edith Gumpler, die in ihrer
Untersuchung zur Schullaufbahn und zum Schulerfolg türkischer
Migrantenkinder für die BRD das Fehlen von Zwangsmitteln zur
»Befreiung« muslimischer Mädchen vom Kopftuch
beklagt: »Die strengen Kleidungsvorschriften«, schreibt
sie, »die orthodoxe Gruppierungen schon für Mädchen
ab dem Grundschulalter verbindlich machen, sind in der Türkei
für den staatlichen Unterricht eindeutig untersagt. Da in
Deutschland entsprechende klare Rechtsvorschriften fehlen, müssen
sich türkische Schülerinnen aus orthodoxen Familien schon
im Grundschulalter an Stigmatisierungen gewöhnen, die durch
Bekleidungsmerkmale wie Kopftuch oder langer Rock oder Mantel
ausgelöst werden.«
Wie in dem erwähnten Urteil, wo deutsche Richter es für
eine »logische« Konsequenz islamischer Bekleidung
halten, daß Mädchen auf diese Weise in eine
Außenseiterrolle geraten, wird auch von Gumpler, und zwar mit
den besten pädagogisch-fürsorglichen Absichten, die
Überzeugung vertreten, daß Kopftuch, langer Rock und
Mantel rassistische Ausgrenzung provozieren. Das tut uns zwar
schrecklich leid, aber statt unser Verhalten zu ändern
und z.B. als Eltern oder LehrerInnen dafür zu sorgen, daß
Kopftuch tragende Mädchen nicht gehänselt und von der
Gemeinschaft ausgeschlossen werden, wird muslimischen Eltern (bzw.
»dem Islam«) kaltherziger Rigorismus vorgeworfen, weil
sie kleine Mädchen dem deutschen Rassismus ausliefern.
Werden
Benachteiligungen in der Schule, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt,
Schikanen im Alltag, Pöbeleien und Gewalt aus dem unangepaßten
und »provozierenden« Verhalten der »Fremden«
selbst erklärt, müssen auch Veränderungen
logischerweise bei ihnen ansetzen, wobei der erste und nach unserem
Verständnis einfachste Schritt darin bestehen sollte, das
Kopftuch abzulegen. Das, meinen wir, würde es uns
sehr erleichtern, sie in unserem Blickfeld zu ertragen. Und
wenn sie sich dann noch dazu aufraffen könnten, sich dem
deutschen Lebensstil anzupassen und gegenüber ihren Männern
[#209] emanzipiert aufzutreten (auch mal allein in die Kneipe!),
wären wir durchaus bereit, gewisse kulturelle Elemente
zu tolerieren, ja, sogar positiv zu bewerten. Trägt nicht
türkische Folklore zur Belebung unserer Stadtfeste bei? Ist ein
Abend im türkischen Restaurant nicht eine nette Abwechslung?
Und irgendwie hat doch auch der Zusammenhalt türkischer
Familien manchmal etwas für sich.
Schönheit ist westlich – ästhetische
Normen als Rechtfertigung rassistischer Diskriminierung
Ästhetische
Kriterien spielen seit jeher für rassistische Zuordnungen und
Ausgrenzungspraktiken eine wichtige Rolle. Bereits in den
allerfrühesten Rassenanthropologien finden wir
Klassifizierungen der Menschheit nach Schönheitsnormen, und
zwar primär nach einem griechischen Idealbild (das dann in
Deutschland ab Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend von arischen bzw.
germanischen Komponenten überlagert wurde). Helle Haut, eine
»edle« Schädelform und ein »klassischer«
Körperbau galten als sichtbare Zeichen von Intelligenz,
höchster kultureller Leistungsfähigkeit und der Begabung,
zu herrschen, während dunkle Haut- und Haarfarbe sowie sonstige
mit dem Idealbild nicht konform gehende physiologische Merkmale
angeblich – in gradueller Steigerung über »gelb«
bis zu »schwarz« – Dummheit, Triebhaftigkeit,
Primitivität usw. anzeigten. Die für den Kolonialrassismus
typischen »Neger«-Karikaturen stehen für dieses
Menschenbild ebenso wie die antisemitischen Klischeebilder vom
schmächtigen, krummnasigen, dunklen Juden.
Islamischen
Bekleidungsvorschriften folgende Musliminnen werden in unserer
westlichen Gesellschaft als eine schwer zu ertragende Störung
empfunden. Offenbar beleidigt der Anblick von Frauen mit Kopftüchern
und etwas längeren Röcken und Mänteln dermaßen
unser ästhetisches Empfinden, daß wir sie entweder
aus unserem Blickfeld verbannen möchten oder aber alles
daran setzen, sie »umzuerziehen«. Diese Haltung steht
zwar in einem seltsamen Kontrast zu den ständigen Beteuerungen,
selbstverständlich stehe es jeder Frau frei, sich so zu
kleiden, wie sie will. Oft wird Musliminnen sogar vorgeworfen,
völlig überflüssigerweise aus einem Stück Stoff
ein Problem zu machen und überempfindlich zu reagieren. Dessen
ungeachtet spielt das Kopftuch in fast allen Diskussionen zum
Themenkreis »Islam« eine zentrale Rolle, selbst wenn es
eigentlich um theologische, politische oder philosophische
Fragestellungen geht. Und es sind keineswegs nur rechte und
rechtsextremistische Deutsche, die den »Kopftuchtürkinnen«
ihre Abneigung zeigen; Liberale, Linke und Feministinnen geben ihnen
ebenso – wenn auch selten mit physischer Gewalt oder
Beschimpfungen, sondern durch Appelle an Vernunft und die Pflicht
von Gästen, sich hiesigen Sitten anzupassen, durch Blicke und
andere Formen der Mißbilli- [#210] gung – zu verstehen,
daß sie hier in dieser »altmodischen« und
»entstellenden« Aufmachung nicht gerngesehen sind.
Diese
Einstellung finden wir keineswegs nur bei Frauen, die selbst
begeistert dem jeweils aktuellen Modediktat folgen. Auch
Feministinnen und Linke, denen die Strategien der Kommerzialisierung
ästhetischer Normen – bis hin zur weltweiten Durchsetzung
westlicher Kleidung, Kosmetika etc. – sowie deren
Instrumentalisierung zur Diffamierung jener, die den Standards der
Trendsetter nicht folgen können oder wollen, durchaus geläufig
sind, scheinen das alles beim Anblick von Musliminnen zu vergessen,
wenn sie an deren Aussehen nach Maßstäben einer angeblich
objektiven, zeit- und kulturunabhängigen »Schönheit«
herummäkeln. Und diese wird – wie könnte es anders
sein – gleichgesetzt mit den (jeweiligen) westlichen
Geschmacks- und Modenormen. So mokiert sich Ursula Ott in der EMMA
über die schlichte, unmodische Kleidung von Musliminnen sowie
darüber, daß sie sich nicht schminken
(EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 60 f.). In dem eingangs erwähnten
Mädchenbuch, das am Beispiel der Geschichte von Aischa, einer
in Paris aufwachsenden Algerierin, über die Situation von
»Gastarbeiter«-Töchtern informieren will (de Cesco
1989), wird die Protagonistin in ihrer
Kopftuch-Regenmantel-Aufmachung als denkbar unattraktiv und
entsprechend gehemmt, vereinsamt und unglücklich porträtiert.
Erst als eine jüdische Schulfreundin ihr hilft, sich aus diesen
Zwängen zu befreien, erwachen in ihr Lebensfreude und der
Kampfgeist, sich von der Familie und den alten Traditionen
loszusagen. Während Algerierinnen (Musliminnen) hier als ewig
schwitzende, unansehnliche Trampel vorgestellt werden –
Aischas übergewichtige Mutter trägt noch die
traditionellen Pluderhosen und verläßt kaum je das Haus,
ihre Cousine begeistert sich für geschmacklos-bunte Nylonfummel
-, handelt es sich bei Aischas KlassenkameradInnen, deren Eltern und
ihren Lehrerinnen ausnahmslos um schöne, heitere Menschen.
Deren Haut ist sonnengebräunt, ihr Haar flattert im Wind. Auch
wenn sie nicht aus dem »christlich-europäischen
Kulturraum« stammen, haben sie sich doch »zivilisierten«
Lebensformen angepaßt, beschäftigen sich mit der
abendländischen Philosophie oder möchten Opernsängerin
werden. Aischa, das »häßliche Entlein«,
beneidet sie glühend. Und Schritt für Schritt läßt
die Autorin ihre Leserinnen an Aischas Befreiungsprozeß
teilnehmen: zum ersten Mal ausgehen ohne das »entstellende«
Kopftuch, die erste Party, bis hin zum Bruch mit der »unbelehrbaren«
traditionsverhafteten Familie.
Die
Botschaft, die in Kinderbüchern, wissenschaftlichen
Abhandlungen, Romanen oder feministischen Reportagen vermittelt
wird, ist stets dieselbe: Sie wollen sein wie wir. Sie beneiden uns.
Ließe man sie nur, würden sie auf der Stelle Kopftuch und
Mantel von sich werfen. [#211]
Wie in
dieser Vorstellung ästhetische Normen und die Überzeugung,
bestimmte äußere Merkmale repräsentierten eine
bestimmte Weltanschauung, zusammentreffen, zeigt z.B. der Bericht
über eine berufsvorbereitende Maßnahme, wo zu den
Interviews mit jungen Türkinnen jeweils die Kleidung vermerkt
wird: »dunkel aber modisch«, »modisch-schick«,
»Jeans tragend«, »traditionell mit Kopftuch«
etc. (Kordes 1988, S. 17 ff.). Dies entspricht gängigen
Klischees, wonach Jeans und Kopftuch für konträre Geistes-
und Werthaltungen stehen, die selbst dann dominieren, wenn sie sich,
wie hier, als nicht der Realität entsprechend erweisen. Die
traditionell gekleideten jungen Frauen sind z.T. durchaus
selbstbewußt, können sich gegen ihre Eltern durchsetzen
usw. (vgl. ebd., S. 110 f.). Das Ablegen des Kopftuches gilt dagegen
per se als Akt der Befreiung und Emanzipation. Beifällig wird
von den Pädagoginnen die »wundersame Verwandlung der
Mädchen« auf dem Weg zum Schulzentrum kommentiert: »Kaum
aus der Wohnung heraus«, schreiben sie, begannen diese, »sich
das Kopftuch abzureißen, Schuhe und Strümpfe zu wechseln.
Im Bus setzte sich das mit dem Schminken … und Parfümieren
fort. Wenn sie endlich in der Maßnahme eingetroffen waren,
vollendeten sie ihre Verwandlung auf den Toiletten, aus denen sie
dann mit Zigaretten zwischen den geschminkten Lippen herauskamen.«
Doch wer
von all jenen, die junge Musliminnen bedauern, »deren wallende
Gewänder und altweiberhafte Kopftücher … Anlaß zu
Spott und Häme bieten« (vgl. SPIEGEL 44/1990),
verschwendet einen Gedanken daran, wie herabsetzend dieses »Mitleid«
ist und wie sehr sie auf diese Weise selbst zur Marginalisierung und
Diskriminierung von »Kopftuchtürkinnen« beitragen?
Auch Linke und Feministinnen tendieren dazu, diese als »geborene
Putzfrauen« anzusehen, wie aus dem Bericht der Journalistin
Charima Reinhardt deutlich wird, die Anfang 1991 im Troß des
Bundesumweltministers mehrere islamisch-arabische Staaten bereiste.
Sie beschreibt, wie sie sich zunächst aus einer Kiste voller
eigentlich für die Altkleidersammlung bestimmter Klamotten die
passende (d.h. ihr passend erscheinende) Reisegarderobe
zusammensuchte. Dermaßen ausstaffiert – natürlich
mit Kopftuch – hätten sie und ihre Kolleginnen dann auf
die männlichen Kollegen »sensationell attraktiv«
gewirkt. »Sprüche wie ›Da kommt unsere
Putzfrauen-Kolonne‹ oder ›Mal sehen, wie viele Kamele
wir für Euch geboten bekommen‹« mußten sie
sich anhören. Doch keine kam offenbar auf die Idee, sich gegen
diese beleidigende, sexistische Anmache zu wehren. Statt dessen
fühlten sie [#212] sich als gedemütigte Opfer der
islamischen Kleiderordnung. Aber wie hätten sie sich auch gegen
derartige Unverschämtheiten zur Wehr setzen können, wo sie
doch selbst über Kopftuch tragende Frauen im Grunde nicht
anders dachten als die feixende Männerrunde? So blieb ihnen
nichts weiter übrig, als sich in die mißliche Situation
zu fügen. »Geduldig ertrugen wir ihren Spott«,
berichtet Reinhardt. Die Reportage endet damit, wie sie sich an die
Erleichterung erinnert, mit der sie und ihre Kolleginnen sich in
attraktive Frauen zurückverwandelten: »Wir waren …
einfach nur froh, uns wieder in unsere Jeans zwängen und des
lästigen Kopftuches entledigen zu können.«
Im
Kontrast zu islamisch gekleideten Frauen werden jene, die sich
unseren ästhetischen Normen und emanzipierten Verhaltensweisen
anpassen, als Vorbilder gelobt. BILD DER FRAU z.B. präsentiert
die türkische Nachwuchssängerin Tülay in einem
hautengen, tief dekolletierten Anzug als »singender Sex«.
Sie, lautet der Kommentar zum Bild, »gehört nicht mehr zu
der Türkenmädchen-Generation, die sich das Kopftuch
vorschreiben läßt«. Ja, so emanzipiert ist sie, daß
man denken könnte, sie sei »blond und hier geboren«
(BILD DER FRAU v. 27.7.1992). Manchmal, z.B. in einem EMMA-Artikel
über eine in Deutschland lebende junge Türkin, wird der
Gegensatz zwischen der altmodisch gekleideten, unansehnlichen Frau
mit Kopftuch und der »schönen« jungen Frau in Jeans
und ohne Kopftuch sehr eindrucksvoll bildlich vorgeführt
(Özcelik in EMMA 12/1988). Bemerkenswert ist auch, wie zu
Fatima Mernissis Porträt als »moderne Scheherazade«
ausdrücklich angemerkt wird, daß sie nie einen Schleier
getragen habe, während ihre Mutter noch Analphabetin war und
verschleiert ging (EMMA-Golfkriegsheft 1991, S. 11). Das
beeindruckendste Kontrastbild entwirft jedoch – auch ohne
Illustration – Kate Millett in ihrem Bericht über eine
Reise in den Iran kurz nach der Revolution, indem sie angesichts
verschleierter Iranerinnen auf dem Teheraner Flughafen zwei schrill
kostümierte »Flittchen« zum Inbegriff von
weiblicher Schönheit, von Mut und Lebensfreude stilisiert: »Die
höchsten Absätze und die knappesten Röcke, gefärbte
Haare, die im Wind flatterten, als sie losrannten und die Namen
ihrer Freunde ausriefen. Nichts konnte sie einschüchtern, weder
der Tschador, noch die Gewehre.« Voller Bewunderung fährt
sie fort: »Für sie war es in dieser erstickenden
Atmosphäre … eine Möglichkeit, ›leckt mich‹
zu sagen. Sie nahmen es mit allen auf, als sie durch diesen
Flughafen gingen. Sie hatten vor nichts Angst.« (1982, S. 76
f.) [#213]
Die aus
der Türkei stammende Sozialwissenschaftlerin Hatice Hagar
ärgert sich über die angemaßte Vorbildfunktion
westlicher Frauen gegenüber Frauen aus anderen Regionen der
Welt (1992). Den Schönheitsnormen, die nur die wenigsten zu
erfüllen vermögen, der Konkurrenz unter Frauen und der
Vermarktung von Sexualität stellt sie die Wertschätzung
von sozialem Bindungen, den Frauen mit dem Alter zunehmend
entgegengebrachten Respekt und die Entfaltungsmöglichkeiten in
frauenspezifischen Innenräumen entgegen. Auch die Orientalin,
schreibt sie, mache sich schön, doch aus anderen Beweggründen
als die Europäerin. Daß eine Muslima in dieser Weise in
deutschen Medien zu Wort kommt, gehört allerdings zu den
seltenen Ausnahmen.
Nach
islamischen Vorschriften gekleidete Frauen werden in der von uns
ausgewerteten Literatur übereinstimmend als altmodisch und
unattraktiv beschrieben. Totenvögel, unförmige Säcke,
Fledermäuse, Altkleidersammlung – das sind gängige
Assoziationen bei ihrem Anblick. Während beispielsweise die
traditionelle japanische Kleidung noch »etwas Feierliches,
Dekoratives« habe, meint Millett, handele es sich beim
Tschador um »die reinste Sträflingskleidung« (1982,
S. 63). Die projizierend-abwehrende Haltung westlicher Frauen
gegenüber Musliminnen, die islamischen Bekleidungsvorschriften
folgen, zeigt sich in einer verbreiteten Unfähigkeit, diese
Kleidung korrekt zu beschreiben, selbst wenn sie ihnen aus eigener
Anschauung bekannt ist. Eine deutsche Journalistin bringt z.B. im
FrauenReiseBuch verschiedene Bekleidungsarten durcheinander. Aus im
Iran üblichen unterschiedlichen Kleidungsstücken, nämlich
entweder einem großen, meist schwarzen, halbrund geschnittenen
Tuch, dem Tschador, oder aber einem Mantel mit einem die Schultern
mehr oder weniger bedeckenden Kopftuch, macht sie ein einziges
namens Tschador, bestehend aus einem »Sack« nebst einem
»Überwurf oder Umhang mit einem Kopfteil«. Derartig
ausstaffierte Frauen dürften in Teheran kein geringeres
Aufsehen erregen als in Köln oder Hamburg. Doch damit nicht
genug: Trifft man sie auf der Straße, »dann haben sie in
der einen Hand eine Einkaufstüte, an der anderen die Kinder,
und die Zipfel des Tschadors klemmen sie sich zwischen die Zähne«
(Backes 1986, S. 151). Tatsächlich kommt es vor, daß
Frauen in Situationen, wo sie keine Hand frei haben, für eine
Weile die Zähne zur Hilfe nehmen. Doch was bewegt die Autorin
dazu, uns westlichen Leserinnen ein groteskes Bild ständig in
ihre Tschadorzipfel verbissener Frauen zu präsentieren?
Sie sind dreckig, verlaust und übertragen
Krankheiten – hygienische Standards als Rechtfertigung
rassistischer »Abwehrmaßnahmen«
Verbunden
wurden und werden ästhetische Klassifizierungen oft mit Normen
aus dem Bereich Hygiene/Gesundheit. Die Beschreibung von Menschen
als häßlich, schmutzig, stinkend, in ekelerregender Weise
von Unge- [#214] ziefer und Krankheitskeimen verseucht u.ä. ist
charakteristisch für den »klassischen« Rassismus.
Sie diente und dient dazu, Distanz zu schaffen, Begegnungen, die das
eigene Vorstellungsbild revidieren könnten, zu verhindern und
der Kontaktvermeidung darüber hinaus eine vernünftige,
»politisch korrekte« Begründung zu geben: Wer wird
es mir verübeln, wenn ich mit dreckigen, Krankheiten
verbreitenden Menschen nicht in einem Stadtteil oder gar unter einem
Dach zusammenleben will? Seltsamerweise wird gerade diese Form des
Rassismus immer wieder als irgendwie peinliche, aber nicht
überzubewertende Entgleisung, als Zeichen von provinzieller
Horizontverengung und von Bildungsdefiziten abgetan. Betty Mahmoodys
Behauptung beispielsweise, Iraner seien schmutzig, würden Käfer
im Reis essen, hätten keine Manieren und einen miesen
Charakter, wird von manchen als typische Borniertheit amerikanischer
Mittelschicht-Hausfrauen betrachtet. Gefährlich sei das aber
nicht, denn halbwegs gebildete Leute würden derartige Bücher
sowieso nicht ernst nehmen.
Ganz ähnlich wie Mahmoody schildert allerdings schon Anfang der
80er Jahre die welterfahrene Akademikerin Kate Millett den Iran und
die IranerInnen: Ein offenbar immer nur vorübergehend genutztes
Quartier, das man ihr und ihrer Freundin zunächst anbietet, als
sie überraschend in Teheran auftauchen, beschreibt sie als
verdreckt und kalt. Das Klo stinkt, es gibt weder Kaffee noch
Putzmittel (1982, S. 114 f.). Nächst dem Interconti, wo sie
sich »beinahe wie zu Hause« fühlen – es gibt
dort »richtige« Toiletten! (ebd., S. 131 f.) -, genügt
allenfalls noch die Wohnung einer französisch-gebildeten
iranischen Familie ihren Ansprüchen (ebd., S. 162). Die Iraner,
die sie kennenlernen, erweisen sich als unpünktlich und
unzuverlässig. Wie bei Mahmoody gibt es allerdings auch bei
Millett zwei Sorten von IranerInnen: die ungebildeten,
unzivilisierten religiösen »Fanatiker« und
»Fanatikerinnen« einerseits und die angenehmen,
europäisch-amerikanischen Standards entsprechenden
Oppositionellen andererseits. Auch sind die Feministinnen, mit denen
sie Kontakt haben, im Gegensatz zu den verschleierten Frauen
ausnahmslos [#215] schön, intelligent, warmherzig und mutig.
Sofern sie nicht im Ausland studiert haben, sprechen sie doch
zumindest Englisch oder Französisch.
Die
Ablehnung von »Fremden« aus ästhetischen und
»hygienischen« Gründen ist oft in ihrem
rassistischen Gehalt nicht ohne weiteres erkennbar, etwa wenn sie in
Form »guter Ratschläge« geäußert wird.
Islamisch gekleidete Frauen werden z.B. häufig ermuntert, sich
doch nicht so zu verunstalten. Auch erleben sie es nicht selten, daß
wildfremde Menschen (Verkäuferinnen u.ä.) sie mit der
Begründung »Da muß doch mal Luft ran!« zum
Ablegen des Kopftuches auffordern. Wie stark Bilder von mangelnder
Hygiene – bis hin zu Ungeziefer – in der
anti-islamischen Kollektivsymbolik verankert sind, zeigt
eindrucksvoll ein Interview des Duisburger Instituts für
Sprach- und Sozialforschung zum »Alltagsrassismus«, in
dem ein Mann von einer Bekannten erzählt, die vom Fenster aus
Türkinnen gesehen habe, auf deren Köpfen es nach Ablegen
der Tücher von Läusen wimmelte (vgl. S. Jäger 1992,
S. 271). Daß es unmöglich ist, auf Entfernungen wie die
hier behauptete Läuse überhaupt wahrzunehmen, scheint der
Glaubwürdigkeit solcher »Beobachtungen« keinen
Abbruch zu tun. Während heute zumindest in
liberalen/linken/feministischen Kreisen eine gewisse Vorsicht zu
beobachten ist, sich in dieser Weise über Juden oder Schwarze
zu äußern, ist die Hemmschwelle gegenüber
MuslimInnen sehr niedrig. Selbst grobe Diffamierungen wie die
Bemerkung einer Journalistin, daß in Teheran die Frauen im
Sommer »richtig stinken«,
werden offenbar als ganz normal empfunden und, wie wir häufig
in Diskussionen erleben, sogar als Aufrichtigkeit und mutiges
Eintreten gegen übermäßige Rücksicht auf fremde
Kulturen und Lebensweisen verteidigt. Das übelste, an Bilder
aus den schlimmsten Zeiten rassenhygienischer und antisemitischer
Hetzpropaganda erinnernde Beispiel fanden wir ausgerechnet in dem
türkisch-deutschen Nachrichtenmagazin »Bizim Almanca –
Unser Deutsch«: In einem mehrseitigen Comic werden hier Frauen
im Tschador mit einer Invasion riesiger schwarzer, ekelerregender
Schaben gleichgesetzt. In einem Alptraum sieht ein junger Mann sie
in seine Wohnung eindringen. Panischen Versuche, sie erst mit
Schaufel und Besen, dann mit Gift zu bekämpfen, erweisen sich
als vergeblich. Schließlich flieht er auf die Straße, wo
es aber auch von schwarz verschleierten Gestalten wimmelt. Die
Geschichte endet mit einem Aufruf, endlich energische Maßnahmen
zur Bekämpfung des »Ungeziefers« zu ergreifen: »Wir
sind viel zu spät dran. Viel zu spät. Sie vermehren sich
mit großer Geschwindigkeit. Haltet sie an! Sie vermehren sich!
Haltet sie an!«
[#216]
Triebhaftigkeit und sexuelle Reformationen
Für
»minderwertig« erklärten Rassen, Völkern oder
Gruppen wird seit jeher gern ein abweichendes Sexualverhalten
zugeschrieben, d.h. vor allem eine starke, sich oft gewaltsam
durchsetzende Triebhaftigkeit sowie eine Vorliebe für auf
»normale« Menschen abstoßend wirkende
Sexualpraktiken. Diese Stigmatisierung richtet sich primär
(aber nicht ausschließlich) gegen die Männer. Frauen
gelten teils als ebenso triebhaft und zu promiskuitiven Beziehungen
– bis hin zur Prostitution – neigend, teils als der
Männerwillkür und dem sozialen »Gebärzwang«
ausgelieferte »Sexualobjekte«. In der aktuellen
Literatur zum Thema Islam und Migration aus islamischen Ländern
finden wir eine Fülle solcher Klischeebilder. »Der Türke«
wird als chauvinistisch und zur Brutalität neigend beschrieben.
Ein partnerschaftlich-erfülltes Sexualleben sei ihm weitgehend
fremd. Statt dessen stünden die Familienehre und die
Demonstration seiner Männlichkeit durch eine große
Kinderzahl für ihn im Mittelpunkt. Deutsche Frauen seien für
ihn Freiwild, weshalb diese (aber auch deutsche Männer) ihre
Abneigung gegenüber »den Türken« mit deren
penetranter »Anmache« auf der Straße, in
Diskotheken usw. begründen. Deren Weigerung oder Unfähigkeit,
sich »normal« zu benehmen, gilt dann als Auslösefaktor
unseres Ausländerhasses (vgl. M. Jäger 1992, S. 254
ff.).
Auch wenn
selten ein Hinweis darauf fehlt, daß die Sexualität als
solche im Islam durchaus positiv gesehen werde und nicht mit der
traditionellen Sexualfeindlichkeit des Christentums gleichgesetzt
werden dürfe, behaupten die KritikerInnen dennoch, die
weibliche Sexualität sei im Islam weitaus schlimmer mißachtet
und unterdrückt worden als im Christentum. Mernissi, die als
Expertin in solchen Fragen großes Ansehen genießt,
erklärt diesen scheinbaren Widerspruch damit, daß der
Islam die Sexualität der Frau zwar anerkenne, diese aber als
überaus stark und damit als (potentiell) ordnungswidrig und
sozialgefährlich betrachte und deshalb eine rigide Kontrolle
durch die Männer für unabdingbar halte. In Marokko
beispielsweise habe aus diesem Grund die – tendenzielle –
Aufhebung der Geschlechtertrennung in den letzten Jahren zur
Wiederbelebung der Angst vor dem »Chaos« (fitna)
vorislamischer Zeit geführt.
Übereinstimmend
mit vielen Islam-KritikerInnen konstatiert die Orientalistin Erdmute
Heller, die Ursache für die benachteiligte Situation von Frauen
in der islamischen Welt liege in der »Unfähigkeit
einer sexomanen Männergesellschaft« begründet, der
eigenen Triebhaftigkeit anders als durch Unter- [#217] drückung
der Frau Herr zu werden. Schleierzwang und Geschlechtertrennung
erinnern sie an das europäische Mittelalter, wobei der Islam
allerdings weitaus mehr Schaden angerichtet habe, indem er die
gesamte Gesellschaft zu »Stagnation und Immobilität, zu
Frustration und Aggressivität« verdammte.
Auch Juliette Minces schreibt angewidert über die
»mißgebildete« Sexualität muslimischer
Männer, die es ihnen unmöglich mache, sich mit einer
familienfremden Frau etwas anderes als sexuelle Beziehungen
vorzustellen (1992, S. 49). Und Benard/Schlaffer behaupten, daß
dem Araber der Anblick irgendeiner Frau genüge, um die
»ausschweifendsten sexuellen Gedanken« auszulösen.
Verliere er »seine Frau oder Tochter auch nur eine Stunde lang
aus den Augen«, sei er davon überzeugt, daß diese
»sich garantiert mit dem Nächstbesten ins nächstgelegene
Bett« schmeiße (1992, S. 103). Sexuelle Frühreife
einerseits und andererseits die – verglichen mit westlichen
Gesellschaften – späte Möglichkeit, sexuelle
Beziehungen aufzunehmen, führen nach Ansicht der Autorinnen zu
einer permanenten, auch durch eine (oder bis zu vier) Ehefrau(en)
nicht zu befriedigenden »sexuellen Obsession«,
was durch eine »psychovisuelle Frustration«, verursacht
durch Verschleierung und Einsperrung der Frauen, noch verschlimmert
werde (Minces 1992, S. 50). Bei dem in diesem Kulturkreis angeblich
über alle Maßen geschätzten und gepflegten »innigen
Familienleben« handelt es sich, wie Benard/Schlaffer
wiederholt betonen, weitgehend um eine Fiktion. Abgesehen von der
allgemeinen »sexuellen Paranoia«, die auch innerhalb der
Ehe und Familie ein normales Miteinanderumgehen unmöglich
mache, gebe es in Ländern wie Saudi-Arabien überhaupt
keine Möglichkeiten, weder Parks noch Restaurants oder sonstige
öffentliche Räume, um gemeinsam die Freizeit verbringen zu
können (1992, S. 103).
Sowohl in
Publikationen über das Leben von Frauen in islamischen
Ländern wie auch in der »Gastarbeiter«-Literatur
werden Chauvinismus, Unfähigkeit zu partnerschaftlichen
Beziehungen und »sexuelle Paranoia« meistens direkt aus
dem Islam zu erklären versucht. Einerseits flöße er
den Männern gegenüber den wegen ihrer »Menstruation
und ihres schmutzigen Geschlechts als unrein« geltenden Frauen
einen starken Widerwillen ein, schreibt z.B. Minces (wobei sie auch
hier ihrer Phantasie freien Lauf läßt: solche
Unreinheitsvorstellungen sind nicht islamisch). Andererseits treibe
er sie in eine »sexuelle Obsession«, die es ihnen
unmöglich mache, »normal« mit Frauen zu reden, zu
arbeiten, ein Restaurant zu besuchen usw. Das Ergebnis sei eine
kalte Fremdheit zwischen den Geschlechtern und eine [#218] starke
Verbreitung männlicher Homosexualität (1992, S. 49 ff.).
Doch auch die Sexualität der Frauen wird als deformiert
beschrieben. Die nicht seltene Deutung des geselligen Zusammenseins
türkischer Frauen, vor allem im Badehaus oder beim Tanzen, als
»stark homosexuell gefärbt«
ist dabei noch relativ harmlos und nicht immer herabsetzend gemeint.
Eindeutig negativ besetzt sind dagegen Beschreibungen einer
hypersexualisierten Beziehung zwischen Mutter und Sohn oder zwischen
Bruder und Schwester. Indem Mütter, Schwestern und Tanten mit
dem Penis des kleinen Jungen einen wahren Kult treiben, meint
Heenen-Wolff, tragen sie zur Tradierung eines patriarchalen, normale
sexuelle Beziehungen verhindernden Systems bei (vgl. 1992, S. 10
f.). Oft nähmen Mütter ihre Söhne über ein
schickliches Alter hinaus mit ins Bad, behauptet Minces, was zu
inzestuösen Beziehungen verleite. Und die Sitte, Geschwister in
einem Zimmer schlafen zu lassen, verführe zu »unbegrenzter
Promiskuität«, was die uns schwer verständliche
lebenslange starke Bindung des Mannes an seine Schwestern erkläre
(1992, S. 42 f.). Ein Normensystem, das die Frauen einsperrt und
Männern kein anderes »Ventil als Onanie oder
Homosexualität« läßt, produziere geradezu
zwangsläufig »kranke Gesellschaften« (ebd., S. 54).
Und nur wenn sie sich »normalisieren«, d.h. unserem
Vorbild folgen, werden sie in der Lage sein, diese »Krankheit«
zu überwinden.
Das
Ergebnis einer von der Soziologin Sana al-Khayyat vorgelegten
Analyse der Situation irakischer Frauen ist bedrückend: Von
klein auf zur Respektierung der männlichen Dominanz erzogen,
fehlt es ihnen an Selbstbewußtsein. Auch wenn sie berufstätig
sind, denken ihre Ehemänner nicht daran, sich an der Hausarbeit
zu beteiligen. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern
bleiben in der Ehe fremd, vom Wohlwollen des Mannes abhängig.
Die Kommunikation ist dürftig, gemeinsame Interessen gibt es
kaum, statt dessen aber viel physische und psychische Gewalt. Die
weitaus meisten interviewten Frauen hätten ihre Ehe als
unglücklich bezeichnet. Sie lebten in ständiger Bedrohung
durch Scheidung oder Polygamie. Ihre Schicksale scheinen die
Klischeebilder über den Orient voll zu bestätigen. Von der
[#219] Autorin werden die Befragungsergebnisse so interpretiert, daß
diese Verhältnisse den traditionell-islamischen Mustern
entsprechen, d.h. nach den Kategorien »Ehre und Schande«
(1991). Allzu stark auf dieses Erklärungsschema fixiert,
versäumt sie es jedoch, die aktuelle Situation als Resultat
eines sich über Jahrzehnte erstreckenden politischen und
gesellschaftlichen Prozesses zu reflektieren, in dem der Irak nach
den Bekundungen der politisch Mächtigen von einer »islamischen«
in eine moderne säkulare Gesellschaft transformiert und die
Religion aus der öffentlichen Sphäre verdrängt werden
sollte. Solche Bilder vom »Islam« und vom Leben
islamischer Frauen verraten mehr über die AutorInnen als über
die Religion oder über die Lebensrealität von Musliminnen.
Sie zeigen das Unvermögen bzw. die Unwilligkeit, ein anderes
Menschenbild und andere soziale Regeln als die unseren überhaupt
wahrzunehmen – von Respekt ganz zu schweigen.
Rassisten – das sind die anderen
Die
Strategie, Opfern rassistischer Diskriminierung provozierendes
Aussehen und »Fehlverhalten« zuzuschreiben, gipfelt seit
jeher darin, sie selbst zu Rassisten zu erklären, womöglich
– wenn sie nur Gelegenheit dazu hätten – schlimmer
als wir. In dieser Tradition berichten z.B. Benard/Schlaffer über
ihre Erfahrungen in islamischen Ländern: Zwar gebe es in Europa
»Ausländerfeindlichkeit«, doch eben auch zahlreiche
warnende und protestierende Gegenstimmen. Dagegen seien
»Ausländerhaß und Rassismus« in Saudi-Arabien
ganz »normale Nationaleigenschaften«, die niemand zu
kritisieren auf die Idee käme (1982, S. 92 f.). Deshalb solle,
wer dem Westen Intoleranz und eine diskriminierende Haltung
gegenüber MuslimInnen vorwerfe, erst einmal eine
»Bildungsreise« ins »Königreich der
Apartheid« machen (ebd., S. 97 f.). Ausgebeutete und
mißhandelte asiatische Hausangestellte und Krankenschwestern
könnten ihnen erzählen, was wirklich Rassismus und
Sexismus sei. Doch auch ihre eigenen Reiseerlebnisse führen
Benard/Schlaffer zur Illustration des saudi-arabischen Rassismus an.
So sei es ganz unmöglich gewesen, als gemischtgeschlechtliche
Gruppe ein nettes Restaurant zu finden. Und das Gefühl, ständig
in der Öffentlichkeit störend aufzufallen, habe ihren
gesamten Aufenthalt überschattet (ebd., S. 100 f.).
Auch hier
geht es uns nicht um die Frage, ob Benard/Schlaffers Behauptungen
über die Situation von ArbeitsmigrantInnen in Saudi-Arabien
zutreffen oder nicht. Wo es solche Mißstände gibt, müssen
diese aufgedeckt und bekämpft werden. Doch wieso machen sie
alle, auch deutsche bzw. in der BRD und anderen westeuropäischen
Ländern lebende MuslimInnen für Verhältnisse in
Ländern haftbar, zu denen diese größtenteils gar
keine Beziehung haben, von politischen Einflußmöglichkeiten
ganz zu schweigen? Es sind, woran wir erinnern möchten, nicht
die muslimischen MigrantInnen, sondern die Repräsentanten
demokratischer Staaten des Westens, die in allen [#220] Weltregionen
Militärs und Monarchen an der Macht halten, weil sie auf diese
Weise ihre eigenen Interessen am besten gewahrt sehen, besser
jedenfalls als durch islamischen Prinzipien verpflichtete
Regierungen. Weiter widersprechen wir Benard/Schlaffers
ahistorischer, von allen sozialen Kontexten abgelöster
Darstellung von Rassismus als »Nationaleigenschaft«.
Statt auf diese Weise »den Westen« moralisch zu
entlasten, wäre die Frage angebracht, was das für ein
angeblich überlegenes Verständnis von Recht, Moral und
Menschenwürde ist, das rassistische Ausschreitungen, wie sie in
den letzten Jahren an der Tagesordnung sind, ebensowenig verhindert
wie politische Allianzen mit Diktatoren und Feudalherrschern in der
»Dritten Welt«, die »ihre« Völker
unterdrücken und ausplündern.
Die
Konfrontation mit Rassismus und Sexismus steht auch im Zentrum von
Kate Milletts Iran-Reisebericht. In Teheran wollten sie und ihre
Freundin kurz nach dem Sturz des Schah-Regimes das Entstehen einer
autonomen Frauenbewegung miterleben. Es erstaunt, wie sie als seit
Jahrzehnten politisch engagierte Person dabei den Kontext, in dem
sie sich bewegt, nicht weniger gründlich ausblendet als Jahre
später Betty Mahmoody bei der Schilderung ihres Aufenthaltes im
Iran. Daß das Schah-Regime an den Marionettenfäden der
USA gehangen hatte und daß die US-Regierung zu jener Zeit
immer wieder mit Nachdruck den Iran als ihre Einflußsphäre
reklamierte und laut über Möglichkeiten nachdachte, die
Revolution rückgängig zu machen – all das ignoriert
Millett. Mangels Distanz zu sich selbst ist sie nicht in der Lage,
sich als eine Person zu begreifen, der IranerInnen mit guten Gründen
mißtrauisch oder auch feindselig begegneten (1982, S. 131 f.
u. 124). Statt dessen sieht sie sich als Opfer einer für
vernünftige Menschen unbegreiflichen »Fremden-Paranoia«
oder »Amerika-Paranoia« (ebd., S. 223). Weshalb sie und
ihre Freundin bei einer Versammlung in der Universität nicht
Englisch sprechen sollten, kann sie sich nur als eine – z.T.
mit Sexismus aufgeladene – allgemeine »Xenophobie«
erklären. Die Feindseligkeit der Männer am Tor, erinnert
sie sich, »schlägt uns entgegen, als wir die Universität
betreten, zwei unabhängige persische Frauen ohne Schleier und
zwei Ausländerinnen«. Das Bedrohliche der Situation
bringt sie nicht mit der gesamten politischen Entwicklung in
Verbindung (eskalierend in der Besetzung der amerikanischen
Botschaft), sondern glaubt sich in erster Linie als Frau, in zweiter
Linie als Ausländerin gehaßt und verfolgt. Fassungslos
und wütend berichtet sie von ihrer Angst, »daß sie
einen zusammenschlagen, weil man eine Frau und dazu noch eine
Ausländerin ist« (ebd., S. 143). Ähnliche
Behauptungen, Europäerinnen und US-Amerikanerinnen seien
bevorzugte Opfer der rassistischen und sexistischen Attacken
muslimischer Männer, haben wir immer wieder in der Literatur
gefunden. Auch für Minces z.B. manifestiert sich deren
»sexuelle Obsession« in extremer Weise gegenüber
westlichen Frauen. »Da ihr Verhalten nicht dem einer
›anständigen [#221] Frau‹ entspricht«,
seien sie für Araber nichts als »Beute«. Hinzu
komme als späte Reaktion auf den Kolonialismus das Motiv der
»Rache« (1992, S. 51 ff.).
Diese
Überzeugung von einem durch unsere »Ausländerfeindlichkeit«
und die in unserer Gesellschaft verbreitete Benachteiligung
von Frauen (potentiell) noch weit in den Schatten stellenden
»islamischen« Rassismus und Sexismus prägt auch die
westliche Einstellung zu MigrantInnen aus islamischen Ländern.
So prangert ein SPIEGEL-Bericht (44/1990) die miserable Lage
türkischer »Gastarbeiterinnen« in der BRD an: »Auf
der Straße die ständige Diskriminierung durch offene oder
versteckte Ausländerfeindlichkeit, drinnen in den eigenen vier
Wänden die Hilflosigkeit gegen die Gewalt der Männer –
wohl keine Bevölkerungsgruppe fristet in der Bundesrepublik ein
beklagenswerteres Dasein als die türkischen Frauen und
Mädchen.« Unsere »Ausländerfeindlichkeit«
wird in diesem Artikel zwar benannt, aber nicht weiter analysiert.
Statt dessen vermittelt er insgesamt den Eindruck, das
»beklagenswerte Dasein« der Türkinnen gehe vor
allem auf das Konto der brutal-chauvinistischen türkischen
Männer: »Sie werden terrorisiert und geschlagen, sie
leben in ständiger Angst vor gewalttätigen Ehemännern,
Brüdern oder männlichen Anverwandten, die totale Macht
haben über alles, was in der Familie Röcke trägt«
(ebd.). Kein Anlaß also, über die Existenzbedingungen von
»Gastarbeitern« und »Gastarbeiterinnen« in
Deutschland und die seitens der deutschen Gesellschaft errichteten
Barrieren nachzudenken, die Türkinnen/Musliminnen den Weg zu
einer qualifizierten Schulausbildung, zu einem interessanten,
gutbezahlten Beruf und zur Gestaltung ihres Lebens nach eigenen
Wünschen und Neigungen versperren. Statt Veränderungen
durch den Abbau von Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt, im
Bildungssystem, im Recht usw. sowie in größerer Toleranz
gegenüber »fremden« Werten und Lebensweisen zu
fordern, was es vielen weniger gebildeten und bisher mit schlecht
bezahlten Jobs und Familienpflichten überlasteten
Türkinnen/Musliminnen z.B. überhaupt erst ermöglichen
würde, zu manchen fälschlicherweise als »islamisch«
ausgegebenen Traditionen kritische Distanz zu gewinnen und sich
gegen patriarchalische Koran-Auslegungen zur Wehr zu setzen, wird
die Verantwortung den türkischen/muslimischen Männern
zugeschoben. Sie müßten, heißt es dann oft in
Diskussionen, endlich zu einer Änderung ihres Denkens und
Handelns gezwungen werden, z.B. indem Deutsche ihr Engagement für
das kommunale Wahlrecht für Ausländer von entsprechenden
Verhaltensänderungen abhängig machen: Erst wenn sie sich
so benehmen, wie wir es für richtig halten, können
sie mit unserer Unterstützung rechnen.
[#222]
Daß
derartige Vorstellungen etwas mit Diskriminierung und dem Aufzwingen
unserer Normen und Wertvorstellungen zu tun haben, wird von
denen, die türkische Männer zu »normalem«
Verhalten erziehen und türkischen Frauen zu Freiheit und
Emanzipation verhelfen wollen, bestritten. Nach wie vor herrscht die
Auffassung vor, Migranten hätten sich an deutsche Normen
und Verhaltensweisen anzupassen. Dabei erwarten Linke, die den
»Germanisierungs«-Druck offizieller Ausländerpolitik
ablehnen, häufig nur eine andere Art der Anpassung, nämlich
an »progressive« Denk- und Verhaltensformen. Wie sehr
auch sie mit ihren an Freiheit, humanen Werten etc. orientierten
Vorstellungen Macht ausüben, übersehen sie in der Regel.
Das wird vor allem an durch islamische Normen und Wertvorstellungen
ausgelösten Konflikten deutlich. Dabei wird vielfach die
Auffassung vertreten, daß aus diesem Kulturkreis kommende
Menschen, besonders junge Mädchen, vor religiösen
Einflüssen geschützt werden müssen – auch wenn
sie selbst noch nicht so weit sind, das zu erkennen und sich zu
wehren (vgl. Kalpaka/Räthzel 1990, S. 65). Erst allmählich
setzt sich die Erkenntnis durch, daß es bei sozial Engagierten
und Linken durchaus Vorbehalte und Abneigung gegen »Fremde«
gibt. Das antirassistische Selbstverständnis bildet oft ein
schwer zu überwindendes Hindernis für diese Einsicht und
(selbst-)kritische Auseinandersetzungen. Statt dessen verleitet es
dazu, für das eigene ausgrenzende Denken und Verhalten
Rechtfertigungen zu entwickeln, die sich von der »gewöhnlichen«
Ausländerfeindlichkeit unterscheiden, z.B. mit Berufung auf
allgemeine Kriterien der Menschlichkeit und Emanzipation (ebd., S.
69). Der bereits zitierte, für das Kindergartenpersonal
zuständige fortschrittliche Stadtrat beispielsweise verkannte
bei seiner Entscheidung, die Kopftuch tragende Erzieherin nicht
einzustellen, daß er als Repräsentant einer Gesellschaft
handelte, die auch patriarchalisch ist, wenn auch in anderer Weise
als die türkische.
4. Kriterien antirassistischer
Solidarität
Die
Wahrnehmungssperre gegenüber einem Rassismus, der auf den Islam
als religiöse Überzeugung und als Grundlage einer
bestimmten Lebenspraxis zielt, und die zögerlichen bis
abwehrenden Reaktionen auf öffentlich werdende
Diskriminierungen, z.B. wenn Kopftuch tragende Frauen verbal und
physisch angegriffen werden, läßt sich erklären,
wenn wir die üblicherweise mit dem Islam verbundenen
Assoziationen betrachten: Islam – das ist geradezu ein Synonym
für männer- bzw. väterdominierte Familienstrukturen,
für rigide, alles, was Spaß macht verbietende
Moralvorstellungen und [#223] – nicht zuletzt – für
Unterdrückung der Frau. Zwar wird (mit oft spürbarer
Selbstermahnung zur Toleranz) immer wieder betont, auch MuslimInnen
sei das Recht auf ihre eigenen Werte und Lebensweisen zuzugestehen,
gleichzeitig aber dominiert eine Einstellung, wie sie z.B. von der
Sozialpädagogin Arzu Toker formuliert wird, die kurz und bündig
erklärt: »keine Religion auf der Welt verunstaltet und
knechtet die Frau so wie der Islam«.
Der
üblicherweise versuchte Ausweg aus diesem Dilemma –
einerseits die alle Merkmale des Kulturrassismus erfüllende
Diskriminierung, andererseits Ablehnung der Religion, auf die die
Diskriminierung zielt – besteht darin, zwischen Menschen
muslimischer Herkunft, die trotz Abkehr oder zumindest Distanzierung
vom Islam »unschuldige« Opfer rassistischer Ausgrenzung
und Aggressivität werden, und den »FundamentalistInnen«
zu unterscheiden, die durch ihre Bindung an eine angeblich mit
Demokratie, Menschenrechten und Emanzipation nicht zu vereinbarende
Religion gewissermaßen Zwillingsgeschwister deutscher
RassistInnen und entsprechend zu bekämpfen sind. Diese
Unterscheidung liegt z.B. dem bereits zitierten EMMA-Dossier zum
Thema »Fundamentalismus« (4/1993) zugrunde. Auch ein
Literaturbericht von Monika Mengel zum Thema »Farbe bekennen.
Weiße Feministinnen und Rassismus« (im WDR 3 am
20.9.1993) schließt »Fundamentalistinnen«
ausdrücklich von der antirassistischen Frauensolidarität
aus. Ähnlich wie Arzu Toker warnt Mengel antirassistische
Feministinnen vor einer naiven, kulturrelativistischen Toleranz
gegenüber »fanatischen Fundamentalistinnen«, wobei
unklar bleibt, wen genau die Autorin damit meint. Offenbar kann sie
– wie Toker und andere, die ähnlich argumentieren –
davon ausgehen, daß frau weiß, woran
»Fundamentalistinnen« erkennbar sind, nämlich an
ihrer Lebensweise, an ihrer Kleidung und insbesondere am Kopftuch.
Nicht-fundamentalistische Frauen islamischer Herkunft bezeichnet
Mengel als »Orientalinnen«; diese gehören
selbstverständlich – gleichrangig mit Schwarzen und
Jüdinnen – zur antirassistischen und feministi- [#223]
schen Bewegung. Hier wird die verbreitete Tendenz deutlich,
Rassismus, der sich gegen den Islam bzw. westlichen Vorstellungen
nicht genehmen Ausdrucksformen des islamischen Glaubens richtet,
auszublenden oder umzuinterpretieren. Trotz der zentralen Bedeutung,
die »der Islam« als Ausgrenzungskategorie im aktuellen
Rassismus hat, ist dies kein Thema. Allenfalls als Orientalin, als
Türkin, als Marokkanerin usw., also unter Absehung von ihrer
Religion, haben Musliminnen eine Chance, von der antirassistischen
Bewegung zur Kenntnis genommen und akzeptiert zu werden.
In der
umfangreichen Literatur zur Integration von »Gastarbeiterinnen«
haben wir keine einzige Arbeit gefunden, in der islamisch-religiöse
Orientierung wenn schon nicht positiv, so doch wenigstens »neutral«
bewertet wird, d.h. als prinzipiell vereinbar mit einem
qualifizierten Beruf und mit privatem Glück. Deutsche und
Expertinnen, die selbst aus islamischen Ländern stammen,
haben sich über die Emanzipation der Musliminnen Gedanken
gemacht. Doch stets handelt es sich bei den Barrieren, die nach
ihrer Auffassung bisher ein freies, selbstbestimmtes Leben, eine
glückliche Partnerbeziehung, Bildung und Berufstätigkeit
verhindern, um solche, die durch Väter und Brüder, durch
antiquierte Traditionen und letztlich durch »den Islam«
verursacht werden. Analysen der MuslimInnen von deutscher Seite
(ArbeitgeberInnen und KollegInnen, SchulleiterInnen, LehrerInnen und
MitschülerInnen, Arbeitsamt usw.) in den Weg gelegten
Hindernisse, der Schikanen und subtilen Zurückweisungen haben
wir dagegen vergeblich gesucht. Wir haben auch keine deutsche
Institution (Gewerkschaft, kirchliche Einrichtung, Frauenbeauftragte
o.ä.) ausfindig machen können, die sich für derartige
Diskriminierungen »von Amts wegen« zuständig fühlt,
sie systematisch und über einen längeren Zeitraum
registriert und von sich aus tätig wird. Niemand sieht einen
Skandal darin, daß islamisch gekleideten Frauen in der
Bundesrepublik allein wegen ihres Kopftuches die meisten Berufe
verschlossen sind. Nicht einmal die Vorstellung, daß sie
überhaupt etwas anderes sein könnten und möchten als
Putzfrauen oder Fabrikarbeiterinnen (und womöglich gefördert
werden sollten), existiert im öffentlichen Bewußtsein.
Sofern ihre niedrige soziale Stellung nicht ohnehin als etwas ganz
»Natürliches« angesehen wird, über das es
nichts zu diskutieren gibt, werden eben religiöse Vorschriften
oder die strenge familiäre Reglementierung dafür
verantwortlich gemacht, daß »Kopftuchtürkinnen«
den Aufstieg in bessere Positionen nicht schaffen. Doch welches
Handelsunternehmen, welches Architekturbüro oder welche
Versicherung würde sie einstellen? Selten gelangen Fälle
wie der jener türkischen Erzieherin, deren Einstellung am
Kopftuch scheiterte (s.o.), überhaupt an die Öffentlichkeit.
Obwohl in
ganz Europa Aversionen und Aggressionen gegenüber »dem
Islam« bzw. MuslimInnen offensichtlich in Relation zu deren
Sichtbarkeit [#225] stehen, d.h. in Kleidung, Lebensweise und
Ansichten gut angepaßte Türken und Türkinnen eher
auf Duldung hoffen können, während Moscheen (sofern als
solche erkennbar), Kopftücher, Beten am Arbeitsplatz etc. als
störend und provozierend empfunden werden, gibt es kaum
theoretische Arbeiten, die sich speziell mit dem anti-islamischen
Rassismus beschäftigen. »Kopftuchtürkinnen«,
die nun einmal allein schon aufgrund ihrer großen Zahl zu dem
in der BRD am stärksten vom Rassismus betroffenen Personenkreis
gehören, kommen in sozialwissenschaftlichen Analysen und
pädagogischen Konzepten bestenfalls »unter anderem«
vor; aktiv beteiligt sind sie daran fast nie. Das liegt gewiß
auch daran, daß sie sich nicht laut und nachdrücklich
genug zu Wort melden. Nicht etwa, weil die Familie oder die Religion
sie daran hindern, sondern weil sie oder ihre Eltern als Angehörige
einer üblicherweise nicht im Zentrum politischer und
gesellschaftlicher Debatten stehenden Schicht nach Deutschland kamen
(auch deutsche angelernte Arbeiter oder Putzfrauen tun sich im
allgemeinen schwer damit, ihre Interessen öffentlich zu
artikulieren), finden sie im allgemeinen kaum Zugang zu den
Institutionen, in denen solche Auseinandersetzungen geführt
werden. Hinzu kommen Barrieren, die – eher unbewußt –
auch von Linken, Liberalen, Feministinnen usw. in ihren
antirassistischen Aktivitäten errichtet (oder zumindest nicht
gezielt abzubauen versucht) werden. Oft haben wir erlebt, daß
auf Musliminnen mit Kopftuch bei antirassistischen Veranstaltungen
als irgendwie nicht recht zu uns passend reagiert wurde. Zur
Vorbereitung von Tagungen und Seminaren werden sie selten
eingeladen; Feministinnen und Linke, die ohne weiteres in der Lage
sind, internationale Symposien zu managen, fühlen sich von der
Aufgabe überfordert, auf die Frauengruppe in der benachbarten
Moschee zuzugehen.
Schließlich
ist uns immer wieder aufgefallen, daß im Zusammenhang mit dem
aktuellen Rassismus durchgängig – und selbstverständlich
sehr zu Recht! – der Antisemitismus thematisiert wird, und
zwar ohne zwischen »modernen«, religiös kaum oder
gar nicht gebundenen Juden und Jüdinnen als unschuldigen Opfern
einerseits und gläubigen, in ihrer Lebenspraxis und ihren
sozialen Utopien religiös orientierten Juden – gleich
jüdischen »FundamentalistInnen« –
andererseits zu unterscheiden, die es sich mehr oder weniger selbst
zuzuschreiben haben, wenn man sie ausgrenzt und diffamiert. Genau
dies geschieht jedoch, wenn es sich um Rassismus gegen den Islam
bzw. MuslimInnen handelt. In dem zitierten WDR-Literaturbericht von
Mengel werden z.B. Jüdinnen neben Schwarzen Frauen sowohl als
eine vom Rassismus besonders betroffene Gruppe wie auch als
Partnerinnen von antirassistischen/feministischen Organisationen
besonders erwähnt. Von Musliminnen ist dagegen in diesem
Zusammenhang nicht die Rede. Diese gehören entweder als
»moderne Orientalinnen« dazu oder werden als
»Fundamentalistinnen« ausgegrenzt und zurückgewiesen.
Aus eigener Er- [#226] fahrung und nach Durchsicht zahlreicher
Sammelbände, Tagungsberichte etc. stellen wir fest, daß
Musliminnen und Muslime fast nur dann zum Thema Rassismus eine
Artikulationschance haben, wenn sie sich durch Kleidung, Auftreten
und Ansichten klar von einem religiös geprägten Menschen-
und Weltbild – d.h. dem »Fundamentalismus« –
distanzieren. Es geht uns nicht darum, Menschen islamischer
Herkunft, die Religion im westlichen Sinne als Privatsache verstehen
oder auch völlig ablehnen, vom antirassistischen Diskurs
auszuschließen. Wir weisen aber darauf hin, daß de facto
fast nur sie zu Wort kommen. Und das halten wir für ebenso
unangemessen, als würde man zum Thema Antisemitismus nur
Jüdinnen und Juden zur Mitarbeit an Veröffentlichungen
oder als ReferentInnen einladen, die das Judentum als antiquiert,
irrational, den menschlichen Fortschritt behindernd, die Frauen
benachteiligend etc. anprangern. Kaum vorstellbar auch, daß
eine Frau aus Indien, Namibia oder Peru zur antirassistischen
Galionsfigur werden könnte, die in fester Überzeugung von
der Überlegenheit der »abendländischen Zivilisation«
die Kultur und Gesellschaftsordnung ihres Herkunftslandes verachtete
und die Europäer dazu aufforderte, mit ihr für dessen
»Modernisierung« nach westlichem Vorbild zu kämpfen.
Wenn aber Frauen (und Männer) aus Ägypten, der Türkei
oder dem Iran genau das tun, finden sie damit in antirassistischen
und feministischen Kreisen bereitwillige Aufmerksamkeit und
Anerkennung.
Schließlich
führt die Gleichsetzung von »islamischem
Fundamentalismus« und Faschismus zu einer spezifischen
Sichtweise auf rassistische Diskriminierung und Gewalt gegenüber
muslimischen MigrantInnen. Alice Schwarzer identifiziert die gegen
den Solinger Mordanschlag auf den Straßen protestierenden
jungen Türken kurzerhand mit »islamischen
Fundamentalisten« (und diese mit den »Grauen Wölfen«).
Zwischen Tätern und Opfern sieht sie keinen Unterschied; die
einen sind wie die anderen Faschisten (EMMA 4/1993). Während
bei Schwarzer immerhin noch ein gewisser Bezug zu ihrem
»Alle-Männer-sind-Vergewaltiger-Tierquäler-Rassisten-Faschisten«-Weltbild
herstellbar ist, setzt Ulrich Beck in einem Essay über die
aktuelle politische Situation, in dem vom Islam sonst überhaupt
nicht die Rede ist, völlig unvermittelt den allgemeinen
Rechtsruck in der BRD mit dem »islamischen Fundamentalismus«
gleich: »Wie die islamischen betreiben die
Fünfziger-Jahre-Fundamentalisten in allen politischen Parteien
und Etagen ihre Sache versetzt. Dort wird zu Koran und Mohammed
gebetet und gegriffen, um den Hausfrieden wieder einzulenken,
hierzulande schwimmt man auf der braunen Welle« (SPIEGEL
47/1993). Abgesehen von der sprachlichen und gedanklichen Schluderei
– Zum Koran gebetet und zu Mohammed gegriffen? Oder beides?
Oder umgekehrt? Und ist es wirklich zuviel verlangt von einem
deutschen Soziologieprofessor, zu wissen, daß MuslimInnen
weder den Koran noch den Propheten anbeten? -, ist für Beck
[#227] »Islam« offenbar mit »Fundamentalismus«
identisch, denn was er zur Charakterisierung des »Fundamentalismus«
anführt – Beten und der Glaube an die durch den Propheten
Mohammed offenbarten Worte Gottes – gehört zu den für
alle MuslimInnen verbindlichen »fünf Säulen des
Islam«. Diese Gleichsetzung von Islam und Rechtsextremismus
als zwei Varianten derselben ideologischen Grundströmung hat
zwangsläufig soziale und politische Konsequenzen: Wenn
Rechtsextremisten und Muslime dieselbe freiheits- und
demokratiefeindliche, frauenverachtende und zur Gewalttätigkeit
neigende Haltung repräsentieren, sind beide gleichermaßen
zu ächten und zu bekämpfen. Diffamierende Äußerungen
über den Islam oder die Benachteiligung von MuslimInnen im
öffentlichen Leben wären dann als Ausdrucksformen der
Abneigung und Abwehr gegen eine »nicht-deutsche« Form
von Rechtsextremismus zu verstehen, nicht aber als rassistisch.
Sogar Gewalttätigkeiten deutscher Glatzköpfe gegen
MuslimInnen ließen sich so als Konflikt unter
Rechtsextremisten interpretieren – zwar unfein, die Regeln
zivilisierter politischer Auseinandersetzung verletzend sowie die
öffentliche Ruhe und Ordnung störend, aber kein Anlaß
zu antirassistischer Solidarität oder gar Sympathie mit den
Opfern. Beck hat diesen Gedanken nicht weiter verfolgt.
Er und andere, die ähnlich argumentieren, sollten sich aber
darüber im klaren sein, welche Implikationen ihre
Gleichsetzungen von »Fundamentalismus«/Islam und
Rechtsextremismus/Faschismus haben und zu welchen Schlußfolgerungen
sie nötigen.
Der
Rückgriff auf Bekanntes erspart WissenschaftlerInnen und
Journalistinnen die Mühen sorgfältiger Analyse, liefert
fertige Interpretationsmuster und bietet die seltene Möglichkeit,
sowohl kritisch als auch im wohlwollende Aufmerksamkeit sichernden
Kontext eines breiten öffentlichen Konsenses schreiben zu
können. Weil man sich über den »Fundamentalismus«
einig ist, kann der Begriff ohne weiteres als Codewort für ein
bestimmtes Weltbild und Geschichtsverständnis benutzt werden:
Es steht, wie bereits ausgeführt, für den Gegenpol zur
westlichen Moderne, für Rückständigkeit,
Irrationalismus, Repressivität und Gewalt. Tendenziell fällt
jede Verbindung von sozialer und politischer Ordnung mit Religion
(bzw. jedes darauf basierende Gesellschaftsmodell und politische
Programm) unter dieses Verdikt. Die Popularität des Begriffs
»Fundamentalismus« resultiert nach unserem Eindruck im
wesentlichen daraus, daß es so in einer vermeintlich
nicht-rassistischen und »politisch korrekten« Form
möglich zu sein scheint, den [#228] »mittelalterlichen«,
»nicht modernisierungswilligen«, »fanatischen«
Islam vom öffentlichen Diskurs auszugrenzen.[#229]